Verfasst von: marcelnakoinz | 9. August 2009

Mit der Lizenz zum Musizieren

Jeden Mittwoch stehen um sechs Uhr morgens einige Gestalten im, ansonsten noch recht unbelebten, Tunneldurchgang des U-Bahnhofs Rathaus Steglitz Schlange. Ihre schläfrigen Gesichter schauen voller Erwartung in Richtung eines frühstückseigelben Leuchtschildes mit der Aufschrift: „Genehmigung zum Musizieren auf den U-Bahnhöfen“. Es gehört zu einer in Deutschland einzigartigen Vergabestelle. Wer zuerst kommt und sich in die Warteliste einträgt, darf, wenn sich der Schalter um sieben Uhr öffnet, als Erster einen Wunschbahnhof für die Folgewoche aussuchen. Bald trifft ein Dutzend weiterer Straßenmusiker ein; die meisten von ihnen kommen aus Russland.

Peter

Peter

Peter mit Hund
Peter Z. ist heute der erste auf der Liste. Der 59-jährige kommt aus Charlottenburg und spielt die Bluesharp. Peters ergraute, schulterlange Haare werden zur Hälfte von einer grauen Wollmütze verdeckt. Dazu trägt er eine schwarze Winterjacke und eine ebenso schwarze Lederhose, die an der Seite geschnürt ist. Peter ist beinahe taub. Fünf Prozent seines Gehörs auf dem rechten Ohr eröffnen ihm noch eine letzte Verbindung zur Außenwelt, können aber nicht das Lippenlesen ersetzen: „Das reicht doch! Ich sage immer, entweder bist du ein guter oder ein schlechter Musiker.“ Peter hat seine Musik noch nie gehört: „Sie soll aber fantastisch sein. Ich habe schon Konzerte vor 200 Leuten gegeben und die waren begeistert.“

Wenn er seine Notenhefte herausholt, schöpft er mittlerweile aus einem Repertoire von über 3000 Liedern: Klassik, Country Musik, deutsche und irische Folklore. Als wahres Urgestein bespielt Peter die Berliner U-Bahnhöfe schon, seitdem sie vor 20 Jahren von den Berliner Verkehrsbetrieben freigegeben wurden. „Wir haben damit etwas legalisiert, das es auch schon vorher gab“, erklärt BVG-Pressesprecher Klaus Wazlak. Der kleine, untersetzte Mittfünfziger mit filigraner Brille, akkurat gestutztem Vollbart und blauschwarzem Anzug sitzt in der BVG-Leitstelle. „Bis vor einigen Jahren verteilte man die Bahnhöfe noch via Losverfahren. Doch es stellte sich heraus, dass jene, die sich zuerst anstellten, die Lose teuer weiterverkauften.“

„Mafiöse Strukturen hat das verursacht“, sagt Peter, der mithalf, sie zu zerschlagen: „Vor ungefähr sechs Jahren habe ich der BVG mit Anzeige beim Zoll gedroht, weil bis zu 90 Leute hierher gekommen sind und alle Genehmigungen aufgekauft haben.“ Auf Peters Vorschlag hin erhält jetzt jeder Musiker nur noch einen Topbahnhof. Letztere sind Verkehrs- und Touristenknotenpunkte in der Stadt, also Alexanderplatz, Potsdamer Platz etc. Sie sind heiß begehrt, da hier auch für jene etwas abfällt, die eigentlich gar nicht spielen können.


„Es ist ein Kampf“
Donnerstag, 17 Uhr, U-Bahnhof Stadtmitte. Die Fahrgäste drängen sich in Wogen die 26 Treppenstufen auf und ab, von deren Zwischenebene heute irische Musik ertönt. „Die Leute werfen immer öfter nur im Vorbeigehen einen Cent rein. Sie behandeln einen wie einen Penner. Das tut weh. Das sind dieselben, die ihre Kinder wegzerren, wenn sie mal zuhören wollen. Aus denen werden doch auch nur wieder Ignoranten, Menschen mit schlechten Schwingungen“, stellt Peter verbittert fest. Und für Schwingungen ist er nun mal empfänglich. „Wir haben es nicht leicht. Wir kriegen den ganzen Ärger ab, der sich wegen der Bettler in den U-Bahnen angesammelt hat. Manche kommen mit Nazisprüchen: ‚Du Penner, geh arbeiten, so was müsste ins Lager rein.‘ Dabei habe ich eine Arbeit, ich bin Hausmeister!“ Er lacht bitter.

Ein Kampf um Kleinigkeiten
In Wazlaks Büro ist es angenehm warm und im Eingangsbereich steht ein lebensgroßes, knallbuntes BVG-Playmobilmännchen. Der Pressesprecher der BVG gesteht ein: „Wir haben natürlich jede Menge illegaler Musiker in der U-Bahn. Das ist eine Folge der Maueröffnung.“ Aber: „Das müssen die unter sich ausmachen. Wir haben natürlich noch etwas anderes zu tun, als von 40 oder 50 U-Bahnhöfen detailliert die Musikgenehmigungen zu kontrollieren.“ Dabei ist Berlin die einzige Stadt in Deutschland, in der U-Bahnmusik überhaupt erlaubt ist. „Wir können das nur so lange anbieten, wie sich die Kosten in Grenzen halten“, so Wazlak weiter.  In München ist sie generell verboten. In Hamburg sogar ein zu lauter Walkman. Wazlak konstatiert: „Das ist wirklich ein Mehrwert, den wir für Berlin leisten. Weil wir wissen, dass die Attraktivität von Berlin gerade bei Touristen von solchen Kleinigkeiten abhängt.“

Ausgabe 04, Februar 2008

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