Verfasst von: marcelnakoinz | 25. August 2009

Protest ist meine Waffe

Marcel Mitu

Marcel Mitu

Marcel Mitu (43) kommt aus Rumänien. Seine abgetragene rehbraune Hose und sein schlichtes marineblaues T-Shirt wirken ordentlich und machen einen gepflegten Eindruck. Seine Worte sind klar und konzentriert. Nichts an seiner Erscheinung, die ihn kaum von den herumwirbelnden Fußgängern auf den Straßen Berlins abhebt, lässt darauf schließen, was er durchgemacht hat. Nur der lebenserfahrene Blick lässt mehr vermuten. Der Rumäne flüchtete einst vor einer totalitären Regierung. An der Grenze wurde auf ihn geschossen. In Deutschland angekommen, sperrt man ihn 15 Monate hinter Gitter, um ihn dann schließlich abzuschieben. Doch Marcel Mitu gibt nicht auf und kommt wieder. Diesmal nach Berlin.

Die Akte Marcel Mitu
Alles fing damit an, dass Marcel es nicht mehr in seiner pseudosozialistischen Heimat aushielt und er Zuflucht in einem westeuropäischen Staat suchte. Sein Weg führte ihn 1988, ohne Hab und Gut oder Visum, nach Stuttgart. Kaum angekommen, geriet er aufgrund einer Verleumdungsklage, für Taten die er – wie er bekräftigt – nie beging, über ein Jahr ins Gefängnis. Dahinter steckten, wie er meint, rumänische Spitzel, die im Ausland nach Flüchtlingen Ausschau hielten. Mitu möchte auch heute nicht zurück in sein Land, weil seiner Meinung nach dieselben Leute noch immer an der Macht sind – nur in anderen Positionen oder unter anderen Namen.

Skandalös: In Stuttgart machte man ihm – nach seinen Angaben – nicht einmal den Prozess. Man sperrte ihn einfach weg. So lange, bis man ihn aus Deutschland ausweisen konnte. Dafür hat er allerlei Beweise dabei. In seinem Rucksack befinden sich mehr Aktenordner mit Papieren über seine Behördengänge als Ersatzkleider. Darunter ist auch ein psychiatrisches Gutachten, welches er anfertigen lassen musste, als er 2006 nach Deutschland zurückkehrte und in Berlin vor dem Reichstag protestierte. Nachdem er offiziell bescheinigt bekam, dass er nicht geisteskrank ist, durfte er weiter protestieren, aber nicht vor dem Reichstag – da wollte man ihn nicht mehr sehen. Doch auch seinen Hungerstreik am Brandenburger Tor musste er abbrechen, nachdem ihn eines Nachts Unbekannte zusammentraten. Eine Zeitlang verkaufte er zwar auch den strassenfeger, aber da kaufte ihm niemand mehr seinen Protest ab. Er hatte sich zu entscheiden.

Der einsame Protest

Mitu's Lager unter dem S-Bahnhof Friedrichstraße

Mitu's Lager unter dem S-Bahnhof Friedrichstraße

Er weilt mitten unter uns mehr oder weniger verwöhnten Partyberlinern. Unweit von Unterhaltungsfabriken wie dem Admiralspalast und dem Friedrichstadtpalast hat Marcel Mitu unter der S-Bahnbrücke auf der Berliner Friedrichstraße sein Lager aufgeschlagen. Er schläft auch hier. An einem Pfosten am Straßenrand hisst er derzeit die rumänische Fahne und lehnt zwei Türen aneinander, auf denen er die Artikel des Grundgesetzes auflistet, die er in seinem Fall verletzt sieht. „Die Demokratie in Deutschland funktioniert auf dem Papier wunderbar. Praktisch jedoch ist sie eine Katastrophe. Meine Rechte werden auch jetzt, da ich ein EU-Bürger bin, weiterhin mit Füßen getreten“, so Mitu. Im vergangenen Winter schlief er hier bei minus 15 Grad Celsius. Jede Nacht. Aus Protest. Dieser geht an den Menschen, die tagtäglich an ihm vorbeischlendern, nicht spurlos vorbei. Jedoch glauben viele nicht, dass er freiwillig unter der Brücke schläft.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“
Dieses geflügelte Wort hat Marcel Mitu bei uns in all seinen Dimensionen kennen lernen dürfen. Es sieht so aus, als wäre kein Platz für jemanden wie ihn in der Spaßgesellschaft Deutschland. „Warum war dein Fall nie in den Medien“, wird er oft ungläubig gefragt. Das liege daran, dass Mitarbeiter von Zeitungen und Medien oft großes Interesse bekunden würden, letztendlich jedoch die Chefetagen sich gegen die Publizierung dieses unschönen Kapitels der Ignoranz deutscher Politik entscheiden müßten. Es sei ihnen zu „heikel“. Uns nicht. Wir geben Menschen wie Marcel Mitu Gehör. Seit Jahren hat er seine Familie nicht mehr gesehen. So auch seine Frau und die beiden Kinder. Ich frage ihn, ob es das wert ist und wie lange er noch protestieren wird? Er sieht mir in die Augen und lächelt. Er wird niemals müde, gegen die Missstände anzukämpfen, die ihm widerfahren sind. Aber er kämpft dabei nie mit unlauteren Mitteln. Er würde nie betteln oder stehlen: „Meine Waffe ist der Protest“ – bis dass die Regierung seinen Status als Opfer politischer Verfolgung anerkennt. Darauf besteht er.

