Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

Don Juan ist tot, es lebe Don Juan – Ein archaisches Männerbild im Wandel der Zeit

Juans starker Abgang von den Frauen gedeckt In: Jürgen Wertheimer: Don Juan und Blaubart. Erotische Serientäter in der Literatur. München 1999, S. 72.

„Nur vier Fragen lohnen es, sie sich im Leben zu stellen: Was ist heilig? Was macht den Glauben aus? Wofür lohnt es sich, zu leben? Und: Wofür lohnt es sich, zu sterben? Die Antwort ist immer dieselbe. Es ist die Liebe.“

(Aus dem US-Kinofilm von 1995: „Don Juan De Marco“)

Man mag es nicht für möglich halten, dass diese poetischen Worte einem notorischen Fremdgänger in den Mund gelegt wurden. Einem narzisstischen Eroberer und Macho, einem Frauen fressenden Unhold mit Namen Don Juan. Sein Mythos beschäftigt unsere literarische Welt seit fast vier Jahrhunderten, wie kaum ein anderer. Über dreitausend Versionen zählt mittlerweile die umfassende Don-Juan-Bibliografie. Woher kommt dieses ungebrochene Interesse? Zunächst wäre zu klären, was einen Don Juan überhaupt ausmacht. In Anbetracht der Vielfältigkeit des Stoffes lassen sich für jeden Versuch einer Definition stets eine Vielzahl von Bearbeitungen finden, die von derselbigen abweichen. Zu beachten ist hier jedoch, dass Don Juan nur eine erdachte Figur ohne Gefühle ist. Selbst Casanova, der für seine Vielweiberei weltbekannt war, liebte Frauen und kannte Herzschmerzen, wenn es ihn zur nächsten Auserwählten trieb. Don Juan dagegen kann nicht lieben; er zieht rastlos zur nächsten Eroberung.

Ein Mythos …
Die erste literarische Prägung des Don-Juan-Themas findet sich in Tirso de Molinas Drama: „Der Spötter von Sevilla und der steinerne Gast“ (Uraufführung 1613 in Madrid). Wurde der junge Draufgänger hier noch am Ende für seine Frevel mit dem Tode bestraft, rückte dieses Element in späteren Adaptionen mehr und mehr in den Hintergrund. Zunächst überwogen klar die burlesken Züge der Figur. Erst in Molières Version wurde diese zum skrupellosen Herzensbrecher. Intelligenter, weniger leidenschaftlich, aber auch böser – weil Reue vortäuschend, um in die Betten der Frauen zu gelangen -, war dieser Don Juan. Leicht abgewandelt wurde er so von Mozart und da Ponte aufgegriffen. Ein Gros der späteren Bearbeitungen orientierte sich an diesen drei großen, klassischen Fassungen.

… wird neu aufgelegt
2004 erschien Peter Handkes Buch „Don Juan (erzählt von ihm selbst)“, in dem er einen traditionell rastlosen, promisken Lebenskünstler beschreibt. Doch im Gegensatz zum Ur-Don Juan, welcher sich immer nur der Körperlichkeit hingibt, treibt Handkes Figur eine innere Trauer voran, aus der seine Anziehungskraft erwächst. Er jagt keine Trophäen mehr, sondern sucht erfolglos nach DEM erfüllten Augenblick mit einer Frau. Warum nun plötzlich diese Veränderungen? Der Don-Juan-Stoff lebt davon, dass er eine gesellschaftliche Reflexion ist. Als solche muss er immer neu erfunden werden. Bis in die 60er Jahre hinein war die Rolle des Mannes klar definiert: Er war Versorger, Familienoberhaupt, Schöpfer von Kultur. Spätestens Ende der 60er Jahre begann sich dieses Männlichkeitskonzept zu zersetzen. Mit der Erosion der männlichen Stellung wurde das Interesse am anderen Geschlecht neu entfacht. Musik und Literatur kennen heute kaum ein spannenderes Thema als das der Liebe. Hier setzt Handke an und verfremdet den Mythos um zu provozieren.

wikipedia.deMännerträume
Während Jungen mit der Idee aufgezogen wurden, in einer reinen Männerwelt ihren Mann stehen zu müssen und dafür zu Hause umsorgt zu werden, müssen sie sich nun in Frage stellen, ihre Macht an die Frauen abgeben und mitunter deren Fähigkeiten erlernen. Frauen erwarten von Männern sensibel und partnerschaftlich zu sein, jedoch ohne dabei die begehrenswerte Note des rauen, feurigen Liebhabers einzubüßen. Handkes Don Juan gelingt dieser Spagat. Anstatt sich zu verbiegen und es allen Recht machen zu wollen, geht er seinen eigenen Weg. Das ist heute für viele Frauen verführerisch. Triebgesteuerte Lebemänner hingegen werden bestenfalls belächelt. Dieser neue Don Juan schafft das Kunststück, dem heutigen Bild des „Mannes in der Krise“ zu entkommen, indem er sowohl zärtlich, als auch männlich ist. Ein Verführer der nächsthöheren Evolutionsstufe sozusagen. Sein Name stand schon immer für eine Abstrahierung, eine kollektive, sich ständig verändernde, sexuelle Fantasie. Zu ihr passt dieser Don Juan heute viel besser als seine Vorgänger. Handke zieht also die Uhr dieses Stoffes auf, welche in unserer modernen soziokulturellen Umgebung begann nachzugehen. Eintausend Frauen verführen kann ja jeder. Meiner Meinung nach besteht die wahre Kunst der Verführung darin, ein und dieselbe Frau eintausendmal zu verführen.

Ausgabe 23, November 2007

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