Verfasst von: marcelnakoinz | 17. September 2009

Der Medienbildhauer – Interview mit dem Künstler und Erfinder Wolf Kahlen

Wolf Kahlen war einer der ersten Videokünstler weltweit und ist auf der permanenten Suche nach neuen Formen des künstlerischen Ausdrucks. Er studierte Kunst und lehrte viele Jahre an der TU Berlin. Für die Herstellung seiner Werke nutzt er verschiedene, auch ungebräuchliche Materialien wie gewölbte Leinwände, Staub, Zeit (!). In seinen Videos hat er hierzulande kaum gesehenen Gegenden unseres Planeten nachgespürt, so zum Beispiel Tibet und der Mongolei. Dieses Gespräch fand in seiner „Ruine der Künste“ in Dahlem statt – über das Erfinden, die Kunst und die Zeit.

Foto/Bearbeitung: M. Nakoinz

Die Erleuchtung

strassenfeger: Wie kamen Sie zum Erfinden?

Wolf Kahlen: Ich bin 1940 geboren, mitten im Krieg. Ich hatte das Glück, in dieser Zeit geboren zu werden. Ich bezeichne es so, denn als Kinder kamen wir aus den Trümmern, den Luftschutzbunkern und krochen aus den Kellern. Ich hatte dann das Glück, die Welt sehen zu können und zu staunen: „Was ist das für eine wunderbare Welt! Was gibt es hier alles zu sehen!“ Als Kind empfindet man es nicht als grauenhaft, wenn ein Haus zerstört ist. Dinge, die einfach nur so rumstehen, nimmt man sich mit nach Hause zum Spielen. Die Welt ist voller Wunder und Dinge, die man findet. Man er-findet etwas, d.h.: Es ist schon da. Erfinden heißt nicht, dass man etwas aus dem Nichts schöpft. Man findet die Dinge, weil man die Sinne offen hält. Weil man nicht gezwungen ist durch staatliche oder kirchliche Erziehung, nur das zu denken und zu sehen, was andere Leute auch tun. Ich hatte das Glück, diese Methode des Staunens praktisch erleben zu müssen.

sf: Wie würden Sie die Erfindung abgrenzen von der Entdeckung?

WK: Die Entdeckung ist der erste Moment der Erfindung. Man deckt etwas auf, d.h. man sieht es. Man ent-deckt es und daraus folgt dann die Er-findung. Im Grunde ist das normale Leben – wenn es das gibt – ein ständiges Entdecken und Erfinden. Man findet z.B., dass unter einem großen Blatt kein Regen ist. Dann ist der Schritt doch gar nicht so weit, zu erfinden, mit dem Blatt eine Hütte zu bauen. Wer macht denn die Erfindungen in dieser Welt? Jeder normale Mensch macht am laufenden Band Erfindungen oder hat zumindest das Potential dazu.

sf: Muss sich die Kunst immer wieder neu erfinden?

WK: Die Kunst muss sich nicht immer wieder neu erfinden, sie macht es einfach. Der Künstler ist, wie jeder andere Mensch, konditioniert durch die Umwelt, Erziehung, Bildung usw. In jeder Zeit sind die Menschen anders konditioniert und somit laufen immer andere Menschen mit anderen Augen herum.

sf: Können Künstler und Erfinder etwas voneinander lernen?

WK: Künstler und Erfinder sind und tun das Gleiche. Jeder normale Mensch ist auch potentiell beides. Bloß – er wird daran gehindert, durch Konditionierung und Erziehung.

sf: Auch ein verrückter Erfinder, der sich in seinem Keller einschließt, ist ein Künstler?

WK: Natürlich ist er ein Künstler, nur: Er kapriziert sich auf das Funktionale. Er erfindet etwas, um sich die Welt zu erklären. Ein Künstler tut nichts anderes. Doch für ihn muss es für alle funktionieren und nachvollziehbar sein. Der Künstler sagt, dass er etwas entdeckt hat, was die Leute berührt, sie anregt, über die Wirklichkeit oder die Vergänglichkeit oder Ähnliches nachzudenken. Im Grunde sind wir eben alle Künstler.

sf: Würden Sie mir eine Ihrer „Erfindungen“ näher erläutern? [Wir gehen zu einer Uhr, die von einem Spiegel geteilt wird und auf der sich die Zeiger je nach Blickwinkel vorwärts oder rückwärts bewegen.]

WK: Aus jedem Blickwinkel zeigt die Uhr eine andere Zeit. Je nachdem, geht die Uhr sogar vorwärts und rückwärts gleichzeitig. Ich glaube, sie ist die einzige Uhr ihrer Art; eine, an der die Relativität der Zeit sichtbar wird. Dass die Zeit nicht gradlinig verläuft, sagt ja die Physik seit Einstein. Alles ist gekrümmt, auch die Zeit. Und wenn die Zeit gekrümmt ist, dann krümmt sie sich wieder in sich selbst zurück und das ist genau das, was wir hier haben. Das wäre hier also der visuelle Beweis für Einsteins Theorie, dass die Zeit gekrümmt ist.

sf: Kann man von der Kunst bzw. vom Erfinden leben?

WK: Ich lebe doch! Natürlich ist es sehr schwer, wenn man ernsthaft Kunst macht. Es gibt auch viele, die nur das machen, was Erfolg verspricht. Wenn sie mit einer Sache Erfolg hatten, machen sie das immer wieder. Andere bewahren sich die wissenschaftliche Neugier, bleiben an den Dingen und beuten eine Idee nicht aus. Als man meine shaped canvases, [„geformte Leinwände“, Anm. d. Red.] als „schöne minimalistische Formen“ konsumierend missverstand, hörte ich über Nacht auf, sie zu verkaufen.

Ausgabe 11, Mai 2008

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