Verfasst von: marcelnakoinz | 23. Juli 2009

„Er ist plötzlich nicht mehr der, den man lieben gelernt hatte.“ Demenz – und was vom Menschen übrig bleibt

Seltsame Dinge geschehen zuweilen in den Straßen rund um den Mexikoplatz in Zehlendorf. Es ist noch nicht allzu lange her, da spazierte ein Mann mit schwarzer Hose, grauer Flanellweste und großem, hellen Strohhut durch die Einkaufsmärkte ohne zu bezahlen, stieg in wildfremde, an der Ampel stehende Autos ein, als seien es Taxis, und regelte schon mal wagemutig den Straßenverkehr auf vielbefahrenen Kreuzungen. Doch dieser Mann war ganz sicher nicht verrückt, zurückgeblieben oder gar betrunken. Nein, die Ärzte stellten bei ihm vor sechs Jahren eine folgenschwere Diagnose: “Frontotemporale Demenz“.

 

Ein seltenes Krankheitsbild

Frontotemporale Demenz ist eine Sonderform der Alzheimerkrankheit, in der es vor allem zu Veränderungen der Persönlichkeit und der sozialen Verhaltensweisen kommt und nicht beim üblichen Verlust des Denkvermögens und der Sprache bleibt. Im Endstadium sind die Auswirkungen zwar dieselben, aber am Anfang ist es noch sehr viel schlimmer, weswegen die Betroffenen auch schnell mit Suchtkranken verwechselt werden können. Denn es gibt bei ihnen nur Extreme. Entweder waschen sie sich gar nicht mehr oder andauernd. Entweder sie essen relativ wenig oder ständig. Von letzterem, der so genannten “oralen Enthemmung“ ist auch Frau Libets* (63) Mann mit dem Strohhut betroffen. Zudem baut jedoch auch das Kurzzeitgedächtnis ab und so kann es vorkommen, dass Herr Libet* (62) nachdem er gerade sein Lieblingseis gegessen hat, sogar das Sättigungsgefühl vergisst.

Besonders tragisch: Diese Krankheit befällt zunehmend jüngere Menschen, die noch mitten im Berufsleben stehen. Es sind Fälle bekannt, in denen die Diagnose schon bei 39-jährigen gestellt wurde. Bei Herrn Libet geschah dies mit 56. Die Folge: Er musste umgehend seine Arbeit niederlegen und durfte nicht mehr selbst Autofahren. Mit ersterem hatte er keine weiteren Probleme und meinte lax, die Auftragslage sei sowieso gerade mau. Wo das Geld her kommen sollte – dieser Gedanke kam ihm bereits nicht mehr. Aber ein Autofahrverbot? Seine Familie musste ihn förmlich vom Steuer reißen und lies sich Geschichten einfallen wie zum Beispiel, dass das Auto gerade benötigt würde. Jetzt musste er sich von seiner Frau fahren lassen, was natürlich mit einem ständigen Fluss von Kritik an ihrer Fahrweise honoriert wurde.

 

Eine harte Probe

Eigentlich ist Herr Libet Brückenbauer. Der Diplom-Bauingenieur hatte ein Architekturbüro mit mehreren Angestellten, das er zusammen mit seiner Frau betrieb. Doch nun musste Frau Libet nicht nur den ganzen Haushalt allein bewältigen, sondern auch noch ihren Mann pflegen, waschen und ihm das Essen zubereiten. Plötzlich war er nicht mehr der Chef des Büros, sondern seine Frau musste von nun an das Ruder in die Hand nehmen, was er offenkundig nicht nachvollziehen konnte. „Es war furchtbar“, stellt sie mit versteinerter Mine fest. Ohne die Selbsthilfegruppe der Alzheimergesellschaft hätte sie es nie geschafft. Sie gab ihr den Halt, den sie brauchte und das Gefühl, mit ihrem Schicksal nicht allein zu sein.

