Erich Hahn

Erich Hahn (79), der in den 50ern Geschichte und Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität studierte und dort auch promovierte und habilitierte, leitete im Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED die Abteilung Soziologie. 1971 wurde er an der gleichen Einrichtung – inzwischen Akademie – Direktor des Instituts für marxistisch-leninistische Philosophie. Mitglied der SED war Hahn von 1950 bis zu ihrem Ende 1989, seit 1976 Mitglied des ZK. Heute arbeitet er in verschiedenen Organisationen und Vereinen – wie der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau lebt er in Berlin, sie haben fünf Kinder. Für den strassenfeger sprach Marcel Nakoinz mit ihm über die Aufarbeitung der DDR, seine Zeit in der SED und darüber, ob Demokratie überhaupt möglich ist.

"Es gab zu viele Illusionen darüber, was der Sozialismus in welcher Zeit erreichen kann"

strassenfeger: Deutschland lässt sich auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung die „Aufarbeitung“ der „zweiten deutschen Diktatur“ viele hundert Millionen Euro jährlich kosten, wobei es nur darum zu gehen scheint, die tatsächlichen Verhältnisse zu verschleiern und einseitig negativ zu präsentieren.

Erich Hahn: Ich kann das nur bestätigen und will auch nicht in Abrede stellen, dass da Dinge aufgedeckt werden, die es wert sind, ans Tageslicht gefördert zu werden. Aber im Vergleich zur internationalen Gesellschaftsforschung der DDR vor 1989 ist der Zeitgeist nicht viel klüger geworden. Inzwischen liegt der Forschung eine staatlich verordnete Geschäftspolitik zu Grunde. Es wurde von der Bundesregierung eine Expertenkommission eingesetzt mit dem Ziel, einen Geschichtsverbund zur ‚Aufarbeitung der SED-Diktatur’ vorzubereiten. Allein diese Benennung verrät, worum es geht. Diese Kommission setzt nicht nur Forschung in Gang. An ihren Empfehlungen orientieren sich das Gedenkstättenkonzept und die Berichterstattung vieler Medien.

sf: Wie beurteilen Sie den wissenschaftlichen Wert dieser Tätigkeit?

E.H.: Ein Grundproblem sehe ich darin, dass man sich nicht die Mühe macht, die nach 1917 bzw. nach 1945 entstandenen sozialistischen Systeme aus ihren eigenen Entstehungs- und Existenzbedingungen, nach den ihnen eigenen Triebkräften, Beziehungen, Gesetzmäßigkeiten und Zielen zu erklären.

Der Blick auf die DDR erfolgt durch die Brille der bürgerlichen Ideologie und Weltanschauung. Maßstab der Beurteilung sind bürgerliche Wertvorstellungen und Begriffe. Zum Beispiel werden die politischen Strukturen der DDR ausschließlich am Modell der bürgerlichen Demokratie gemessen. Die bürgerliche Demokratie war seinerzeit ein enormer historischer Fortschritt gegenüber den Herrschaftsprinzipien des Feudalismus. Und ich stelle nicht in Abrede, dass wir es versäumt haben, Bewahrenswertes dieses Demokratietypus aufzunehmen. Aber es darf nicht übersehen werden, dass es darum ging, in einem langen Prozess eine Demokratie von sozialistischem Typ herauszubilden. Wird das nicht in Rechnung gestellt, dann fällt unter den Tisch, dass die Bemühungen unseres Staates um reale Gleichberechtigung der Geschlechter und Generationen, um eine gediegene humanistische Bildung der gesamten Bevölkerung, um ein hohes Maß an Verteilungsgerechtigkeit und sozialer Sicherheit – dass all dies sehr viel mit sozialistischer Demokratie zu tun hat. Das waren höchst reale Voraussetzungen und Elemente sozialistischer Demokratie, für das selbstbewusste Miteinander aller zum Wohle des Ganzen waren. – Der Tunnelblick auf ‚Diktatur’ und ‚Stasi’ erspart es dieser Geschichtssicht, Fakten wie das Arbeitsrecht, das Familienrecht, das Bildungs- oder das Gesundheitssystem einer genaueren Analyse zu unterziehen. Von einer ‚Aufarbeitung’ kann da überhaupt keine Rede sein.

sf: Es scheint hier das Konzept zugrunde zu liegen, das kapitalistische System der Bundesrepublik als unveränderlich und ultimativ zu deklarieren und dadurch eine Status-quo-Mentalität zu schüren. Was wiederum nur im Interesse der jetzigen Profiteure der „sozialen“ Marktwirtschaft sein kann?

E.H.: Es geht hier tatsächlich darum, die DDR ins Abseits zu stellen, um zu verhindern, dass das Nachdenken über die DDR in diesem Land irgendwann zur Frage nach einer Alternative zum heute Gegebenen drängt. Was da läuft, ist keine Geschichtsdebatte, sondern eine an einem geschichtlichen Problem aufgezäumte Auseinandersetzung über die Zukunft der Bundesrepublik. Da darf es keine positive und schon gar keine konkrete Erinnerung an die DDR geben. Der Antikommunismus ist eine Staatsdoktrin, die in Deutschland schon seit vielen Jahrzehnten eine verhängnisvolle Rolle spielt.

sf: Der Traum des Sozialismus in der DDR zerplatzte daran, dass nie wirklich sozialistische Gesellschaftsverhältnisse erreicht wurden. Warum ist dieser entscheidende Wandel nicht gelungen?

E.H.: Dass dies eine tiefe Niederlage war – daran besteht gar kein Zweifel. Aber Sie können nicht einfach behaupten, der ‚Traum’ wäre geplatzt. Als Journalist dürfen Sie das natürlich, aber das war seinerzeit natürlich mehr als ein Traum. Da waren handfeste Interessen und leidvolle Erfahrungen. Viele Angehörige meiner Generation sind unter dem Eindruck der faschistischen Katastrophe zum Sozialismus gekommen. Wir wollten nie wieder Faschismus und Krieg! Das war eine begründete rationale Entscheidung. Und es war ein reales Projekt, weil fundierte Analysen über den Lauf der Dinge vorlagen. Wenn Sie monieren, dass ‚nie wirklich sozialistische Gesellschaftsverhältnisse erreicht wurden’, muss ich fragen, was Sie darunter verstehen?

sf: Nun, nachdem man die Bourgeoisie enteignet hatte, wurde das Eigentum an Produktionsmitteln nicht an das arbeitende Volk übertragen. Demzufolge hätte es „den“ Kommunismus so nie gegeben, gegen den der Antikommunismus wettert, sondern nur erste Phasen davon. Es gab nie kommunistische Eigentumsverhältnisse in der DDR.

E.H.: Na ja, zunächst ging es ja darum, die Hinterlassenschaften des Faschismus zu beseitigen. Man konnte nicht ohne weiteres vom Faschismus zum Sozialismus übergehen. Vergessen Sie nicht, dass 1946 durch Volksentscheid Kriegsverbrecher und Nazi-Aktivisten enteignet wurden. In den fünfziger Jahren wurde dann der Übergang zu sozialistischen Verhältnissen eingeleitet. Dafür wurden allerdings zu kurze Fristen angesetzt. Der Umgang mit gesellschaftlichem Eigentum ist ein langfristiger und widerspruchsvoller Lernprozess. Sowohl im Maßstab des einzelnen Betriebes als auch in dem der ganzen Gesellschaft.

Übertragung des Eigentums an Produktionsmitteln konnte nicht bedeuten, dass jede einzelne Belegschaft Eigentümer ihres Betriebes und der erzeugten Produkte wurde. Die Interessen des ganzen Volkes waren zu berücksichtigen. Und nicht nur die Konsuminteressen! An diesem Ziel müssen sich in einer sozialistischen Gesellschaft die Einstellung und das Verhalten auch der Belegschaft im einzelnen Betrieb orientieren. Einfacher geht es nicht. Die Entstehung eines Bewusstseins und Verantwortungsgefühls nicht nur für die persönlichen und unmittelbar kollektiven, sondern für die gesellschaftlichen und politischen Belange ist eine enorme historische Herausforderung. Bemerkenswerte Ansätze und wichtige Erfahrungen wurden erreicht. Dass das nicht in hinreichendem Maße gelungen ist, lag nicht an den Menschen oder der menschlichen Natur – wie heute oft behauptet wird –, sondern an der Unreife vieler Verhältnisse.

sf: Können Sie das konkretisieren?

E.H.: Die Planung war oft übertrieben und starr. Auch der Umgang mit dem neuen Eigentum im Maßstab der ganzen Gesellschaft ist nicht so geglückt, wie das in der sozialistischen Programmatik vorgesehen war. Versuche einer Reform blieben stecken. Allerdings sollte über all dem nicht in Vergessenheit geraten, dass es sich insofern eindeutig um Sozialismus handelte, als das gesellschaftliche Gesamtprodukt, der erzeugte Reichtum im Interesse der Gesellschaft und nicht im Interesse einer ausbeutenden Minderheit verwendet wurde. All die Errungenschaften, die heute der DDR – und sei es unfreiwillig – zugestanden werden, sind auf diese Weise zustande gekommen. Der Zeitgeist sträubt sich auch gegen die Einsicht, dass es die DDR aufgrund dieser politischen Verhältnisse zu gesellschaftlichen Erfolgen gebracht hat, die von reichen kapitalistischen Ländern nicht vorgelegt werden. Der erzeugte Reichtum wurde auch für Bildung, Gesundheit und Kultur verwendet, Bereiche, in denen heute kein Geld mehr da ist. Das Volk hatte vielleicht kein demokratisches Mitspracherecht – was in einer Mangelgesellschaft natürlich sehr schwer ist –, aber wir haben mehr im Sinne des arbeitenden Volks gehandelt, als es das heutige System zulässt.

sf: Sie hatten als Mitglied des ZK Einblick in die Mechanismen der DDR. Kurz und knapp: Warum ist das Modell DDR tatsächlich gescheitert?

E.H.: Die Zeit war zu kurz und die Bedingungen nicht angemessen, um angesichts der Übermacht der Gegenseite sozialistische Prinzipien zur Geltung zu bringen. Auch gab es viel zu viele Illusionen darüber, was der Sozialismus in welcher Zeit erreichen kann.

Die Unbeständigkeit der Erinnerung

sf: Aus empirischen Studien weiß man, dass die meisten Deutschen bereits realisiert haben, dass sie in einer in vielen Punkten entdemokratisierten Demokratie leben und sie mit dem System unzufrieden sind. Welche Gründe dafür würden Sie hervorheben, dass keiner etwas daran ändern will?

E.H.: Demokratie ist eigentlich, wie Oskar Lafontaine immer wieder betont, eine Anti-Demokratie, da in vielen Belangen offen gegen die Meinung des Volkes regiert wird. Das ständige Erleben einer Regierung, die entgegen meinen Interessen handelt, die Reiche immer reicher und Arme immer ärmer macht, mündet auf Dauer in politischer Resignation der Bevölkerung. Vor jeder Wahl wird von allen Parteien ein Politikwechsel proklamiert. Nichts oder das Gegenteil passiert. Hinzu kommt allerdings eine tagtäglich mit allen Mitteln perfekt betriebene Gehirnwäsche, die verleugnet und verfälscht, was heute notwendig und möglich ist. Dass eine grundsätzliche praktische Alternative nicht in Sicht ist, darin sehe ich die Hauptbremse des Willens, etwas zu ändern.

sf: Im kapitalistischen Wirtschaftssystem werden Menschen zu Kunden und soziale Leistungen, öffentliche Güter und Rechte (auf Arbeit, Bildung etc.), die selbstverständlich sein müssten, immer mehr zu Waren, die bezahlt werden müssen. Manch einer sehnt sich nach dem Sozialismus vergangener Tage. Ist eine Demokratie im eigentlichen Sinne, mit demokratisierten Eigentumsverhältnissen und dezentraler Machtausübung, überhaupt denkbar?

"Denkbar ist alles"

E.H.: Denkbar ist alles! Was unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts, nach allen historischen Erfahrungen unter ‚Demokratie im eigentlichen Sinne’ zu verstehen ist, wäre in aller Öffentlichkeit zu diskutieren. Ob die vielen demokratischen Vorstellungen, Hoffnungen und Ideale zu realisieren sind, hängt meiner Überzeugung nach davon ab, ob es gelingt, eine Änderung des politischen Kräfteverhältnisses herzustellen, die ich als Voraussetzung dafür ansehe, Interessen des Volkes zum obersten Maßstab politischer Entscheidung zu machen. Ohne Änderung der Machtverhältnisse hat reale Demokratie als grundlegende politische Verfasstheit einer gesamten Gesellschaft wenig Chancen. Regierungs-, Politik- und Machtwechsel sind verschiedene Dinge! Andererseits führt kein Weg an der Erkämpfung demokratischer Rechte hier und heute vorbei.

Ist die Mauer im Kopf noch immer da?

sf: Wirtschaftslobbyismus, Föderalismus, Bürokratie: Ist eine Gesellschaftsform, in der die kurzfristigen ökonomischen Interessen einzelner Industrieller den Ton der Politik angeben, noch re-demokratisierbar?

E.H.: In einem Bericht des Club of Rome* wurde schon vor Jahren die These vertreten, dass die parlamentarische Demokratie in bestimmter Hinsicht an Grenzen gelangt ist. Jeder Politiker, der die Perspektive hat, für vier oder fünf Jahre ein Amt auszuüben, ist damit überfordert, an Interessen zu denken, die diesen Zeitraum um ein Vielfaches überragen. Diese objektive Schranke verhindert eine Reformierung des parlamentarischen Systems, dem zu Recht nachgesagt wird, von der Wirtschaft, genauer gesagt, von den wirtschaftlichen Interessen der Mächtigen diktiert und mithin entmachtet zu werden.

sf: Vielen Dank für das Gespräch!

* Diese internationale Vereinigung von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik beschäftigt sich seit 1968 mit weltpolitischen Fragen.

Ausgabe 2, Januar 2010

Dr. Birgit Möckel

Für den strassenfeger sprach Marcel Nakoinz mit der Kunsthistorikerin Dr. Birgit Möckel (51), welche die Ausstellung kuratiert. Möckel studierte Kunstgeschichte und Geschichte, sowie Literaturwissenschaft im Nebenfach in Karlsruhe und München. Sie promovierte über das amerikanische Werk von George Grosz und arbeitet nun seit gut zwanzig Jahren als freie Autorin, Dozentin und als Kuratorin diverser Ausstellungsprojekte vorwiegend zeitgenössischer Kunst.

strassenfeger: Was bewegte Sie dazu, Kuratorin zu werden?

Birgit Möckel: Ich habe mein Kunststudium tatsächlich nicht mit dem Hintergedanken begonnen, später einmal freiberuflich als Kuratorin zu arbeiten. Aber durch die Projekte, die ich im Laufe der Zeit anging, ergab sich das automatisch, durch eine Art von ‚learning by doing’. Nach dem Studium folgte ein wissenschaftliches Volontariat an der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Hier habe ich von der Pike auf gelernt, Ausstellungen zu organisieren. Speziell bei dieser Ausstellung war es zum Beispiel so, dass ich vor zwei Jahren bereits an einer Ausstellung über Grosz mitarbeitete und die Idee bekam, so etwas auch in Berlin zu realisieren.

sf: Was ist dabei Ihre Hauptaufgabe als Kuratorin?

B.M.: Vorwiegend besteht sie in der Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstlern, was das Verfassen von Artikeln und anderen Beiträgen in Ausstellungskatalogen und Ähnlichem angeht. Dafür lerne ich auch die Künstler bei ihrer Arbeit im Atelier kennen und nähere mich so ihrem Werk an. Als Kuratorin ist man natürlich auch stark in alle organisatorischen Prozesse einer Ausstellung eingebunden.

sf: Können Sie das explizieren? Wie lange dauerte zum Beispiel die Planung für die aktuelle Ausstellung?

B.M.: Von der Idee bis zur Realisierung verging ziemlich genau ein Jahr. Der ganze Prozess ist sehr zeitaufwändig und kostet viel Geld. Alle Exponate müssen konservatorisch begutachtet und dokumentiert werden, Passepartouts und neue Rahmen müssen gefertigt werden. Für diese Ausstellung wurde zudem eine ganz spezielle Architektur von Simone Schmaus, der Ausstellungsarchitektin der Akademie, entworfen. Dabei stand die Idee im Vordergrund, die Verbindung der Grosz’schen Werke zur Öffentlichkeit durch eine Art ‚Schaumagazin’ zu visualisieren, in denen die Werke in Werkgruppen zusammengefasst werden.

sf: Wie organisiert man eine Ausstellung?

B.M.: ‚Korrekt und anarchisch’ – könnte man kurz, den Titel der Ausstellung aufgreifend, sagen. (Sie lacht.) Das fängt bei der umfangreichen Sichtung des künstlerischen Werkes in den Archiven an – gerade in Berlin gibt es hierzu einen unglaublichen Fundus – und geht bei der Schwerpunktfestlegung einer möglichen Ausstellung weiter. Es muss bedacht werden, welche Exponate restauratorisch und konservatorisch überhaupt ausstellbar sind. Im Verlaufe der Recherche findet man dann oft auch verborgene Schätze oder es eröffnen sich nie gedachte Zusammenhänge im Oeuvre eines Künstlers. Allein für diese Ausstellung habe ich über 800 Objekte in eine Datenbank eingegeben und nach einer Vorauswahl mit der Sichtung der Exponate in den Archiven begonnen. Als roten Faden, der die Ausstellung durchzieht, wählte ich in dieser Ausstellung Grosz’ Collagetechnik, die er sein Leben lang beibehielt.

sf: Wie umfangreich sind die Archive der AdK und wo befinden sie sich?

B.M.: Die Archive der AdK sind sehr umfangreich und befinden sich an den verschiedenen Standorten der Akademie innerhalb Berlins, u.a. am Robert-Koch-Platz, in der Luisenstraße, wo die Kunstsammlung untergebracht ist, am Spandauer Damm und am Hanseatenweg.

Die Kuratorin Möckel

sf: Können Sie Grosz’ Montagetechnik etwas genauer erläutern?

B.M.: Sie ist etwas sehr Typisches für Grosz und kehrt als Technik immer wieder in seinem künstlerischen Schaffen zurück – von den frühen Dada-Montagen, über collagierte Postkarten an seine Freunde bis hin zum letzten Werkkomplex, den um 1958 in Amerika entstandenen Collagen. Ein besonderes Augenmerk liegt in der aktuellen Ausstellung auch auf seinen frühen Werken, die hier zum ersten Mal in einer gewissen Breite gezeigt werden und anschaulich zeigen, wie Grosz schon früh begann, ganz bestimmte Typen seiner Mitmenschen genau zu studieren und ihr Wesen darzustellen. Die für bestimmte Gesellschaftsschichten repräsentativen ‚Charakterköpfe’ platzierte er immer wieder in neuen Gesamtzusammenhängen.

sf: Frau Möckel, schon Ihre Dissertationsarbeit befasste sich mit George Grosz. Woher kam dieses Interesse?

B.M. (lacht): Zunächst hegte ich während meines Studiums einfach den Wunsch, nach Amerika zu gehen, und suchte ein Thema, welches sich damit sinnvoll verknüpfen ließ. Durch meinen späteren Doktorvater Wolfgang Hartmann hatte ich mich kunsthistorisch schon auf die zwanziger Jahre des vergangen Jahrhunderts spezialisiert und Grosz zählt nun mal zu einem der bedeutendsten Vertreter dieser Zeit. Damals gab es viel Literatur über diese Künstler, aber die Exilforschung zu den dreißiger Jahren steckte noch in den Kinderschuhen. So lag die Idee nahe, in Amerika nachzuforschen, was aus George Grosz geworden war. Dann habe ich über eine Galeristin Kontakt zu Grosz’ Sohn aufgenommen und dieser war begeistert von meiner Idee.

sf: Was war der Anlass der Ausstellung?

B.M.: Anlass zur archivarischen Beschäftigung war ganz klar der 50. Todestag George Grosz’ im vergangenen Jahr. Zwar startet die Ausstellung nun leider nicht mehr 2009, aber da stehen wir ja in einer gewissen Tradition, da die Ausstellung zum 100. Geburtstag auch erst am 101. Geburtstag realisiert wurde. Wichtig ist, dass der Künstler, der außerordentliches Akademiemitglied war, geehrt wird. Außerordentliches Mitglied war er deshalb, weil er zu dem Zeitpunkt der Ernennung schon Amerikaner war und Ausländer zu der Zeit nicht normale Mitglieder der Akademie werden konnten.

sf: Was bewegte Grosz, nach Amerika auszuwandern, wenn er doch am politischen Leben Deutschlands teilhatte?

B.M.: Grosz war schon immer Amerikaenthusiast. 1932 bekam er die Chance, in New York an der ‚Art Students League’ zu lehren. Da er in Deutschland, wo sich die politische Spannung in der Vorkriegszeit erhöhte, auf lange Sicht keine Möglichkeit sah, wie gewohnt weiter arbeiten zu können, zog er mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Amerika. Er gehörte zu einem der ersten Künstler, deren Ateliers nach der Machtergreifung Hitlers durchsucht wurden. Er ist früh genug gegangen, um sich in Amerika eine neue Existenz aufzubauen, was in der Zeit der Rezession nicht einfach war. Obwohl dort ein anderer Stil gefragt war und er weiterhin das politische Leben Europas thematisierte, stellte Grosz u.a. im ‚Museum of Modern Art’ in New York und den ganzen USA aus. Dabei wurde er aber nie finanziell erfolgreich.

sf: Inwieweit war Grosz anarchisch und inwieweit war er korrekt? Wie geht das zusammen?

B.M.: Er war ein sehr korrekter Mensch. Anarchisch war er in dem Sinne, dass er sich nicht politisch hat vereinnahmen lassen. Er war zwar Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) gewesen, wurde aber nach einer Russlandreise 1922 von jeglichen kommunistischen Träumen bekehrt. 1923 ist er dann wieder aus der KPD ausgetreten und hat zwar schon in politischen Zeitungen wie der ‚Pleite’, dem ‚Knüppel’ oder dem ‚Blutigen Ernst’ publiziert. Er hat sich aber nicht lange parteipolitisch engagiert, sondern für seine humanistischen und moralischen Überzeugungen und mehr Menschlichkeit gekämpft. Für ihn war klar, dass totalitäre Systeme links oder rechts sein können und deshalb war für ihn jeglicher Dogmatismus ein Feindbild. Er war ein Freigeist und mit Erich Mühsam, dem Anarchisten per se, befreundet. Für Grosz waren Anarchisten diejenigen, die Freiheit und Unabhängigkeit für den Menschen wollten. In diesem Sinne verstand er sich selbst als Anarchisten und wurde auch so verstanden. Ein Zeitgenosse, Max Herrmann-Neisse, nannte Grosz einmal ‚ wesensverwandt’, weil sie beide ‚korrekt und anarchisch’ gewesen seien. Im Hinblick auf die Folgen des aufkommenden Faschismus stellte sich Grosz auch selbst als Warner mit erhobenem Zeigefinger dar. In seiner Zeichnung ‚Siegfried Hitler’, in welcher er Hitler in ein Bärenfell gehüllt darstellte, warnte er früh vor barbarischen Zeiten.

sf: Frau Möckel, vielen Dank für das interessante Gespräch!

Ausgabe 2, Januar 2010

Thorsten Dönges

Berlin-Wannsee. Die Nachmittagssonne scheint mild. Ein junger Redakteur wetzt eine Straße nach der anderen entlang, an denen mitunter seltsame Häuser stehen. Eines davon hat als Briefkasten eine Adonisstatue aus Marmor, die einen goldenen Motorradhelm an der Taille trägt. Die selbst verschuldete Joggingeinlage endet vor einer prächtigen Villa aus rotem Backstein. Drinnen begrüßt mich Thorsten Dönges, Mitverantwortlicher für das Programm im LCB. Der junge Herr mit adretter Lesebrille und offenem Lächeln besichtigt mit mir daraufhin das traditionsreiche Anwesen.

In der Tradition der Torpedos
Diese Mauern beherbergten schon ein Casino, ein Hotel und eine Versuchsstation der Marine, wo man – statt an Lyrik – an einer Ein-Mann-U-Boot-Waffe tüftelte.
Die literarische Ära begann mit einer Veranstaltungsreihe, die Walter Höllerer an der Technischen Universität Berlin im Wintersemester 1959/60 ins Leben rief. Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger zählten zu den ersten Gästen in Höllerers „Institut für Sprache im technischen Zeitalter“ – damals noch in der Kongress-halle (heute: Haus der Kulturen der Welt). Als Walter Höllerer 1963 das LCB gründete, „entwarf er es als zentralen Punkt auf der Landkarte der deutschsprachigen Literatur“, wie Hans-Joachim Neubauer einmal bemerkte. Ermöglicht wurde dies alles zunächst durch Mittel der Ford-Foundation, aus der das mittlerweile umzäunte und wirtschaftlich angeschlagene Westberlin Unterstützung erhielt, um weiterhin in Kultur investieren zu können.

Mehr als eine Lesebühne
Jetzt betreten wir den großen Saal. Hier finden im Monat gut zehn öffentliche Veranstaltungen statt. Vor allem durch die Lesungen verbinden die meisten Berliner mit dem LCB einen Ort des Gesprächs über Literatur. AutorInnen wie Ingeborg Bachmann, Ernst Bloch, Wilhelm Emrich und Günter Bruno Fuchs hielten hier schon Vorträge. Hierin erschöpft sich die Bandbreite des Hauses jedoch noch längst nicht. Heute ist das LCB Gästehaus (elf Zimmer stehen für Autoren, Übersetzer und Stipendiaten bereit), Tagungsstätte und Akademie in Einem.

Anwesen des LCB in Berlin-Wannsee

Der Trägerverein des LCB wurde mit der Leitidee gegründet, „Wissenschaft und Kunst zu fördern“ und „Beiträge zur Volkserziehung“ zu liefern. Das geschieht seit jeher durch die Vermittlung von Begegnungen und Gesprächen zwischen Autoren, Übersetzern, Kritikern, Verlegern und LeserInnen. Zudem spielen die Organisation von Autorentreffen, Übersetzerförderung und die Vergabe von Schriftsteller-Stipendien eine gewichtige Rolle im Selbstverständnis des Vereins, als Schnittstelle der Autorenförderung. Es geht hinter den holzgetäfelten Kulissen um das Reflektieren des Schreibens und Lesens, um Produktion, Vernetzung und konstruktive Kritik. In den „Werkstätten“ des LCB wie der „Autorenwerkstatt Prosa“ besprechen junge AutorInnen ihre noch unveröffentlichten Manuskripte in kleinen Gruppen, unter Anleitung von erfahrenen KollegInnen, die in der Vergangenheit auch schon mal Günter Grass hießen. Aktuell stellen am 31. März wieder neun AutorInnen ihre Ergebnisse im LCB vor.

Der Kunst verschrieben
Mittlerweile laufen wir vor der Villa den Abhang des baumgesäumten Vorgartens mit Blick zum See auf verschlungenen Pflastersteinwegen hinunter. Auch zu Zeiten des Kalten Krieges, so erfahre ich, pflegte man am Wannsee den Austausch mit Autoren aus Osteuropa und bewies damit, dass Kunst keine eisernen Vorhänge kennt. Das ist es, worum es im LCB und speziell in den Werkstätten geht: Literatur als Kunst, ohne die Verkaufsmargen im Hinterkopf haben zu müssen.

Gegen Ende des Rundgangs resümiert Dönges, dass es in den letzten Jahren einen durchaus positiven Wandel in der Wahrnehmung deutschsprachiger Gegenwartsliteratur gibt. Außer einigen Ausnahmen wurde nach den großen Heroen der Vergangenheit kaum etwas international rezipiert. Mittlerweile steigt die Neugier wieder und man interessiert sich für deutsche Literatur. Das sieht man auch an neuen Wettbewerben wie dem Deutschen Buchpreis und dem Preis der Leipziger Buchmesse. Das LCB organisiert auch mehrere international angesehene literarische Wettbewerbe, so etwa den Alfred-Döblin-Preis.

