Verfasst von: marcelnakoinz | 21. Oktober 2009

„Ich mache weiter bis mir die Hand abfault!“ – Andreas Prüstel, langjähriger Titelgestalter und Cartoonist des strassenfegers einmal ganz privat

Prüstels Satirepreis

Prüstels Satirepreis

In unserer neuen Serie „art strassenfeger“, wollen wir Künstler vorstellen, die in enger Verbindung mit dem Tun und Schaffen des strassenfeger stehen. Den Anfang macht Andreas Prüstel (51), der sich mit seinen Werken maßgeblich an der Entstehung des Gesichts der Zeitung verantwortlich zeichnet, das manchmal schräg, manchmal gewagt, aber immer irgendwie anders ist. Der bekennende Sachse ist geschieden, hat zwei Töchter und lebt im grünen Pankow-Niederschönhausen. Unser Autor Marcel Nakoinz hat den Künstler dort in dessen Atelier besucht.

Der Mensch Andreas Prüstel

Einige Titelentwürfe

Einige Titelentwürfe

Niemand hat die Absicht

Niemand hat die Absicht

„Eigentlich bin ich gelernter Betonbauer, habe aber nebenher schon mein Leben lang gezeichnet und Collagen produziert“, verrät mir Andreas Prüstel gleich zu Beginn unseres Gesprächs. „Schnell war für mich klar, dass ich einmal mit irgendetwas Künstlerischem mein Geld verdienen wollte.“ Doch ehe es soweit kam, sollte noch eine lange Zeit des sich Ausprobierens vor ihm stehen. So bewarb er sich zuerst in der Schauspielschule seiner Heimatstadt Leipzig und schaffte es auch prompt in die letzte Auswahlrunde. Aber nach einer durchzechten Nacht am Vortag der Prüfung endete dieses Kapitel seines Lebens, bevor es begann. Auch aus einem angestrebten Grafikstudium wurde nichts, weil den Professoren an der „Hochschule für Grafik und Buchkunst“ in Leipzig, Prüstels eingereichte Arbeiten zu „individuell“ waren. „Wir sind keine Surrealistenschule, frönen sie doch ihrer Leidenschaft bitte privat“, habe man ihm unmissverständlich gesagt. „Der Surrealismus“, so Prüstel, „hat mich schon immer fasziniert, weil er „zu dem Plumprealismus in der DDR so ein herrliches Gegenstück war.“ Doch genau diese plumpe Realität nahm ihn dann vorerst noch eine Weile gefangen, bis sie ihn unverhofft seinem Lebenstraum ein großes Stück näher bringen sollte.

Vom Gleisbauer zum Cartoonzeichner

Der Künstler bei der Arbeit

Der Künstler bei der Arbeit

Im Laufe der Jahre wechselte Prüstel von einem Beruf zum nächsten: „Ich habe als Gleisbauer, Heizer, Zeitungsbote und Vermessungsgehilfe gearbeitet. Als meine Exfreundin dann 1978 in Berlin schwanger wurde und eine Ausbauwohnung bekam, ich arbeitete gerade bei der „Energieversorgung Leipzig“, habe ich ihr bei der Renovierung der Wohnung geholfen. So kamen wir uns dann wieder näher.“ Während seine Freundin als Architektin schon zu Ostzeiten gut verdiente, gab der eingefleischte Beatles-Fan in dieser Zeit meist den Hausmann, der sich um die Kinder kümmerte.

Abends hat er dann weiter fleißig Collagen und Zeichnungen angefertigt. „Eines Tages schaute ein alter Freund aus der Heimat vorbei“, erzählt er mir. Der Kunstkenner habe ihm geraten, seine Collagen doch einmal auszustellen. Die erste Ausstellung in Halle habe dann auch gleich eingeschlagen wie eine Bombe. So konnte Prüstel schon bald dem „Verband der bildenden Künstler“ beitreten, denn nur als anerkanntes Mitglied konnte man in der DDR als freier Künstler arbeiten.

