Verfasst von: marcelnakoinz | 17. September 2009

Das letzte Stündchen eines Mythos – Eine Annäherung an das letzte große Rätsel der Physik

„Was also ist Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich´s; will ich´s aber einem Fragenden erklären, weiß ich´s nicht.“ Aurelius Augustinus

Zeit

Zeit genommen

Zeit wird oft wie ein Geheimnis gehandelt, das sich – wie unter einem Schleier verborgen – unserer Erkenntnis entzieht. Scheinbar sind wir nicht fähig, Gewissheit über sie zu erlangen. Schon seit 2.500 Jahren denken Menschen intensiv über sie nach, ohne schlau aus ihr zu werden. So liefert Platon in seiner Ideenlehre die ersten uns bekannten systematischen Gedankengänge über die Zeit ab. Sein Schüler, Aristoteles, versucht in seiner Abhandlung über die Naturdinge das Wesen der Zeit im Zusammenhang mit der Bewegung zu erklären. Dass er nicht sonderlich zur allgemeinverständlichen Klärung des Problems beitrug, mag nicht nur dem Umstand geschuldet sein, dass er Philosoph war. Vielmehr orientierten sich die Menschen in der Antike an den immer wiederkehrenden Naturabläufen, vor allem aber am Lauf der Himmelskörper. Deren Bewegung nahm man fälschlicherweise als gleichförmig an. So entstand anhand einer halbverstandenen Astronomie ein zyklischer Begriff von Zeit.

Es wird Zeit

Es wird Zeit

Zeit umzudenken
Diese Konvention überlebte in dem, was wir heute als „subjektiv empfundene Zeit“ bezeichnen. Dadurch lässt sich die falsche Vorstellung vom Fließen der Zeit erklären, welche sogar Isaac Newton noch bekräftigte: „Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand.“ Newtons Sichtweise entspricht unserem Alltagsbegriff, den die meisten im Hinterkopf haben, wenn sie das Wort „Zeit“ hören. Auch in der Kunst spiegelt sich dieses Verständnis von Zeit oftmals wider. Für den Maler Salvatore Dali beispielsweise verfliesst die Zeit in seinen schmelzenden Uhren.

Doch im Jahre 1905 wird dieses Konzept durch die Spezielle Relativitätstheorie (kurz: SRT) aufgehoben. Die Zeit ist nun keine eigenständige Größe mehr, sondern wird als Teil der vierdimensionalen Raumzeit entlarvt. Die SRT Albert Einsteins beschreibt die Beziehung von Größen zwischen mindestens zwei Bezugssystemen, die sich mit konstanter Geschwindigkeit relativ zueinander bewegen. Jede Zeitmessung fordert die Angabe eines Bezugssystems und ist nur in diesem gültig. Messen wir Zeit von einem anderen System aus, das sich relativ zu uns bewegt, erhalten wir unterschiedliche Messergebnisse. Je schneller wir uns bewegen, desto langsamer vergeht für uns die Zeit – bezogen auf einen relativ zu uns ruhenden Betrachter.

Da kein Bezugssystem als objektiv ruhender Bezugspunkt gelten kann, muss die Vorstellung einer absoluten Zeit jedoch aufgegeben werden. Zeit ist also eine relative Größe. Jedes Individuum hat somit sein „persönliches Zeitmaß“. Streng genommen ist der Ablauf der Zeit also überall anders. Wir verdanken es nur der verhältnismäßig flachen Raumzeit auf der Erde und der Tatsache, dass wir uns mit Geschwindigkeiten weit unterhalb der Lichtgeschwindigkeit bewegen, dass wir weltweit einen ähnlichen Ablauf der Zeit wahrnehmen und der Begriff der „Gleichzeitigkeit“ Sinn ergibt. Denn die Relativität der Gleichzeitigkeit wird erst in kosmischen Entfernungen interessant.

Sein und Zeit

Sein und Zeit

Vierdimensionale Marsmenschen
Es fällt uns als dreidimensional ausgedehnten Wesen schwer, sich mehr als die drei Dimensionen des Raumes vorzustellen. Der Raum umgibt uns; Zeit dagegen erfahren wir abschnittsweise nacheinander, sie entzieht sich unseren Sinnen. Auch dürfte die voller unverstandener Zufälle steckende Quantenphysik ihr Übriges dazu beitragen, dass die Zeit auch heute noch als Rätsel gehandelt wird. Einstein lehnte die Quantentheorie mit dem Einwand ab: „Gott würfelt nicht.“ Heute gehen Physiker wie Stephen Hawking aber davon aus, dass Gott ein notorischer Spieler ist.

Gegenüber den klassischen Theorien der Physik haben die neuen Gebiete der Zeitforschung an Anschaulichkeit verloren. Wir können die im Mikrokosmos verborgenen Korrelationen von Ort und Geschwindigkeit zwischen Atomen nicht wahrnehmen und so vereinfachen wir unseren Zeitbegriff auf das, was wir wahrnehmen: das „Vergehen der Zeit“.

Entsprechend der Relativitätstheorie sind Raum und Zeit aber nichts weiter als Strukturmerkmale der Materie und der Energieverhältnisse. Hören wir also im Sinne von Ludwig Wittgenstein damit auf, die falschen Fragen zu stellen! Wie zum Beispiel: „Was ist Zeit?“ Denn die Zeit selbst ist nicht definierbar, da sie nur ein gedankliches Hilfsmittel, eine sprachliche Abkürzung für zeitliche Beziehungen zwischen Ereignissen darstellt.

Ausgabe 12, Juni 2008

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Responses

  1. Da kein Bezugssystem als objektiv ruhender Bezugspunkt gelten kann, …

    wie folgt dann daraus die Feststellung ? :

    …dass wir uns mit Geschwindigkeiten weit unterhalb der Lichtgeschwindigkeit bewegen, ….

    Viele Grüße

    • Davon kann man seit Einstein seine Theorie aufstellte und diese von der modernen Physik immer wieder bestätigt wurde ausgehen, da wenn es anders wäre, wir also uns mit Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit bewegen würden, wir alles wie in einem Tunnel zusammengezogen und mit einem mehr oder mionder grellen Leuchten in seiner Mitte wahrnehmen würden. Davon unabhängig ist, wie schnell sich unser Planet oder die Galaxie in der wir leben bewegt. Gemeint ist unsere relativ wahrgenommene Geschwindigkeit auf der Erde. Und die ist banaler Weise zwingend unterhalb der Lichtgeschwindigkeit. Ich hoffe das konnte Ihre Frage beantworten.


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