Ausgabe 07, März 2009

kzente.de

Sparkassen-Kampagne

Der Eingang zur Zentrale der Landesbank Berlin am Alexanderplatz macht einen eher unscheinbaren Eindruck. Ganz anders kommt schon das Foyer daher: Auf dem Weg zum Pförtner schreitet man über edle kaffeebraune Bodenfliesen, die Sitzgruppen in der Ecke erinnern an eine noble Lounge, futuristisch anmutende eierförmige Lampen und schwarze Ledersessel in Chromgestellen machen viel her. Vorbei an einem zwölf Meter langen Ölgemälde, das der Geschichte des Geldes gewidmet ist, gelangt man mit einem der vier Fahrstühle in das Büro von Kai Uwe Peter, dem Geschäftsführer des Berliner Sparkassenverbandes. Er hat Philosophie und Geschichte studiert und kam nach seiner Tätigkeit als Unternehmensberater zur Berliner Sparkasse. Bei einer Tasse türkischen Tees sprach Marcel Nakoinz für den strassenfeger mit ihm über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Berliner Sparkasse.

strassenfeger: Herr Peter, was sind die Aufgaben des Sparkassenverbandes?
Kai Uwe Peter: Die Aufgaben in unserem Hause bestehen im Wesentlichen aus der bundesweiten Vertretung im Sparkassengremium, der Koordination von Projektarbeit mit anderen Sparkassen und der Unterstützung des Geschäfts der Landesbank Berlin mit den einzelnen Sparkassen.

sf: Ist Ihre Bank die größte der Hauptstadt?
K.P.: Ja und das schon seit vielen Jahren. Jeder zweite Berliner ist unser Kunde, also ca. 1,9 Millionen Menschen. Wir sind immer schnell erreichbar, an 188 Filialstandorten.

sf: Was macht die Berliner Sparkasse mit den Geldern ihrer Kunden?
K.P.: Das richtet sich nach dem klassischen Sparkassenprinzip: Die Gelder, die wir aus der Region als Einlagen bekommen, vergeben wir auch in der Region als Kredite.

sf: 2006 vollzog sich die Umwandlung der Landesbank Berlin in eine Aktiengesellschaft. Wie viel “BERLIN” steckt denn noch in der Berliner Sparkasse?
K.P.: Das ist eine schöne Frage. Die Antwort ist: 100 Prozent.

Kai Uwe Peter

sf: Welche sozialen Projekte unterstützen Sie?
K.P.: Das gesellschaftliche Engagement der Berliner Sparkasse und der Landesbank Berlin ist vielseitig. Bereits seit vielen Jahren betreuen wir z. B. das Projekt: “CidS”, durch das wir Schulen mit Computern ausrüsten und auch gleich den richtigen Umgang mit dieser Technik erklären. Dann haben wir da eine Vielzahl von Aktivitäten unter der Überschrift: “Knax”, mit denen wir Kinder an den Umgang mit Geld heranführen. Diese erzieherische Funktion wird noch unterstützt durch die Initiative “Partner für die Schulen”. Hier vermitteln wir unter anderem Ansprechpartner und Experten für die Unterrichtsgestaltung. Ich könnte noch viele Projekte aufzählen. Die Palette reicht von Bildung über Wirtschaft, Wissenschaft bis hin zur Kultur.

sf: Worauf liegt Ihr geschäftlicher Fokus, wenn Sie sich doch von privaten Banken dadurch unterscheiden, dass die “Erzielung von Gewinnen nicht der Hauptzweck des Geschäftsbetriebes” ist?
K.P.: An zwei Stellen unterscheiden wir uns ganz eindeutig. Das ist der öffentliche Auftrag, dem wir seit fast 200 Jahren verpflichtet sind, und das sind die Werte, die das Verhältnis zu unseren Kunden bestimmen – allen voran Sicherheit, Fairness und Nähe. Wir sind ausdrücklich die Bank für alle Bevölkerungsschichten.

sf: Was genau findet sich vom ursprünglichen Auftrag in der heutigen Firmenphilosophie Ihrer Bank wieder?
K.P.: Ursprünglich haben wir 1818 als Armenkasse begonnen. Für Privatpersonen war die Sparkasse damals die erste und einzige Möglichkeit, ihr Geld sicher zu verwahren. Das galt auch und insbesondere für kleine Summen. Dieser Tradition fühlen sich die Sparkassen noch heute verpflichtet. Aber nehmen wir den Wortlaut des besagten Auftrags: Er lässt sich eins zu eins in unsere heutige Geschäftssprache übersetzen. Dort heißt es: “Um den hiesigen Einwohnern Gelegenheit zu geben, ihre kleinen Ersparnisse zinsbar und sicher unterzubringen [= sparen], und ihnen dadurch behilflich zu sein, sich ein Kapital zu sammeln [=Vorsorge], welches sie bei Verheiratungen, Etablierung eines Gewerbes [= Existenzgründung], im Alter [= Rente] oder in Fällen der Not [= Versicherungen] benützen können.”

sf: Ist mein Geld angesichts von Wirtschaftskrise und Inflation überhaupt noch sicher?
K.P.: Insbesondere bei uns – ja! Wir haben ein hochstabiles Geschäftsmodell und zudem mit der Sparkassen-Finanzgruppe noch einen starken Verbund. Wie Sie Ihr Erspartes vor der Inflation schützen, besprechen Sie am besten mit einem unserer Berater vor Ort.

sf: Herr Peter – Vielen Dank für das Gespräch!

Ausgabe 06, März 2009

Wer kennt sie nicht, die befremdlich kurze Antwort aus der Feder Douglas Adams, auf die Frage, die die Menschen schon ungefähr solange beschäftigt, wie sie Kunst, Sinnlichkeit und Schnaps für sich entdeckt haben. In seinem ersten Roman aus der “Per Anhalter durch die Galaxis”-Reihe, stellen hochintelligente Wesen einer fremden Welt den zweitintelligentesten Computer des Universums her: “Deep Thought” (Tiefer Gedanke). Seine Antwort auf die Frage nach dem “Leben, dem Universum und Allem”, die er nach siebeneinhalb Millionen Jahren Rechenzeit ausspuckt, ist jedoch wenig erbaulich. Sie lautet schlicht: “Zweiundvierzig”. Adams führt hier den spannenden Gedanken ein, dass wir vielleicht nie eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage aller Fragen erhalten haben, weil schon die Frage falsch gestellt ist. Allein – dass wir sie stellen, dafür hat Adams eine ganz spezielle Erklärung. Als die hochintelligenten Wesen den Computer mit den Ausmaßen einer Kleinstadt nun nach der korrekten Frage zur Antwort fragen, meint der nur, dass es seine Fähigkeiten übersteigen würde und er den Bauplan zu einem noch intelligenteren Computer von der Größe eines Planeten bereitstellen würde, den er “Erde” tauft.

42

Der douglasche Sinn des Lebens

Die Philosophen und solche, die es werden wollen…

…haben sich seitdem alle Mühe gemacht, dieses Programm zu erfüllen. Denn solange der Mensch sich Fragen stellt, fragt er sich, warum er ist. Die meisten US-Amerikaner begnügen sich hier mit der Antwort: “Gott”. Wobei manche (wie Tom Cruise) glauben, auch mit ihm zu frühstücken. Aber schließen Antworten nicht die Türen zu Welten, welche die Fragen geöffnet hatten? Terry Eagleton fragt in seinem Buch über den Sinn des Lebens: Sind Begriffe wie “Sinn” und “Leben” überhaupt aufeinander anwendbar? Schließlich haben nur unsere sprachlichen Ausdrücke Sinn und nicht das Leben als solches. Selbst wenn alles oberflächlich und sinnlos erscheint, so kann das Leben nicht sinnlos sein. Da die Vorstellung von Oberfläche nur existieren kann, wenn es auch Tiefe gibt. In diesem Sinne war Ludwig Wittgenstein auch der Überzeugung, dass viele philosophische Rätsel auf einem falschen Gebrauch von Sprache beruhen. Martin Heidegger ging sogar noch einen Schritt weiter und fragte sich, warum es überhaupt etwas gibt und wieso wir das erkennen können. Er kam zu dem Schluss, dass diese Art des Fragenkönnens spezifisch für unsere Art ist, in der Welt zu sein.

Überall 42

Überall 42

Staunen über das Leben

Theatertragödien stellen sich die Frage aller Fragen schon seit der griechischen Antike und kamen dabei nie zu einem positiven Ergebnis. Sinnloser erschien das Leben nur nach den beiden Weltkriegen. Aber auch sonst stellt sich für den einzelnen Menschen nach den großen Kränkungen der Menschheit durch Kopernikus, Freud, Darwin und die Hirnforscher heute ein gewisser Sinnverlust ein. Physiker erklären unser Dasein zudem durch puren Zufall und Sternenstaubablagerungen. Biologen reduzieren alles auf die Fortpflanzung. Aber wie kann der Sinn der menschlichen Existenz in der Fortpflanzung liegen, wenn wir gerade einmal zehn Mal so viele Gene haben wie die Bakterien in unserem Darm? Sind wir nicht mehr als nur wandelnde Inkarnationen der Begattungstriebe unserer Eltern? Mehr als eine zufällige Aneinanderreihung chemischer Aktivitäten von Proteinen? Macht das Menschsein nicht mehr aus als das bloße Überleben? Schon Immanuel Kant sah dieses Problem, weshalb er die “Kritik der Urteilskraft” schrieb, um sich Ästhetik, Kultur und unseren Gefühlen zu widmen.

Ist es denn überhaupt nötig, EINE Antwort zu finden?

Sind nicht vielleicht alle Antworten Teile eines gewaltigen Puzzles? Für die einen wäre das Leben ohne Fußball sinnlos.

Die Antwort ist klar

Die Antwort ist klar

Andere kommen nicht ohne Zitroneneis aus. Vielleicht besteht der Sinn des Lebens ja einfach im Leben selbst. Es zu “leben”! Es mit allen Sinnen aufzusaugen. Menschen zu treffen, die anderer Meinung sind als man selbst. Erst unsere Begegnungen bringen schließlich Farbe in unser Leben. Wohin sind die Dadaisten verschwunden, die uns unserer kleinbürgerlichen Illusionen beraubten, wir könnten dem Sinn des Lebens irgendwann auf der Straße begegnen?

Ein zu weites Feld?

Und die Psychologen, Neuro- und Evolutionsbiologen mit ihren Jäger-Sammler-Geschichten, die sie nach jeder Dekade über den Haufen werfen, weil sie neue Erkenntnisse zu finden glauben? Die sollen ruhig weiter versuchen, Fragen zu beantworten, die sich weit über ihre Befugnisgrenzen erstrecken! Was wäre denn, auch wenn wir auf alle Fragen eine Antwort hätten? Wir würden vor Langeweile eingehen – wie Schneeglöckchen vorm Kamin. Vielleicht ist gerade “Zweiundvierzig” die zufriedenstellendste Antwort, die wir erwarten können und sollten.

“Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden des Problems.” -Wittgenstein

Ausgabe 05, März 2009

Johanniter im Einsatz

Johanniter im Einsatz

Neulich staunte ich nicht schlecht, als ich einem Herrn die Tür öffnete, der sich dazu entschlossen hatte, bereitwillig meine Klinke zu putzen. An der roten Uniform erkannte ich schnell, dass es sich nicht um einen Vertreter für Klingeltöne oder Staubsaugerbeutel handelte, sondern um jemanden, der um Mitglieder und Spenden für die “Johanniter” in Berlin warb. Neugierig geworden, ergab meine erste Recherche, dass die JUH im Jahre 2007 nicht nur unglaubliche 500.000 Notfalleinsätze in Deutschland (davon 10.000 in Berlin) fuhren, sondern die Hilfsorganisation sogar in meinem Heimatdorf tätig ist; seitdem sie im August letzten Jahres die Trägerschaft für den Kindergarten und den Hort im Cottbusser Stadtteil Groß Gaglow, in dem ich meine Kindheit zubrachte, übernahm. Grund genug also für einen Besuch!

Die JUH ist das größte Ordenswerk des 1099 in Jerusalem gegründeten Johanniterordens. Diese evangelische Hilfsorganisation wurde im Jahre 1952 gegründet – als Reaktion darauf, dass zu Beginn der fünfziger Jahre die Anzahl von Verkehrsunfällen dramatisch angestiegen war. Kein Wunder also, dass die meisten Menschen auch heute noch, wenn sie an die “Johanniter” denken, speziell die Unfallhilfe im Sinn haben. Dabei erschöpfen sich die Einrichtungen dieser großen, aus ehrenamtlichen Aktivitäten entstandenen Organisation hierin noch lange nicht.

Einsatzwagen der JUH

Einsatzwagen der JUH


Gut organisiert ist halb geholfen

Die JUH gliedert sich in neun Landesverbände, die sich bundesweit in mehr als 200 Regional-, Kreis- und Ortsverbänden aufteilen. Mit mehr als 11.000 Arbeitnehmern, 26.000 ehrenamtlichen Helfern und rund 1,5 Millionen Fördermitgliedern gehört die Hilfsorganisation zu den größten Deutschlands. Allein im Regionalverband Berlin arbeiten hier 160 Festangestellte, die durch ca. 280 aktive Ehrenamtliche und 180 Johanniterjugendliche unterstützt werden. Letzteres ist besonders interessant: An dreizehn Schulen bietet die JUH bereits Sanitätsdienstschulungen an: “Die Kinder haben dann das Wissen, um im Falle eines Falles die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes durch professionelle Erste Hilfe überbrücken zu können”, so Frau Steckler-Meltendorf vom Regionalvorstand im Regionalverband Berlin, die seit 1991 bei den “Johannitern” ist.

Regionalverband der JUH in Berlin

Regionalverband der JUH in Berlin

Weitere Aufgaben der JUH sind neben Rettungsdienst, Krankentransport, Erste-Hilfe-Ausbildung und einem eigenen ambulanten Pflegedienst, auch betreutes Wohnen, ein Hausnotrufdienst und der Menüservice. Hinzu kommen soziale Dienste wie etwa die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, sowie humanitäre Hilfe im Ausland. Denn die “Johanniter” sind international tätig. Vermittels Orden in anderen Ländern (Großbritannien, Finnland, Ungarn, Österreich usw.), werden auch zu Katastrophen außerhalb der Einzugsgebiete des Ordens, mit Absprache des Auswärtigen Amts, Kräfte entsandt.

Soziale Projekte und Hilfe in Berlin und Umgebung

Seit drei Jahren betreibt der Regionalverband Berlin den Jugend- und Freizeitklub “Die Insel” in Berlin-Friedrichshain – als einen Übergangspunkt für das Kinder- und Jugendwerk “Die Arche e.V.”, der nur durch Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert wird. Im kalten Winter 2006 haben die Johanniter für Obdachlose ein Kältezelt vor der Gedächtniskirche aufgestellt und diese mit dem Nötigsten versorgt. Doch um ein Projekt wie dieses zu realisieren, muss man tatsächlich einige bürokratische Hürden überwinden. Denn selbst wenn man nur ehrenamtlich helfen möchte, darf man nicht einfach so in Berlin ein Zelt aufschlagen. Doch hauptsächlich sieht der Verband seinen Beitrag für die schlechter gestellten Menschen in Berlin sowieso eher in der Rettungshilfe. Marco Barz, seines Zeichens Leiter des Rettungsdienstes in Berlin, sagt dazu: “Bei praktisch jedem zweiten Einsatz fahren wir zu Obdachlosen und sozial Schwachen.” Der Grund dafür liegt nahe: Die drei Rettungswachen, in denen die “Johanniter” mit je einem Rettungswagen stationiert sind, liegen in Berliner Bezirken, die für ihre sozialen Brennpunkte bekannt sind: Kreuzberg, Friedrichshain und Charlottenburg.

Egal, ob die Berliner “Johanniter” das 14. Weihnachtsessen im Estrel-Convention-Center 2008 – wie in jedem Jahr – sanitätsdienstlich absichern oder wie im vergangenen Jahr zum ersten Mal den Berlin-Marathon: Immer geht es darum, Menschen in Notsituationen schnell und kompetent zu helfen. In Prenzlau und Oranienburg unterhalten die Johanniter zudem Obdachlosenhäuser, in denen Menschen in akuten Notsituationen eine fachmännische und von Sozialarbeitern betreute Zuflucht bereitsteht.

Ordensfahne der JUH

Ordensfahne der JUH

Zusammen hilft sich’s besser
Für den sorgsamen Umgang mit Spendengeldern bürgt das DZI-Spendensiegel, das den Johannitern von Anfang an und ohne Unterbrechung zugesprochen wird. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen verleiht sozialen Organisationen dieses Siegel nur, wenn sie eine sparsame und seriöse Verwendung der Spendengelder nachweisen können.

Spendenkonto:
Kontonr.: 43 43 43 43
Bank für Sozialwirtschaft
BLZ 370 205 00
Bitte füllen Sie auch den Verwendungszweck mit einem Stichwort aus.
siehe: www.johanniter.de

Ausgabe 04, Februar 2009

Verfasst von: marcelnakoinz | 5. Dezember 2009

BIO macht süchtig!

Bio ist “In”, Bio ist schick, aber ist Bio immer Bio? Was gibt es zu beachten und was ist wirklich drin? Auf der Suche nach Antworten traf sich Marcel Nakoinz für den strassenfeger mit Werner Schauerte (50, Diplompolitologe) in der ehemaligen Garde-Dragoner-Kaserne am Berliner Mehringdamm. Herr Schauerte führt gemeinsam mit Ludwig Rieswick die Geschäfte der LPG-Biomarkt GmbH. Unter anderem betreibt die LPG in Berlin den größten Biomarkt Europas.

strassenfeger: Wie kamen Sie auf die Idee, eine Biomarktkette zu gründen?

Werner Schauerte: Bis zu meinem fünfunddreißigsten Lebensjahr hatte ich nie regelmäßige Arbeit. Ich habe für den Senat gearbeitet, war LKW-Fahrer und auch Journalist bei der “taz”. Über Freunde hörte ich dann im Februar 1994 von einem Bioladen in Kiel, den ich mir sogleich ansah. Das Konzept faszinierte mich und im April desselben Jahres eröffneten wir einen eigenen Markt in Berlin.

Werner Schauert

Werner Schauerte

sf: Bleibt die Nachfrage nach Bioprodukten stark oder geht sie zurück? Welche Gründe sehen Sie dafür?

W.S.: Allgemein wird in Deutschland die Nachfrage nach BIO noch weiter steigen. Das liegt nicht daran, dass die Deutschen gesundheitsbewusster wären als die anderen Europäer, sondern daran, dass wir in Deutschland von einem sehr geringen Biolebensmittel-Niveau ausgehen – im Vergleich zu konventionellen, industriell hergestellten Lebensmitteln. Da sind ordentliche Wachstumsraten kein Wunder. Als wir anfingen, betrug der Anteil von Biowaren auf dem Markt 1,5%. Dann hat es irgendwann diesem Bioboom gegeben und mittlerweile liegen wir bei circa 4,5%. Im europäischen Ausland liegt der Anteil bei bis zu 10% und in den USA sogar schon weit im zweistelligen Bereich.

sf: Warum werden dann die Märkte immer noch eher als Ergänzung, denn als Ersatz für die normalen Märkte genutzt?

W.S.: Laut Umfragen können sich 60 bis 70 Prozent der Menschen, die Lebensmittel einkaufen, vorstellen, regelmäßig Biolebensmittel einzukaufen. Dass sie es bisher nicht tun, liegt einfach am Bioangebot, das vielerorts, besonders auf dem Lande, wenig bis gar nicht vorhanden ist, und daran, dass der Großteil des Wachstums von den Discoun-tern abgeschöpft wird, die jetzt auch mit der Biowelle mitschwimmen. Diese können aber nicht die Qualitätswaren eines Fachhandels haben. Biowaren in diesen Mengen gibt es einfach nicht.

sf: Ist BIO immer gleich BIO oder gibt es da Unterschiede?

W.S.: Riesen-Unterschiede! Ein Beispiel: Bei “LIDL” gab es neulich Bioapfelsaft für 0,99 Euro. Ebenso bei der LPG. Der Unterschied besteht darin, dass der LIDL-Saft aus China kommt (dem größten Apfelsaftproduzenten der Welt), während wir unseren Saft aus der Region beziehen. Wir legen sehr viel Wert darauf, die bäuerlichen Strukturen in der Region zu erhalten. Damit meine ich keine landwirtschaftlichen Großbetriebe – die beliefern die konventionellen Supermärkte -, sondern die mittelständischen Bauern. In den normalen Märkten bekomme ich Ware von riesigen Monokulturen, die auch die Siegel tragen können, aber nur das relativ niedrigschwellige EU-Siegel.

sf: Wie kommen Sie mit den einzelnen Bauern ins Geschäft?

W.S.: Das ist unterschiedlich. Einmal bekommen wir den Hauptanteil unserer Waren von Großhändlern. Diese sprechen die einzelnen Bauern an und sammeln die Waren. Wir könnten es alleine gar nicht mehr leisten, alle einzelnen Höfe abzufahren. Aber das machen wir im Kleinen auch.

sf: Können Sie die Differenzen zwischen den Gütesiegeln allgemeinverständlich erklären?

W.S.: Das EU-Siegel ist das Mindestmaß an Bioqualität, das man haben kann. Da sind sogar noch genmanipulierte Zusatzstoffe erlaubt. Daneben gibt es noch andere Biosiegel, die in den Fachmärkten verkauft werden. Die wichtigsten sind “Gäa”, “Bioland” und “Demeter”. Die haben sehr, sehr hohe Anforderungen, ehe man ihr Siegel bekommt. Außerdem haben sämtliche Länder, die BIO anbauen, eigene Siegel. Wie verlässlich diese sind, überprüfen auch die Großhändler.

sf: Kann man sich da so sicher sein? Gentechnisch veränderte Sojabohnen kommen als Viehfutter in das Fleisch, das wir kaufen, in Schokolade und verschiedene andere Lebensmittel. Wie viel Bio steckt eigentlich in BIO?

W.S.: Die Messmethoden sind heutzutage so fein, dass man diese Dinge schon gut rausbekommt. Außerdem stehen wir unter ständiger Überwachung des Lebensmittelaufsichtsamtes, das Stichproben in unseren Läden macht, und wir haben bisher noch nicht eine einzige Beanstandung gehabt. Nebenbei bemerkt, gibt es auch noch sensorische Prüfungen, die jeder von uns machen kann. Lecken Sie mal an der Schale einer Zitrone im Biomarkt und an einer chemisch behandelten, industriell verfertigten Zitrone. Ich verspreche Ihnen, Sie werden den Unterschied merken!

sf: Der ehemalige CEO des weltgrößten Nahrungsmittelherstellers “Nestlé”, Peter Brabeck-Letmathe, sagte einmal in einem Interview, dass fünfzehn Jahre folgenloses Genfood in den USA der Beweis seien, dass diese ganze Biomanie völliger Quatsch wäre. Ist Genfood wirklich so schlimm?

W.S.: Das Schlimme ist, dass man es nicht sagen kann. Was man weiß, ist, dass die Bauern, die sich auf genmanipuliertes Saatgut einlassen, in den Ruin getrieben werden; beziehungsweise in eine totale ökonomische Abhängigkeit geraten, weil sich genmanipu-lierte Hybridsamen nicht reproduzieren.

sf: Kann man mit der Ernährungseinsicht der Menschen ein riesiges Geschäft machen?

W.S.: Das ist wie immer im Leben: Wenn man eine gute Idee hat und auf dem Teppich bleibt, kann man gut davon leben. Wir haben in Deutschland inzwischen auch die ersten Biomarktketten, die pleite sind. Das kommt daher, dass denen der reine Kapitalismus zu Kopf gestiegen ist. Sie dachten, sie könnten jetzt auf einen Boom aufspringen und in kürzester Zeit möglichst viele Läden aufmachen. Doch wo soll das Angebot herkommen, wenn wir nur eine begrenzte Anzahl von kleineren Bauern haben? So etwas braucht Zeit.

sf: Wie steht es um die Umsatzentwicklung von BIO insgesamt? Sind solche Märkte wie in Berlin auch in anderen Städten Deutschlands möglich?

W.S.: Eher kaum. In Berlin führe ich das ganz uneitel auf die LPG zurück. Wir haben schon 1995 gezeigt, dass man BIO in größeren Mengen auf größeren Flächen verkaufen kann. Schon damals waren es 360m² mit dem zweiten Laden. Wir waren die ersten, die gesagt haben, dass BIO kein Luxusprodukt sein darf, sondern für alle da sein soll.

sf: Woher beziehen Sie Ihre Produkte?

W.S.: In der besten Zeit, im Sommer, bekommen wir etwa 40 Prozent der Frischwaren aus Berlin und Brandenburg. Überhaupt: In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wachsen die tollsten Sachen und in überragender Qualität. Aber gerade dann sind alle im Urlaub. Außerdem haben wir immer noch viel zu wenige Leute, die bereit sind, diese teuren Obst- und Gemüsesorten weiterzuverarbeiten; das heißt: Wir haben die fantastischsten Kartoffeln der Welt, aber keine Biokar-toffelchips oder Biopommes, die aus Brandenburg kommen.

sf: Warum?

W.S.: Weil die Bereitschaft von jungen Leuten, etwas zu wagen, einfach zu gering ist. Keiner kommt auf die Idee, die fantastischen Möhren aus Brandenburg in Gläser einzupacken. Das Gleiche gilt für die ganzen Tomatenprodukte usw.

sf: Worin bestehen die Vorteile, Lebensmittel aus der Umgebung zu verwenden? Würde der Verzicht auf den Anspruch, alle möglichen Sorten Fleisch und Fisch an jedem Ort verfügbar zu machen, nicht viele Probleme wie Überfischung und Massentierhaltung lösen?

W.S.: Vollkommen richtig! Das bringt mich zu einem anderen riesigen Gebiet, auf dem man ohne Ende Geld verdienen kann: Es gibt bei uns schlicht keine Aquakulturen. Das heiß: Die Fische kommen aus Israel, obwohl wir in Mecklenburg-Vorpommern die tollste Wasserqualität haben. Man muss sich wirklich fragen, warum niemand darauf kommt, das zu tun? Von der Weiterverarbeitung ganz zu schweigen. Außerdem ist es oft nicht sinnvoll, Lebensmittel zu essen, die von weiter weg kommen. Wer Honig zu sich nimmt, macht das ja nicht nur, weil es schön süß ist, sondern er will sein Immunsystem stärken. Isst man aber Honig aus den chilenischen Anden, wo Pflanzen wachsen, die hier gar nicht existieren, ist der Effekt beim nächsten Pollenflug gleich Null.

LPG Biomarkt Berlin

LPG Biomarkt Berlin

sf: Welchen Biowein trinken Sie am liebsten?

W.S.: Da muss ich eine kleine Geschichte erzählen. Früher gab es nur wenige Bioweinsorten, die kaum schmeckten. Inzwischen gibt es aber hunderte Sorten fantastischer Qualität. Natürlich ist es so, dass, wenn man Biolebensmittel nicht von Kindheit auf gewohnt ist, man sich schon etwas an das Fehlen jeglicher Geschmacksverstärker gewöhnen muss. Das Schönste für mich ist aber immer, wenn ich von Eltern höre, wie die Kinder im Urlaub nach der LPG gejammert haben, weil ihnen das Essen, egal wo sie waren, einfach nicht geschmeckt hat. BIO macht süchtig, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Ich persönlich bevorzuge den italienischen Primitivo und die spanische Rebsorte Tempramillo. Aber da ich erst mit 35 anfing, BIO zu essen, esse ich auch schon noch gerne mal eine Currywurst oder Dürümkebab. Da kommen für mich keine Bioprodukte ran. Die prägenden Jahre bekommt man eben nicht mehr raus.

sf: Herr Schauerte – vielen Dank für das offene Gespräch!

