Verfasst von: marcelnakoinz | 2. September 2009

Unschuldige Mörderin sucht begrabenen Ehemann – Die Vorläufer der Volksmärchen hatten es faustdick hinter den Ohren

Die "unschuldige" Mörderin

Die "unschuldige" Mörderin

Anfang des 13. Jahrhunderts, gut 300 Jahre bevor die ersten Volksmärchen in Europa aufkamen, bildete sich eine Gattung heraus, die man „Märe“ oder „mittelalterliche Kurzerzählung“ nennt. Sie werden wie Fabeln meistens von einer „Moral von der Geschicht“ (Epimythion) begleitet, sind gereimt und haben fiktive, weltliche Geschehen, mit (vorwiegend) menschlichem Personal zum Gegenstand. Einige der für diese Zeit erstaunlich modern klingenden und kurzweiligen Geschichten (erotische Abenteuer mit Pastoren parodieren den sakrosankten Klerus, Geschlechterrollen werden hinterfragt etc.) seien im Rahmen dieser Ausgabe vorgestellt:

Die unschuldige Mörderin
Eine schöne und tugendhafte Gräfin begeht in diesem Märe drei Morde an Menschen, die sie betrogen haben. In der Nacht vor ihrer Vermählung mit einem reichen König gibt sich einer seiner Ritter für selbigen aus. Das wird jedoch von ihr durchschaut und der Ritter daraufhin von ihr mit einem Messer enthauptet. Seine Beseitigung übersteigt ihre Kräfte und somit ist sie auf den Pförtner angewiesen, welcher ihre Not ausnutzt und sich ebenfalls an ihr vergeht. Daraufhin stößt sie ihn nach getaner Arbeit mit in einen Brunnen, als er den Ritter darin versenkt. Damit der König ihre Defloration nicht bemerkt, schiebt sie ihm in der Hochzeitsnacht eine ihrer Jungfrauen unter. Als sich diese später weigert zu gehen, brennt sie die Kammer kurzerhand an und überlässt sie dem Feuertod. Nach 32 Jahren glücklichen Ehelebens gesteht sie ihrem Mann die Taten und erntet von diesem, wie auch vom Erzähler im anschließenden Epimythion, wohlwollende Zustimmung. Zwar kann ein Mörder nicht unschuldig sein, aber gerade dieses moralische Problem wird von der Geschichte keineswegs problematisiert. Das Spannungsverhältnis zwischen gängigen moralischen Maximen und erzähltem Fall ist geradezu konstitutiv für die Erzeugung von Komik in dieser Zeit. Das Heraufbeschwören von Groteskem und „unerhörten Begebenheiten“ ist auch noch in der heutigen Novelle beliebt, die gewissermaßen mit den Mären verwand ist.

Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar
In diesem Märe geht es um einen reichen und rundum glücklichen Mann, der unter dem einzigen Fehler seiner Frau leidet: ihrer Geizigkeit. Daraufhin zieht er aus, um ein Ehepaar zu finden, das vollkommen zufrieden ist. Immer wieder wähnt er sich im Laufe der Geschichte fündig geworden und wird im letzten Moment dann doch vom jeweiligen Ehegatten eines Besseren belehrt. Hinter den Fassaden von Festmählern sind diese Männer nämlich alle zutiefst unzufrieden innerhalb ihrer Beziehungen. Ihre Frauen gingen ihnen fremd und müssen nun entweder jeden Abend Wein aus der Hirnschale des ehebrecherischen Pfaffen trinken oder bekommen einen großen angeketteten Bauern als Sexsklaven, um nicht wegen der Nymphomanie der Frau zum Gespött der Öffentlichkeit zu werden. Nach sechs Jahren der vergeblichen Suche muss er schließlich erkennen, dass es in seiner eigenen Beziehung noch am Besten bestellt ist und so versöhnt er sich mit seiner Frau und sieht ihr den Makel nach.

Der begrabene Ehemann
Ein Mann schwört seiner Frau aus Liebe, ihr jedes Wort bedingungslos zu glauben. Die Frau testet ihn und so gibt er seinen Wahrnehmungen zum Trotz an, dass es am Tage Nacht, ein kaltes Bad warm und schließlich, dass er totenblass sei. Zu spät beginnt der Mann zu protestieren und wird lebendig begraben. Denn sein Geschrei wird vom Dorfprediger, in den sich seine Frau verliebt hatte, als Teufelswerk gewertet. Auch dies scheint moralisch nicht allzu bedenklich. Dadurch, dass der Mann seiner Rolle in der Ehe nicht nachgekommen ist, kann man ihn bereits als für „gesellschaftlich tot“ erklärt sehen und seine leibhaftige Beerdigung wäre in dieser mittelalterlichen Logik eine konsequente Folge.

Die zwei Beichten
Hier nehmen sich zwei Eheleute gegenseitig die Laienbeichte ab und nachdem die Frau dem Mann gesteht, sich hinter seinem Rücken mit (je nach Überlieferung) mal zwölf, mal 26 Männern (Koch, Kellner, Priester, drei Fischergesellen …) eingelassen zu haben, gesteht ihr Gatte darauf ganz unverblümt einmal die Hand der Magd berührt zuhaben. Wutentbrannt prügelt ihn darauf seine Frau mit dem Besen aus dem Haus. Einem Utensil, das die Germanisten gern als „Phallussymbol“ deuten. Damit wäre der Beweis erbracht: „Stand-up Comedy“ gab es auch schon im Mittelalter!

Ausgabe 09, April 2008

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