Die jüngste Tochter der Familie (damals noch 18) lebte zu der Zeit noch daheim und machte ihr Abitur. Sie hatte schwer darunter zu leiden, dass ihr Vater, der ja eigentlich eine Autoritätsperson sein sollte (und das weiter von sich selbst behauptete), zum Beispiel plötzlich in Unterwäsche im Zimmer stand und sie mit ihren Freundinnen fotografieren wollte. Frau Libet hält kurz inne und holt tief Luft: „Als es anfing, wurde er für uns alle zunehmend sonderbarer. Er brachte Termine durcheinander, fragte ständig nach oder vergaß als passionierter Golfturnierspieler seine Golfschuhe. Das ständige Suchen in seinen Aktenordnern schoben wir zuerst noch seiner Unordentlichkeit zu. Man denkt ja in dem Alter nicht an Alzheimer!“

 

Seine Freiheit ist nur eine Illusion

Doch die Verwunderungen häuften sich. Ein Arztbesuch und die Diagnose folgten. Nachdem Herr Libet nicht mehr arbeiten durfte, hielt er es nicht lange zu Hause aus und fuhr tagsüber gern mit der S-Bahn ziellos umher. Bald vergaß er dann die Tickets zu zahlen und in den Supermärkten marschierte er einfach mit seinen Lieblingsjogurt- und Eissorten im Arm an den staunenden Kassiererinnen vorbei. So musste Frau Libet ihn des Öfteren von der Polizei abholen.

Da er jedoch immer in dieselben Läden ging, handelte sie für ihren Mann besondere Konditionen aus und bezahlte fortan seine Rechnungen im Nachhinein. Als er wegen eines Pieptons im Ohr reihenweise Apotheken stürmte, musste Frau Libet auch diese einweihen: „Wir bauten ein regelrechtes Netzwerk um ihn herum auf, das bis zu Apotheken in Potsdam reichte. Wir wiesen die Verkäuferinnen an, ihm nur eine eigens für ihn angefertigte Medikamentenfälschung, die Traubenzuckerpillen enthielt, zu verkaufen.“ Denn er hatte die Angewohnheit, alle Pillen, die ihm ausgehändigt wurden, auf einmal einzunehmen. „Damit gaben wir ihm das Gefühl, dass alles noch funktioniere und er frei entscheiden konnte, was er machte. Außerdem kleideten wir ihn auffällig mit diesem großen Strohhut, so dass wir ihn immer schnell wieder finden konnten. Es war wichtig, dass alle wussten, dass er krank ist und nicht ’ne Macke hat“, so Frau Libet. Auch ein Betreuer half nicht wirklich, da ihr Mann gleich wieder auf seine Ausflüge ging, sobald dieser fort war. Als die Polizei ihn dann wiederholt wegen des Besteigens fremder Autos festsetzte, kam er wegen einer “Eigen- und Fremdgefährdung“ vermittels einer richterlichen Anordnung in ein Heim.

 

Aus dem Alltag gefallen

Seit 2006 ist Herr Libet nun in einem Pflegeheim. Das er dort bleibt, war nicht von Anfang an selbstverständlich. „Der erste Tag, an dem wir ihn in ein Heim brachten, war der schlimmste Tag in meinem Leben. Er hat es überhaupt nicht einsehen wollen, warum er da hin muss. Er ist nicht krank, hat er immer wieder gesagt. Wir haben dann eine Pflegestufe beantragt und er hat auf Anhieb Pflegestufe II bekommen. Das muss man sich mal vorstellen. Wir haben ihn dann in das Heim gebracht und mussten uns verstecken, damit er uns nicht gleich wieder hinterher kam. Ich habe ihn beim Rausgehen noch schreien hören, dass er nicht dableiben wolle. Es war ganz grauenvoll. Er hatte bei den ersten beiden Heimen immer ganz starke Weglauftendenzen“, erinnert sich Frau Libet. „Kaum war ich in meinem Laden, bekam ich den Anruf, dass er über den Zaun geklettert sei.“

Frau Libet in ihrem Krämerladen

 