Ausgabe 03, Februar 2009

Kinderzimmer im Plattenbau

Kinderzimmer im Plattenbau

Was sind Ihre guten Vorsätze für’s neue Jahr? Mit dem Rauchen aufhören? Endlich die Gehaltserhöhung einsacken? Viele Menschen haben viel bescheidenere Ziele. Eine Arbeit finden. Mit dem ewigen Streiten in der Familie aufhören. Mehrere Kinder, wenig Geld und beengte Wohnverhältnisse münden schnell in Konflikten. Nicht selten mit negativen Auswirkungen auf die Kinder. Doch es gibt Hilfsangebote. Aus diesem Anlass sprach der strassenfeger mit der Leiterin des nach dem Umzug noch im Aufbau befindlichen Familienhilfezentrums “Kinderzimmer” in der Hanns-Eisler-Str. 2-4. Die Diplom-Sozialpädagogin und Familientherapeutin Christina Lauruschkus, selbst Mutter einer 6-jährigen Tochter, ist seit Juli 2008 Einrichtungsleiterin der Abteilung “Familienhilfe” bei der Pfefferwerk gGmbH.

Christa Lauruschkus

Christa Lauruschkus

Der erziehungstechnische Hilfebedarf ist tatsächlich groß. Viele Kinder haben keinen Rechtsanspruch auf einen Hortplatz, weil die Eltern arbeitslos sind. Andere gelten als schwer vermittelbar aufgrund von Aufmerksamkeitsstörungen. Oder Familien fehlt schlichtweg das Geld für eine Tagesbetreuung. Familienarmut entsteht oft durch den Mangel an qualifizierter Ausbildung der Eltern für den hochschwelligen deutschen Arbeitsmarkt. In Deutschland alleinerziehend zu sein (davon noch immer 90 Prozent Frauen), ist oft gleichbedeutend damit, in Armut zu leben, weiß Frau Lauruschkus. Aber auch das Schulwesen weist dramatische Lücken auf. Nicht nur die Kinder sollten sich an der Schule orientieren müssen, sondern auch umgekehrt. Auf ein sozial benachteiligtes Kind sollte speziell eingegangen werden. In der Praxis fliegen jedoch viele raus, die nicht in das Schema passen. Sie kommen in Sonderschulen, was den Weg in viele Ausbildungen verbaut, und so rutschen viele durch die Maschen unseres sozialen Netzes. Der perfekte Lebenslauf, den man heutzutage braucht, sieht anders aus.

Es gibt Hoffnung

Bedürftige Familien haben jedoch Anspruch auf Unterstützung bei der Erziehung ihrer Kinder. Es gibt zwar viele, die mit Behörden generell schlechte Erfahrungen gemacht haben und deshalb Ämtergänge scheuen. Davon unabhängig ist aber das “Kinderzimmer” ein niederschwelliger Anlaufpunkt für Kinder aus dem Sozialraum rund um das Mühlenbergcenter. Man muss also keinen speziellen Antrag stellen und kann einfach anrufen. Die Kapazitäten sind jedoch begrenzt; man musste bereits eine Warteliste einrichten. Zwei feste Mitarbeiter können nicht alle Probleme des Viertels lösen, aber für 20 bis 25 Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren sind sie da. Für alle anderen aus dem Sozialraum stehen die Türen natürlich genauso offen, wenn es darum geht, die richtigen Ansprechpartner zu finden.

Simon Mattheja

Simon Mattheja

1992 wurde das “Kinderzimmer” am Teutoburger Platz als Freizeitangebot ins Leben gerufen und entwickelte sich nach und nach zu einem sozialräumlichen Modellprojekt, in dem sich Eltern untereinander kennen lernen und einander helfen können. Das ist auch nötig, denn der Anteil der Alleinerziehenden wächst stetig. Den Kindern wird des weiteren bei ihren Problemen geholfen und ein strukturierter Tagesablauf gegeben. Als sich die Bevölkerungsstruktur vor Ort aber aufgrund der Verteuerung des Wohnraums komplett veränderte, wurden die ärmeren Familien verdrängt. So entschied man sich, in das Neubauviertel rund um das Mühlenbergcenter umzusiedeln. Anfang 2008 fand der Umzug in diesen neuen Sozialraum statt (zunächst provisorisch in einem benachbarten Freizeitheim untergebracht), seit dem 01.09.2008 in eigenen Räumen (große, zentral gelegene Ladenwohnung).

Der Tagesablauf

Die jüngeren Kinder werden von einem Mitarbeiter/in von der Schule abgeholt. Auf dem Rückweg wird mit ihnen das Essen abgeholt, das sie von der Regenbogen-Kita des Pfefferwerks bekommen. Bis 14:30 Uhr werden Hausaufgaben gemacht – mit Unterstützung der Sozialpädagogen. Dann gibt es Mittagessen, das heißt hier “Päda-gogischer Mittagstisch”. Ab 15 Uhr darf draußen Fußball gespielt und Skateboard gefahren werden, wobei die Rampen mit den Kindern selbst gebastelt werden, unter Anleitung von Simon Mattheja, einem Sozialarbeiter und ausgebildeten Tischler. Da lernen die Kids auch gleich etwas für’s Leben: “Hey! Das mit Winkeln haben wir gerade in der Schule!”

Dienstags und donnerstags dürfen sie an die neuen gespendeten Computer (schon während unseres Gesprächs standen sie dafür draußen Schlange). Mittwoch ist Ruhetag mit guten alten Gesellschaftsspielen. Neben Räumen für Hausaufgaben und Spiele gibt es bald auch einen Psychomotorikraum zur Entspannung der kleinen Energiebündel – mit fachlicher Betreuung durch eine Bewegungspädagogin. Eltern der betreuten Kinder können auf Wunsch Beratung und Unterstützung in Erziehungsfragen erhalten.

Erfolgserlebnisse bleiben dabei nicht aus. Viele werden besser in der Schule. Es gibt Rückmeldungen, dass sie sich in der Hälfte der Fächer um zwei Noten verbessert haben oder sie nicht mehr ständig vorgehalten bekommen, keine Hausaufgaben zu machen, da sie nun ihre Freizeit sinnvoll nutzen und ihre Energien derart einsetzen, dass sie in der Schule nicht mehr negativ auffallen.

Kontakt:
“Kinderzimmer” (für Kinder und Familien
rund um das Mühlenbergcenter!)
Hanns-Eisler-Straße 2, 10409 Berlin
Leitung: Christina Lauruschkus
Telefon: 030-41 72 62 90
Mail: kinderzimmer@pfefferwerk.de
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 13 bis 17:30 Uhr

Ausgabe 01, Januar 2009

Karsten Berning

Karsten Berning

Mittwoch um sieben Uhr morgens in Deutschland. Ich bin auf dem Weg zu einer Filiale der Berliner Bäckerei Johann Mayer, unweit des Innsbrucker Platzes. Die kalte Novemberluft klebt an jedem meiner Atemzüge. Doch die Mission ist klar: ein Gespräch mit dem letzten Bäcker Berlins, der sein Brot noch selber bäckt. Na gut, vielleicht nicht der Letzte, aber einer der Wenigen, die noch übrig geblieben sind. Selten genug, dass Fernsehteams ihre Nasen in die Räumlichkeiten stecken, in denen Naschkatzenträume wahr werden. Hier wird ein neun Kilogramm schwerer Pfannkuchen genauso Wirklichkeit, wie 35.000 Schrippen zur Verpflegung von Mario Barths Olympiastadion-Beschallung. Außerdem erfreuen sich Backevents, die hier öfter abgehalten werden, größter Beliebtheit. Vor allem bei den Kindern, die demnächst wieder Hexenhäuser aus Lebkuchen basteln werden. Wie mir Karsten Berning verrät, der zusammen mit seinem Vater die Bäckerei leitet.

Brote satt

Brote satt

Berning, der junge und energiegeladene Mann mit der obligatorischen weißen Schürze, führt das Familienunternehmen bereits in der vierten Generation fort. Die muntere Geschäftigkeit, welche die quirligen Mitarbeiter um mich herum verbreiten, lässt nichts von der Welt ahnen, die erst in ein paar Stunden verträumt an ihre Schreibtische schlurft. Während er, umringt von seinen Angestellten, das Brot des heutigen Tages bäckt, erzählt er mir, dass er als kleiner Junge zuerst wie alle anderen Astronaut, Lokführer und Arzt werden wollte, aber ihm bereits mit neun Jahren seine Bestimmung klar wurde. Schon damals hielt es ihn nicht lange im Bett. Dann ging er immer hinunter zu seinem Vater in die Backstube – denn die Familie wohnt direkt über dem Betrieb – und verfolgte das emsige Treiben. Am Beruf des Bäckers fasziniert ihn heute besonders die Fülle von Gestaltungsmöglichkeiten: Aus zwölf Rohstoffen kann er eine quasi unendliche Anzahl von Produkten herstellen. Außerdem sieht er jeden Tag, was er gemacht hat, und bekommt sofort das Feedback von seinen Kunden.

Handarbeit

Handarbeit

Wie es ist, so früh aufzustehen, während alle anderen sich noch zehn Mal herumdrehen dürfen, will ich wissen, dem es schon schwer fiel, hier im wachen Zustand um sieben Uhr morgens aufzukreuzen. Ich erfahre, dass, wenn ich als Durchschnittsstudent an einem Durchschnittstag um halb zwei Uhr nachts in die Federn falle, er gerade aus den selbigen springt. Nach einer Tasse Kaffee und dem morgendlichen E-Mail-Check beginnt sein Arbeitstag um 2:30 Uhr. Von den Brötchen wird sich dann zu den Broten vorgearbeitet, bis gegen zehn Uhr (in der Weihnachtszeit schon einmal erst um zwölf Uhr) für ihn als Geschäftsleiter die Büroarbeit anfängt. Gegen Nachmittag pflegt er, wie auch viele seiner Kollegen, ein Mittagsschläfchen zu halten. Andere hingegen machen durch und gehen dafür früher schlafen. Ob er aufgrund der Macht der Gewohnheit auch im Urlaub in der frühen Nacht aufsteht und in der Küche der Ferienwohnung anfängt, Brötchen zu backen? Soweit geht es zwar nicht, aber Berning gesteht ein, dass er in den ersten Tagen schon zur gewohnten Zeit aufsteht. Was er dann doch auch in Urlaub nicht lassen kann, ist, sich in anderen Bäckereien umzuschauen. Es überrascht mich, zu hören, wie kollegial der Umgang untereinander ist. Da werden Rezepte getauscht und über Marktrenner gefachsimpelt. Das liegt wohl daran, dass es allerorts nur noch sehr wenige selbst backende Familienbetriebe gibt.

Fleißige Hände

Fleißige Hände

StrassenSchub

StrassenSchub

Während wir reden, schweben die frisch gekneteten Brotlaibe auf langen Sänften an meiner Nase vorbei und mein Hunger wächst. Nun gehen wir in die Konditorei. Der Raum ist erfüllt von Düften unterschiedlichster Gewürze und von weiteren fleißigen Händen. Ich erfahre, dass wir nicht zu Unrecht in dem Ruf stehen, das Land zu sein, in dem die meisten Brotsorten gebacken werden. Über 600 verschiedene Sorten werden in Deutschland hergestellt – 45 davon auch in Bernings Bäckerei. Gebacken wird hier grundsätzlich ohne jegliche chemische Zusätze, dafür aber mit der nötigen Zeit, die der Teig braucht, um Geschmack zu entwickeln. Das und die Handarbeit sind mehr wert als jedes Geheimrezept, sagt Berning. Was ein gutes Brot ausmacht? Eine Menge Liebe!

Unser täglich Brot

Unser täglich Brot

Im Verkaufsbereich haben sich bereits die ersten Stammkunden versammelt und genießen den Duft der frischen Ware. Heißhungrig geworden, gönne ich mir zum Abschied noch ein Rosinenbrötchen. Hmmm! Ja, ich werde wiederkommen, aber dann nicht im Auftrag der Königin oder der Chefredaktion, sondern – in ganz eigener Sache.

Ausgabe 26, Dezember 2008

Warum träumen wir?

Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen

Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen

Eines gleich vorweg: Diese Frage, die seit Jahrhunderten viele kluge Köpfe beschäftigt, werden wir natürlich keinesfalls mit einem Beitrag beantworten können. Doch wir können uns auf die Spuren eines extravaganten Geistes begeben, der dazu seine ganz eigenen Auffassungen hatte und diese zelebrierte.

Traum oder Trauma?
Wer kennt ihn nicht: Salvador Felipe Jacinto Dalí i Domènech, Marqués de Púbol, den weltberühmten Maler, Bildhauer, Filmemacher und grandiosen Selbstinszenierer. Als einer der Hauptvertreter des Surrealismus entdeckt er sein Hauptsujet in der Welt des Unbewussten, die in den Träumen erscheint. Die Traumbilder Dalís sind derart pedantisch-realistisch dargestellt, dass sie schon wieder beunruhigend real auf uns wirken und nicht ohne Grund “Traumphotographien” genannt werden. Seinem “System” der gelenkten Träume folgend, erteilte er einmal den Rat: “Wenn Sie malen, denken Sie immer an etwas anderes.” Woran aber denkt Dali beim Malen seiner Bilder, die Rückschlüsse auf entweder eine grenzenlose Phantasie, gespeist aus lebendigen Träumen, oder auf Kindheitstraumata nahelegt?

Von Dalís bewegter Kindheit wissen wir, dass zu seinen frühen Eigenheiten Wutausbrüche, Einnässen, Lügen und Tagträume gehören. Der kleine Salvador beschlagnahmt das “Waschzimmer” des Elternhauses, den Dachboden, um darin seine Gedankenschlösser aufzubauen. In seiner Phantasie wird er zum “Weltenherrscher” und malt Bilder auf die Deckel von Hutschachteln. In Dalís Selbstbiografie heißt es: “Im Alter von sechs Jahren wollte ich Koch werden. Mit sieben wollte ich Napoleon sein. Und mein Ehrgeiz ist seither stetig gewachsen.” Die Schulzeit überbrückt er mit Zukunftsträumen, genau wie sein Lehrer Traite, der auch nur in die Schule kommt, um dort zu schlafen.

Als man Dalí – nach einer von ihm selbst überlieferten Anekdote – im Alter von fünf Jahren eine angeschossene Fledermaus mitbringt, beschäftigt er sich innig mit dem neuen Freund, umringt von Gläsern, in denen er sich Marienkäfer und Glühwürmchen hält. In der Waschküche, die er bereits zur Naturforschungsstation umfunktioniert hat, redet er mit der Fledermaus, küsst sie auf den behaarten Kopf und liebt sie mehr als alles andere auf der Welt. Aber schon am nächsten Morgen ist der Schrecken groß, als er die Waschküche betritt und die Fledermaus, noch halb am Leben, von “wahnsinnigen” Ameisen übersät vorfindet: “In ihrem Gesichtchen standen winzige Zähne, gleich denen einer alten Frau.” In einer Kaskade von unüberwindlichen Gefühlen wie Mitgefühl und Ekel führt er sie sodann zu seinem Mund und will sie küssen. Stattdessen beißt er ihr aber beinahe den Kopf ab und wirft sie, vor sich selbst schaudernd, in das mit schwarzen, überreifen Feigen getränkte Waschwasser. Seit damals hat er eine Abneigung gegen schwarze Flecken, die ihn an dieses Erlebnis erinnern. Und doch werden Ameisen zu einem immer wiederkehrenden Motiv in seinen Bildern. Das Trauma lässt ihn wohl nie los und kehrt stets in seinen Träumen zurück.

Das verlorene Paradies
Dalí behauptet zudem, sich an das Leben innerhalb der Gebärmutter zu erinnern. Ob dieses Vorbringen auch nur seiner überaus blühenden Phantasie zuzuschreiben ist (Picasso vergleicht sie nicht ohne Grund einmal mit einem ständig auf Hochtouren laufenden Außenbordmotor) oder doch ein seltener Fall von Traumbewusstsein vorliegt, wissen wir nicht. Jedenfalls unterstützt er dabei Dr. Otto Ranks These, die er in seinem Buch “Das Trauma der Geburt” äußert, dass die Zeit im Mutterleib dem Paradies gleiche und die Geburt damit dem biblischen Mythos vom “Verlorenen Paradies” entspreche. Dalí beschreibt dieses Paradies als warm, unbeweglich, weich, symmetrisch, doppelt und klebrig. Auch hier entsteht eines der für den Künstler charakteristischen Themen.

Spiegeleier auf dem Teller ohne den Teller

Spiegeleier auf dem Teller ohne den Teller

Die Spiegeleier, die er zum Beispiel in seinem Bild “Spiegeleier auf dem Teller ohne den Teller” darstellt: Angeblich wurde seine Faszination für derlei unbestimmte Formen freischwebender Spiegeleier, die er sich sein Leben lang bewahrte, durch den Druck der Fäuste in der typischen fetalen Haltung vor seinen Augenhöhlen hervorgerufen. Diese Lichtwahrnehmungen kann man sich auch nach der Geburt vor Augen führen, wenn man bei geschlossenem Lid auf das Auge drückt. Versuchen Sie es einmal! Vielleicht schlummert ja auch in Ihnen ein Surrealist.

Quellen:
Wendy Beckett: Die Geschichte der Malerei
Salvador Dalí: Das geheime Leben des Salvador Dalí

Ausgabe 24, November 2008

Wahrheit vs. Fiktion

Wahrheit vs. Fiktion

“Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben, und nun als Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen.”

Das sagte einmal der, der gern mit dem Hammer philosophierte. Friedrich Nietzsche, dieser philosophische Krieger, sah bereits, dass die Welt, wie wir sie uns zurechtlegen, nicht unbedingt der objektiven Wirklichkeit entspricht, von der wir alle ausgehen. Lange bevor Einstein uns unserer gewissen, dreidimensionalen Welt beraubte und uns Freud die Macht über unser innerstes Selbst, den Urtrieb, absprach, erschütterte er die bornierten Einbahnstraßendenker seiner Zeit (und der heutigen). Die Einblicke und Erkenntnisse, die das Gefüge der Sprache und ihrer Metaphern der Wahrheit suchenden Menschen eröffnet, bilden nach Nietzsches skeptischer Einsicht eine Welt des Scheins, eine Sphäre der Illusion. Denn sowohl die Metaphorik der Sprache, als auch die Subjekt-Prädikat-Struktur der traditionellen Satzgrammatik, erzeugen schlechterdings die Vorstellung einer “Identität des Dings”, die nunmehr eine Fiktion, eine konventionell sanktionierte Form der Lüge bezeichnet.

Fiktive Wahrheiten

Nietzsche Tagtraum

Nietzsche Tagtraum

Für Nietzsche ist es “nicht mehr als ein moralisches Vorurteil, daß Wahrheit mehr wert ist als Schein; es ist sogar die schlechtest bewiesene Annahme, die es in der Welt gibt.” Und weiter heißt es: “Bei allem Werte, der dem Wahren, dem Wahrhaftigen, dem Selbstlosen zukommen mag: es wäre möglich, daß ihm die Scheine, dem Willen zur Täuschung, dem Eigennutz und der Begierde ein für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Wert zugeschrieben werden müßte.” Eine Philosophie, die es wagt, den gewohnten Wertgefühlen Widerstreit zu leisten und falsche Urteile als die unentbehrlichsten zu werten, ohne deren Messen der Wirklichkeit an der rein erfundenen Welt die Menschheit nicht leben könnte, stellt sich nach Nietzsche jenseits von Gut und Böse.

Damit nimmt er die heutigen Erkenntnisse der Fiktionsforschung, bezüglich der Wichtigkeit der Fiktion für uns, bereits vorweg. Man weiß inzwischen: Fiktionen kann man als Übungsraum ansehen, um sich mit anderen möglichen Wirklichkeitsmodellen auseinander zu setzen, die der Rezipient mit seinem eigenen Erfahrungshintergrund abgleicht. Durch Einfühlung lernen wir daraus und können uns besser an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Es geht hier nicht, wie Käte Hamburger bemerkte, darum, aus Wahrheit Fiktion zu machen, sondern aus Fiktion Wahrheit entstehen zu lassen.

Wahre Fiktionen
Nietzsche zufolge reden wir uns so lange ein, die Natur objektiv zu sehen, bis wir uns nichts anderes mehr vorstellig machen können. Gerade das geht aber seiner Einsicht nach nicht, weil der Mensch grundsätzlich nicht zu Objektivität fähig ist, da er ja selbst immer ein Teil der Natur ist. “Macht man jemandem klar, dass er, streng verstanden, nie von Wahrheit, sondern immer nur von Wahrscheinlichkeit und deren Graden reden könne, so entdeckt man gewöhnlich an der unverhohlenen Freude des also Belehrten, wie viel lieber den Menschen die Unsicherheit des geistigen Horizontes ist und wie sie die Wahrheit im Grunde ihrer Seele wegen ihrer Bestimmtheit hassen,” sagt der Nihilist weiter. Allein aus einem Glauben heraus, der auf wiederkehrenden Beobachtungen basiert, bemühen sich die Menschen um ihr Wissen. Um etwas, das feierlich am Ende als die “Wahrheit” gekauft wird. Schon der Empiriker David Hume meldete daran seine Bedenken an. In seiner Tradition entwickelte Nelson Goodman eine Theorie der Weltenerzeugung. Die Erde steht beispielsweise je nach Betrachtungsweise still oder bewegt sich. Für einen Schildkröterich, der gerade mit seiner Schildkrötin in einer blauen Lagune kopuliert, steht die Erde gewiss still. Für einen Astronomen, der gerade mit einer Assistentin… forscht, hingegen rast sie mit einer Geschwindigkeit von 29,8 Kilometer pro Sekunde durch das Weltall.

Quellen:
Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse
Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne
Nelson Goodman: Weisen der Welterzeugung

Ausgabe 23, November 2008

Der Newsstricker

Der Newsstricker

Wann wird zensiert? Ist Richtigkeit heute nicht mehr so entscheidend wie Plausibilität? Wer macht die Medien wirklich? Gehören Sie auch zu denen, die sich hin und wieder diese Art von Fragen stellen, wenn Sie die Nachrichten in der Mattscheibe oder Tageszeitung begutachten? Trotz immer mehr Möglichkeiten der Kommunikation leben wir im Großen und Ganzen noch immer in einer unbekannten Welt. Unbekannt in dem Sinne, dass wir viele komplexe Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Ökonomie und Ökologie, Militär und Handel usw. nicht überschauen können. Die Erzeugung einer solchen Weltweisheit, welche in einer globalisierten Welt für alle Menschen von Vorteil wäre, können die Tagesnachrichten der einzelnen Länder keineswegs leisten. Sie sind mehr oder weniger Manipulationen und Wirtschaftszwängen ausgesetzt.

Das Nachrichtenuniversum zerfällt in zwei Teile
In Deutschland sind die Medienangebote von Radio und TV in private und öffentlich-rechtliche zu unterscheiden. Nachrichten der Letzteren, allen voran die “Tagesschau”, sind von der Quotenjagd und den leicht verdaulichen Promi-Klatsch-Nachrichten der privaten Sender verschont geblieben. Doch die Quotensklaven sind auf spektakuläre Ereignisse angewiesen und blasen sie extrem auf. Das verdrängt unspektakulärere Themen, vor allem wenn es zu ihnen kein Bildmaterial gibt oder auch für das Massenpublikum langweilige politische und finanzielle Entscheidungen, weiß Stefan Bräutigam zu berichten, der eine Diplomarbeit zum Thema Nachrichten schrieb.1)

Schöne uninformierte Welt
Das Weiterreichen von Informationen diverser Nachrichtenagenturen ist mittlerweile aufgrund von Budget- und Personalkürzungen weiter verbreitet als die investigativen Reportagen vor Ort. Dabei vernachlässigt die “vierte Gewalt” gerade die ihr inoffiziell zugewiesene Aufgabe, Politik und Wirtschaft zu überwachen. Entweder steht in allen Zeitungen das gleiche oder alle widersprechen sich. Wem soll man Glauben schenken?Die Authentizität der Nachrichten rührt von allem von ihren Quellen her, aber “die Verarbeitung, Aufbereitung und Lieferung von Nachrichten ist zum Geschäft geworden”, so Bräutigam.

Overnewsed but uninformed

Overnewsed but uninformed

Wenn die Presseagenturen durch ihre Monopolstellung entscheiden können, was von Interesse ist und was nicht, und die Redakteure dann nur diese Themen reproduzieren (oder sogar unredigiert übernehmen, erkenntlich z.B. an dem Quellenkürzel “dpa” für die Deutsche Presse Agentur), bekommen wir den unreflektierten Einheitsbrei zu sehen und zu lesen, der uns oft genug ereilt. Kritische Stimmen sprechen, so Bräutigam, von einer Art “Medienimperialismus”, da die Weltnachrichtenagenturen vor allem über Industriestaaten berichten, auf welche die Themen wiederum zugeschnitten seien (Wohlstand, Marktwirtschaft etc.), und “Dritte-Welt”-Staaten nur klischeehaft dargestellt würden (Kriege, Katastrophen, Korruptionsskandale).

Über weiter von uns entfernte Menschenqualen (Somalia, Ruanda, Myanmar) wird in den westlichen Staaten eher wenig berichtet. Aber seien wir ehrlich: Selbst wenn uns einmal Bilder aus schwer zugänglichen Krisengebieten erreichen – wer möchte schon die unvorstellbaren Verstümmelungen sehen? Nacktes Elend ist kein Quotenrenner. Darfur ist weit weg und was ich nicht weiß, lässt mich nachts nicht unruhig schlafen.

Die zukünftigen Macher?

Lorenz Maroldt, seines Zeichens Chefredakteur beim “Tagesspiegel” und damit einer der “Macher”, schätzt den Stellenwert der Nachrichten in der Gesellschaft dennoch weiterhin sehr hoch ein und blickt voraus: “Das Internet als schneller Konkurrent bringt die Abo-Zeitungen dazu, mehr auf Analysen und Hintergründe zu setzen.” In Deutschland gibt es 353 Tageszeitungen, aber die 14- bis 29-Jährigen bevorzugen heute Online-Nachrichten. Doch im Internet sind Nachrichten nicht knapp genug, um wertvoll zu sein. Geld verdienen lässt sich nur mit Qualität, die der aufkommende Bürgerjournalismus in den Blogs nicht leisten kann, in welchen jeder Otto Normalverbraucher zum Nachrichtenreporter werden kann. Hier sind vielfach weder verifizierbare, noch neue Beiträge die Regel. Außerdem ist die Bloggerszene selbst manipulierbarer und von elitäreren Strukturen geprägt als die alten Medien, welche sie angeblich verdrängt.2) Maroldt bringt es auf den Punkt: “Richtig bleibt wichtig, weil die Glaubwürdigkeit unser Kapital ist.”

Quellen:
1) www.overnewsed-but-uninformed.de
2) Berliner Journalisten 3/2008

Ausgabe 22, Oktober 2008

Verfasst von: marcelnakoinz | 5. November 2009

Roman und die Liebe – Flirtfaktor S- und U-Bahn

Flirten statt Opel fahren

Flirten statt Opel fahren

“Ich begegne in meinem Leben Millionen von Leibern; von diesen Millionen kann ich nur einige Hundert begehren; von diesen Hunderten aber liebe ich nur einen”, sagte einmal Roland Barthes.* Und diese eine sitzt soeben vor mir. Wie jeden Morgen für sechs Stationen auf dem Weg zu meiner Arbeit. Es gibt nur ein winziges Problem. Sie weiß nicht, dass ich existiere. Sie anzusprechen, habe ich mich nie getraut. Dass ich damit nicht allein bin, beweisen die achtzigtausend Zugriffe monatlich auf die BVG-Website “Meine Augenblicke”. Auf diese Kontaktbörse war ich durch eine Werbung im U-Bahnfernsehen gekommen. Aber all die Singlebörsen-Treffs, Speeddatings und Treffen der anonymen Verklemmten haben nichts gebracht.

