Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

Die Zähmung der Widerspenstigen – die Emanzipation der Frau begann bereits im Mittelalter

Sie kämpft gegen die Abhängigkeit von Männern, trägt energisch einen Wettkampf nach dem anderen mit ihnen aus und handelt selbstbestimmt in einer von Männern dominierten Welt. Die Rede ist weder von Kanzlerin Merkel, noch von Frau Schwarzer oder Jeanne d’Arc. Vielmehr geht es um das Konzept einer Frau, die die Anfänge der Emanzipationsidee schon 800 Jahre vor der 68er-Bewegung ansetzt. Ihr Name ist Brünhild. Nicht gemeint sei jene Walküre, die seit Richard Wagner die Theaterbühnen dieser Welt bevölkert. Bei ihm vermischen sich viele antike Mythen mit der eigentlichen Sage: Dem Nibelungenlied.

wikipedia.deBrünhild ist nach jener Überlieferung die alleinige Herrscherin über ein gewaltiges Territorium: Sie erscheint als die mächtige Königin von Island, und immer wieder wird neben ihrer Schönheit, ihre physische Stärke hervorgehoben. Emanzipiert bestimmt sie selbst über ihr Leben und ihren Körper. Wer um sie freien möchte, muss sich zuerst mit ihr im Weitsprung, Speer- und Steinwurf messen. Jeder, der sie nicht besiegt, wird getötet. Sie bleibt ungeschlagen. Bis ein in sie vernarrter König namens Gunther sie herausfordert. Nur mit Hilfe des unter einer Tarnkappe verborgenen Helden Siegfrieds gelingt es ihm, mit der Frau mitzuhalten, die einen Stein schleudert, für dessen Herbeischaffung ein ganzes Dutzend Männer nötig waren. Selbst der Drachentöter Siegfried zollt dieser außergewöhnlichen Frau Respekt. Ihre Stärke wird unter den Männern als Bedrohung empfunden, denn der Gebrauch von Waffen kennzeichnet die dem Mann sozial zugewiesene Rolle. Eine bewaffnete Frau gilt im Mittelalter als mystisches Element. Wen verwundert es da, dass Brünhild eine Verbindung mit dem Teufel nachgesagt wird? Dies veranschaulicht die damalige, tief verwurzelte Angst vor der Wandlung der weiblichen Rolle in der Gesellschaft, die noch über Jahrhunderte hinweg vorherrschen sollte.

Das Böse im Weibe
Die besiegte Brünhild begleitet Gunther widerwillig in sein Königreich. Dort möchte er ihr in der Hochzeitsnacht näher kommen. Doch sie ist ihm gegenüber misstrauisch, und so ist es für sie ein Leichtes, Gunther mit ihrem Gürtel an einem Nagel aufzuknüpfen. Der Präzedenzfall für den Geschlechterkampf bricht aus. Gunther will sein Gesicht nicht verlieren und bittet abermals Siegfried um Hilfe. Grotesk: Siegfried darf sie zwar umbringen, jedoch nicht vergewaltigen. Dieser Aufgabe widmet sich Gunther in der darauf folgenden Nacht höchstpersönlich, derweil der getarnte Siegfried mit Brünhild ringt, bis er ihr die Knochen bricht: „Verdammt“, dachte der Krieger bei sich, „wenn ich jetzt mein Leben durch die Hand eines Mädchens verliere, dann können künftig alle Frauen ihren Männern gegenüber auftrumpfen, die vorher nie an so etwas gedacht haben.“

Die sonst im Mittelalter verurteilte Vergewaltigung wird in dieser misogynen Zeit dadurch gerechtfertigt, dass die Männer hier eine Gefahr bannen. Durch die Deflorierung verliert die Kriegerin ihre übermenschlichen Kräfte und wird Schritt für Schritt in die höfische Gesellschaft eingegliedert. Brünhilds ursprüngliches Wesen wird destruiert. Ihre aktive Rolle übernimmt nach der heimtückischen Ermordung Siegfrieds die trauernde Kriemhild (sie war der Grund, warum er Gunther half), die sich von der Hofgesellschaft ausgrenzt und sie nach den 2.379 Strophen des Nibelungenliedes fast vollständig vernichtet. Treibender Motor der Handlung ist nicht etwa, die Heroisierung eines männlichen Helden (Erec, Parzival, Lanzelot), sondern die Rache einer Frau an einem Mord, der nur geschah, weil Männer Frauen Lügen auftischten. Brünhild und Kriemhild haben eine herausragende Bedeutung für die Motivation und Struktur der Handlung. Untypisch in einer Zeit, in der Frauen hauptsächlich für den Nachwuchs zuständig waren, vor Gericht nicht als Klägerinnen oder Zeuginnen auftreten durften und unverheiratete Frauen unter der Vormundschaft von Vätern, Brüdern oder Gatten standen.

Die Geburt einer Idee
Letztlich wird Brünhild gebändigt und Kriemhild aufgrund der Abweichungen von ihrer sozialen Rolle in Stücke zerhauen. Aber wie die Geschichte zeigt, war das nicht die letzte Schlacht der Frauen im Kampf um Gleichberechtigung und Unabhängigkeit. Die Idee war geboren, und das war das eigentlich Entscheidende. Eine Idee, die auch heute noch „en vogue“ ist. Denn egal ob in Filmen wie „Kill Bill“ oder in der Politik, es gilt selbstbestimmte Amazone zu sein, ist in.

Ausgabe 22, Oktober 2007

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Responses

  1. Bei meiner Recherche über Brünhild für einen Nibelungenartikel aus feministischer Sicht bin ich heute auf Ihren/deinen Blogeintrag gestossen … Interessant, weil ich zuerst gar nicht glauben konnte, dass ein Mann das geschrieben hat. Warum nicht? Weil es so selten ist, dass Männer über die Frage der Rollenklischees öffentlich denken und schreiben. „Man“ könnte ja als Emanze verschrieen werden …

    Ich hätte Lust, mehr zu hören und vielleicht auch auszutauschen. Hoffentlich sehen Sie/siehst du überhaupt diesen Kommentar hier, da der Artikel ja schon ein bisschen älter ist.

    Meine daten stehen nebenan, da findet sich auch mein Blog, unter „Schreibwerkstatt“ und „Tagebuch“. Oder unter http://www.bzw-weiterdenken„.

    Beste Grüße,

    Astrid Wehmeyer

    Ach, und übrigens: Weit über Gleichberechtigung hinaus wollen wir denken!


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