Fragmente einer Liebe

Frau Libet spricht von ihrem Mann öfter im Präteritum als im Präsens und das, obwohl sie ihn noch heute zweimal in der Woche besucht. Ob sich ihre Gefühle zu ihm geändert haben? „Ja total, denn er ist ja plötzlich nicht mehr der Partner, den man lieben gelernt hatte. Er ist da, aber er hat mit dem was er einmal war, ein hochintelligenter Mensch mit einem kolossalen Allgemeinwissen, nichts mehr zu tun.“ Sie vermisst die Gespräche mit ihm und dass er sie auch einmal in den Arm nimmt oder dass man sich an ihm anlehnen kann, wie früher. „Aber man kann gar nichts mehr mit ihm teilen!“, sagt sie fast wütend. Sie verbindet einzig die Liebe von vergangen Tagen. Aber es ist keine gemeinsame Zukunft mehr da und auch keine gemeinsam teilbare Vergangenheit. Herr Libet erinnert sich an so gut wie nichts mehr. Auch seine Frau ist sich in letzter Zeit nicht mehr so sicher, ob er sie wirklich noch erkennt, wenn sie ihn besuchen kommt, oder ob er nur so tut als ob.

„Man kann mit ihm reden, aber sich nicht mehr mit ihm unterhalten“, sagt Frau Libet und schaut dabei durch das Fenster ihres Krämerladens, als suche sie etwas lang Verlorenes. Sie steht hinter ihrem Ausstellungstisch und nestelt an einigen kleinen Teelichtern, die von jeweils drei kleinen Engeln verziert sind. Sie sind schneeweiß, genauso wie der Kronleuchter mit den Perlenketten aus Glas, der neben ihr hängt und fast untergeht in dem eng zugestellten Fundus. „Wir sind im nächsten Jahr 40 Jahre verheiratet. Vor einiger Zeit habe ich Fotos von unserer Hochzeit mitgebracht. ‚Da haben wir uns sehr schick gemacht’, sagte er da. Ich fragte: ‚Und warum sehen wir so schick aus?’ ‚Wir sehen halt gut aus.’ Als ich darauf sagte: ‚Da heiraten wir!’, meinte er nur: ‚Ach so, naja. Das ist schon lange her.’“

Mit 16 hatten sie sich kennen gelernt, er hatte sie nach ihrem Namen gefragt und sie ein „Engelchen“ genannt, erinnert sich Frau Libet und lächelt wie ein Teenager. Wird es eine Feier an ihrem Hochzeitstag geben? „Nein. Er erinnert sich ja nicht einmal mehr an die Bedeutung von Weihnachten.“ Sie ist den Tränen nah. „Wenn ich den Namen unserer Kinder nenne und ihn frage wer das sei, dann sagt er ‚das sind deine Kinder’. Ich muss ihn dann verbessern: ‚Aber das sind unsere Kinder.’“

 

Die Liebe baut Brücken, auch wenn das andere Ufer immer ferner rückt

Manchmal hat Herr Libet auch einen hellen Moment. Einmal sitzt seine Frau neben ihm im neuen Pflegeheim. Hier, im siebten Stock, haben sie einen wunderschönen Blick über Berlin. Sie können den Fernsehturm sehen und sogar das Rote Rathaus. So beschauen sie die erblühende Natur zwischen den Laubenkolonien weiter unten im Hof. Es ist Osterzeit. Frau Libet bemerkt: „Hach guck mal, da unten blühen die Obstbäume so schön. Das sieht doch toll aus, alles wird wieder grün.“ „Jaja“, sagt er. Sie seufzt und murmelt vor sich hin: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…“ Er guckt sie an und sagt: „…durch des Frühlings holden belebenden Blick.“ Sie erwidert erstaunt: „Im Tale grünet Hoffnungsglück.“ Und er: „Der alte Winter, in seiner Schwäche, zog sich in rauhe Berge zurück.“ In Momenten wie diesen ist Frau Libet, wie selbst sagt, wie vom Donner gerührt.

– Marcel Nakoinz

*Name wurde von der Redaktion geändert

Herr Libet ist einer von 700000 Alzheimer-Patienten in Deutschland und von 24 Millionen auf der Welt.

 

Ausgabe 17, August 2008

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