Der Rosenkavalier ...

Der Rosenkavalier ...

Meine beste Freundin meinte einmal zu mir, dass ich im Grunde ein temperamentvoller Mensch sei: “Du tanzt wie ein Spanier, klatschst aus Lust am Leben unvermittelt in die Hände wie ein Italiener und hast das Lächeln eines Griechen.” Nur weiß meine Schüchternheit von all dem nichts. Leider flirte ich nicht wie ein Franzose.

Unbekannte Nr. 401
Aber ich darf es diesmal nicht in den Sand setzen. Denn sie ist die Frau! Das macht die Sache nicht leichter. Hatte ich schon wieder meinen Denkzettelkatalog zum erfolgreichen Flirten im ÖPNV vergessen? Sollten all die bunt gemischten Erfahrungen der Jugend (eine schöne Bezeichnung für die vielen Enttäuschungen der Vergangenheit) umsonst gewesen sein?

Nein! Ich erinnerte mich noch zu gut an Unbekannte Nr. 3: blond gelocktes langes Haar, das ihr ins gemalte Madonnengesicht fiel, enges schwarzes Top mit Dekolleté, welches durch ein weißes dreieckiges Halstuch mit Spitze unterstrichen wurde. Immer wenn sie mich anblickte, sah ich sofort von ihr ab, wie ein ängstliches Rehkitz, das einen Jäger erspäht. Das nervte sie dermaßen, dass sie sich auf und davon machte. Geistige Notiz 1: “Augenkontakt ist entscheidend! Nicht zu viel (= Voyeur) und nicht zu wenig (= Bruder).” Oder Unbekannte Nr. 64: Ein Paradiesvögelchen, das seinen Rücken immer frei trug, damit die beiden sich bis über die Schulterblätter erstreckenden tätowierten Engelsflügel sichtbar waren. Ich war von ihrer Schönheit zu sehr eingeschüchtert und stolperte völlig peinlich an ihr vorüber. Geistige Notiz 45: “Sei überzeugend und cool, aber auch nicht unnahbar.”

... und die Liebe

... und die Liebe

Nr. 235 hatte lange schwarze Haare und einen ängstlich interessierten Blick durch eine schwarze, intellektuell wirkende rechteckige Brille auf mich gerichtet. Geistige Notiz 1.089: “Lies niemals in der Öffentlichkeit die Micky Maus, wenn du eine Frau von deinem Niveau überzeugen willst.” – Aber sie, Nr. 401, mit ihrem Shirt, auf dem ein Pferd mit Rädern, statt Hufen, und der Schriftzug “Färt!” abgebildet sind – sie ist es nun. Und es gibt so vieles, worauf zu achten ist. Aber heute ist alles anders. Sie steigt an derselben Station aus wie ich. Mein Glück kaum fassen könnend, stecke ich (als Mechaniker) mein Kunstmagazin weg und versuche so elegant wie möglich auszusteigen. Vor lauter Konzentration vergesse ich Lektion 1 und verliere sie aus den Augen. Aber in der Unterführung zur anderen Linie finde ich sie in der Menge wieder und sie sieht mich an. Ich halte dem Blick stand und schwebe galant die Treppe herunter. Zu schnell. Ich verliere sie erneut aus den Augen. “Geh’ nicht zur nächsten Linie. Geh mit mir zum Fahrrad, küss mich, heirate mich! Nur dieses eine Mal.” Aber sie hört mich nicht.

Doch dann steht sie auf einmal vor mir. Ich sperre mein geistiges Notizbuch in die hinterste Ecke meines Gehirns und werfe den Schlüssel weg. Denn es gibt keine Anleitung zum Glücklichsein.

Der Anfang ohne Ende
Drei Wochen später bin ich wieder solo. Vielleicht liegt es ja auch an mir? Vielleicht liebe ich es ja, verliebt zu sein, und möchte nicht gefährden, dass die Erfüllung meiner Begierde dieses Gefühl abstumpfen lässt? Und so streune ich denn auch weiter durch die Züge nach nirgendwo. Ich vertue meine Zeit hier nicht wie andere mit Lesen, Essen oder illegalem Musizieren. Ich bin auf der Suche nach Anfängen. Die Züge sind vollgestopft mit Möglichkeiten. Immer der Süße des Anfangs, der eigentlichen Zeit der Idylle auf den Fersen, in der man liebestrunken die Vollkommenheit des begehrten Wesens erforscht und ihre Unvollkommenheit entdeckt, setze ich mich weiter dem dionysischen Würfelwurf aus.

* Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Frankfurt a. M. 1988, S.39.

Ausgabe 21, Oktober 2008

Verfasst von: marcelnakoinz | 21. Oktober 2009

368 Meter geballter Sex – 40 Jahre Berliner Fernsehturm

Le tour Spree

Le tour Spree

Er war schon Drehort, DDR-Prestigeobjekt, Ort von Trauungen und musste beweisen, dass ihm auch Pink steht. Kaum jemand kann an seinem vierzigsten Geburtstag von sich behaupten, ein derart bewegtes Leben gehabt zu haben, wie der Berliner Fernsehturm. Da ist es auch kein Wunder, dass das markanteste Gebäude Berlins schnell zur Stylikone, zum Pop-Phänomen und Markenzeichen der Hauptstadt avancierte. Die Presse aus aller Herren Länder rennt ihm darum ununterbrochen die Türe ein. Besonders in seinem Geburtstagsjahr war es deshalb selbst dem strassenfeger-Redakteur nicht möglich, fünfzehn Minuten seiner kostbaren Zeit zu ergattern. Macht nichts. Er spricht nämlich durchaus für sich selbst! Seine Geschichte ist untrennbar mit den Berlinern zu seinen Füßen verbunden und das muss, typisch für Berliner, natürlich gefeiert werden. Man widmete dem berühmten Berliner bereits einen gehäkelten Schlüsselanhänger; sein Konterfei zierte schon T-Shirts, Tassen und überhaupt alles, was sich irgendwie unter die Leute bringen lässt. Selbst Kräuterlikörflaschen, Duftflakons und Glas-Wasserpfeifen („Alex-Bong“ genannt), die seinem wohlgeformten Körper nachempfunden sind, kann man käuflich erwerben,.

Wir haben ihn zum Fressen gern
Ein Souvenir sticht aus der Masse der Vermarktungsartikel jedoch genauso hervor, wie der Turm selbst aus dem sonst eher niedrig bebauten Berlin. Die Rede ist von Philipp Beriefs (44) Ausstechformen in Gestalt des Fernsehturms. Denn

Philipp Berief

Philipp Berief

seine rote Kunststoffsilhouette ist nicht nur ein prima Hingucker für das heimische Regal, es ist zudem auch noch nützlich! Besonders um die Adventszeit herum.* Dabei ist die Tauglichkeit als Aufsteller ursprünglich gar nicht vom Erfinder angedacht worden, sondern war eher ein unerwarteter Nebeneffekt des Umstiegs von anfänglich Metall- auf Kunststoffmaterialien, wie uns der Erfinder verriet. So bekam die Form einen ebenen Boden und die Idee, die ihren Ursprung irgendwo zwischen Backpartys und den Einflüssen eines Architektenvaters hatte, einen unerwarteten Dreh. Das in einer Berliner Behindertenwerkstatt konfektionierte Produkt findet man in gut sortierten Geschenkläden und demnächst auch beim Buchhändler „Thalia“.

Dem Hype auf den Zahn gefühlt

Sein Schatten eilt ihm weit voraus

Sein Schatten eilt ihm weit voraus

Berlins ganzer Stolz mag zwar den ganzen Tag nur steif da stehen – wenn nicht gerade der Wind seine Zipfelmütze im Leuchtturmlook 60 Zentimeter an der Spitze hin und her wiegt – aber sein Inneres versteht es, die Leute zu bewegen. Im rotierenden „Telecafé“ kann man beim Essen einen 360°-Überblick über Berlins Baustellen (Stadtschloss) und Zwischennutzungswelten (Flughafen Tempelhof) genießen. Für die einen ist die tagsüber glitzernde Kugel auf dem 200 Meter hohen Schaft Ort eines außergewöhnlichen Abendessens, für das man schon Monate im Voraus reservieren muss. Für die anderen ist er die Diskokugel aller Diskokugeln, die Krönung der Partyhauptstadt Berlin, die paradoxer Weise immer verführerischer wird, je mehr sie in die Pleite schlittert. Für Ost-Berliner dagegen, ist das „Deutsche Washington Monument“ noch immer der Beweis, dass auch ein kleines von der Außenwelt abgetrenntes Völkchen zu baulichen Meisterleistungen im Stande war. Na ja – und auch viele West-Berliner würden nur ungern auf ihr störungsfreies Digitalfernsehen verzichten.

Wir sind die Größten! Der Fernsehturm im Wandel der Zeit

Alexanderplatz

Alexanderplatz

Das "X" markiert die Stelle

Das "X" markiert die Stelle

Um 1969
„Nu, Genossen, da sieht man‘s ganz genau: Da gehört er hin.“ Mit diesen Worten des SED-Parteichefs Walter Ulbrichts soll der Legende nach der Startschuss für den Turm gefallen sein. Die DDR brauchte nämlich ein Repräsentationsgebäude für die junge Republik, auf dass den „Wessis“ die Augen aus den Köpfen fallen würden. Außerdem sollten die DDR-Bürger nach 15 Jahren DDR endlich auch in den Genuss des DDR-Fernsehens kommen. Am 3. Oktober 1969 war es dann endlich so weit, „Ulbrichts Gedächtniskirche“ öffnete ihre Pforten.

Vor 1989
Von den vielen Legenden der Jugendjahre des „Telespargels“ hält sich besonders wacker die von der „Rache des Papstes“. Angespielt wird dabei auf die Blechprismen der Diskokugel, die wegen ihrer Wölbung die meiste Zeit des Tages ein „Kreuz“ reflektieren. Und das, wo doch die DDR den Einfluss der Kirchen zurückdrängen wollte. Einer ungesicherten Anekdote zufolge, soll der Architekt der Kuppel deshalb von der Stasi verhört worden sein, ob dieses Kreuz denn geplant gewesen war. Angeblich soll die Debatte durch ein milde gestimmtes Regierungsmitglied mit den Worten „Das ist kein Kreuz, sondern ein ‚Plus’ für den Sozialismus!“ beendet worden sein.

Nach 1999
Der Fernsehturm, mittlerweile zu einem Symbol für das wiedervereinte Berlin geworden, diente Eberhard Gienger, Reck-Weltmeister und Sportler des Jahres 1974 und 1978, vor genau zehn Jahren als Absprungpunkt in 210 Metern Höhe. Dieser Fallschirmsprung war jedoch vergleichsweise unspektakulär für jemand, der schon mal in 2000 Metern Höhe unter Hubschraubern turnt, bevor er den Schirm öffnet. 2007 dann, wir erinnern uns noch alle, kürte die Deutsche Telekom die Turmkugel zum Wahrzeichen der Fußball-WM und steckte sie in ein rosa… sorry …magentafarbenes Tütü. Das war dann auch das Jahr, als die beliebte Kuppel des Turms in Flammen stand. Zumindest wenn man dem TV-Sender „ProSieben“ traut, der uns das Tele-Märchen „Das Inferno – Flammen über Berlin“ erzählte.

Heute: 2009

NASA Steals Berlin TV Tower

NASA Steals Berlin TV Tower

Betrachtet man die Form des Fernsehturms, kann man unschwer die Begeisterung für Raumfahrtechnik der 60er Jahre erkennen. Da wundert es auch niemanden, dass auf YouTube ein Video kursiert, das die NASA beim Start des Fernsehturms in Richtung Stratosphäre zeigt. Doch in Wirklichkeit wird so etwas natürlich nie passieren, ist es doch im – auch nach 40 Jahren immer noch höchsten Gebäude Deutschlands – schon ein Staatsgeheimnis, welches Reinigungsunternehmen die große runde Knutschkugel auf Hochglanz poliert. Man hat eben sicherheitstechnisch aus dem „Desaster“ von vor zwei Jahren gelernt. Gut so, denn dann können auch noch in Zukunft „längste Liebesbotschaften der Welt“ an „Ulbrichts Protzstängel“ angebracht werden. Wir wünschen dem Herren mit dem langen Hut in Rot-Weiß alles Gute zum Geburtstag und auf das die nächsten 40 Jahre nicht minder spannend werden!

* Wer Lust auf die etwas anderen Plätzchen unterm Tannenbaum hat (von Big Ben bis Brandenburger Tor), bestellt hier: www.phil-goods.com

Ausgabe 21, Oktober 2009

Prüstels Satirepreis

Prüstels Satirepreis

In unserer neuen Serie „art strassenfeger“, wollen wir Künstler vorstellen, die in enger Verbindung mit dem Tun und Schaffen des strassenfeger stehen. Den Anfang macht Andreas Prüstel (51), der sich mit seinen Werken maßgeblich an der Entstehung des Gesichts der Zeitung verantwortlich zeichnet, das manchmal schräg, manchmal gewagt, aber immer irgendwie anders ist. Der bekennende Sachse ist geschieden, hat zwei Töchter und lebt im grünen Pankow-Niederschönhausen. Unser Autor Marcel Nakoinz hat den Künstler dort in dessen Atelier besucht.

Der Mensch Andreas Prüstel

Einige Titelentwürfe

Einige Titelentwürfe

Niemand hat die Absicht

Niemand hat die Absicht

„Eigentlich bin ich gelernter Betonbauer, habe aber nebenher schon mein Leben lang gezeichnet und Collagen produziert“, verrät mir Andreas Prüstel gleich zu Beginn unseres Gesprächs. „Schnell war für mich klar, dass ich einmal mit irgendetwas Künstlerischem mein Geld verdienen wollte.“ Doch ehe es soweit kam, sollte noch eine lange Zeit des sich Ausprobierens vor ihm stehen. So bewarb er sich zuerst in der Schauspielschule seiner Heimatstadt Leipzig und schaffte es auch prompt in die letzte Auswahlrunde. Aber nach einer durchzechten Nacht am Vortag der Prüfung endete dieses Kapitel seines Lebens, bevor es begann. Auch aus einem angestrebten Grafikstudium wurde nichts, weil den Professoren an der „Hochschule für Grafik und Buchkunst“ in Leipzig, Prüstels eingereichte Arbeiten zu „individuell“ waren. „Wir sind keine Surrealistenschule, frönen sie doch ihrer Leidenschaft bitte privat“, habe man ihm unmissverständlich gesagt. „Der Surrealismus“, so Prüstel, „hat mich schon immer fasziniert, weil er „zu dem Plumprealismus in der DDR so ein herrliches Gegenstück war.“ Doch genau diese plumpe Realität nahm ihn dann vorerst noch eine Weile gefangen, bis sie ihn unverhofft seinem Lebenstraum ein großes Stück näher bringen sollte.

Vom Gleisbauer zum Cartoonzeichner

Der Künstler bei der Arbeit

Der Künstler bei der Arbeit

Im Laufe der Jahre wechselte Prüstel von einem Beruf zum nächsten: „Ich habe als Gleisbauer, Heizer, Zeitungsbote und Vermessungsgehilfe gearbeitet. Als meine Exfreundin dann 1978 in Berlin schwanger wurde und eine Ausbauwohnung bekam, ich arbeitete gerade bei der „Energieversorgung Leipzig“, habe ich ihr bei der Renovierung der Wohnung geholfen. So kamen wir uns dann wieder näher.“ Während seine Freundin als Architektin schon zu Ostzeiten gut verdiente, gab der eingefleischte Beatles-Fan in dieser Zeit meist den Hausmann, der sich um die Kinder kümmerte.

Abends hat er dann weiter fleißig Collagen und Zeichnungen angefertigt. „Eines Tages schaute ein alter Freund aus der Heimat vorbei“, erzählt er mir. Der Kunstkenner habe ihm geraten, seine Collagen doch einmal auszustellen. Die erste Ausstellung in Halle habe dann auch gleich eingeschlagen wie eine Bombe. So konnte Prüstel schon bald dem „Verband der bildenden Künstler“ beitreten, denn nur als anerkanntes Mitglied konnte man in der DDR als freier Künstler arbeiten.

„Wegen meiner sehr individuellen Arbeiten riet man mir, zu den Karikaturisten zu gehen.“ Doch Prüstel ließ sich nicht in eine Schublade stecken. Statt nur noch Karikaturen zu veröffentlichen, folgte eine lange Zeit voller Ausstellungen. Er deckte praktisch jedes Ausstellhaus und jeden Studentenclub der DDR ab. 1987 bekam er dennoch völlig überraschend den Satirepreis der DDR, obwohl dieser nur für Pressezeichnungen vergeben wurde. „Doch der erhoffte Karriereschub blieb vorerst aus. Erst 1990 kippte dann die Sache. Hatten Zeitungen wie der Eulenspiegel bisher immer abgewinkt, wenn ich ihnen Arbeiten anbot, bekam ich nun prompt Doppelseiten“, erinnert sich Prüstel amüsiert. Eine ziemlich „verrückte, anarchische Zeit“ begann da für Prüstel, der nun regelmäßig in vielen Zeitungen veröffentlichte. Doch heute kämpfen die meisten Zeitungen um ihr Leben und sparen freie Zuarbeiten ein.

Wie ich zum strassenfeger kam

Des Cartoonisten Werkzeuge

Des Cartoonisten Werkzeuge

„Die Zusammenarbeit mit dem strassenfeger entstand durch eine Collage, die das Interesse des damaligen Chefs des strassenfeger, Karsten Krampitz, weckte“, berichtet Prüstel. „Krampitz wollte das Motiv damals unbedingt als Titelbild verwenden. Wir waren uns gleich sympathisch und verstanden uns gut.“ Nach einigen Treffen wurde Prüstel klar, dass die Visionen dieses Mannes, der dieses Projekt einer Straßenzeitung aus der Mitleidsecke hinaus bringen und zu einem qualitativ hochwertigen Produkt machen wollte, das sich von anderen Medien inhaltlich, aber eben auch vom äußeren Stil abheben sollte, durchaus unterstützenswert war. „Ich habe dann der Redaktion anegboten, zu jeder Zeitung ein Titelbild vorzuschlagen, egal ob es gedruckt wird oder nicht. Bis heute gab es in den vergangenen zwölf Jahren nicht eine Zeitung, zu der ich nicht einen Entwurf eingereicht habe.“ Bei der Umsetzung gibt es bei den Collagen grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Entweder er findet in seinem gewaltigen Archiv (bestehend aus tonnenweise sortierten Papierschnipseln aus allen möglichen Druckerzeugnissen der vergangenen Jahrzehnte) etwas Material, das ihn zu einer Idee inspiriert oder er hat eine Idee, zu der er dann nur noch die passenden Teile zusammensetzen muss. Das Suchen bei letzterer Variante kann mitunter sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Ob er in all den Jahren des Collagenmachens irgendwelche rechtlichen Probleme bekommen habe? Ja sicher, aber auf die zeitliche Länge betrachtet, seien die drei, vier Klagen verschwindend wenig, so der Künstler.

Prüstels Liebe zu Collagen

Das Archiv

Das Archiv

Prüstel arbeitet nebenbei seit Jahren an riesigen, meterlangen Collagen, bestehend aus tausenden von Teilen, wo er anfangs nicht weiß, wie sie am Ende aussehen werden. Aber die Zeit reicht oft nicht. Nebenbei gibt er noch Bücher heraus und hat selbst Ideen für eigene Bücher im Sinn. „An die Rente denke ich noch lange nicht. Ich würde nie einfach aufhören, nur weil ich 65 Jahre alt werde.“, so Prüstel. „Ich höre erst auf, wenn mir meine Hand abfault oder Demenz eintritt.“ Die Frage, ob er in der Rückschau auf sein Leben etwas anders machen würde, wenn er es könnte, verneint in einem fast feierlichen Ton: „Jedes Leben hat seine innere Logik. Man bekommt das Leben, das man verdient. Für mich war früh im Leben klar, dass ich etwas machen musste, bei dem mir keiner vorschreibt, was ich zu tun habe. Selbst wenn ich damit scheitern sollte, habe ich mir nichts vorzuwerfen, denn ich bin bis hier her gekommen und ich bin immer noch da.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Hoffen wir, dass Prüstel uns noch lange die Treue hält!

Ausgabe 21, Oktober 2009

Verfasst von: marcelnakoinz | 21. Oktober 2009

Macht Geld doch glücklich? – Reich ist, wer sich Zeit nimmt

Zwei Herzen schlagen in des Geldes Brust. Einerseits ist es Voraussetzung jeglicher Form moderner Arbeitsteilung und damit von Zivilisation, gleichzeitig aber ist es auch Quelle unsagbarer Barbareien. Wird man durch einen Haufen Kohle automatisch glücklich? Oder eher zu einem abscheulichen Ebenbild seiner selbst?
Postkarte: Gutsch Verlag

Verklebte Welt
Was ist die Aufgabe des Geldes? “Die Welt zu verkleben”, würde der Philosoph Frank Augustin sagen.1) Geld klebt unabwaschbar an allem, was uns umgibt. An jedem Badeurlaub, jeder Türklinke und jeder Münze. Es vermittelt uns den Eindruck von Stabilität und Zusammengehörigkeit in der Welt. Alles ist mit einem bestimmten Zahlenwert behaftet und vergleichbar. Die Dinge sind in eine einheitliche Beziehung gesetzt und werden “spielbar”. Hatte also Neil Postman recht, als er polemisierend fragte: “Wer mit dem meisten Spielzeug stirbt, hat gewonnen”? Wir verkaufen uns Tag für Tag, um mit all den schönen Dingen spielen zu können, die uns die Werbewelt verspricht. Wir tauschen Freizeit mit Überstunden. Warum? Weil Geld verspricht, nicht mehr vergleichen zu müssen und sich frei dem großen Spiel widmen zu können, das wir alle spielen müssen. Sind wir alle derart vom Kommerz durchdrungen, dass wir schon gar nicht mehr bemerken, wenn unsere Beziehungen mit Kosten-Nutzen-Kalkulationen stehen und fallen? Geht es uns allen nur ums Geld?

Foto: M. Nakoinz
Luxuriöse Einkaufswelten in Berlin

Es ist nicht das Geld, das glücklich macht, sondern das Glück!
Ich fragte einige Harz IV-Empfänger auf den Straßen Berlins nach ihrer Meinung. “Man kann schon mit dem Geld auskommen”, meint Alex*, ein hagerer Bursche mit Dreitagebart, gekleidet in eine Jeansjacke, “aber für die Allgemeinheit sind einfach zu wenig Anlaufstellen da (und besonders für die Leute, die Drogen nehmen).” “Ob das Geld reicht, um glücklich zu sein?”, frage ich. Da müsste man “Glück” definieren. “Zufriedenheit allgemein”, schlage ich vor. “Nein, es macht nicht glücklich. Geld kann auch nicht glücklich machen.” “Was dann?” “Glücklich macht einfach eine intakte Familie, die auch hinter einem steht. Nachdem meine Frau mit 31 Jahren an Brustkrebs gestorben ist, habe ich wieder angefangen, Drogen zu nehmen. Diese Entscheidung würde ich heute gerne wieder rückgängig machen. Aber ich war deprimiert und wollte die Welt vergessen. Aber der Schmerz ist immer noch da. Das prägt einen Menschen.”, meint Alex*. Rosa* setzt sich zu uns auf den Bordsteig, wirft ihr leuchtend rotes Haar in die Waagschale und tröstet: “Ich sag mal so: Wenn man nicht unbedingt auf Geld wert legt, dann kann Geld glücklich machen, weil dann kommt man auch mit den paar Kröten aus, die man zum Leben hat.”

PS: Ich mach dich glücklich
David Halpern2), politischer Berater des britischen Premierministers, würde dem sicher zustimmen. Um glücklich zu sein, wäre es für den Glücksforscher hilfreich, in Mexiko oder Puerto Rico zu leben. Denn dort leben die glücklichsten Menschen der Welt. Dabei geht es ihnen, wirtschaftlich gesehen, alles andere als gut. Wie das? Man fand, dass Zufriedenheit von einem bestimmten Lebensstandard an nicht mehr automatisch mit dem Einkommen ansteigt. Auch wenn sich in den letzten Jahrzehnten das Durchschnittsgehalt in den westlichen Industrienationen vervielfachte, blieb das allgemeine Wohlbefinden doch die ganze Zeit gleich.

Die Tretmühle dreht sich weiter und der Neid über das Glück anderer eint uns doch alle tief in unserem Herzen. Ein Teufelskreis. Jede Sekunde, die wir nicht schuften, vergeuden wir mit so sinnlosen Dingen wie Freunden, Familie und Schlafen. Will der Neider aber mithalten, will er einen noch größeren Fernseher oder ein noch größeres Auto als der Nachbar haben, dann muss er arbeiten. Allzu schnell geht unserer Freiheit dadurch das Geld aus. Welchen Preis sind Sie bereit zu zahlen, damit Sie die Zeit haben, um bei der Geburtstagsparty Ihres Kindes dabei zu sein? Zeit klebt nicht und wir können sie nicht kaufen. Deswegen ist die Zeit, die wir miteinander verbringen, das größte Geschenk, das wir einander bereiten können. Und wer in seiner Zeit das machen kann, was er gern möchte, ist sowieso glücklich und reich zugleich.

“Die meisten Menschen werden nur deswegen nicht reich, weil sie vor lauter Arbeit keine Zeit zum Geldverdienen haben.” – Jimmy Durante

*) Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Quellen:
1) Frank Augustin: Geld verklebt die Welt. In: Der blaue Reiter 11/2007.
2) Was für ein Glück. In: Die Zeit 52/2003, S. 53.

Ausgabe 20, September 2008

Verfasst von: marcelnakoinz | 21. Oktober 2009

Kafka im Zirkus – Vorhang auf für den Zirkus in der Literatur!

Kafka im Zirkus

Kafka im Zirkus

Kaum hat sich der purpurne Samtvorhang gelüftet, ist man etwas desillusioniert. “So eine kleine Bühne!” Aber es stimmt. Die Tradition der Zirkusnovelle ist, zumindest in Deutschland, nicht gerade umfangreich. Mit gutem Willen kann man dazu beispielsweise Goethes “Wilhelm Meister”, Wedekinds “Zirkusgedanken”, Hauptmanns “Wanda” und Hofmannsthals “Schwierigen” zählen. Ausgeprägter sieht das zwar schon in Frankreich aus, mit Vertretern wie Honoré de Balzac, Edmond de Goncourt, Charles Baudelaire, Degas und Picasso. Aber auch in Georg Büchners weltverstörtem Woyzeck und in Erich Kästners düster-melancholischem Erwachsenenroman “Fabian” sind es Manegen aller Art, in denen das Zirkusthema in schillernder Vielfalt von der Literatur behandelt wird. Doch schon anhand der beiden letztgenannten Autoren fällt auf: Die Art und Weise, in welcher sich dem Thema meist genähert wird, hat nichts mit den farbenfrohen Heile-Welt-Bildern aus der Kindheit zu tun, die in unseren Köpfen herumgeistern. Paradigmatisch zeigt sich dies am Werk Franz Kafkas, das jedoch für sich steht und auf seine eigene Weise betrachtet werden muss. Lassen Sie uns an ihm aufzuzeigen, woher diese negative Betrachtungsweise des Zirkusmotivs in der Literatur rührt.