„Wegen meiner sehr individuellen Arbeiten riet man mir, zu den Karikaturisten zu gehen.“ Doch Prüstel ließ sich nicht in eine Schublade stecken. Statt nur noch Karikaturen zu veröffentlichen, folgte eine lange Zeit voller Ausstellungen. Er deckte praktisch jedes Ausstellhaus und jeden Studentenclub der DDR ab. 1987 bekam er dennoch völlig überraschend den Satirepreis der DDR, obwohl dieser nur für Pressezeichnungen vergeben wurde. „Doch der erhoffte Karriereschub blieb vorerst aus. Erst 1990 kippte dann die Sache. Hatten Zeitungen wie der Eulenspiegel bisher immer abgewinkt, wenn ich ihnen Arbeiten anbot, bekam ich nun prompt Doppelseiten“, erinnert sich Prüstel amüsiert. Eine ziemlich „verrückte, anarchische Zeit“ begann da für Prüstel, der nun regelmäßig in vielen Zeitungen veröffentlichte. Doch heute kämpfen die meisten Zeitungen um ihr Leben und sparen freie Zuarbeiten ein.

Wie ich zum strassenfeger kam

Des Cartoonisten Werkzeuge

Des Cartoonisten Werkzeuge

„Die Zusammenarbeit mit dem strassenfeger entstand durch eine Collage, die das Interesse des damaligen Chefs des strassenfeger, Karsten Krampitz, weckte“, berichtet Prüstel. „Krampitz wollte das Motiv damals unbedingt als Titelbild verwenden. Wir waren uns gleich sympathisch und verstanden uns gut.“ Nach einigen Treffen wurde Prüstel klar, dass die Visionen dieses Mannes, der dieses Projekt einer Straßenzeitung aus der Mitleidsecke hinaus bringen und zu einem qualitativ hochwertigen Produkt machen wollte, das sich von anderen Medien inhaltlich, aber eben auch vom äußeren Stil abheben sollte, durchaus unterstützenswert war. „Ich habe dann der Redaktion anegboten, zu jeder Zeitung ein Titelbild vorzuschlagen, egal ob es gedruckt wird oder nicht. Bis heute gab es in den vergangenen zwölf Jahren nicht eine Zeitung, zu der ich nicht einen Entwurf eingereicht habe.“ Bei der Umsetzung gibt es bei den Collagen grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Entweder er findet in seinem gewaltigen Archiv (bestehend aus tonnenweise sortierten Papierschnipseln aus allen möglichen Druckerzeugnissen der vergangenen Jahrzehnte) etwas Material, das ihn zu einer Idee inspiriert oder er hat eine Idee, zu der er dann nur noch die passenden Teile zusammensetzen muss. Das Suchen bei letzterer Variante kann mitunter sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Ob er in all den Jahren des Collagenmachens irgendwelche rechtlichen Probleme bekommen habe? Ja sicher, aber auf die zeitliche Länge betrachtet, seien die drei, vier Klagen verschwindend wenig, so der Künstler.

Prüstels Liebe zu Collagen

Das Archiv

Das Archiv

Prüstel arbeitet nebenbei seit Jahren an riesigen, meterlangen Collagen, bestehend aus tausenden von Teilen, wo er anfangs nicht weiß, wie sie am Ende aussehen werden. Aber die Zeit reicht oft nicht. Nebenbei gibt er noch Bücher heraus und hat selbst Ideen für eigene Bücher im Sinn. „An die Rente denke ich noch lange nicht. Ich würde nie einfach aufhören, nur weil ich 65 Jahre alt werde.“, so Prüstel. „Ich höre erst auf, wenn mir meine Hand abfault oder Demenz eintritt.“ Die Frage, ob er in der Rückschau auf sein Leben etwas anders machen würde, wenn er es könnte, verneint in einem fast feierlichen Ton: „Jedes Leben hat seine innere Logik. Man bekommt das Leben, das man verdient. Für mich war früh im Leben klar, dass ich etwas machen musste, bei dem mir keiner vorschreibt, was ich zu tun habe. Selbst wenn ich damit scheitern sollte, habe ich mir nichts vorzuwerfen, denn ich bin bis hier her gekommen und ich bin immer noch da.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Hoffen wir, dass Prüstel uns noch lange die Treue hält!

Ausgabe 21, Oktober 2009

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