Weiterhin will er seine Existenz damit bestreiten, dass er die verschiedenen Angebote wahrnimt, die sich ihm in der Grausphäre der deutschen Metropole bieten. Sein Beharrungsvermögen sollte zu denken geben! Denn nicht allein der Protest, sondern die über lange Zeit für diesen Widerstand durchgestandene jämmerliche Lage ist ein Anzeichen dafür, dass Marcel Mitu kein Spinner ist, sondern seine Angelegenheit endlich einmal untersucht werden sollte. Vielleicht kann diesem Mann und seiner Familie geholfen werden? Wir bleiben auf jeden Fall dran.

Ausgabe 16, August 2009

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Responses

  1. Ich bin durch diesen artikel besser informiert als durch MARCEL selbst. Danke. Vor einigen wochen stand auch sein fall im Bkurier an einem montag. Da er ende mai wieder einen hungerstreik durchführt (diesmal mit blutkontrolle), weiß ich nicht, wo er ist; denn ich fand seinen platz unter der brücke leer. Ist er in einem krankenhaus, oder hat man sich richterlicherseits seines falles wieder angenommen?
    Wenn der adressat das weiß, bitte antworten. Ansonsten muß ich mich wohl an die caritas wenden, denn die hat ihm als adresse gedient. Gruß FJR = LEONARDELL, 11.6.010

    • Ich weiß leider auch nicht, wo er abgeblieben ist. Ich habe ihn noch bis vor kurzer Zeit ab und an dort wieder angetroffen, aber auf einmal ist er verschwunden. Wenn Sie Neues von ihm in Erfahrung bringen können, wäre ich dankbar, wenn Sie mich informieren könnten.

      • wir haben mit bruder johannes gesprochen,wo er immer zum essen war,der wusste auch nichts,dann haben wir die polizei angerufen,von seinem bezirk,die haben uns die info gegeben,das er ihnen noch einen brief zukommen gelassen hat,wo drin stand,das er sich bedankt,das die polizisten sich ihm gegenüber immer so kulant verhalten haben,und dann war er weg,…

    • Hallo,

      und zwar sind wir auch auf der suche nach Marcel,wir kennen ihn schon fast 2 jahre und machen uns grosse sorgen,er hat immer auf unseren Hund aufgepasst,wenn sie wissen wo er ist,oder sonst etwas neues von ihm hören,wären wir dankbar,sie würden uns bescheid sagen,..

      MfG Metz,Meyer

  2. Bitte meldet euch bei uns wenn ihr was neues wisst!

    MfG Metz,Meyer

  3. Ich
    bin durch diesen artikel besser informiert als durch MARCEL selbst.
    Danke. Vor einigen wochen stand auch sein fall im Bkurier an einem
    montag. Da er ende mai wieder einen hungerstreik durchführt (diesmal
    mit blutkontrolle), weiß ich nicht, wo er ist; denn ich fand seinen
    platz unter der brücke leer. Ist er in einem krankenhaus, oder hat man
    sich richterlicherseits seines falles wieder angenommen?
    Wenn der adressat das weiß, bitte antworten. Ansonsten muß ich mich
    wohl an die caritas wenden, denn die hat ihm als adresse gedient. Gruß
    FJR = LEONARDELL, 11.6.010

  4. Ich bin in meiner recherche weitergekommen und habe diese e-briefe gelesen. MM hält sich in Wusterhausen (Königs-) auf. Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Aber er soll gönner gefunden haben, die sich für ihn einsetzen. Wenn ihm jmd.Deutsch schreiben, sprechen kann er fast alle €päischen sprachen, auch zum großen teil verstehen, kann er einst am computergeschehen teilnehmen. Ein ist ein heutiger SPARTACUS, ein durch geschehnisse gestählter charakter. Ich zähle ihn ungefragt zu meinen wenigen lebenden philosophischen freunden. Wenn ich ihn mal treffe, werde ich mich viele stunden mit ihm unterhalten. Ich habe viele freunde und freundinnen, die weiterhin mit MM kommunizieren. Es grüßt fjr + leonardell


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