Nach allem, was wir wissen, liebte Kafka nicht nur das Kino, sondern auch den Zirkus und alles, was damit zusammenhängt: Varietés, Jahrmärkte, Monstrositätenschauen. Das Zirkussujet beschäftigte ihn zeitlebens und durchzieht sein gesamtes Werk. Als Beispiele seien hier nur sein Roman “Der Verschollene”, sein Sammelband “Ein Landarzt. Kleine Erzählungen”, sowie seine Erzählung “Josefine, die Sängerin” genannt. Diese Geschichten sind anders als die sonst seltsam verfremdeten und codierten Traumwelten Kafkas, welche die Forschungswelt zu dem hübschen Ausdruck “kafkaesk” (etwa: “unheimliche Ungewissheit”) inspirierten. Sie wurzeln in Kafkas Erfahrungen mit Zirkusbesuchen, die akribisch aus seinem Briefverkehr und seinen Tagebuchaufzeichnungen extrahiert wurden. Sie handeln, verschreckend eindeutig, von realen artistischen Einzelschicksalen, an deren Körpern ihr Scheitern und damit der Wandel der damaligen Zeit thematisiert werden. Das steigende Interesse an technischen Neuerungen wie Kino, Rundfunk und Fotografie zur Wende des 20. Jahrhunderts verdrängte die Akrobaten und trieb sie mitunter in die Arme der neuen Medien. Die ersten deutschen Filmschauspieler kamen aus dem Zirkus Renz.

Vorhang auf für's Fernvergnügen

Vorhang auf für's Fernvergnügen

Diese krisenhafte Entwicklung erkennt Kafka. Sie veranlasst ihn dazu, immer wenn er auf dieses Thema zu sprechen kommt, seinen Lesern einen Zerrspiegel der ungeschminkten Wahrheit vorzuhalten. So handeln Kafkas Geschichten vom Untergang der Hungerkünstler, die ohne Publikum umkommen müssen, von der Menschwerdung eines Affen, von der Tierwerdung eines in der Völkerschau ausgestellten Menschen oder auch von der unentdeckten Not einer Kunstreiterin. Dabei ist Kafkas Separation der Artisten vom Zirkus besonders auffällig. Der Eine ist selbstbezogenes, ästhetisches Subjekt und dem Anderen, dem ökonomischen Institut der Tauschsphäre entgegensetzt. Im Sinne Kafkas agieren seit jeher Spielleute und Akrobaten im Namen ökonomischer und ästhetischer Verschwendung. Auf sich selbst bezogen, berufen sich ihre Kunststücke immer auf die unmittelbare Wahrheit des Körpers. Ganz dem Akt ihrer schöpferischen oder selbstverzehrenden Produktion ergeben, stellen die Artisten sich dem Publikum, von keinerlei äußerer Zensur abhängig. Die Freiheit, die sie leben, ist imaginiert und zeigt das Gesicht disziplinierter Selbstzerstörung. Sie beruht auf dem Paradox einer Zeit. Einem Paradox zwischen Verzicht und Verschwendung. Zwischen ersetzbarer Unersetzbarkeit und unsichtbar-sichtbaren Gefühlen. Mit einem Auszug aus Kafkas Stück “Auf der Galerie” möchte ich diese Vorstellung beenden und hoffe, meinem Publikum hat das Programm gefallen:

“Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde […], begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, riefe das Halt! durch die Fanfaren des sich immer anpassenden Orchesters. Da es aber nicht so ist […]; legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlussmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.”

Quelle:
Walter Bauer-Wabnegg: Zirkus und Artisten in Franz Kafkas Werk. Erlangen 1986.

Ausgabe 19, September 2008

Verfasst von: marcelnakoinz | 2. Oktober 2009

Ich kam, sah und musste kaufen – Der schöne Schein der Verpackungen

Schein oder Sein - ist hier die Frage

Schein oder Sein - ist hier die Frage

Appetitanregend sieht er ja aus, mein frisch gekaufter Eiersalat. Zumindest von außen. Das kleingedruckte Wörtchen “Serviervorschlag” am unteren Rand des vielversprechenden Bildes ist so klein geschrieben, dass es die schöne Abbildung nicht auch nur ein bisschen verdeckt. Der schöne Schein der Verpackung schmilzt mit dem Öffnen der Schachtel dahin wie Sahneeis auf einem V8-Motor. Ich starre auf meine Mahlzeit, die aussieht wie zuvor von zwölf siamesischen Katzen verdaut und über die meine Freundin nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde – den Blumenkohl in der einen und das Schwarzbrot in der anderen Hand. Aber ich bin Student und habe keine Zeit zum Kochen! Für mich steht fest: Klarer Fall von Etikettenschwindel. Die Designer, die dieses Verpackungscover kreierten, mussten sich das Zeug sicher nicht hinterwürgen und schlemmen stattdessen wohl gerade im Ritz. Wirtschaftswissenschaftler Peter Debrunner, der über “Verpackungen als Marketinginstrument” promovierte, schreibt in seiner Dissertation: “Durch die Vermittlung optischer Reize (Auffälligkeit) erleichtert man dem Verbraucher […] die Orientierung und Auswahl.” So ein Bullshit!, denke ich, unzufrieden mit mir, der ich mich blenden ließ, während die Bilder langer, orientierungsloser Abende im neuen Supermarkt vor meinem inneren Auge aufsteigen. Wer ist nicht schon einmal auf eine Mogelpackung hereingefallen und saß vor seinem eigenen hanebüchenen Eiersalat?

Die Recherche beginnt

Verpackungskünstler

Verpackungskünstler

Ich frage meinen Bekannten Peter, der seit drei Jahren Verpackungstechnik studiert, ob er einen Rat weiß, wie man sich der hypnotischen Wirkung des sich in der Nase bohrenden Affen auf der Cornflakesverpackung erwehren kann. Es sieht düster aus. Auch Peter ist nur ein genervter Konsument, denn die Gestaltung der Verpackungsflächen fällt nicht in seinen Aufgabenbereich (zu dem ja immerhin Verpackungsprozesse, -prüfung, -technik, Qualitätsbewertung, Entwicklung und Optimierung von Verpackungen etc. gehören). Ich wittere zum ersten Mal eine breit angelegte Verschwörung der für den popelnden Affen Verantwortlichen. Peter versucht mich zu beruhigen: “Verpackungen sind für viele Warenarten ein Qualitätskriterium; sie ermöglichen erst die Vermarktung”, sprudelt es aus ihm heraus, “und etwa 95 Prozent aller Warenarten werden verpackt.”

Aber lässt sich dieser Umstand nicht von den Vermarktern missbrauchen? Ist nicht viel zu oft nur alles Schein statt Sein? In der guten Gesellschaft vierer Biere fangen wir an zu philosophieren. Es kommt nichts dabei heraus. Nach dem Kater am nächsten Morgen forsche ich weiter. Dabei stoße ich auf eine Studie, in der man herausfand, dass Männern wie Frauen, deren Gesichtszüge und Kleidungsstil maskulin wirkten, eher Führungskompetenzen zugesprochen wurden. Es kommt also weniger darauf an, ob der Inhalt weiblich oder männlich ist, die Verpackung macht die Leute! Können wir vielleicht nicht anders, als auf die fiesen Tricks der Werbung hereinzufallen?

Hauptsache gut verpackt

Nur das Beste für unsere Kinder!

Nur das Beste für unsere Kinder!

Ein Kaufhaus ist ein Schlachtfeld um Ihre Aufmerksamkeit. Jedes Produkt möchte gerne aus dem Regal direkt in Ihren Einkauf springen. Das beginnt schon beim Metzger, der seine Waren mit einem roten Licht bestrahlt, damit es saftig wirkt und bei der in ein künstliches Tageslicht getauchten Obsttheke, die die Früchte ins rechte Licht rückt. So verbreitet sich der schöne Schein. Kosmetika kommen in rosafarbenen Döschen daher, um die Vorstellung vom weiblichen Wunschbild makelloser Haut und von Rosenduft zu vermitteln; teure Fernseher dagegen im vornehmen Schwarz.

Außerdem zielen Verpackungen auf unsere natürlichen Triebe. Zum Beispiel unser Bedürfnis nach Prestige. Jeder erinnere sich an die letzte Enttäuschung, als sie eine andere Frau mit denselben Schuhen sah, oder als ihm neulich der Nachbar seinen zweiten Porsche vorführte. Ich gestehe, dass auch ich schon einmal ein Buch mit 1.000 (wie sich später herausstellt, langweiligen) Seiten kaufe, weil es alle kaufen, weil alle coolen Leute es kaufen oder einfach nur wegen des coolen Titelbilds. Werde ich daraus lernen, nur weil ich diesen Artikel schreibe? Nein. Hat Peter aus seinem Studium gelernt, sich nicht an der Nase herumführen zu lassen? Nein. Und Sie? Haben Sie daraus gelernt? …

Hackbraten wie bei Muttern!!!

Hackbraten wie bei Muttern!!!

Quellen:
Peter Debrunner: ”Die Verpackung als Marketinginstrument: Kosten und Nutzen ihres Einsatzes.” Zürich 1977.
Ulrich Kühnen und Sabine Sczesny: “Haben maskuline Frauen mehr Erfolg?” In: Gehirn & Geist 2/2004.

Wollen wir die Wahrheit wirklich wissen?

Wollen wir die Wahrheit wirklich wissen?

Ausgabe 18, August 2008

Haben Sie schon einmal einen Frosch einen anderen interviewen sehen? Nein? Ein Interview ist im Grunde eine Befragung. Man muss nur fragen und zuhören können. Klingt einfach, kann aber ziemlich kompliziert werden und nicht nur, wenn der Befragte innere Mauern aufbaut oder dermaßen nuschelt, dass man nach dem zehnten Abhören des Tonbands noch immer nicht den ersten Satz zu Papier gebracht hat und gefrustet an die froschgrüne Decke starrt. Was, wenn einem keine schlauen Fragen einfallen? Oder wenn man es nicht schafft, seinen Gegenüber dahingehend zu beeinflussen, Einblicke in den Menschen und nicht nur die öffentliche Fassade zu bekommen?

Fragen über Fragen

Fragen will gelernt sein
Aber sind Fragen nur gut zur Beeinflussung und Informationsbeschaffung? Sicher, es gibt Angriffsfragen (Meinst du das ernst?), rhetorische Fragen (Meint nicht jeder einmal etwas ernst?), Suggestivfragen (Das meinen Sie jetzt nicht ernst, oder?), aber es gibt doch noch viele andere Formen mehr. Sie begegnen uns überall. Beim Einkauf, im Altenheim, im Kindergarten, bei Markforschungen und bei Meinungsbefragungen, bei “Vera am Mittag” und beim Gespräch mit sich selbst.
Warum können wir uns fragen: Wie geht es dir? Wer ist schuld? Was ist ein Gewitterfurzer? Was hat das alles zu bedeuten? Sind Politiker die einzig wahren Schauspieler? Wie viele Minderheitenmitglieder braucht man, um eine Glühbirne einzuschrauben? (Fünf! Einer hält die Glühbirne und vier andere drehen den Tisch, auf dem der erste steht.) Kenne ich meinen Körper wirklich schlechter als Charlotte Roche? Fülle ich mein Leben mit Tagen oder meine Tage mit Leben (Precht)? Was wäre, wenn? Ist der Papst katholisch? Warum fragst du mich das? Wann? Wo gibt es dieses tolle Kleid? Zu mir oder zu dir? Was ist Wahrheit? Wo hört unsere Freiheit auf – im Gehirn oder im Schuldensumpf? Ist der Mensch eine Marionette, die ihre eigenen Strippen zieht? Vielleicht bleiben manche Fragen doch besser unbeantwortet?

Worin unterscheiden sich Wissenschaft und Kunst?
Die Antwort darauf, wozu diese anderen Frageformen gut sind, lässt sich vielleicht folgendermaßen angehen: Was verbindet Wissenschaftler, Detektive, Romanciers, Philosophen und Künstler gleichermaßen? Ihr Job ist es, die richtigen Fragen zu stellen. Bei ihnen kommt es gleichermaßen darauf an, sich – in der ihrer Zeit angemessenen Art und Weise – mit der Welt auseinanderzusetzen. Außerdem müssen sie unsere Weltwahrnehmung in Frage stellen, sicher Geglaubtes objektiv als eine Möglichkeit von vielen ausklammern und es zur Disposition stellen. Wirtschaftsmanager und Politiker müssen vielmehr Antworten auf die Welt parat haben, wobei sie gut beraten wären, sich etwas mehr Zeit zu nehmen und darüber nachzudenken, welche Fragen Antworten benötigen. Fragen lenken unser Denken. Sie strukturieren unsere Welt und wie wir auf sie Bezug nehmen.

Die Suche nach dem Stein der Weisen
Comic: Christoph WittWie müssen wir uns richtig auf uns und die Welt beziehen, damit das menschliche Leben gelingen kann? Die Frage nach dem “guten Leben” ist der Horizont, an den jede philosophische Überlegung im Grunde gerichtet ist. Immanuel Kants drei Grundfragen der Philosophie lauten: “Bei welcher Station muss ich aussteigen?”, “Warum bekomme ich dieses Wurstglas nicht auf?” und: “Wie lange brauchen die Froschschenkel noch, Herr Ober?” Oh, ach nein. Das waren ja meine drei Grundfragen an das Leben. Nein. Kant fragte vielmehr: “Was kann ich wissen?”, “Was soll ich tun?” und: “Was darf ich hoffen?” Eine Antwort blieb er uns schuldig. Oder, blieb er?

Haben auch Pflanzen eine Würde? Lässt sich Wissenschaft mit der Würde von Lebewesen verbinden? Gibt es dumme Fragen? Warum gibt es Böses auf der Welt? Warum glauben wir, dass es Böses gibt? Warum glauben wir? Warum haben wir eine Vorstellung von uns, als Individuum, das glauben, reden und Gartenarbeiten verrichten kann?

Nur wir Menschen können uns selbst in Frage stellen und aufgrund dieser Tatsache setzen wir uns anders in Beziehung zu anderen, als es Tiere tun würden. Auch wenn Tiere sich im Spiegel erkennen, so denken sie nicht an den dialektischen Materialismus oder ihre Zukunft. Sie wissen nicht, dass sie sterben werden. Wir können uns all das fragen, weil wir eine Vorstellung von uns selbst haben. Oder haben Sie schon mal einen Frosch einen anderen interviewen sehen?

“Vertrauen Sie denen, die nach der Wahrheit suchen, und misstrauen Sie denen, die sie gefunden haben.” – André Gide

Ausgabe 16, August 2008

www.joerg-sieger.de

Tafel mit Gilgamesch-Epos in Keilschrift

Das Gilgamesch-Epos ist fragmentarisch auf zwölf Keilschrifttafeln überliefert. Es gilt als Darstellung der Lebens- und Sterbekultur der Sumerer, die vor 6.000 Jahren das Zweistromland bewohnten. Gilgamesch, der Gottkönig dieses ersten großen Kulturvolkes Alt-Mesopotamiens, war der Sage nach zu zwei Dritteln ein Gott und zu einem Drittel Mensch. Er herrschte über Uruk, das biblische Erech (heute Warka). Die zehn Kilometer lange und neun Meter hohe Mauer, die er um Uruk errichten ließ, mussten die Untertanen unter großen Entbehrungen erbauen – Überreste der Anlage sind bis heute erhalten. Die Menschen beschwerten sich bei den Göttern. Die daraufhin Enkidu erschufen, einen wilden Steppenmenschen, der Gilgamesch an Stärke ebenbürtig war. Im Kampf gegeneinander wurde Enkidu zwar bezwungen, doch entstand zwischen beiden eine nahezu brüderliche Freundschaft (realpolitisch vermutet man hierin ein Zweckbündnis, das die Sumerer mit semitischen Nomaden eingingen).

Gemeinsam ziehen sie gegen Chumbaba, Wächterungeheuer eines heiligen Zedernwaldes, in den Krieg, besiegen es und raubroden die Wälder. Nach ihrer Heimkehr wirbt die Liebesgöttin Inanna um Gilgamesch, doch dieser wirft ihr vor, für die herrschenden Umweltkatastrophen verantwortlich zu sein. Die entrüstete Inanna entzweit die Götter untereinander, woraufhin Enkidu von ihnen mit einer tödlichen Krankheit belegt wird.

Umwelt und Dichtung
Das Epos konserviert in seiner eintausendjährigen Entstehungsgeschichte die Wandlungen des Lebensraums der damaligen Zeit. Vor allem die seit dem vierten Jahrtausend vor Christus immer rücksichtsloseren Brandrodungen führten letztlich zu Versteppung und Wasserknappheit. Es folgten Kriege um Wasser. Denn ohne Wälder erodierte das ungehemmte Regenwasser den Boden, traten Flüsse über die Ufer und sank der Grundwasserspiegel. Künstliche Bewässerungsanlagen und Kanäle wurden geschaffen, die aber vielerorts zu Brutstätten für Seuchenerreger wurden.

Die anfangs noch üppig vorhandenen natürlichen Ressourcen wurden ohne Maß verbraucht. Als die Umweltbedingungen sich verschlechterten, mussten andere Länder erobert werden, um den erlangten Standard, bei anhaltender Bevölkerungsexplosion, zu erhalten. Entsprechend trat an die Stelle einer Weltsicht, in der die Erde in Form der Fruchtbarkeitsgöttin Inanna (wir kennen sie als Aphrodite) als weiblich-mütterlich verehrt wurde, ein Himmelreich männlicher Gottheiten, die untereinander stritten.

Die Sumerer waren nicht die einzige große Menschheitskultur, die an ihren eigenen Umweltsünden zugrunde ging. Auch die Maya und die Bewohner der Osterinsel, so nimmt man an, ereilte ein ähnliches Schicksal. Doch auf der Asche der Sumerer erblühten die Kulturen der Hethiter, Babylonier, Assyrer, Perser, Griechen, Römer, Araber und Türken.

Assurbanipal (669-627 v.u.Z.) bei der Löwenjagd

Assurbanipal (669-627 v.u.Z.) bei der Löwenjagd

Wider die Natur
Weil er den Tod seines Freundes nicht verkraften kann, zieht Gilgamesch hinaus in die Wüste – auf der Suche nach einem Mittel, welches ihn und den Rest der Menschheit vor Enkidus Schicksal schützen sollte. Auf seinem Wege entkleidet er sich seiner kulturellen Haut und wird selbst zu einem ungepflegten Steppenmenschen.

Endlich trifft er auf den unsterblichen Utnapischtim (der später zur Vorlage für den biblischen Noah wird). Dieser erzählt dem Helden davon, wie er als einziger die große Sintflut überlebte, indem er die – hier noch würfelförmige – Arche baute. Mit seiner Hilfe findet Gilgamesch dann tatsächlich eine verjüngende Pflanze, die aber auf seinem Heimweg von einer Schlange gefressen wird. So kommen beide Männer mit leeren Händen wieder in Uruk an.

Die Grundfragen des Menschen scheinen sich seit damals nicht geändert zu haben. Dürrenmatt meinte sogar einmal: “Die erste wissenschaftliche Entdeckung des Menschen war jene, dass er sterblich ist.”

Die faustische Tragik Gilgameschs, die uns heute noch zu berühren vermag, liegt darin, dass das ewige, das göttliche Leben, das er sucht, nicht existiert. Denn der Preis des Lebens ist der Tod. Ein Preis, den er zu zahlen nicht bereit ist. Eine buddhistische Weisheit besagt dagegen: “Die Vergänglichkeit ist ein Prinzip der Harmonie. Wenn wir uns nicht gegen sie auflehnen, sind wir in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit.” Vielleicht ist das allein der Grund, warum uns Geschichten schon immer so faszinierten: Weil nur in der Phantasie die Erlösung vom Leiden ruht.

(1) Rudolf Kreis: Dichtung und Umwelt. Frankfurt am Main 1989
(2) Georg Burckhardt: Gilgamesch. Leipzig 1951

Ausgabe 15, Juli 2008

“Was also ist Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich´s; will ich´s aber einem Fragenden erklären, weiß ich´s nicht.” Aurelius Augustinus

Zeit

Zeit genommen

Zeit wird oft wie ein Geheimnis gehandelt, das sich – wie unter einem Schleier verborgen – unserer Erkenntnis entzieht. Scheinbar sind wir nicht fähig, Gewissheit über sie zu erlangen. Schon seit 2.500 Jahren denken Menschen intensiv über sie nach, ohne schlau aus ihr zu werden. So liefert Platon in seiner Ideenlehre die ersten uns bekannten systematischen Gedankengänge über die Zeit ab. Sein Schüler, Aristoteles, versucht in seiner Abhandlung über die Naturdinge das Wesen der Zeit im Zusammenhang mit der Bewegung zu erklären. Dass er nicht sonderlich zur allgemeinverständlichen Klärung des Problems beitrug, mag nicht nur dem Umstand geschuldet sein, dass er Philosoph war. Vielmehr orientierten sich die Menschen in der Antike an den immer wiederkehrenden Naturabläufen, vor allem aber am Lauf der Himmelskörper. Deren Bewegung nahm man fälschlicherweise als gleichförmig an. So entstand anhand einer halbverstandenen Astronomie ein zyklischer Begriff von Zeit.

Es wird Zeit

Es wird Zeit

Zeit umzudenken
Diese Konvention überlebte in dem, was wir heute als “subjektiv empfundene Zeit” bezeichnen. Dadurch lässt sich die falsche Vorstellung vom Fließen der Zeit erklären, welche sogar Isaac Newton noch bekräftigte: “Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand.” Newtons Sichtweise entspricht unserem Alltagsbegriff, den die meisten im Hinterkopf haben, wenn sie das Wort “Zeit” hören. Auch in der Kunst spiegelt sich dieses Verständnis von Zeit oftmals wider. Für den Maler Salvatore Dali beispielsweise verfliesst die Zeit in seinen schmelzenden Uhren.

Doch im Jahre 1905 wird dieses Konzept durch die Spezielle Relativitätstheorie (kurz: SRT) aufgehoben. Die Zeit ist nun keine eigenständige Größe mehr, sondern wird als Teil der vierdimensionalen Raumzeit entlarvt. Die SRT Albert Einsteins beschreibt die Beziehung von Größen zwischen mindestens zwei Bezugssystemen, die sich mit konstanter Geschwindigkeit relativ zueinander bewegen. Jede Zeitmessung fordert die Angabe eines Bezugssystems und ist nur in diesem gültig. Messen wir Zeit von einem anderen System aus, das sich relativ zu uns bewegt, erhalten wir unterschiedliche Messergebnisse. Je schneller wir uns bewegen, desto langsamer vergeht für uns die Zeit – bezogen auf einen relativ zu uns ruhenden Betrachter.

Da kein Bezugssystem als objektiv ruhender Bezugspunkt gelten kann, muss die Vorstellung einer absoluten Zeit jedoch aufgegeben werden. Zeit ist also eine relative Größe. Jedes Individuum hat somit sein “persönliches Zeitmaß”. Streng genommen ist der Ablauf der Zeit also überall anders. Wir verdanken es nur der verhältnismäßig flachen Raumzeit auf der Erde und der Tatsache, dass wir uns mit Geschwindigkeiten weit unterhalb der Lichtgeschwindigkeit bewegen, dass wir weltweit einen ähnlichen Ablauf der Zeit wahrnehmen und der Begriff der “Gleichzeitigkeit” Sinn ergibt. Denn die Relativität der Gleichzeitigkeit wird erst in kosmischen Entfernungen interessant.

Sein und Zeit

Sein und Zeit

Vierdimensionale Marsmenschen
Es fällt uns als dreidimensional ausgedehnten Wesen schwer, sich mehr als die drei Dimensionen des Raumes vorzustellen. Der Raum umgibt uns; Zeit dagegen erfahren wir abschnittsweise nacheinander, sie entzieht sich unseren Sinnen. Auch dürfte die voller unverstandener Zufälle steckende Quantenphysik ihr Übriges dazu beitragen, dass die Zeit auch heute noch als Rätsel gehandelt wird. Einstein lehnte die Quantentheorie mit dem Einwand ab: “Gott würfelt nicht.” Heute gehen Physiker wie Stephen Hawking aber davon aus, dass Gott ein notorischer Spieler ist.

Gegenüber den klassischen Theorien der Physik haben die neuen Gebiete der Zeitforschung an Anschaulichkeit verloren. Wir können die im Mikrokosmos verborgenen Korrelationen von Ort und Geschwindigkeit zwischen Atomen nicht wahrnehmen und so vereinfachen wir unseren Zeitbegriff auf das, was wir wahrnehmen: das “Vergehen der Zeit”.

Entsprechend der Relativitätstheorie sind Raum und Zeit aber nichts weiter als Strukturmerkmale der Materie und der Energieverhältnisse. Hören wir also im Sinne von Ludwig Wittgenstein damit auf, die falschen Fragen zu stellen! Wie zum Beispiel: “Was ist Zeit?” Denn die Zeit selbst ist nicht definierbar, da sie nur ein gedankliches Hilfsmittel, eine sprachliche Abkürzung für zeitliche Beziehungen zwischen Ereignissen darstellt.

Ausgabe 12, Juni 2008

Wolf Kahlen war einer der ersten Videokünstler weltweit und ist auf der permanenten Suche nach neuen Formen des künstlerischen Ausdrucks. Er studierte Kunst und lehrte viele Jahre an der TU Berlin. Für die Herstellung seiner Werke nutzt er verschiedene, auch ungebräuchliche Materialien wie gewölbte Leinwände, Staub, Zeit (!). In seinen Videos hat er hierzulande kaum gesehenen Gegenden unseres Planeten nachgespürt, so zum Beispiel Tibet und der Mongolei. Dieses Gespräch fand in seiner “Ruine der Künste” in Dahlem statt – über das Erfinden, die Kunst und die Zeit.

Foto/Bearbeitung: M. Nakoinz

Die Erleuchtung

strassenfeger: Wie kamen Sie zum Erfinden?

Wolf Kahlen: Ich bin 1940 geboren, mitten im Krieg. Ich hatte das Glück, in dieser Zeit geboren zu werden. Ich bezeichne es so, denn als Kinder kamen wir aus den Trümmern, den Luftschutzbunkern und krochen aus den Kellern. Ich hatte dann das Glück, die Welt sehen zu können und zu staunen: “Was ist das für eine wunderbare Welt! Was gibt es hier alles zu sehen!” Als Kind empfindet man es nicht als grauenhaft, wenn ein Haus zerstört ist. Dinge, die einfach nur so rumstehen, nimmt man sich mit nach Hause zum Spielen. Die Welt ist voller Wunder und Dinge, die man findet. Man er-findet etwas, d.h.: Es ist schon da. Erfinden heißt nicht, dass man etwas aus dem Nichts schöpft. Man findet die Dinge, weil man die Sinne offen hält. Weil man nicht gezwungen ist durch staatliche oder kirchliche Erziehung, nur das zu denken und zu sehen, was andere Leute auch tun. Ich hatte das Glück, diese Methode des Staunens praktisch erleben zu müssen.

sf: Wie würden Sie die Erfindung abgrenzen von der Entdeckung?

WK: Die Entdeckung ist der erste Moment der Erfindung. Man deckt etwas auf, d.h. man sieht es. Man ent-deckt es und daraus folgt dann die Er-findung. Im Grunde ist das normale Leben – wenn es das gibt – ein ständiges Entdecken und Erfinden. Man findet z.B., dass unter einem großen Blatt kein Regen ist. Dann ist der Schritt doch gar nicht so weit, zu erfinden, mit dem Blatt eine Hütte zu bauen. Wer macht denn die Erfindungen in dieser Welt? Jeder normale Mensch macht am laufenden Band Erfindungen oder hat zumindest das Potential dazu.

sf: Muss sich die Kunst immer wieder neu erfinden?

WK: Die Kunst muss sich nicht immer wieder neu erfinden, sie macht es einfach. Der Künstler ist, wie jeder andere Mensch, konditioniert durch die Umwelt, Erziehung, Bildung usw. In jeder Zeit sind die Menschen anders konditioniert und somit laufen immer andere Menschen mit anderen Augen herum.

sf: Können Künstler und Erfinder etwas voneinander lernen?

