Verfasst von: marcelnakoinz | 2. Oktober 2009

Fragen über(s) Fragen – Warum es manchmal besser ist, Fragen anstelle von Antworten zu haben

Haben Sie schon einmal einen Frosch einen anderen interviewen sehen? Nein? Ein Interview ist im Grunde eine Befragung. Man muss nur fragen und zuhören können. Klingt einfach, kann aber ziemlich kompliziert werden und nicht nur, wenn der Befragte innere Mauern aufbaut oder dermaßen nuschelt, dass man nach dem zehnten Abhören des Tonbands noch immer nicht den ersten Satz zu Papier gebracht hat und gefrustet an die froschgrüne Decke starrt. Was, wenn einem keine schlauen Fragen einfallen? Oder wenn man es nicht schafft, seinen Gegenüber dahingehend zu beeinflussen, Einblicke in den Menschen und nicht nur die öffentliche Fassade zu bekommen?

Fragen über Fragen

Fragen will gelernt sein
Aber sind Fragen nur gut zur Beeinflussung und Informationsbeschaffung? Sicher, es gibt Angriffsfragen (Meinst du das ernst?), rhetorische Fragen (Meint nicht jeder einmal etwas ernst?), Suggestivfragen (Das meinen Sie jetzt nicht ernst, oder?), aber es gibt doch noch viele andere Formen mehr. Sie begegnen uns überall. Beim Einkauf, im Altenheim, im Kindergarten, bei Markforschungen und bei Meinungsbefragungen, bei „Vera am Mittag“ und beim Gespräch mit sich selbst.
Warum können wir uns fragen: Wie geht es dir? Wer ist schuld? Was ist ein Gewitterfurzer? Was hat das alles zu bedeuten? Sind Politiker die einzig wahren Schauspieler? Wie viele Minderheitenmitglieder braucht man, um eine Glühbirne einzuschrauben? (Fünf! Einer hält die Glühbirne und vier andere drehen den Tisch, auf dem der erste steht.) Kenne ich meinen Körper wirklich schlechter als Charlotte Roche? Fülle ich mein Leben mit Tagen oder meine Tage mit Leben (Precht)? Was wäre, wenn? Ist der Papst katholisch? Warum fragst du mich das? Wann? Wo gibt es dieses tolle Kleid? Zu mir oder zu dir? Was ist Wahrheit? Wo hört unsere Freiheit auf – im Gehirn oder im Schuldensumpf? Ist der Mensch eine Marionette, die ihre eigenen Strippen zieht? Vielleicht bleiben manche Fragen doch besser unbeantwortet?

Worin unterscheiden sich Wissenschaft und Kunst?
Die Antwort darauf, wozu diese anderen Frageformen gut sind, lässt sich vielleicht folgendermaßen angehen: Was verbindet Wissenschaftler, Detektive, Romanciers, Philosophen und Künstler gleichermaßen? Ihr Job ist es, die richtigen Fragen zu stellen. Bei ihnen kommt es gleichermaßen darauf an, sich – in der ihrer Zeit angemessenen Art und Weise – mit der Welt auseinanderzusetzen. Außerdem müssen sie unsere Weltwahrnehmung in Frage stellen, sicher Geglaubtes objektiv als eine Möglichkeit von vielen ausklammern und es zur Disposition stellen. Wirtschaftsmanager und Politiker müssen vielmehr Antworten auf die Welt parat haben, wobei sie gut beraten wären, sich etwas mehr Zeit zu nehmen und darüber nachzudenken, welche Fragen Antworten benötigen. Fragen lenken unser Denken. Sie strukturieren unsere Welt und wie wir auf sie Bezug nehmen.

Die Suche nach dem Stein der Weisen
Comic: Christoph WittWie müssen wir uns richtig auf uns und die Welt beziehen, damit das menschliche Leben gelingen kann? Die Frage nach dem „guten Leben“ ist der Horizont, an den jede philosophische Überlegung im Grunde gerichtet ist. Immanuel Kants drei Grundfragen der Philosophie lauten: „Bei welcher Station muss ich aussteigen?“, „Warum bekomme ich dieses Wurstglas nicht auf?“ und: „Wie lange brauchen die Froschschenkel noch, Herr Ober?“ Oh, ach nein. Das waren ja meine drei Grundfragen an das Leben. Nein. Kant fragte vielmehr: „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“ und: „Was darf ich hoffen?“ Eine Antwort blieb er uns schuldig. Oder, blieb er?

Haben auch Pflanzen eine Würde? Lässt sich Wissenschaft mit der Würde von Lebewesen verbinden? Gibt es dumme Fragen? Warum gibt es Böses auf der Welt? Warum glauben wir, dass es Böses gibt? Warum glauben wir? Warum haben wir eine Vorstellung von uns, als Individuum, das glauben, reden und Gartenarbeiten verrichten kann?

Nur wir Menschen können uns selbst in Frage stellen und aufgrund dieser Tatsache setzen wir uns anders in Beziehung zu anderen, als es Tiere tun würden. Auch wenn Tiere sich im Spiegel erkennen, so denken sie nicht an den dialektischen Materialismus oder ihre Zukunft. Sie wissen nicht, dass sie sterben werden. Wir können uns all das fragen, weil wir eine Vorstellung von uns selbst haben. Oder haben Sie schon mal einen Frosch einen anderen interviewen sehen?

„Vertrauen Sie denen, die nach der Wahrheit suchen, und misstrauen Sie denen, die sie gefunden haben.“ – André Gide

Ausgabe 16, August 2008

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Responses

  1. […] Fragen über(s) Fragen – Warum es manchmal besser ist, Fragen anstelle von Antworten zu haben Schmalspurgeflüster – PeopleRank: 1 – 02.10.2009 …Charlotte Roche? Fülle ich mein Leben mit Tagen oder meine Tage mit Leben (Precht)? Was wäre, wenn? Ist der Papst katholisch? Warum fragst du mich das? Wann? Wo gibt es dieses tolle Kleid? Zu mir oder zu dir? Was ist Wahrheit? Wo hört unsere Freiheit… Namen genannt : André Gide  Immanuel Kants  + voten […]


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