Verfasst von: marcelnakoinz | 24. September 2009

Gilgamesch! – Der erste Held der Menschheitsdichtung auf der Suche nach der Unsterblichkeit

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Tafel mit Gilgamesch-Epos in Keilschrift

Das Gilgamesch-Epos ist fragmentarisch auf zwölf Keilschrifttafeln überliefert. Es gilt als Darstellung der Lebens- und Sterbekultur der Sumerer, die vor 6.000 Jahren das Zweistromland bewohnten. Gilgamesch, der Gottkönig dieses ersten großen Kulturvolkes Alt-Mesopotamiens, war der Sage nach zu zwei Dritteln ein Gott und zu einem Drittel Mensch. Er herrschte über Uruk, das biblische Erech (heute Warka). Die zehn Kilometer lange und neun Meter hohe Mauer, die er um Uruk errichten ließ, mussten die Untertanen unter großen Entbehrungen erbauen – Überreste der Anlage sind bis heute erhalten. Die Menschen beschwerten sich bei den Göttern. Die daraufhin Enkidu erschufen, einen wilden Steppenmenschen, der Gilgamesch an Stärke ebenbürtig war. Im Kampf gegeneinander wurde Enkidu zwar bezwungen, doch entstand zwischen beiden eine nahezu brüderliche Freundschaft (realpolitisch vermutet man hierin ein Zweckbündnis, das die Sumerer mit semitischen Nomaden eingingen).

Gemeinsam ziehen sie gegen Chumbaba, Wächterungeheuer eines heiligen Zedernwaldes, in den Krieg, besiegen es und raubroden die Wälder. Nach ihrer Heimkehr wirbt die Liebesgöttin Inanna um Gilgamesch, doch dieser wirft ihr vor, für die herrschenden Umweltkatastrophen verantwortlich zu sein. Die entrüstete Inanna entzweit die Götter untereinander, woraufhin Enkidu von ihnen mit einer tödlichen Krankheit belegt wird.

Umwelt und Dichtung
Das Epos konserviert in seiner eintausendjährigen Entstehungsgeschichte die Wandlungen des Lebensraums der damaligen Zeit. Vor allem die seit dem vierten Jahrtausend vor Christus immer rücksichtsloseren Brandrodungen führten letztlich zu Versteppung und Wasserknappheit. Es folgten Kriege um Wasser. Denn ohne Wälder erodierte das ungehemmte Regenwasser den Boden, traten Flüsse über die Ufer und sank der Grundwasserspiegel. Künstliche Bewässerungsanlagen und Kanäle wurden geschaffen, die aber vielerorts zu Brutstätten für Seuchenerreger wurden.

Die anfangs noch üppig vorhandenen natürlichen Ressourcen wurden ohne Maß verbraucht. Als die Umweltbedingungen sich verschlechterten, mussten andere Länder erobert werden, um den erlangten Standard, bei anhaltender Bevölkerungsexplosion, zu erhalten. Entsprechend trat an die Stelle einer Weltsicht, in der die Erde in Form der Fruchtbarkeitsgöttin Inanna (wir kennen sie als Aphrodite) als weiblich-mütterlich verehrt wurde, ein Himmelreich männlicher Gottheiten, die untereinander stritten.

Die Sumerer waren nicht die einzige große Menschheitskultur, die an ihren eigenen Umweltsünden zugrunde ging. Auch die Maya und die Bewohner der Osterinsel, so nimmt man an, ereilte ein ähnliches Schicksal. Doch auf der Asche der Sumerer erblühten die Kulturen der Hethiter, Babylonier, Assyrer, Perser, Griechen, Römer, Araber und Türken.

Assurbanipal (669-627 v.u.Z.) bei der Löwenjagd

Assurbanipal (669-627 v.u.Z.) bei der Löwenjagd

Wider die Natur
Weil er den Tod seines Freundes nicht verkraften kann, zieht Gilgamesch hinaus in die Wüste – auf der Suche nach einem Mittel, welches ihn und den Rest der Menschheit vor Enkidus Schicksal schützen sollte. Auf seinem Wege entkleidet er sich seiner kulturellen Haut und wird selbst zu einem ungepflegten Steppenmenschen.

Endlich trifft er auf den unsterblichen Utnapischtim (der später zur Vorlage für den biblischen Noah wird). Dieser erzählt dem Helden davon, wie er als einziger die große Sintflut überlebte, indem er die – hier noch würfelförmige – Arche baute. Mit seiner Hilfe findet Gilgamesch dann tatsächlich eine verjüngende Pflanze, die aber auf seinem Heimweg von einer Schlange gefressen wird. So kommen beide Männer mit leeren Händen wieder in Uruk an.

Die Grundfragen des Menschen scheinen sich seit damals nicht geändert zu haben. Dürrenmatt meinte sogar einmal: „Die erste wissenschaftliche Entdeckung des Menschen war jene, dass er sterblich ist.“

Die faustische Tragik Gilgameschs, die uns heute noch zu berühren vermag, liegt darin, dass das ewige, das göttliche Leben, das er sucht, nicht existiert. Denn der Preis des Lebens ist der Tod. Ein Preis, den er zu zahlen nicht bereit ist. Eine buddhistische Weisheit besagt dagegen: „Die Vergänglichkeit ist ein Prinzip der Harmonie. Wenn wir uns nicht gegen sie auflehnen, sind wir in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit.“ Vielleicht ist das allein der Grund, warum uns Geschichten schon immer so faszinierten: Weil nur in der Phantasie die Erlösung vom Leiden ruht.

(1) Rudolf Kreis: Dichtung und Umwelt. Frankfurt am Main 1989
(2) Georg Burckhardt: Gilgamesch. Leipzig 1951

Ausgabe 15, Juli 2008

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