WK: Künstler und Erfinder sind und tun das Gleiche. Jeder normale Mensch ist auch potentiell beides. Bloß – er wird daran gehindert, durch Konditionierung und Erziehung.

sf: Auch ein verrückter Erfinder, der sich in seinem Keller einschließt, ist ein Künstler?

WK: Natürlich ist er ein Künstler, nur: Er kapriziert sich auf das Funktionale. Er erfindet etwas, um sich die Welt zu erklären. Ein Künstler tut nichts anderes. Doch für ihn muss es für alle funktionieren und nachvollziehbar sein. Der Künstler sagt, dass er etwas entdeckt hat, was die Leute berührt, sie anregt, über die Wirklichkeit oder die Vergänglichkeit oder Ähnliches nachzudenken. Im Grunde sind wir eben alle Künstler.

sf: Würden Sie mir eine Ihrer “Erfindungen” näher erläutern? [Wir gehen zu einer Uhr, die von einem Spiegel geteilt wird und auf der sich die Zeiger je nach Blickwinkel vorwärts oder rückwärts bewegen.]

WK: Aus jedem Blickwinkel zeigt die Uhr eine andere Zeit. Je nachdem, geht die Uhr sogar vorwärts und rückwärts gleichzeitig. Ich glaube, sie ist die einzige Uhr ihrer Art; eine, an der die Relativität der Zeit sichtbar wird. Dass die Zeit nicht gradlinig verläuft, sagt ja die Physik seit Einstein. Alles ist gekrümmt, auch die Zeit. Und wenn die Zeit gekrümmt ist, dann krümmt sie sich wieder in sich selbst zurück und das ist genau das, was wir hier haben. Das wäre hier also der visuelle Beweis für Einsteins Theorie, dass die Zeit gekrümmt ist.

sf: Kann man von der Kunst bzw. vom Erfinden leben?

WK: Ich lebe doch! Natürlich ist es sehr schwer, wenn man ernsthaft Kunst macht. Es gibt auch viele, die nur das machen, was Erfolg verspricht. Wenn sie mit einer Sache Erfolg hatten, machen sie das immer wieder. Andere bewahren sich die wissenschaftliche Neugier, bleiben an den Dingen und beuten eine Idee nicht aus. Als man meine shaped canvases, ["geformte Leinwände", Anm. d. Red.] als “schöne minimalistische Formen” konsumierend missverstand, hörte ich über Nacht auf, sie zu verkaufen.

Ausgabe 11, Mai 2008

Verfasst von: marcelnakoinz | 2. September 2009

Freiheit ist Sklaverei

Arm dran

Besser Arm dran, als...

“Gewalt war der Geburtshelfer der kapitalistischen Gesellschaft.”

Dieses Zitat stammt von einem Mann mit Rauschebart. Einem Mann, der oft missverstanden wurde. Einem, der es sich zum Ziel setzte, die Grundstrukturen des Kapitalismus zu durchdringen, um ihn zu bekämpfen. Die Rede ist von Karl Marx. In seinem unvollendeten Werk “Das Kapital”, dessen erster Band 1867 erschien, führt er vor, was Ottonormalbürgern, Akademikern und den meisten Ökonomen (auch in heutiger Zeit) unklar ist: Die Freiheiten, derer sich die Menschen industrialisierter Länder erfreuen (Presse- und Redefreiheit, Minderheitenschutz usw.) sind hart erkämpft.

Die Geburtsstunde des Kapitalismus – ein Vaterschaftsstreit
Den Ursprung des Kapitalismus verortet Marx im England des 15. Jahrhunderts. Aus einer Gesellschaft, die Jahrhunderte lang kaum technischen Fortschritt, noch Wettbewerb kannte, entstand im Zuge eines sich ausbreitenden Fernhandels und durch Enteignung eine verschärfte Aufspaltung der Völker in besitzende und besitzlose Klassen. Diese Sichtweise ist innerhalb der Volkswirtschaft keineswegs akzeptiert. Heute genauso wenig wie damals. Die Nationalökonomie tendiert eher dazu, die Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise idyllisch und unproblematisch auf die außerordentlichen Anstrengungen einzelner Kapitalisten zurückzuführen, während andere Zeitgenossen nur faul auf der Haut lagen. Jeder bessere Historiker weiß jedoch um die tatsächlichen Zusammenhänge.

“In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle.” (Marx, S.742) Auf eine Reihe von Faktoren wie die Entstehung von Börsen- und Bankensystemen und die Ausbeutung der amerikanischen Kolonien folgte die Privatisierung öffentlichen, kollektiv genutzten Bauernlandes (Ackerland, Gemeindewälder usw.). Mit diesem Besitz verwandelte sich eine neue Klasse von Pächtern in Grundeigentümer. Die alten Kirchengüter wurden zudem geraubt und Ackerland in Schafweide verwandelt (Wollproduktion und Textilverarbeitung waren damals florierende Wirtschaftszweige). Folge: Die Landbevölkerung wurde in großen Massen von ihrem Land vertrieben und ihrer Produktionsmittel beraubt. Die enteigneten Menschen zog es nun zumeist in die Städte, wo sie das einzige, was sie noch besaßen, ihre Arbeitskraft, feilbieten mussten. Der bislang relativ verlässliche Lebenszyklus wich zunehmend dem Kampf um die nackte Existenz.

Auf der einen Seite schienen die Menschen aus ihren Abhängigkeitsverhältnissen befreit, tatsächlich aber wurden sie nun noch unfreier: “So wurde das von Grund und Boden gewaltsam […] verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert. […] Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt.” (Marx, S.765) Nach dem Agrarkapitalisten wurde der Industriekapitalist geboren. Und zu welch prächtigem Wonneproppen ist er heute überall in der Welt herangewachsen? Auch der chinesische Kapitalist mit seinem pseudosozialistischen Deckmäntelchen ist ein strammer Bursche.

Wir prägen nicht das Geld – das Geld prägt uns
In der Wirtschaft geht es um Optimierungsprozesse – unabhängig von den Interessen der Mehrheit der Individuen. Diese Kaltherzigkeit ist abstoßend, aber notwendige Folge des Kapitalismus als solchem; weswegen sich Marx auch mit keinem Wort gegen die “bösen Kapitalisten” wendet. Denn diese sind aufgrund der Konkurrenz gezwungen, ständig ihre Produktionsapparaturen zu modernisieren, um nicht von billiger oder besser produzierenden Konkurrenten in den Bankrott getrieben zu werden. Geld wird nur dann zu Kapital, wenn Geld investiert wird, um daraus Gewinn zu schlagen. Sobald ein Kapitalist aufhört, Profit zu machen, hört er auf, Kapitalist zu sein. Seine Profitgier ist also notwendiger Bestandteil des kapitalistischen Systems.

Warum sich trotz des allerorts aufflammenden Bewusstseins um die Ausbeutungsverhältnisse des modernen Superkapitalismus und dem Unmut über die immer größeren Armutsverhältnisse wir Proletarier aller Länder noch immer nicht vereinigt haben? Weil es einfach zu spannend ist, wer Deutschlands nächster Superstar wird!

Weiterführende Lektüre:
Buch: Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Bd.23. 38. Aufl. Berlin 2007
Film: “Der große Ausverkauf” von Florian Opitz
Internet: www.storyofstuff.com

Ausgabe 10, April 2008

Die "unschuldige" Mörderin

Die "unschuldige" Mörderin

Anfang des 13. Jahrhunderts, gut 300 Jahre bevor die ersten Volksmärchen in Europa aufkamen, bildete sich eine Gattung heraus, die man “Märe” oder “mittelalterliche Kurzerzählung” nennt. Sie werden wie Fabeln meistens von einer “Moral von der Geschicht” (Epimythion) begleitet, sind gereimt und haben fiktive, weltliche Geschehen, mit (vorwiegend) menschlichem Personal zum Gegenstand. Einige der für diese Zeit erstaunlich modern klingenden und kurzweiligen Geschichten (erotische Abenteuer mit Pastoren parodieren den sakrosankten Klerus, Geschlechterrollen werden hinterfragt etc.) seien im Rahmen dieser Ausgabe vorgestellt:

Die unschuldige Mörderin
Eine schöne und tugendhafte Gräfin begeht in diesem Märe drei Morde an Menschen, die sie betrogen haben. In der Nacht vor ihrer Vermählung mit einem reichen König gibt sich einer seiner Ritter für selbigen aus. Das wird jedoch von ihr durchschaut und der Ritter daraufhin von ihr mit einem Messer enthauptet. Seine Beseitigung übersteigt ihre Kräfte und somit ist sie auf den Pförtner angewiesen, welcher ihre Not ausnutzt und sich ebenfalls an ihr vergeht. Daraufhin stößt sie ihn nach getaner Arbeit mit in einen Brunnen, als er den Ritter darin versenkt. Damit der König ihre Defloration nicht bemerkt, schiebt sie ihm in der Hochzeitsnacht eine ihrer Jungfrauen unter. Als sich diese später weigert zu gehen, brennt sie die Kammer kurzerhand an und überlässt sie dem Feuertod. Nach 32 Jahren glücklichen Ehelebens gesteht sie ihrem Mann die Taten und erntet von diesem, wie auch vom Erzähler im anschließenden Epimythion, wohlwollende Zustimmung. Zwar kann ein Mörder nicht unschuldig sein, aber gerade dieses moralische Problem wird von der Geschichte keineswegs problematisiert. Das Spannungsverhältnis zwischen gängigen moralischen Maximen und erzähltem Fall ist geradezu konstitutiv für die Erzeugung von Komik in dieser Zeit. Das Heraufbeschwören von Groteskem und “unerhörten Begebenheiten” ist auch noch in der heutigen Novelle beliebt, die gewissermaßen mit den Mären verwand ist.

Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar
In diesem Märe geht es um einen reichen und rundum glücklichen Mann, der unter dem einzigen Fehler seiner Frau leidet: ihrer Geizigkeit. Daraufhin zieht er aus, um ein Ehepaar zu finden, das vollkommen zufrieden ist. Immer wieder wähnt er sich im Laufe der Geschichte fündig geworden und wird im letzten Moment dann doch vom jeweiligen Ehegatten eines Besseren belehrt. Hinter den Fassaden von Festmählern sind diese Männer nämlich alle zutiefst unzufrieden innerhalb ihrer Beziehungen. Ihre Frauen gingen ihnen fremd und müssen nun entweder jeden Abend Wein aus der Hirnschale des ehebrecherischen Pfaffen trinken oder bekommen einen großen angeketteten Bauern als Sexsklaven, um nicht wegen der Nymphomanie der Frau zum Gespött der Öffentlichkeit zu werden. Nach sechs Jahren der vergeblichen Suche muss er schließlich erkennen, dass es in seiner eigenen Beziehung noch am Besten bestellt ist und so versöhnt er sich mit seiner Frau und sieht ihr den Makel nach.

Der begrabene Ehemann
Ein Mann schwört seiner Frau aus Liebe, ihr jedes Wort bedingungslos zu glauben. Die Frau testet ihn und so gibt er seinen Wahrnehmungen zum Trotz an, dass es am Tage Nacht, ein kaltes Bad warm und schließlich, dass er totenblass sei. Zu spät beginnt der Mann zu protestieren und wird lebendig begraben. Denn sein Geschrei wird vom Dorfprediger, in den sich seine Frau verliebt hatte, als Teufelswerk gewertet. Auch dies scheint moralisch nicht allzu bedenklich. Dadurch, dass der Mann seiner Rolle in der Ehe nicht nachgekommen ist, kann man ihn bereits als für “gesellschaftlich tot” erklärt sehen und seine leibhaftige Beerdigung wäre in dieser mittelalterlichen Logik eine konsequente Folge.

Die zwei Beichten
Hier nehmen sich zwei Eheleute gegenseitig die Laienbeichte ab und nachdem die Frau dem Mann gesteht, sich hinter seinem Rücken mit (je nach Überlieferung) mal zwölf, mal 26 Männern (Koch, Kellner, Priester, drei Fischergesellen …) eingelassen zu haben, gesteht ihr Gatte darauf ganz unverblümt einmal die Hand der Magd berührt zuhaben. Wutentbrannt prügelt ihn darauf seine Frau mit dem Besen aus dem Haus. Einem Utensil, das die Germanisten gern als “Phallussymbol” deuten. Damit wäre der Beweis erbracht: “Stand-up Comedy” gab es auch schon im Mittelalter!

Ausgabe 09, April 2008

Du bist, wie du es sagst

Du bist, wie du es sagst

Ohne Kultur gibt es keine Sprache. Um sich davon zu überzeugen, brauchen Sie sich nicht in ukrainischen Höhlensystemen auf die umständliche Suche nach Wolfskindern zu machen. Buchen Sie einfach Ihren geplanten Mallorca-Urlaub auf einen Trip in das Herz Brasiliens um. Auch wenn es teurer wird, ein Hinflugticket reicht ja meistens. Zurück will man sowieso nicht mehr, hat man erst einmal die Pirahã kennen gelernt. Das gilt zumindest für Sprachforscher, die sich, von diesem kleinen Amazonas-Völkchen fasziniert, dort mittlerweile gegenseitig auf die Füße treten. Denn im Dickicht des Regenwaldes erwartet diese neben Pumas, Tapiren und Spinnenaffen auch eine folgenschwere Erkenntnis. Das Volk der Pirahã kennt nämlich weder Nebensätze, noch Vergangenheitsformen, Zahl- oder Farbwörter. Das liegt laut Psycholinguist Daniel Everett nicht an ihrer geringeren Intelligenz, sondern vielmehr an ihrer Kultur. Sie leben im Hier und Jetzt. Alle Ereignisse sind verankert im Moment des Sprechens. Es sind also nicht allen Menschen die gleichen grammatischen Prinzipien angeboren, die wir dann nur noch automatisch anwenden lernen, wie man bisher annahm. Sprache kommt vielmehr durch die Kultur in die Welt.

wikipedia.de

Reden ist Silber...

Warum in die Ferne schweifen…?
Sie können aber auch das Moskitonetz im Spind lassen und einfach Ihre eigenen Kinder neu entdecken. Der Psychologe Lew S. Wygotski untersuchte bereits Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Entstehung der ‚inneren Sprache’ in der kindlichen Entwicklung. Sie äußert sich in einer sehr ‚ich-bezogenen’ Kommunikation, wie etwa im Rollenspiel, in dem das Kind sich selbst und anderen verschiedene Rollen zuweist (z.B. “Kaufmannsladen”). Erst später sprechen Kinder zu sich selbst, um Probleme zu lösen, oder benutzen die Finger zum Zählen.

Für Forscher ist die Sprachentwicklung bei Kindern heute so interessant, weil bei jedem von ihnen die Evolution gewissermaßen noch einmal im Zeitraffer abläuft. Als Beweis dafür könnte die Erkenntnis dienen, dass die menschliche Kindheit erst nach dem Homo erectus entstanden ist. Nach dem Linguisten Derek Bickerton wurde die längere Kindheit erst mit einem zunehmenden Gehirnwachstum nötig. Die damit einhergehende größere Anzahl verfügbarer Neuronen war notwendig, um innere Zeichen bilden zu können. Darum vergrößerte sich das Hirnvolumen auf das Dreifache der übrigen Primaten, bevor der Mensch den ersten Satz formulieren konnte.

Der aufrechte Gang, welcher durch die veränderte Anatomie der Wirbelsäule das Gehirn entlastete und so eine Vergrößerung desselben gewährleistete, bewirkte noch ein weiteres Schlüsselereignis für die Entwicklung der Sprache: die veränderte Atmung. Der Kehlkopf liegt bei uns nämlich deutlich tiefer als beim Affen. Damit wurde um den Preis, nun leichter ersticken zu können, ein großer Rachenraum für einen Sprache ermöglichenden Resonanzkörper geschaffen.

Der entscheidende Schritt vom Grunzen zur Poesie
Die Motivation zu alledem ist vermutlich in schnell veränderten Umweltbedingungen zu suchen, welche unsere Vorfahren von den Bäumen in die Steppen zogen, während die Vorfahren der heutigen Affen zurückblieben. Eine symbolische Kommunikation in Form von Sprache war in der Savanne ein entscheidender Vorteil im Überlebenskampf. Denn die Nahrung war nun auf einer weiten Fläche verstreut und von vielen, heute ausgestorbenen Fressfeinden drohte Gefahr. Wie genau man sich die Anfänge der Sprachentwicklung vorzustellen hat, ist ohne fossile Tonbandaufzeichnungen natürlich immer reine Spekulation.

Sicher aber ist: Vor rund 100.000 Jahren vollzog sich ein abrupter Wandel. Rasch begann der Mensch raffinierte Werkzeuge zu bauen, Schmuck herzustellen, Handel zu treiben – kurz: Kultur zu entwickeln. Der Auslöser dafür ist für Bickerton die Syntax. Denn wenn wir etwas planen, irgendetwas auch nur halbwegs Kompliziertes, dann brauchen wir ihm zufolge ‚Wenns’ und ‚Weils’, das heißt, wir brauchen verschachtelte Sätze. Ohne diese verharren wir im Hier und Jetzt. Ganz so wie die Pirahã, die unsere kulturelle Evolution kalt ließ. Aber der allseits aufkommende Wunsch nach Ruhe, die ‚Back-to-basic’-Campingplätze und die kicksuchenden Extremurlauber sind ein mehr als genügender Beweis dafür, dass wir auch einen Ausgleich zu unserer überkultivierten Welt brauchen. Nicht umsonst heißt es doch, ist Reden nur Silber, Schweigen jedoch… irgendwie auch nicht schlecht.

Quellen:
Rafaela von Bredow: Leben ohne Zahl und Zeit. In: Der Spiegel 17 (2006)
Lew S. Wygotski: Denken und Sprechen. Frankfurt am Main 1969
Daniel L. Everett: “Wer Salat isst, spricht nicht Pirahã”. In: Gehirn&Geist Dossier 3 (2006)

Ausgabe 07, März 2008

Verfasst von: marcelnakoinz | 2. September 2009

Lyrik für dummies

Oft werde ich gefragt, warum meinen Gedichten kein einheitlicher Stil zugrunde liegt. Alles ist vorhanden, von freien Reimen über banale Paarreime und Schweifreime, von humorvoll bis melancholisch, von Kitsch bis Avantgarde.

Nun, dass bedarf vielleicht tatsächlich einem kleinen Statement. Ich liebe Wörter! Damit ist eigentlich schon alles gesagt und nichts. Ähnlich wie zu sagen: “Ich bin bibliophil.” Ich meine damit aber, dass ich mit dem Klang und den Assoziationen der Wörter, unabhängig von ihrer semantischen Determiniertheit Bilder male, die mir zusagen. Auf die eine oder andere Art. Wenn mich eine bestimmte Redewendung, ein Zitat oder auch nur ein einzelnes Wort inspiriert, dann baut sich von ganz allein darum ein eigener Kontext und das Gedicht ist das Produkt dieses Prozesses.

Der Germanist in mir hat dabei aber nicht das Komma im Wrack, sondern ist der modernen Auffassung, dass er völlig losgelöst ist, von der Bedeutung seiner Texte. Die völlige Entkopplung von Text und Autorenintension befreit mich derart, dass ich mich als ein Medium sehe, das Wörter ansprechend für die verschiedensten Personengruppen arrangiert, damit die Rezipienten die Gedichte mit ihren eigenen Erfahrungen mit Leben ausfüllen können.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Verfasst von: marcelnakoinz | 25. August 2009

Protest ist meine Waffe

Marcel Mitu

Marcel Mitu

Marcel Mitu (43) kommt aus Rumänien. Seine abgetragene rehbraune Hose und sein schlichtes marineblaues T-Shirt wirken ordentlich und machen einen gepflegten Eindruck. Seine Worte sind klar und konzentriert. Nichts an seiner Erscheinung, die ihn kaum von den herumwirbelnden Fußgängern auf den Straßen Berlins abhebt, lässt darauf schließen, was er durchgemacht hat. Nur der lebenserfahrene Blick lässt mehr vermuten. Der Rumäne flüchtete einst vor einer totalitären Regierung. An der Grenze wurde auf ihn geschossen. In Deutschland angekommen, sperrt man ihn 15 Monate hinter Gitter, um ihn dann schließlich abzuschieben. Doch Marcel Mitu gibt nicht auf und kommt wieder. Diesmal nach Berlin.

Die Akte Marcel Mitu
Alles fing damit an, dass Marcel es nicht mehr in seiner pseudosozialistischen Heimat aushielt und er Zuflucht in einem westeuropäischen Staat suchte. Sein Weg führte ihn 1988, ohne Hab und Gut oder Visum, nach Stuttgart. Kaum angekommen, geriet er aufgrund einer Verleumdungsklage, für Taten die er – wie er bekräftigt – nie beging, über ein Jahr ins Gefängnis. Dahinter steckten, wie er meint, rumänische Spitzel, die im Ausland nach Flüchtlingen Ausschau hielten. Mitu möchte auch heute nicht zurück in sein Land, weil seiner Meinung nach dieselben Leute noch immer an der Macht sind – nur in anderen Positionen oder unter anderen Namen.

Skandalös: In Stuttgart machte man ihm – nach seinen Angaben – nicht einmal den Prozess. Man sperrte ihn einfach weg. So lange, bis man ihn aus Deutschland ausweisen konnte. Dafür hat er allerlei Beweise dabei. In seinem Rucksack befinden sich mehr Aktenordner mit Papieren über seine Behördengänge als Ersatzkleider. Darunter ist auch ein psychiatrisches Gutachten, welches er anfertigen lassen musste, als er 2006 nach Deutschland zurückkehrte und in Berlin vor dem Reichstag protestierte. Nachdem er offiziell bescheinigt bekam, dass er nicht geisteskrank ist, durfte er weiter protestieren, aber nicht vor dem Reichstag – da wollte man ihn nicht mehr sehen. Doch auch seinen Hungerstreik am Brandenburger Tor musste er abbrechen, nachdem ihn eines Nachts Unbekannte zusammentraten. Eine Zeitlang verkaufte er zwar auch den strassenfeger, aber da kaufte ihm niemand mehr seinen Protest ab. Er hatte sich zu entscheiden.

Der einsame Protest

Mitu's Lager unter dem S-Bahnhof Friedrichstraße

Mitu's Lager unter dem S-Bahnhof Friedrichstraße

Er weilt mitten unter uns mehr oder weniger verwöhnten Partyberlinern. Unweit von Unterhaltungsfabriken wie dem Admiralspalast und dem Friedrichstadtpalast hat Marcel Mitu unter der S-Bahnbrücke auf der Berliner Friedrichstraße sein Lager aufgeschlagen. Er schläft auch hier. An einem Pfosten am Straßenrand hisst er derzeit die rumänische Fahne und lehnt zwei Türen aneinander, auf denen er die Artikel des Grundgesetzes auflistet, die er in seinem Fall verletzt sieht. „Die Demokratie in Deutschland funktioniert auf dem Papier wunderbar. Praktisch jedoch ist sie eine Katastrophe. Meine Rechte werden auch jetzt, da ich ein EU-Bürger bin, weiterhin mit Füßen getreten“, so Mitu. Im vergangenen Winter schlief er hier bei minus 15 Grad Celsius. Jede Nacht. Aus Protest. Dieser geht an den Menschen, die tagtäglich an ihm vorbeischlendern, nicht spurlos vorbei. Jedoch glauben viele nicht, dass er freiwillig unter der Brücke schläft.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“
Dieses geflügelte Wort hat Marcel Mitu bei uns in all seinen Dimensionen kennen lernen dürfen. Es sieht so aus, als wäre kein Platz für jemanden wie ihn in der Spaßgesellschaft Deutschland. „Warum war dein Fall nie in den Medien“, wird er oft ungläubig gefragt. Das liege daran, dass Mitarbeiter von Zeitungen und Medien oft großes Interesse bekunden würden, letztendlich jedoch die Chefetagen sich gegen die Publizierung dieses unschönen Kapitels der Ignoranz deutscher Politik entscheiden müßten. Es sei ihnen zu „heikel“. Uns nicht. Wir geben Menschen wie Marcel Mitu Gehör. Seit Jahren hat er seine Familie nicht mehr gesehen. So auch seine Frau und die beiden Kinder. Ich frage ihn, ob es das wert ist und wie lange er noch protestieren wird? Er sieht mir in die Augen und lächelt. Er wird niemals müde, gegen die Missstände anzukämpfen, die ihm widerfahren sind. Aber er kämpft dabei nie mit unlauteren Mitteln. Er würde nie betteln oder stehlen: „Meine Waffe ist der Protest“ – bis dass die Regierung seinen Status als Opfer politischer Verfolgung anerkennt. Darauf besteht er.

Weiterhin will er seine Existenz damit bestreiten, dass er die verschiedenen Angebote wahrnimt, die sich ihm in der Grausphäre der deutschen Metropole bieten. Sein Beharrungsvermögen sollte zu denken geben! Denn nicht allein der Protest, sondern die über lange Zeit für diesen Widerstand durchgestandene jämmerliche Lage ist ein Anzeichen dafür, dass Marcel Mitu kein Spinner ist, sondern seine Angelegenheit endlich einmal untersucht werden sollte. Vielleicht kann diesem Mann und seiner Familie geholfen werden? Wir bleiben auf jeden Fall dran.

Ausgabe 16, August 2009

Verfasst von: marcelnakoinz | 9. August 2009

Mit der Lizenz zum Musizieren

Jeden Mittwoch stehen um sechs Uhr morgens einige Gestalten im, ansonsten noch recht unbelebten, Tunneldurchgang des U-Bahnhofs Rathaus Steglitz Schlange. Ihre schläfrigen Gesichter schauen voller Erwartung in Richtung eines frühstückseigelben Leuchtschildes mit der Aufschrift: “Genehmigung zum Musizieren auf den U-Bahnhöfen”. Es gehört zu einer in Deutschland einzigartigen Vergabestelle. Wer zuerst kommt und sich in die Warteliste einträgt, darf, wenn sich der Schalter um sieben Uhr öffnet, als Erster einen Wunschbahnhof für die Folgewoche aussuchen. Bald trifft ein Dutzend weiterer Straßenmusiker ein; die meisten von ihnen kommen aus Russland.

Peter

Peter

Peter mit Hund
Peter Z. ist heute der erste auf der Liste. Der 59-jährige kommt aus Charlottenburg und spielt die Bluesharp. Peters ergraute, schulterlange Haare werden zur Hälfte von einer grauen Wollmütze verdeckt. Dazu trägt er eine schwarze Winterjacke und eine ebenso schwarze Lederhose, die an der Seite geschnürt ist. Peter ist beinahe taub. Fünf Prozent seines Gehörs auf dem rechten Ohr eröffnen ihm noch eine letzte Verbindung zur Außenwelt, können aber nicht das Lippenlesen ersetzen: “Das reicht doch! Ich sage immer, entweder bist du ein guter oder ein schlechter Musiker.” Peter hat seine Musik noch nie gehört: “Sie soll aber fantastisch sein. Ich habe schon Konzerte vor 200 Leuten gegeben und die waren begeistert.”

Wenn er seine Notenhefte herausholt, schöpft er mittlerweile aus einem Repertoire von über 3000 Liedern: Klassik, Country Musik, deutsche und irische Folklore. Als wahres Urgestein bespielt Peter die Berliner U-Bahnhöfe schon, seitdem sie vor 20 Jahren von den Berliner Verkehrsbetrieben freigegeben wurden. “Wir haben damit etwas legalisiert, das es auch schon vorher gab”, erklärt BVG-Pressesprecher Klaus Wazlak. Der kleine, untersetzte Mittfünfziger mit filigraner Brille, akkurat gestutztem Vollbart und blauschwarzem Anzug sitzt in der BVG-Leitstelle. “Bis vor einigen Jahren verteilte man die Bahnhöfe noch via Losverfahren. Doch es stellte sich heraus, dass jene, die sich zuerst anstellten, die Lose teuer weiterverkauften.”

