Verfasst von: marcelnakoinz | 21. Oktober 2009

368 Meter geballter Sex – 40 Jahre Berliner Fernsehturm

Le tour Spree

Le tour Spree

Er war schon Drehort, DDR-Prestigeobjekt, Ort von Trauungen und musste beweisen, dass ihm auch Pink steht. Kaum jemand kann an seinem vierzigsten Geburtstag von sich behaupten, ein derart bewegtes Leben gehabt zu haben, wie der Berliner Fernsehturm. Da ist es auch kein Wunder, dass das markanteste Gebäude Berlins schnell zur Stylikone, zum Pop-Phänomen und Markenzeichen der Hauptstadt avancierte. Die Presse aus aller Herren Länder rennt ihm darum ununterbrochen die Türe ein. Besonders in seinem Geburtstagsjahr war es deshalb selbst dem strassenfeger-Redakteur nicht möglich, fünfzehn Minuten seiner kostbaren Zeit zu ergattern. Macht nichts. Er spricht nämlich durchaus für sich selbst! Seine Geschichte ist untrennbar mit den Berlinern zu seinen Füßen verbunden und das muss, typisch für Berliner, natürlich gefeiert werden. Man widmete dem berühmten Berliner bereits einen gehäkelten Schlüsselanhänger; sein Konterfei zierte schon T-Shirts, Tassen und überhaupt alles, was sich irgendwie unter die Leute bringen lässt. Selbst Kräuterlikörflaschen, Duftflakons und Glas-Wasserpfeifen („Alex-Bong“ genannt), die seinem wohlgeformten Körper nachempfunden sind, kann man käuflich erwerben,.

Wir haben ihn zum Fressen gern
Ein Souvenir sticht aus der Masse der Vermarktungsartikel jedoch genauso hervor, wie der Turm selbst aus dem sonst eher niedrig bebauten Berlin. Die Rede ist von Philipp Beriefs (44) Ausstechformen in Gestalt des Fernsehturms. Denn

Philipp Berief

Philipp Berief

seine rote Kunststoffsilhouette ist nicht nur ein prima Hingucker für das heimische Regal, es ist zudem auch noch nützlich! Besonders um die Adventszeit herum.* Dabei ist die Tauglichkeit als Aufsteller ursprünglich gar nicht vom Erfinder angedacht worden, sondern war eher ein unerwarteter Nebeneffekt des Umstiegs von anfänglich Metall- auf Kunststoffmaterialien, wie uns der Erfinder verriet. So bekam die Form einen ebenen Boden und die Idee, die ihren Ursprung irgendwo zwischen Backpartys und den Einflüssen eines Architektenvaters hatte, einen unerwarteten Dreh. Das in einer Berliner Behindertenwerkstatt konfektionierte Produkt findet man in gut sortierten Geschenkläden und demnächst auch beim Buchhändler „Thalia“.

Dem Hype auf den Zahn gefühlt

Sein Schatten eilt ihm weit voraus

Sein Schatten eilt ihm weit voraus

Berlins ganzer Stolz mag zwar den ganzen Tag nur steif da stehen – wenn nicht gerade der Wind seine Zipfelmütze im Leuchtturmlook 60 Zentimeter an der Spitze hin und her wiegt – aber sein Inneres versteht es, die Leute zu bewegen. Im rotierenden „Telecafé“ kann man beim Essen einen 360°-Überblick über Berlins Baustellen (Stadtschloss) und Zwischennutzungswelten (Flughafen Tempelhof) genießen. Für die einen ist die tagsüber glitzernde Kugel auf dem 200 Meter hohen Schaft Ort eines außergewöhnlichen Abendessens, für das man schon Monate im Voraus reservieren muss. Für die anderen ist er die Diskokugel aller Diskokugeln, die Krönung der Partyhauptstadt Berlin, die paradoxer Weise immer verführerischer wird, je mehr sie in die Pleite schlittert. Für Ost-Berliner dagegen, ist das „Deutsche Washington Monument“ noch immer der Beweis, dass auch ein kleines von der Außenwelt abgetrenntes Völkchen zu baulichen Meisterleistungen im Stande war. Na ja – und auch viele West-Berliner würden nur ungern auf ihr störungsfreies Digitalfernsehen verzichten.

Wir sind die Größten! Der Fernsehturm im Wandel der Zeit

Alexanderplatz

Alexanderplatz

Das "X" markiert die Stelle

Das "X" markiert die Stelle

Um 1969
„Nu, Genossen, da sieht man‘s ganz genau: Da gehört er hin.“ Mit diesen Worten des SED-Parteichefs Walter Ulbrichts soll der Legende nach der Startschuss für den Turm gefallen sein. Die DDR brauchte nämlich ein Repräsentationsgebäude für die junge Republik, auf dass den „Wessis“ die Augen aus den Köpfen fallen würden. Außerdem sollten die DDR-Bürger nach 15 Jahren DDR endlich auch in den Genuss des DDR-Fernsehens kommen. Am 3. Oktober 1969 war es dann endlich so weit, „Ulbrichts Gedächtniskirche“ öffnete ihre Pforten.

Vor 1989
Von den vielen Legenden der Jugendjahre des „Telespargels“ hält sich besonders wacker die von der „Rache des Papstes“. Angespielt wird dabei auf die Blechprismen der Diskokugel, die wegen ihrer Wölbung die meiste Zeit des Tages ein „Kreuz“ reflektieren. Und das, wo doch die DDR den Einfluss der Kirchen zurückdrängen wollte. Einer ungesicherten Anekdote zufolge, soll der Architekt der Kuppel deshalb von der Stasi verhört worden sein, ob dieses Kreuz denn geplant gewesen war. Angeblich soll die Debatte durch ein milde gestimmtes Regierungsmitglied mit den Worten „Das ist kein Kreuz, sondern ein ‚Plus’ für den Sozialismus!“ beendet worden sein.

Nach 1999
Der Fernsehturm, mittlerweile zu einem Symbol für das wiedervereinte Berlin geworden, diente Eberhard Gienger, Reck-Weltmeister und Sportler des Jahres 1974 und 1978, vor genau zehn Jahren als Absprungpunkt in 210 Metern Höhe. Dieser Fallschirmsprung war jedoch vergleichsweise unspektakulär für jemand, der schon mal in 2000 Metern Höhe unter Hubschraubern turnt, bevor er den Schirm öffnet. 2007 dann, wir erinnern uns noch alle, kürte die Deutsche Telekom die Turmkugel zum Wahrzeichen der Fußball-WM und steckte sie in ein rosa… sorry …magentafarbenes Tütü. Das war dann auch das Jahr, als die beliebte Kuppel des Turms in Flammen stand. Zumindest wenn man dem TV-Sender „ProSieben“ traut, der uns das Tele-Märchen „Das Inferno – Flammen über Berlin“ erzählte.

Heute: 2009

NASA Steals Berlin TV Tower

NASA Steals Berlin TV Tower

Betrachtet man die Form des Fernsehturms, kann man unschwer die Begeisterung für Raumfahrtechnik der 60er Jahre erkennen. Da wundert es auch niemanden, dass auf YouTube ein Video kursiert, das die NASA beim Start des Fernsehturms in Richtung Stratosphäre zeigt. Doch in Wirklichkeit wird so etwas natürlich nie passieren, ist es doch im – auch nach 40 Jahren immer noch höchsten Gebäude Deutschlands – schon ein Staatsgeheimnis, welches Reinigungsunternehmen die große runde Knutschkugel auf Hochglanz poliert. Man hat eben sicherheitstechnisch aus dem „Desaster“ von vor zwei Jahren gelernt. