Verfasst von: marcelnakoinz | 9. August 2009

Wer „A“ sagt, sagt mehr als ihm lieb ist – Die theoretischen Modelle der Kommunikation

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Wir können mit ihr tratschen, plappern, skandieren, rezitieren, schwadronieren, Emotionen wecken, warnen, befehlen, suggerieren und unsterblich werden. Sie ist das wunderbarste Werkzeug, das wir Menschen erschaffen haben: die Sprache. Wen wundert es da also, dass wir, seit es uns gibt, über diese in der Natur einzigartige Kreation nachdenken? Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Sprache jedoch, hat sich im Abendland erst im 19. Jahrhundert entwickelt. Das erklärte Ziel dieses „Linguistik“ getauften Wissenschaftszweiges ist es, eine umfassende Theorie der Struktur der menschlichen Sprache zu erstellen. Einige der erstaunlich lebensnahen Theorien möchte ich in diesem Artikel kurz vorstellen.

Im Zeichen der Sprache
Im Mittelpunkt aller Theorie steht das Zeichen. Also die Botschaft, die von einem Sender, auf irgendeine Art vermittelt, einen Empfänger erreichen soll. Angesichts der Unermesslichkeit der erzählerischen Vielfalt und der Standpunkte ihrer Analyse befindet man sich vor einem scheinbaren Sprachchaos stehend. Ganz so wie seinerzeit Ferdinand de Saussure, der als Begründer der modernen Linguistik der „Anarchie der Mitteilungen“ eine Beschreibungsgrundlage abgewinnen wollte. Derenthalben analysierte er den Begriff des Zeichens und definierte ihn als untrennbare Verbindung einer Vorstellung von einem Ding und der begrifflichen Bezeichnung davon. Ein Zeichen erlangt dabei nur im Bezug auf andere Zeichen an Bedeutung.

In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts explodierte das Interesse an Kommunikationsmodellen förmlich (Stichwort: Konfliktmanagement). Man hatte erkannt, dass die Botschaften der Menschen verstehen, auch heißt, die Menschen selbst zu verstehen. Dass dies nicht immer einfach ist, zeigt die Mehrdeutigkeit der Aussage. Hier kommt das „Vier-Seiten-Modell“ ins Spiel. Nach dem deutschen Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun hat jede Botschaft vier Ebenen: „Sach-„, „Selbstkundgabe-„, „Beziehungs-“ und „Appellebene“. Dementsprechend kann die Aussage: „Ich bin total erschöpft.“ bedeuten: „Ich habe viel gearbeitet.“, „Ich gestehe meine Schwäche ein.“, „Ich vertraue dir.“, „Versorge mich!“ oder auch: „Lass mich in Ruhe!“. Folglich können wir also mit vier verschiedenen „Zungen“ reden und mit vier verschiedenen „Ohren“ hören. Interessant ist hierbei die Frage, ob es stimmt, dass Frauen eher mit dem „Beziehungsohr“ hören und gleichzeitig Männer eher der sachlichen Ebene verhaftet sind.

Die Macht der Worte
Aus diesen strukturalistischen Betrachtungen entwickelte sich im 20. Jahrhundert die noch junge linguistische Disziplin der Pragmatik. Hier steht nun die bis dahin als trivial geltende Verwendung der Sprache im Mittelpunkt des Interesses. Einer ihrer Gründer, der Sprachpsychologe Karl Bühler, hält ein besonders gutes Erklärungskonzept für unseren Kommunikationsprozess bereit: das „Organon-Modell“. Nach diesem hat jedes sprachliche Zeichen drei Funktionen: Als „Symbol“ steht es für einen Gegenstand in der Welt (Darstellung), als „Symptom“ impliziert es die Intention des Senders (Ausdruck) und als „Signal“, soll es den Empfänger beeinflussen (zielorientierter Appell).

Einen völlig anderen, aber nicht minder interessanten Aspekt beleuchtet die Sprechakttheorie von den beiden

Organon-Modell der Sprache

Organon-Modell der Sprache

Amerikanern Austin und Searle. Ihr Grundsatz lautet, dass sprachliche Äußerungen nicht nur zur Beschreibung von Sachverhalten dienen, sondern auch zum Vollzug kommunikativer Handlungen, mit denen sich die Umwelt manipulieren lässt. So zum Beispiel die Taufe, bei der nach dem Vollzug des Sprechaktes: „Ich taufe dich hiermit auf den Namen Torben.“, der oder die Betreffende anders heißt als zuvor – die Umwelt also mit der Macht der Worte verändert wurde.

Warum aber gleicht unsere Kommunikation trotz all dieser Erkenntnisse zunehmend einer Einbahnstraße? Fernsehen, Aneinandervorbeireden und „sich nichts mehr zu sagen haben“ markieren solche Sackgassen der Kommunikation, die nicht selten in Abstumpfung enden. Tucholsky bemerkte zur Alltagssprache: „Ein Dialog des Alltags kennt nur Sprechende – keine Zuhörenden.“ Vielleicht sollten wir öfter unsere Sprachgabe als mehr begreifen, denn als bloßes Medium zum Austausch von Informationen. Sie ist eher ein Werkzeug zur Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen. Zwar sind wir mediale Menschen geworden, doch noch lange keine Hölderlinturmbewohner. Also worauf warten Sie noch? Gehen Sie raus und teilen den Leuten mit, was Sie zu sagen haben!

Ausgabe 25, Dezember 2007

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