“Mafiöse Strukturen hat das verursacht”, sagt Peter, der mithalf, sie zu zerschlagen: “Vor ungefähr sechs Jahren habe ich der BVG mit Anzeige beim Zoll gedroht, weil bis zu 90 Leute hierher gekommen sind und alle Genehmigungen aufgekauft haben.” Auf Peters Vorschlag hin erhält jetzt jeder Musiker nur noch einen Topbahnhof. Letztere sind Verkehrs- und Touristenknotenpunkte in der Stadt, also Alexanderplatz, Potsdamer Platz etc. Sie sind heiß begehrt, da hier auch für jene etwas abfällt, die eigentlich gar nicht spielen können.


“Es ist ein Kampf”
Donnerstag, 17 Uhr, U-Bahnhof Stadtmitte. Die Fahrgäste drängen sich in Wogen die 26 Treppenstufen auf und ab, von deren Zwischenebene heute irische Musik ertönt. “Die Leute werfen immer öfter nur im Vorbeigehen einen Cent rein. Sie behandeln einen wie einen Penner. Das tut weh. Das sind dieselben, die ihre Kinder wegzerren, wenn sie mal zuhören wollen. Aus denen werden doch auch nur wieder Ignoranten, Menschen mit schlechten Schwingungen”, stellt Peter verbittert fest. Und für Schwingungen ist er nun mal empfänglich. “Wir haben es nicht leicht. Wir kriegen den ganzen Ärger ab, der sich wegen der Bettler in den U-Bahnen angesammelt hat. Manche kommen mit Nazisprüchen: ‚Du Penner, geh arbeiten, so was müsste ins Lager rein.‘ Dabei habe ich eine Arbeit, ich bin Hausmeister!” Er lacht bitter.

Ein Kampf um Kleinigkeiten
In Wazlaks Büro ist es angenehm warm und im Eingangsbereich steht ein lebensgroßes, knallbuntes BVG-Playmobilmännchen. Der Pressesprecher der BVG gesteht ein: “Wir haben natürlich jede Menge illegaler Musiker in der U-Bahn. Das ist eine Folge der Maueröffnung.” Aber: “Das müssen die unter sich ausmachen. Wir haben natürlich noch etwas anderes zu tun, als von 40 oder 50 U-Bahnhöfen detailliert die Musikgenehmigungen zu kontrollieren.” Dabei ist Berlin die einzige Stadt in Deutschland, in der U-Bahnmusik überhaupt erlaubt ist. “Wir können das nur so lange anbieten, wie sich die Kosten in Grenzen halten”, so Wazlak weiter.  In München ist sie generell verboten. In Hamburg sogar ein zu lauter Walkman. Wazlak konstatiert: “Das ist wirklich ein Mehrwert, den wir für Berlin leisten. Weil wir wissen, dass die Attraktivität von Berlin gerade bei Touristen von solchen Kleinigkeiten abhängt.”

Ausgabe 04, Februar 2008

Foto/Bearbeitung: M. Nakoinz

Eine Welt ohne Frauen

Es geht auch ohne”, dachte ich mir an jenem Abend, als ich mich von meiner Freundin trennte und mir schwor: “Nie wieder Weiber!” Doch in der nächsten Nacht hatte ich einen seltsamen Traum. An mir zog die ganze Menschheitsgeschichte vorbei. Oder vielmehr – die halbe.

Neben mir stehen drei seltsame Figuren, die orientierungslos in einer Scheune versammelt sind. Sie umspielt ein kleines Irrlicht. Sein Glanz taucht die Umgebung in ein mattes Froschgrün. Es sieht aus, als suche es etwas; nennt sich selbst “Heiliger Geist” und zieht bald unverrichteter Dinge von dannen. Dabei murmelt es noch so etwas wie: “Kein dämlicher Gehörgang…”, vor sich her. Als Josef gerade etwas sagen will, blinzle ich kurz und finde meinen Blick schlagartig auf die inneren Stadtmauern Trojas gerichtet. Als ich mich umblicke, sehe ich nur einige Männer teilnahmslos durch die sandigen Straßen schlendern. Überall trinken Griechen und Trojaner Kaffee miteinander – natürlich mit Bodensatz, denn den Kaffeefilter erfand eine gewisse Melitta Bentz. Kurz bevor man aus einer Laune heraus die Stadt anzündete, schloss ich meine Augen. Hätte ich gewusst, was ich sehen würde, nachdem ich sie wieder öffnete…

Als ich es tat, fand ich mich in einem von Engländern unterworfenen Frankreich des 14. Jahrhunderts wieder. Ohne Jeanne d’Arc war Orléans und nach ihm das demotivierte Frankreich gefallen. So kam es nie zu einer Wende im 100-jährigen Krieg und um mich herum sitzen nun lediglich eine Handvoll gelangweilter Engländer an der Loire und genießen ihren Earl Grey. Die Ritter des Mittelalters haben weder um die Minne der Frauen, noch um den Gral zu kämpfen (denn es kam ja nie zur Geburt Jesu). Keine Kreuzzüge bedeutet: keine Ausweitung des Fernhandels auf kapitalistischer Basis. So entwickelte sich bis in die Neuzeit die Monarchie als weltweit vorherrschende Regierungsform. – Auf meiner weiteren Reise begegneten mir mehr und mehr Leid und Trostlosigkeit. Ein unbekannter Renaissance-Künstler meinte zu mir: “Ich habe mal eine Skulptur ohne Tunika gefertigt und sie ‚David‘ genannt. Sie war aber kein großer Erfolg.” Und wurde es nie – in einer Welt ohne Eros, Lust und ohne Liebe. In einer solchen Welt musste ich mit ansehen, wie Goethe, von der Muse ungeküsst, zu einem mittelmäßigen Rechtsanwalt verkümmerte.

Im 20. Jahrhundert
haben wir Männer Grillwürste, Mundgeruch und weder Selbstwertmangel noch Beziehungsprobleme. Aber ohne Widerstand, Sex und emotionale Erfahrung umgreift etwas Zerstörerisches die Welt, mit spinnenbeindünnen Fingern, eiskalt wie Marmor: die Langeweile. Wir haben zwar keine durchlöcherten Herzen und fühlen keine Schmerzen. Doch wissen wir auch nichts mit unseren Herzen anzufangen. Ebenso ist uns unser Aussehen egal und wir fahren keine protzigen Autos. Wem sollen wir auch imponieren? Wozu sportlicher Wettkampf? Gebrechlich wie wir sind, sitzen alle in Stadien, um Vorträge über nicht-euklidische Geometrie zu hören. Diskos sind wie ausgestorben. Nur vereinzelt stehen einige Gestalten herum und trinken ungefilterten Kaffee. Und wieder Langeweile.

Weil wir es nicht besser wissen, leben wir ungesund und kurz. In dieses kurze Leben gelangen wir ebenfalls unspektakulär. Im geschlechtsfähigen Alter zieht der “Vater” dem Sprössling am Finger, woraufhin Hans-Peter ein Ei legt. Dies fällt auf den Boden und heraus kommt “Hans-Peter jun.”. Ohne Frauen beeindrucken zu müssen, sind wir schrecklich unkreativ. So gibt es auch keine Liebesfilme oder Harry-Potter-Romane und überhaupt wandern wir Männer nur ziellos umher, riechen widerlich nach Whisky und Narbensalben, bis wir schließlich von der Klobrille rutschen und sterben.

flickr.de

Fundstücke

Mit jedem neuen Augenaufschlag musste ich eine weitere Episode ertragen. Ich sah, wie König Clinton, ohne seine Königin im Rücken, nach nur einem Jahr abtreten musste und so schon 1994 die Bushdynastie fortgesetzt wurde. Ein Jahr darauf verschwanden dann bereits die Twin Towers. Die Reaktion darauf war ein übereilter Krieg gegen die ganze Welt. Und auch wenn 1995 die Welt nur drei Milliarden Menschen bevölkerten, war sie nicht minder gewalttätig. Ganz im Gegenteil. Auf die Atombombe kamen wir auch ohne die Hilfe von Frauen. Nun besiegelten wir das Ende unseres Planeten. Gerade als die Welt aus ihren Fugen zu geraten begann, wachte ich schweißgebadet auf. Gleich am nächsten Tag rief ich meine Freundin an. Es geht auch ohne Frauen? Mag sein. Aber ohne mich!

Ausgabe 04, Februar 2008

Fragt man im Ausland nach dem bedeutendsten Deutschen, den man so kennt, bekommt man weder Goethe noch Kant oder Schuhmacher zu hören, sondern Humboldt. Dabei ist meist Alexander von Humboldt gemeint, da er mit seinen Weltreisen sehr viel greifbarere Abenteuer durchlief, als sein Bruder Wilhelm. Obwohl dieser als Theoretiker nicht minder vorkämpferisch gewesen war. Kein anderes Geschwisterpaar der Geschichte bereicherte die Menschheit mit einem ähnlich produktiven Forscherdrang wie diese beiden. Mit ihrem Namen schmücken sich Bibliotheken, Kliniken und Straßen überall auf der Welt.

wikipedia.de

Wilhelm von Humboldt

Der Bildungsreformer
Wilhelm von Humboldt beschäftigte sich vor allem mit Staatstheorien und der humanistischen Reformierung des Schul- und Hochschulwesens; aber auch mit vergleichenden Betrachtungen von Sprachen. Als Philosoph und Staatsmann gründete er 1809 die später nach ihm benannte Universität in Berlin. Der Diplomat Humboldt vertrat 1814/15 die Interessen Preußens auf dem Wiener Kongress. Aber mit seinen modernen Ansätzen rieb er sich an den konservativen Kräften in Preußen. Der Sprachforscher verfasste einflussreiche Schriften zum Bau natürlicher Sprachen.

Man sieht in ihm den Vorgänger der kognitiven Sprachauffassung, welche später Ethnolinguisten wie Benjamin Lee Whorf zum “Linguistischen Relativitätsprinzip” ausbauen sollten. Dieses geht davon aus, dass die Sprache unser Denken fundamental beeinflusst. Schon Humboldt erkannte: “Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache; um aber Sprache zu erfinden, müsste er schon Mensch seyn.”

wikipedia.de

Alexander von Humboldt

Der exaltierte Paradiesvogel
Schon vor 200 Jahren war Alexander von Humboldt ein bekennender Weltbürger. Als größter Naturforscher der Goethe-Zeit und der letzte Universalgelehrte seiner Zunft, begründete er durch seine Arbeit die Geophysik. Goethe sagte über ihn: “Was für ein Mann! Er hat an Kenntnissen und lebendigem Wissen nicht seinesgleichen!”

Seine Erkundung Lateinamerikas machte ihn berühmt: 1799 brach er in die Neue Welt auf. Mit ihm an Bord sein Gefährte, der Botaniker Aimé Bonpland. Sie bereisten das Gebiet der heutigen Staaten Ecuador, Kolumbien, Venezuela, Peru, Kuba und Mexiko. Überall waren sie die ersten Europäer, die nicht plündern, sondern forschen wollten. Für die Menschen dort ist er noch heute ein Held, da er ihnen die Augen für ihre eigene kulturelle Vergangenheit öffnete.

“Ich habe ihn immer bewundert; jetzt bete ich ihn an. Denn er allein gibt einen Begriff von den Empfindungen, die das erste Betreten der Tropen in der Seele erregt.”, konstatierte einmal Charles Darwin. Die Tropen waren für Humboldt ein Sinnesrausch. In den Kordilleren Ecuadors bestieg er, in Halbschuhen und Gehrock, den Vulkan “Chimborazo” – der mit 6310 Metern damals als der höchste Berg der Welt galt. Außerdem maß Alexander die Temperaturen des später nach ihm benannten Humboldtstroms. Nach fünf Jahren führte ihn seine Reise schließlich, über Cuba, in die USA nach Philadelphia. Als überzeugter Demokrat, der sich gegen jeglichen Rassismus aussprach, traf er dort Thomas Jefferson und war mit ihm in der Verachtung des Sklavenhandels einer Meinung. Später sagte Jefferson: “Ich sehe in ihm den bedeutendsten Wissenschaftler, den ich je getroffen habe.”

Mit sechzig Jahren nahm er sich vor, die ganze Welt zu beschreiben. Im Winter 1827 hielt er öffentliche Vorlesungen, aus denen dann sein Fundamentalwerk “Kosmos.” hervorging. Als die ersten Bände des Buches erschienen, schlug man sich förmlich darum, wie heute um die Bücher von Harry Potter. Humboldt war der Erste, der aus Wissenschaft ein hinreißendes Ereignis machte. Während die Bibel heutzutage im Supermarkt verramscht wird, ist Humboldts Gegenentwurf kaum bekannt. Soviel zur deutschen Wissensgesellschaft. Ganz Berlin kam damals und hörte ihm zu – vom Kutscher bis zum preußischen König. Als Alexander nach seinen Expeditionen das Geld ausging, musste er am Hofe des Königs regelmäßig gastieren und wie ein Vogel im goldenen Käfig von seinen Abenteuern erzählen. In dieser geistigen Verödung dachte er oft an die Tropen zurück.

Foto: M. Nakoinz

Eingang Humboldt-Universität Berlin

In seinem Buch forderte er die Gleichheit von Natur und Geist, erkannte jedoch auch, dass dieses Ziel nie vollkommen erreicht werden kann. Denn es gibt immer noch etwas zu erforschen. Hier treffen sich die kosmopolitischen Ansätze der Brüder, mit Wilhelms Idee von Wissenschaft als etwas “noch nicht Gefundenes und nie ganz zu Findendes”.
Marcel Nakoinz

Quelle: Alexander von Humboldt: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Eichborn Frankfurt/Main, 2006.

Ausgabe 02, Januar 2008

wikipedia.de

Wir können mit ihr tratschen, plappern, skandieren, rezitieren, schwadronieren, Emotionen wecken, warnen, befehlen, suggerieren und unsterblich werden. Sie ist das wunderbarste Werkzeug, das wir Menschen erschaffen haben: die Sprache. Wen wundert es da also, dass wir, seit es uns gibt, über diese in der Natur einzigartige Kreation nachdenken? Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Sprache jedoch, hat sich im Abendland erst im 19. Jahrhundert entwickelt. Das erklärte Ziel dieses “Linguistik” getauften Wissenschaftszweiges ist es, eine umfassende Theorie der Struktur der menschlichen Sprache zu erstellen. Einige der erstaunlich lebensnahen Theorien möchte ich in diesem Artikel kurz vorstellen.

Im Zeichen der Sprache
Im Mittelpunkt aller Theorie steht das Zeichen. Also die Botschaft, die von einem Sender, auf irgendeine Art vermittelt, einen Empfänger erreichen soll. Angesichts der Unermesslichkeit der erzählerischen Vielfalt und der Standpunkte ihrer Analyse befindet man sich vor einem scheinbaren Sprachchaos stehend. Ganz so wie seinerzeit Ferdinand de Saussure, der als Begründer der modernen Linguistik der “Anarchie der Mitteilungen” eine Beschreibungsgrundlage abgewinnen wollte. Derenthalben analysierte er den Begriff des Zeichens und definierte ihn als untrennbare Verbindung einer Vorstellung von einem Ding und der begrifflichen Bezeichnung davon. Ein Zeichen erlangt dabei nur im Bezug auf andere Zeichen an Bedeutung.

In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts explodierte das Interesse an Kommunikationsmodellen förmlich (Stichwort: Konfliktmanagement). Man hatte erkannt, dass die Botschaften der Menschen verstehen, auch heißt, die Menschen selbst zu verstehen. Dass dies nicht immer einfach ist, zeigt die Mehrdeutigkeit der Aussage. Hier kommt das “Vier-Seiten-Modell” ins Spiel. Nach dem deutschen Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun hat jede Botschaft vier Ebenen: “Sach-”, “Selbstkundgabe-”, “Beziehungs-” und “Appellebene”. Dementsprechend kann die Aussage: “Ich bin total erschöpft.” bedeuten: “Ich habe viel gearbeitet.”, “Ich gestehe meine Schwäche ein.”, “Ich vertraue dir.”, “Versorge mich!” oder auch: “Lass mich in Ruhe!”. Folglich können wir also mit vier verschiedenen “Zungen” reden und mit vier verschiedenen “Ohren” hören. Interessant ist hierbei die Frage, ob es stimmt, dass Frauen eher mit dem “Beziehungsohr” hören und gleichzeitig Männer eher der sachlichen Ebene verhaftet sind.

Die Macht der Worte
Aus diesen strukturalistischen Betrachtungen entwickelte sich im 20. Jahrhundert die noch junge linguistische Disziplin der Pragmatik. Hier steht nun die bis dahin als trivial geltende Verwendung der Sprache im Mittelpunkt des Interesses. Einer ihrer Gründer, der Sprachpsychologe Karl Bühler, hält ein besonders gutes Erklärungskonzept für unseren Kommunikationsprozess bereit: das “Organon-Modell”. Nach diesem hat jedes sprachliche Zeichen drei Funktionen: Als “Symbol” steht es für einen Gegenstand in der Welt (Darstellung), als “Symptom” impliziert es die Intention des Senders (Ausdruck) und als “Signal”, soll es den Empfänger beeinflussen (zielorientierter Appell).

Einen völlig anderen, aber nicht minder interessanten Aspekt beleuchtet die Sprechakttheorie von den beiden

Organon-Modell der Sprache

Organon-Modell der Sprache

Amerikanern Austin und Searle. Ihr Grundsatz lautet, dass sprachliche Äußerungen nicht nur zur Beschreibung von Sachverhalten dienen, sondern auch zum Vollzug kommunikativer Handlungen, mit denen sich die Umwelt manipulieren lässt. So zum Beispiel die Taufe, bei der nach dem Vollzug des Sprechaktes: “Ich taufe dich hiermit auf den Namen Torben.”, der oder die Betreffende anders heißt als zuvor – die Umwelt also mit der Macht der Worte verändert wurde.

Warum aber gleicht unsere Kommunikation trotz all dieser Erkenntnisse zunehmend einer Einbahnstraße? Fernsehen, Aneinandervorbeireden und “sich nichts mehr zu sagen haben” markieren solche Sackgassen der Kommunikation, die nicht selten in Abstumpfung enden. Tucholsky bemerkte zur Alltagssprache: “Ein Dialog des Alltags kennt nur Sprechende – keine Zuhörenden.” Vielleicht sollten wir öfter unsere Sprachgabe als mehr begreifen, denn als bloßes Medium zum Austausch von Informationen. Sie ist eher ein Werkzeug zur Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen. Zwar sind wir mediale Menschen geworden, doch noch lange keine Hölderlinturmbewohner. Also worauf warten Sie noch? Gehen Sie raus und teilen den Leuten mit, was Sie zu sagen haben!

Ausgabe 25, Dezember 2007

Verfasst von: marcelnakoinz | 6. August 2009

Betterplace – Eine Herzensangelegenheit

betterplace.org: Die transparente Spendenplattform im Internet.

Seltsame Dinge geschehen zuweilen in den Straßen rund um den Mexikoplatz in Zehlendorf. Es ist noch nicht allzu lange her, da spazierte ein Mann mit schwarzer Hose, grauer Flanellweste und großem, hellen Strohhut durch die Einkaufsmärkte ohne zu bezahlen, stieg in wildfremde, an der Ampel stehende Autos ein, als seien es Taxis, und regelte schon mal wagemutig den Straßenverkehr auf vielbefahrenen Kreuzungen. Doch dieser Mann war ganz sicher nicht verrückt, zurückgeblieben oder gar betrunken. Nein, die Ärzte stellten bei ihm vor sechs Jahren eine folgenschwere Diagnose: Frontotemporale Demenz.

Ein seltenes Krankheitsbild
Frontotemporale Demenz ist eine Sonderform von Alzheimerkrankheiten, in der es vor allem zu Veränderungen der Persönlichkeit und der sozialen Verhaltensweisen kommt und nicht beim üblichen Verlust des Denkvermögens und der Sprache bleibt. Im Endstadium sind die Auswirkungen zwar dieselben, aber am Anfang ist es noch sehr viel schlimmer, weswegen die Betroffenen auch schnell mit Suchtkranken verwechselt werden können. Denn es gibt bei ihnen nur Extreme. Entweder waschen sie sich gar nicht mehr oder andauernd. Entweder sie essen relativ wenig oder ständig. Von letzterem, der so genannten “oralen Enthemmung”, ist auch Frau Libets* (63) Mann mit dem Strohhut betroffen. Zudem baut aber auch noch das Kurzzeitgedächtnis extrem ab und so kommt es schon mal vor, dass Herr Libet* (62), nachdem er gerade sein Lieblingseis gegessen hat, sogar das Sättigungsgefühl vergisst.

Besonders tragisch: Diese Krankheit befällt zunehmend jüngere Menschen, die noch mitten im Berufsleben stehen. Es sind Fälle bekannt, in denen die Diagnose schon bei 39-Jährigen gestellt wurde. Bei Herrn Libet geschah dies mit 56. Die Folge: Er musste umgehend seine Arbeit aufgeben und durfte nicht mehr selbst Auto fahren. Mit ersterem hatte er keine weiteren Probleme und meinte, die Auftragslage sei sowieso gerade mau. Woher das Geld kommen sollte – dieser Gedanke kam ihm bereits nicht mehr. Aber ein Autofahrverbot? Seine Familie musste ihn förmlich vom Steuer reißen und ließ sich Geschichten einfallen wie zum Beispiel, dass das Auto gerade benötigt würde. Jetzt musste er sich von seiner Frau fahren lassen, was natürlich mit einem ständigen Fluss von Kritik an ihrer Fahrweise honoriert wurde.

Eine harte Probe
Eigentlich ist Herr Libet Brückenbauer. Der Diplom-Bauingenieur hatte ein Architekturbüro mit mehreren Angestellten, das er zusammen mit seiner Frau betrieb. Doch nun musste Frau Libet nicht nur den ganzen Haushalt allein bewältigen, sondern auch noch ihren Mann pflegen, waschen und ihm jedes Essen machen. Plötzlich war er nicht mehr der Chef des Büros, sondern seine Frau, die ihm bis dahin assistiert hatte, musste von nun an das Ruder in die Hand nehmen, was er offenkundig nicht nachvollziehen konnte. “Es war furchtbar”, stellt sie mit versteinerter Mine fest. Ohne die Selbsthilfegruppe der Alzheimergesellschaft hätte sie es nie geschafft. Sie gab ihr den Halt, den sie brauchte. Und das Gefühl, mit ihrem Schicksal nicht allein zu sein.

Die jüngste Tochter der Familie (damals noch 18) lebte zu der Zeit noch daheim und machte ihr Abitur. Sie hatte schwer darunter zu leiden, dass ihr Vater, der ja eigentlich eine Autoritätsperson sein sollte (und das weiter von sich selbst behauptete), zum Beispiel plötzlich in Unterwäsche im Zimmer stand und sie mit ihren Freundinnen, die bei ihr zu Besuch waren, fotografieren wollte. Frau Libet hält kurz inne und holt tief Luft: “Als es anfing, wurde er für uns alle zunehmend sonderbarer. Er brachte Termine durcheinander, fragte ständig nach oder vergaß als passionierter Golfturnierspieler seine Golfschuhe. Das ständige Suchen in seinen Aktenordnern schoben wir zuerst noch seiner Unordentlichkeit zu. Man denkt ja in dem Alter nicht an Alzheimer!”

Seine Freiheit ist nur eine Illusion
Doch die Verwunderungen häuften sich. Der Arztbesuch und die Diagnose folgten. Nachdem Herr Libet nicht mehr arbeiten durfte, hielt er es nicht lange zu Hause aus. Er fuhr tagsüber gern mit der S-Bahn ziellos umher. Bald vergaß er dann die Tickets zu zahlen und in den Supermärkten marschierte er einfach mit seinen Lieblingsjogurt- und Eissorten in den Armen an den staunenden Kassiererinnen vorbei. So musste Frau Libet ihn des Öfteren von der Polizei abholen.

Da er jedoch immer in dieselben Läden ging, handelte sie für ihren Mann besondere Konditionen aus und bezahlte fortan seine Rechnungen im Nachhinein. Als er wegen eines Pieptons im Ohr reihenweise Apotheken stürmte, musste Frau Libet auch diese einweihen: “Wir bauten ein regelrechtes Netzwerk um ihn herum auf, das bis zu Apotheken in Potsdam reichte. Wir wiesen die Verkäuferinnen an, ihm nur eine eigens für ihn angefertigte Medikamentenfälschung, die Traubenzuckerpillen enthielt, zu verkaufen.” Denn er hatte die Angewohnheit, alle Pillen, die ihm ausgehändigt wurden, auf einmal einzunehmen. “Damit gaben wir ihm das Gefühl, dass alles noch funktioniere und er frei entscheiden konnte, was er machte. Außerdem kleideten wir ihn auffällig mit diesem großen Strohhut, so dass wir ihn immer schnell wiederfinden konnten. Es war unglaublich wichtig überall zu erzählen, dass mein Mann Alzheimer hat. Es war wichtig, dass alle wussten, dass er krank ist und nicht ’ne Macke hat.” So Frau Libet. Auch ein Betreuer half nicht wirklich, da ihr Mann gleich wieder auf seine Ausflüge ging, sobald dieser fort war. Als die Polizei ihn dann wiederholt wegen des Besteigens fremder Autos festsetzte, kam er wegen einer “Eigen- und Fremdgefährdung” vermittels einer richterlichen Anordnung ins Heim.

Aus dem Alltag gefallen
Seit 2006 lebt Herr Libet nun in einem Pflegeheim. Dass er dort bleibt, war nicht von Anfang an selbstverständlich. “Der erste Tag, an dem wir ihn in ein Heim brachten, war der schlimmste Tag in meinem Leben. Er hat es überhaupt nicht einsehen wollen, warum er da hin muss. Er ist nicht krank, hat er immer wieder gesagt. Wir haben dann eine Pflegestufe beantragt und er hat auf Anhieb Pflegestufe II bekommen. Das muss man sich mal vorstellen. Wir haben ihn dann in das Heim gebracht und mussten uns verstecken, damit er uns nicht gleich wieder hinterher kam. Ich habe ihn beim Rausgehen noch schreien hören, dass er nicht dableiben wolle. Es war ganz grauenvoll. Er hatte bei den ersten beiden Heimen immer ganz starke Weglauftendenzen.” erinnert sich Frau Libet. “Kaum war ich in meinem Laden, bekam ich den Anruf, dass er über den Zaun geklettert sei.”

Fr. Libet

Fragmente einer Liebe
Frau Libet spricht von ihrem Mann öfter im Präteritum als im Präsens und das, obwohl sie ihn noch heute zweimal in der Woche besucht. Ob sich ihre Gefühle zu ihm geändert haben? “Ja, total, denn er ist ja plötzlich nicht mehr der Partner, den man lieben gelernt hatte. Er ist da, aber er hat mit dem, was er mal war, ein hochintelligenter Mensch mit einem kolossalen Allgemeinwissen, nichts mehr zu tun.” Sie vermisst die Gespräche mit ihm und dass er sie auch einmal in den Arm nimmt oder dass man sich bei ihm anlehnen kann, wie früher. “Aber man kann gar nichts mehr mit ihm teilen!” sagt sie fast wütend. Sie verbindet noch die Liebe von damals. Aber es ist keine gemeinsame Zukunft mehr da und auch keine Vergangenheit. Er erinnert sich an so gut wie nichts mehr. Auch sie selbst ist sich in letzter Zeit nicht mehr so sicher, ob er sie wirklich noch erkennt, wenn sie ihn besuchen kommt, oder ob er nur so tut als ob.

