Verfasst von: marcelnakoinz | 2. September 2009

Reden ist Silber… – Über die Rolle der Kultur bei der Entwicklung der menschlichen Sprache

Du bist, wie du es sagst

Du bist, wie du es sagst

Ohne Kultur gibt es keine Sprache. Um sich davon zu überzeugen, brauchen Sie sich nicht in ukrainischen Höhlensystemen auf die umständliche Suche nach Wolfskindern zu machen. Buchen Sie einfach Ihren geplanten Mallorca-Urlaub auf einen Trip in das Herz Brasiliens um. Auch wenn es teurer wird, ein Hinflugticket reicht ja meistens. Zurück will man sowieso nicht mehr, hat man erst einmal die Pirahã kennen gelernt. Das gilt zumindest für Sprachforscher, die sich, von diesem kleinen Amazonas-Völkchen fasziniert, dort mittlerweile gegenseitig auf die Füße treten. Denn im Dickicht des Regenwaldes erwartet diese neben Pumas, Tapiren und Spinnenaffen auch eine folgenschwere Erkenntnis. Das Volk der Pirahã kennt nämlich weder Nebensätze, noch Vergangenheitsformen, Zahl- oder Farbwörter. Das liegt laut Psycholinguist Daniel Everett nicht an ihrer geringeren Intelligenz, sondern vielmehr an ihrer Kultur. Sie leben im Hier und Jetzt. Alle Ereignisse sind verankert im Moment des Sprechens. Es sind also nicht allen Menschen die gleichen grammatischen Prinzipien angeboren, die wir dann nur noch automatisch anwenden lernen, wie man bisher annahm. Sprache kommt vielmehr durch die Kultur in die Welt.

wikipedia.de

Reden ist Silber...

Warum in die Ferne schweifen…?
Sie können aber auch das Moskitonetz im Spind lassen und einfach Ihre eigenen Kinder neu entdecken. Der Psychologe Lew S. Wygotski untersuchte bereits Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Entstehung der ‚inneren Sprache’ in der kindlichen Entwicklung. Sie äußert sich in einer sehr ‚ich-bezogenen’ Kommunikation, wie etwa im Rollenspiel, in dem das Kind sich selbst und anderen verschiedene Rollen zuweist (z.B. „Kaufmannsladen“). Erst später sprechen Kinder zu sich selbst, um Probleme zu lösen, oder benutzen die Finger zum Zählen.

Für Forscher ist die Sprachentwicklung bei Kindern heute so interessant, weil bei jedem von ihnen die Evolution gewissermaßen noch einmal im Zeitraffer abläuft. Als Beweis dafür könnte die Erkenntnis dienen, dass die menschliche Kindheit erst nach dem Homo erectus entstanden ist. Nach dem Linguisten Derek Bickerton wurde die längere Kindheit erst mit einem zunehmenden Gehirnwachstum nötig. Die damit einhergehende größere Anzahl verfügbarer Neuronen war notwendig, um innere Zeichen bilden zu können. Darum vergrößerte sich das Hirnvolumen auf das Dreifache der übrigen Primaten, bevor der Mensch den ersten Satz formulieren konnte.

Der aufrechte Gang, welcher durch die veränderte Anatomie der Wirbelsäule das Gehirn entlastete und so eine Vergrößerung desselben gewährleistete, bewirkte noch ein weiteres Schlüsselereignis für die Entwicklung der Sprache: die veränderte Atmung. Der Kehlkopf liegt bei uns nämlich deutlich tiefer als beim Affen. Damit wurde um den Preis, nun leichter ersticken zu können, ein großer Rachenraum für einen Sprache ermöglichenden Resonanzkörper geschaffen.

Der entscheidende Schritt vom Grunzen zur Poesie
Die Motivation zu alledem ist vermutlich in schnell veränderten Umweltbedingungen zu suchen, welche unsere Vorfahren von den Bäumen in die Steppen zogen, während die Vorfahren der heutigen Affen zurückblieben. Eine symbolische Kommunikation in Form von Sprache war in der Savanne ein entscheidender Vorteil im Überlebenskampf. Denn die Nahrung war nun auf einer weiten Fläche verstreut und von vielen, heute ausgestorbenen Fressfeinden drohte Gefahr. Wie genau man sich die Anfänge der Sprachentwicklung vorzustellen hat, ist ohne fossile Tonbandaufzeichnungen natürlich immer reine Spekulation.

Sicher aber ist: Vor rund 100.000 Jahren vollzog sich ein abrupter Wandel. Rasch begann der Mensch raffinierte Werkzeuge zu bauen, Schmuck herzustellen, Handel zu treiben – kurz: Kultur zu entwickeln. Der Auslöser dafür ist für Bickerton die Syntax. Denn wenn wir etwas planen, irgendetwas auch nur halbwegs Kompliziertes, dann brauchen wir ihm zufolge ‚Wenns’ und ‚Weils’, das heißt, wir brauchen verschachtelte Sätze. Ohne diese verharren wir im Hier und Jetzt. Ganz so wie die Pirahã, die unsere kulturelle Evolution kalt ließ. Aber der allseits aufkommende Wunsch nach Ruhe, die ‚Back-to-basic’-Campingplätze und die kicksuchenden Extremurlauber sind ein mehr als genügender Beweis dafür, dass wir auch einen Ausgleich zu unserer überkultivierten Welt brauchen. Nicht umsonst heißt es doch, ist Reden nur Silber, Schweigen jedoch… irgendwie auch nicht schlecht.

Quellen:
Rafaela von Bredow: Leben ohne Zahl und Zeit. In: Der Spiegel 17 (2006)
Lew S. Wygotski: Denken und Sprechen. Frankfurt am Main 1969
Daniel L. Everett: „Wer Salat isst, spricht nicht Pirahã“. In: Gehirn&Geist Dossier 3 (2006)

Ausgabe 07, März 2008

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