“Man kann mit ihm reden, aber sich nicht mehr mit ihm unterhalten”, sagt Frau Libet und schaut dabei durch das Fenster ihres Krämerladens, als suche sie etwas lang Verlorenes. Sie steht hinter ihrem Ausstellungstisch und nestelt an den kleinen Teelichtern herum, die mit jeweils drei kleinen Engeln verziert sind. Sie sind schneeweiß, genauso wie der Kronleuchter mit den Perlenketten aus Glas, der neben ihr hängt und fast untergeht in dem eng zugestellten Fundus. “Wir sind im nächsten Jahr 40 Jahre verheiratet. Vor einiger Zeit habe ich Fotos von unserer Hochzeit mitgebracht. ‚Da haben wir uns sehr schick gemacht‘, sagte er da. Ich fragte: ‚Und warum sehen wir so schick aus?‘ ‚Wir sehen halt gut aus.‘ Als ich darauf sagte: ‚Da heiraten wir!‘, meinte er nur: ‚Ach so, naja. Das ist schon lange her.‘”

Mit 16 hatten sie sich kennen gelernt, er hatte sie nach ihrem Namen gefragt und sie ein “Engelchen” genannt, erinnert sich Frau Libet und lächelt wie ein Teenager. Wird es eine Feier an ihrem Hochzeitstag geben? “Nein. Er erinnert sich ja nicht einmal mehr an die Bedeutung von Weihnachten.” Sie ist den Tränen nah. “Wenn ich den Namen unserer Kinder nenne und ihn frage, wer das ist, dann sagt er, das seien ‚deine Kinder‘. Ich muss ihn dann verbessern: ‚Aber das sind unsere Kinder.’”

Die Liebe baut Brücken, auch wenn das andere Ufer immer
ferner rückt
Manchmal hat Herr Libet auch einen lichten Moment. Einmal sitzt seine Frau neben ihm im neuen Pflegeheim. Hier, im siebten Stock, haben sie einen wunderschönen Blick über Berlin. Sie können den Fernsehturm sehen und sogar das Rote Rathaus. So beschauen sie die erblühende Natur zwischen den Laubenkolonien weiter unten im Hof. Es ist Osterzeit. Frau Libet bemerkt: “Hach, guck mal, da unten blühen die Obstbäume so schön. Das sieht doch toll aus, alles wird wieder grün.” “Jaja”, sagt er. Sie seufzt und murmelt vor sich hin: “Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…” Er guckt sie an und sagt: “…durch des Frühlings holden, belebenden Blick.” Sie erwidert erstaunt: “Im Tale grünet Hoffnungsglück.” Und er: “Der alte Winter, in seiner Schwäche, zog sich in rauhe Berge zurück.” Momente wie diese vermögen es – wie sie selbst sagt – sie “wie vom Donner zu rühren.”
* Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Ausgabe 17, August 2008

Juans starker Abgang von den Frauen gedeckt In: Jürgen Wertheimer: Don Juan und Blaubart. Erotische Serientäter in der Literatur. München 1999, S. 72.

“Nur vier Fragen lohnen es, sie sich im Leben zu stellen: Was ist heilig? Was macht den Glauben aus? Wofür lohnt es sich, zu leben? Und: Wofür lohnt es sich, zu sterben? Die Antwort ist immer dieselbe. Es ist die Liebe.”

(Aus dem US-Kinofilm von 1995: “Don Juan De Marco”)

Man mag es nicht für möglich halten, dass diese poetischen Worte einem notorischen Fremdgänger in den Mund gelegt wurden. Einem narzisstischen Eroberer und Macho, einem Frauen fressenden Unhold mit Namen Don Juan. Sein Mythos beschäftigt unsere literarische Welt seit fast vier Jahrhunderten, wie kaum ein anderer. Über dreitausend Versionen zählt mittlerweile die umfassende Don-Juan-Bibliografie. Woher kommt dieses ungebrochene Interesse? Zunächst wäre zu klären, was einen Don Juan überhaupt ausmacht. In Anbetracht der Vielfältigkeit des Stoffes lassen sich für jeden Versuch einer Definition stets eine Vielzahl von Bearbeitungen finden, die von derselbigen abweichen. Zu beachten ist hier jedoch, dass Don Juan nur eine erdachte Figur ohne Gefühle ist. Selbst Casanova, der für seine Vielweiberei weltbekannt war, liebte Frauen und kannte Herzschmerzen, wenn es ihn zur nächsten Auserwählten trieb. Don Juan dagegen kann nicht lieben; er zieht rastlos zur nächsten Eroberung.

Ein Mythos …
Die erste literarische Prägung des Don-Juan-Themas findet sich in Tirso de Molinas Drama: “Der Spötter von Sevilla und der steinerne Gast” (Uraufführung 1613 in Madrid). Wurde der junge Draufgänger hier noch am Ende für seine Frevel mit dem Tode bestraft, rückte dieses Element in späteren Adaptionen mehr und mehr in den Hintergrund. Zunächst überwogen klar die burlesken Züge der Figur. Erst in Molières Version wurde diese zum skrupellosen Herzensbrecher. Intelligenter, weniger leidenschaftlich, aber auch böser – weil Reue vortäuschend, um in die Betten der Frauen zu gelangen -, war dieser Don Juan. Leicht abgewandelt wurde er so von Mozart und da Ponte aufgegriffen. Ein Gros der späteren Bearbeitungen orientierte sich an diesen drei großen, klassischen Fassungen.

… wird neu aufgelegt
2004 erschien Peter Handkes Buch “Don Juan (erzählt von ihm selbst)”, in dem er einen traditionell rastlosen, promisken Lebenskünstler beschreibt. Doch im Gegensatz zum Ur-Don Juan, welcher sich immer nur der Körperlichkeit hingibt, treibt Handkes Figur eine innere Trauer voran, aus der seine Anziehungskraft erwächst. Er jagt keine Trophäen mehr, sondern sucht erfolglos nach DEM erfüllten Augenblick mit einer Frau. Warum nun plötzlich diese Veränderungen? Der Don-Juan-Stoff lebt davon, dass er eine gesellschaftliche Reflexion ist. Als solche muss er immer neu erfunden werden. Bis in die 60er Jahre hinein war die Rolle des Mannes klar definiert: Er war Versorger, Familienoberhaupt, Schöpfer von Kultur. Spätestens Ende der 60er Jahre begann sich dieses Männlichkeitskonzept zu zersetzen. Mit der Erosion der männlichen Stellung wurde das Interesse am anderen Geschlecht neu entfacht. Musik und Literatur kennen heute kaum ein spannenderes Thema als das der Liebe. Hier setzt Handke an und verfremdet den Mythos um zu provozieren.

wikipedia.deMännerträume
Während Jungen mit der Idee aufgezogen wurden, in einer reinen Männerwelt ihren Mann stehen zu müssen und dafür zu Hause umsorgt zu werden, müssen sie sich nun in Frage stellen, ihre Macht an die Frauen abgeben und mitunter deren Fähigkeiten erlernen. Frauen erwarten von Männern sensibel und partnerschaftlich zu sein, jedoch ohne dabei die begehrenswerte Note des rauen, feurigen Liebhabers einzubüßen. Handkes Don Juan gelingt dieser Spagat. Anstatt sich zu verbiegen und es allen Recht machen zu wollen, geht er seinen eigenen Weg. Das ist heute für viele Frauen verführerisch. Triebgesteuerte Lebemänner hingegen werden bestenfalls belächelt. Dieser neue Don Juan schafft das Kunststück, dem heutigen Bild des “Mannes in der Krise” zu entkommen, indem er sowohl zärtlich, als auch männlich ist. Ein Verführer der nächsthöheren Evolutionsstufe sozusagen. Sein Name stand schon immer für eine Abstrahierung, eine kollektive, sich ständig verändernde, sexuelle Fantasie. Zu ihr passt dieser Don Juan heute viel besser als seine Vorgänger. Handke zieht also die Uhr dieses Stoffes auf, welche in unserer modernen soziokulturellen Umgebung begann nachzugehen. Eintausend Frauen verführen kann ja jeder. Meiner Meinung nach besteht die wahre Kunst der Verführung darin, ein und dieselbe Frau eintausendmal zu verführen.

Ausgabe 23, November 2007

Sie kämpft gegen die Abhängigkeit von Männern, trägt energisch einen Wettkampf nach dem anderen mit ihnen aus und handelt selbstbestimmt in einer von Männern dominierten Welt. Die Rede ist weder von Kanzlerin Merkel, noch von Frau Schwarzer oder Jeanne d’Arc. Vielmehr geht es um das Konzept einer Frau, die die Anfänge der Emanzipationsidee schon 800 Jahre vor der 68er-Bewegung ansetzt. Ihr Name ist Brünhild. Nicht gemeint sei jene Walküre, die seit Richard Wagner die Theaterbühnen dieser Welt bevölkert. Bei ihm vermischen sich viele antike Mythen mit der eigentlichen Sage: Dem Nibelungenlied.

wikipedia.deBrünhild ist nach jener Überlieferung die alleinige Herrscherin über ein gewaltiges Territorium: Sie erscheint als die mächtige Königin von Island, und immer wieder wird neben ihrer Schönheit, ihre physische Stärke hervorgehoben. Emanzipiert bestimmt sie selbst über ihr Leben und ihren Körper. Wer um sie freien möchte, muss sich zuerst mit ihr im Weitsprung, Speer- und Steinwurf messen. Jeder, der sie nicht besiegt, wird getötet. Sie bleibt ungeschlagen. Bis ein in sie vernarrter König namens Gunther sie herausfordert. Nur mit Hilfe des unter einer Tarnkappe verborgenen Helden Siegfrieds gelingt es ihm, mit der Frau mitzuhalten, die einen Stein schleudert, für dessen Herbeischaffung ein ganzes Dutzend Männer nötig waren. Selbst der Drachentöter Siegfried zollt dieser außergewöhnlichen Frau Respekt. Ihre Stärke wird unter den Männern als Bedrohung empfunden, denn der Gebrauch von Waffen kennzeichnet die dem Mann sozial zugewiesene Rolle. Eine bewaffnete Frau gilt im Mittelalter als mystisches Element. Wen verwundert es da, dass Brünhild eine Verbindung mit dem Teufel nachgesagt wird? Dies veranschaulicht die damalige, tief verwurzelte Angst vor der Wandlung der weiblichen Rolle in der Gesellschaft, die noch über Jahrhunderte hinweg vorherrschen sollte.

Das Böse im Weibe
Die besiegte Brünhild begleitet Gunther widerwillig in sein Königreich. Dort möchte er ihr in der Hochzeitsnacht näher kommen. Doch sie ist ihm gegenüber misstrauisch, und so ist es für sie ein Leichtes, Gunther mit ihrem Gürtel an einem Nagel aufzuknüpfen. Der Präzedenzfall für den Geschlechterkampf bricht aus. Gunther will sein Gesicht nicht verlieren und bittet abermals Siegfried um Hilfe. Grotesk: Siegfried darf sie zwar umbringen, jedoch nicht vergewaltigen. Dieser Aufgabe widmet sich Gunther in der darauf folgenden Nacht höchstpersönlich, derweil der getarnte Siegfried mit Brünhild ringt, bis er ihr die Knochen bricht: “Verdammt”, dachte der Krieger bei sich, “wenn ich jetzt mein Leben durch die Hand eines Mädchens verliere, dann können künftig alle Frauen ihren Männern gegenüber auftrumpfen, die vorher nie an so etwas gedacht haben.”

Die sonst im Mittelalter verurteilte Vergewaltigung wird in dieser misogynen Zeit dadurch gerechtfertigt, dass die Männer hier eine Gefahr bannen. Durch die Deflorierung verliert die Kriegerin ihre übermenschlichen Kräfte und wird Schritt für Schritt in die höfische Gesellschaft eingegliedert. Brünhilds ursprüngliches Wesen wird destruiert. Ihre aktive Rolle übernimmt nach der heimtückischen Ermordung Siegfrieds die trauernde Kriemhild (sie war der Grund, warum er Gunther half), die sich von der Hofgesellschaft ausgrenzt und sie nach den 2.379 Strophen des Nibelungenliedes fast vollständig vernichtet. Treibender Motor der Handlung ist nicht etwa, die Heroisierung eines männlichen Helden (Erec, Parzival, Lanzelot), sondern die Rache einer Frau an einem Mord, der nur geschah, weil Männer Frauen Lügen auftischten. Brünhild und Kriemhild haben eine herausragende Bedeutung für die Motivation und Struktur der Handlung. Untypisch in einer Zeit, in der Frauen hauptsächlich für den Nachwuchs zuständig waren, vor Gericht nicht als Klägerinnen oder Zeuginnen auftreten durften und unverheiratete Frauen unter der Vormundschaft von Vätern, Brüdern oder Gatten standen.

Die Geburt einer Idee
Letztlich wird Brünhild gebändigt und Kriemhild aufgrund der Abweichungen von ihrer sozialen Rolle in Stücke zerhauen. Aber wie die Geschichte zeigt, war das nicht die letzte Schlacht der Frauen im Kampf um Gleichberechtigung und Unabhängigkeit. Die Idee war geboren, und das war das eigentlich Entscheidende. Eine Idee, die auch heute noch “en vogue” ist. Denn egal ob in Filmen wie “Kill Bill” oder in der Politik, es gilt selbstbestimmte Amazone zu sein, ist in.

Ausgabe 22, Oktober 2007

Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

Gracia Luxor

Gracia Luxor

Wenn ich spreche, kann ich fliegen,

Um mich nur Wörter, egoistische Wörter.

Kein Versuch ihnen zu widerstehn,

Blutige Angst der Erfüllung erfüllt mich.

Ich sitze im grünen Geäst der Psychologie,

Einsam – ohne je das Grün des Stammes zu sehn.

Einsam.

Um mich herum zerfließt mein Leben,

Ergießt sich in morgendlicher Abendröte und frisst sich fett.

Das Fenster lügt und daraus springt herbei,

Aller Kosmos schmaler Herzen.

Einsam.

Privilegierte Sterne und Raubkatzen,

Ließen sich hier nieder, wo die Sünde Liebe ist.

Mein Herz liegt zerrissen auf einer Bank aus Gold,

Die Fetzen streiten sich, ungeliebt, um diesen Platz.

Nachts sind Träume beinahe wie Bäume,

Und der Tag neigt sich bereits vorn über.

Einsam.

Das ist die Frage, die sich stellt,

Bis der Rest der Welt,

Leis – in sich zusammenfällt.

Einsam.

2008

Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

Make Love, not Money

Make Love, not Money

Das, liebe Leut, ist Hans von Sinnen.

In Bilderrahmen stecken statt Familie,

Bunte Geldscheine und Aktien drinnen.

Er prüfte die Einlagefazilitäten der Banken,

Im geräumig gestalteten Großraumbüro.

Er konnte dank Renditen niemals kranken,

Aber irgendetwas fehlte ihm wohl.

Dann im Mitarbeitergespräch wurde dem Herrn,

Die Qualifikationen seines Schlüssels bewusst.

Drum treffen diese hübsche Bankerin wollte er gern,

Und fragte: „Machte sie mit mir einen Jahresabschluss?“

Viele Abschreibungen später ersann Hans,

Eine kurzfristige Erfolgsrechnung mit Frau Zahn.

Sie verabredeten sich und das freute den Hans.

Dem Monopol auf ihre Liebe galt nun sein Schweiß,

Drum berechnete er zur Gewinnmaximierung,

Ihre Konjunkturzyklen und den Prohibitivpreis.

In der Disco dann, er hatte es geahnt,

Erschienen Wettbewerber auf dem freien Markt.

Diese hatten eine feindliche Übernahme geplant,

Und so stieg ihr Preis in horrende Höhen an.

So beeilte er sich und erklärte schnellen Schritts,

Sein Einkommensniveau stehe hoch, er habe Geld wie Schnee,

Ökoskopisch betrachtet sei er ein Fang und sie somit quitt.

Als er vom Fusionieren begann, fragte sie dann nur: „Heee?“

Er nahm all seinen Mut zusammen, und fragte stattdessen:

„Was sagst du zu ’nem kleinen Fick?“ Die Antwort: „Geh weg kleiner Fick.“

So saß er dann im Zug und hörte die Ansage ganz vergessen:

„Wir erreichen jetzt… dieser Zug endet hier“ und kehrte zurück.

So sitzt er wieder da und sondiert alles geschwind.

Vor Überarbeitung kippt er um und macht prompt,

Ein Geräusch, dass so ähnlich wie: „Karoshi“ klingt,

So dass von weiter hinten ein: „Gesundheit“ kommt.

2009

Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

Das nie begonnene Gedicht

Das nie begonnene Gedicht

„Schläft ein Lied in allen Dingen,

Die da träumen fort und fort,

Und die Welt hebt an zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.“

Nein, so wollt es nicht beginnen,

Wollte anders mit den Wörtern ringen.

„Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
So müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
Und hinter tausend Stäben keine Welt.“

Nein, so würd es nicht beginnen müssen,

Wollte anders des Dichters Muse küssen.

„Der Dichter gleicht dem Wolkenfürsten droben,

Er lacht des Schützen hoch im Sturmeswehn;

Doch unten in des Volkes frechem Toben

Verhindern mächt’ge Flügel ihn am Gehn.“

Das Poem nun langsam ganz von Sinnen,

Konnte keinen Anfang abgewinnen.

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.“

Von Schamesröte war das klein Poem,

Sich nun seiner Hässlichkeit bewusst.

Bekannt war jetzt das Problem,

Die Fußstapfen, sie waren viel zu groß.

So schnitt sichs an Ockhams Rasiermesser ehedem,

Und Verzweiflung brach von Innen los.

Es wollt kein Gedicht mehr sein – ganz und gar,

Außer sich brennend – nah am Rande.

Wollt nicht mehr beginnen und war,

Vor seinem Beginn schon am Ende.

2009

Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

Die Rastlose

Die Rastlose

Da bist du wieder Einsamkeit

Machst dich wieder in mir breit.

Ich glaubte dich verloren, nie wieder mehr zu sehen,

Der Abschied fiel leicht, aber ich muss verstehen,

Das wir nun wieder gemeinsame Wege gehen.

Die Tränen in meinem Gesicht,

Verschrecken dich, als einzige nicht.

Wir schwören uns ewige Liebe,

Und glauben das es so was gäbe.

Doch ziehe man das Beste aus der Zeit,

Fliegen Träume wieder weit.

Von mir zu ihr, durch Raum und Zeit,

Sind wir nun, allein zu zweit.

Ich denke an unseren letzten Kuss,

Auch wenn es weiter gehen muss.

„Du bist nur für mich gemacht“,

Habe ich immerzu gedacht.

Doch ich erfuhrs überraschend heute Nacht,

Das die Einsamkeit mir jetzt wieder zulacht.

Alles kommt und alles geht,

Ich sehe zu wie’s sich bewegt.

Die Einsamkeit ist die einzige die immer wiederkehrt,

Sie betrügt nie und liegt nie verkehrt.

Ihr Gesicht ist zwar schmerzverzerrt,

Doch ist sie bei den Liebenden, heiß begehrt.

Die Liebe, sie ruht nie

Und zwingt jede Monotonie,

In die – Knie.

2005

Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

i need you to be

i need you to be

I need you to be myself.

I want to join your dance.

The dance that has no steps.

Don’t be so urgent ‘cause,

The pursuit ends here, were it ends.

You ought pay your owes.

I need you to be alive.

My feelings for you are, I’m afraid,

So awkward and ridiculous.

Please forgive me my love.

I crave for amnesty.

I Want to become your dance.

I need you to getting me.

You’re such a marvellous woman.

Don’t be shy, why are you so elusive?

I followed your odour that emanates.

Your fragrance is a homicide to my mind.

It’s not hard to whisper: “You’re exclusive.”

You escaped once from me – it’s true.

But I found you again my darling.

Your lovely secret was the clue.

I was docile and found out were you live.

I never ever will let you go, no, no!

Whether here or there, you are mine.

Sprawl around, play hide and seek.

Thanks awful, you’re still alive.

It’s hard for a maneater to getting by, didn’t it?

You know, I was totally nuts about you,

But you had some skeletons in your closet don’t you?

You double crossed me – thought we were pals.

This hypocrite, he thought he was so bodacious.

But he wasn’t, as I ripped out his heart.

He had stolen it from you, but it is mine.

Now I want give it back to you.

This mortal, worn dagger from the den,

Will do it soon, as soon as it can.

Remember your father, right?

Thought was done for.

Was just a minute from walking away.

He never gave up the fight.

Gave the old wanker a rabbitpunch.

It was a tightrope walk to play with my heart.

I’m just a lad like any other boy.

But you my girl, are the real McCoy.

That’s the side effect of life babe.

Everyone you know is gone but me.

No obstacle is high enough to separate me from you.

Hold your tongue at bay! It hasn’t meant to be

I’m maybe obnoxious, I’m maybe daft.

But I’ll take my possession with all meiner Kraft.

2009

Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

Der Denker

Der Denker

Ich ersticke an Luft,

Verbrenne im Wasser,

Vergaß der Rosen Duft,

Vergiftet von Quellwasser.

Das Licht aus dem Mond schnitzend,

Sitz ich da in stummer, schwarzer Nacht.

Auf dem kalten, schmalen Steine sitzend,

Hab ich es beinah’ vollbracht.

Ertrinke langsam im Asphalt,

Und unter Blicken, wie scheinend Neonlicht,

Schieben Gedanken sich mit Gewalt,

Wie Wolken ineinander – als wie vor Gericht.

Meine Gedanken, sonst ein unaufhaltsam Zug,

Der nach vorn prescht, ohne jed’ Vergangenheit,

Sind nun abgekommen von vorgegeb’ner Rut’,

Und bei Tempo dreihundert vollkommen entgleist.

Als der Sommer an meinem Fenster stirbt,

Bahnen sich Gedanken durch das Dunkel,

Wie Wurzeln starker Bäume, wenn es so etwas gibt,

Die durch Teerstraßen brechen und funkeln.

Der Mond steht nackt erfroren am Himmelszelt,

Doch zuletzt ist einfach nichts geblieben,

Außer dem Geheimnis der Gedanken in Dunkelheit,

Und dem Tanz der Lichter, die sie vertrieben.

2009

Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

Violine, die

Violine, die

Eine Violine spielte schnelle Achten,

Ein Schwein bereitete sich aufs Schlachten,

Ein Mann webte violette Königstrachten,

Eine Frau verhielt sich zum Verachten.

Ein Sack stürzte auf eine Schaufel Reis,

Eine Hand verbrannte auf der Herdplatte heiß,

Ein Haus im Regen, war gestrichen, ganz in weiß,

Acht Zeilen eines Gedichts – voller reinsten Scheiß.

2008

Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

Anthropomorphische Ethologie oder Der Affe im Sarg

Anthropomorphische Ethologie oder Der Affe im Sarg

Er begegnet dir in Darwins grausem Traum,

Und schwingt sich dabei von Baum zu Baum.

Das Menschliche des Affen und das Äffische des Menschen,

Wird hinter deiner Stirn weiter ums Überleben kämpfen.

Im grauen Spiegel feuern die Neurone,

Ein Leben zu leben, das sich für dich lohne.

Du – der Affe der die Sprache fand,

Bist so besonders wie ein Korn im Sand.

Linkisch redest du dir das Universum klein,

Willst noch immer sein einzig’ Zentrum sein.

Kannst leben ohne Haie und ohne Algen,

damit sich deine Kinder um Atemkühle balgen.

Und so betrachtet, im grauen Wolkendunst,

Der Narzisst sich dann im schwarzen Spiegel.

Er bemerkt schweren Herzens – es war keine Kunst,

Und schiebt vor den Verstand ’nen bleiern’ Riegel.

Die Weltklugheit, sie welkt vor sich dahin,

Kabale und Hiebe sind nicht länger für uns drin.

Die gestrigen Power-Weiber von Ikaria,

Sind morgen schon obszön und austauschbar.

2009

Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

Geld verklebt’e Welt

Geld verklebt’e Welt

Vergib ihnen, denn sie tun nicht, was sie wissen,

Ihnen hat die Lethargie ins Hirn geschissen.

Das Morgige untersteht devot der Gegenwart,

Obwohl alles Kommend’ schon gewesen war.

Die Vergangenheit ist noch lange nicht vorbei,

Nur die Poesie macht von Raum und Zeiten frei.

Vom Zeitgeist besoffen, triefen die Massenmedien –

Propagieren das Leben des Neutrums unverlegen.

Die Löwin kratzt Augen aus, während sie liebkost.

Heuschrecken und Privatkriege sind des Söldners Trost.

Impertinente Animositäten schleudern sie uns vors Gesicht,

Tragödien sind Geschichte, heute ist’s nur noch traurig.

Das Erhabene der Welt, steht unterm Geldes Scheffel.

Das zitternd’ Licht der Vernunft, liegt vor den Schöffen.

2009

Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

Frozen

Frozen

Auf meinem Körper kann man lesen,

Das ich einmal ein Mensch gewesen.

Das Leben ist eine einzig Hast,

Erdrückt dich die Last und machst alsbald Rast,

Bist bald allein und kannst sehn, wen du noch hast!

Ich liege hier, unbeschreibliche Qualen,

Die sich durch meinen Körper aalen.

Um mich herum wird’s langsam Still,

Vernehm’ nicht mehr den Laut der Grill.

Die Augen, die schon viel zuviel gesehn’,

Strengen an, dass letzte Abendrot zu vernehm’.

Alles verschwommen – es fällt ihnen schwer,

Um mich herum ein Tränenmeer,

Es wird immer dunkler – ich sehe nichts mehr.

Der Sand, so warm, getränkt von meinem Blut,

Meinem Zorn, meinem Leichtsinn und meiner Wut.

Auf weißem Fleisch und blasser Haut,

Spür ich die Sonn – ach wie vertraut.

Der letzte Strahl durchsticht das Dunkel,

Die Sterne fangen an zu Funkeln.

Die Schatten jagen übers Land,

Das Licht wird von der Erd verbannt.

Es fröstelt mich –,

Vereist ist mein – Gesicht.

Mir ist kalt,

Ich – sterbe bald.

2001

Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

Flying Tigers

Flying Tigers

Heute fliegen Tiger wieder,

An meinem, weisen Haupt vorüber.

So wie schon im späten Tertiär,

Kommen dort all die Tiger her.

Sehe ich die Tiere wie sie fliegen,

Sich ihre Blicke um die Ecken biegen,

Kann ich etwas ganz besondres spüren:

Es wird wohl zu nichts Gutem führen.

Tausende Tiger, in allen Farben,

Flogen solange bis sie starben.

Nun da sie alt geworden,

Fällt es mir leichter sie zu morden.

Ihr süßes Fleisch füllt meinen Magen,

Warum mir Flügel wachsen, muss ich fragen.

Nachdem ich mir anmaß sie zu speisen,

Konnte ich zu fernen Sternen reisen.

Hier auf diesem kargen Mond sitz ich nun,

Mein Hirn hat nicht mehr viel zu tun.

Mit gebrochnen Flügeln sitz ich allein,

Nur noch einzig ein Gedanke fällt mir ein.

Im Geiste sehe ich wunderschöne Tiger fliegen,

Und grenzenlose Dummheit siegen.

Ich schließ die Augen, mir wird ganz…

Kommt meine Tiger, wagen wir den letzten Tanz!

2002

Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

Crying

Crying

Kribbeln in meiner Haut.

Verzerrt alles was ich fühle.

Furcht ists worin ich versunken.

Verworren was wirklich ist.

Da ist etwas in mir.

Das mich unter die Oberfläche zieht.

Verzehrend.

Verworren.

Ich fürchte dieser Mangel an Selbstkontrolle wird niemals enden.

Niemals enden.

Ich kann nicht scheinen.

Um mich selbst wieder zu finden.

Sind meine Mauern nach innen verschlossen.

Ohne Vertrauen zu fühlen, bin ich mir sicher.

Das es einfach zuviel Druck zu ertragen gibt.

Ich spürte diesen Weg zuvor.

So unsicher.

Unbehagen.

Unendliches hat sich endlich über mich gezogen.

Ich kann nicht scheinen.

Aufmerksamkeit.

Reaktion.

Gegen meinen Willen stehe ich neben meiner eigenen Reflektion.

Sie jagt mir Angst ein.

Zorn wandelt sich in Wut.

Wut gebiert Trauer.

Ich kann nicht weinen.

2005

Kategorien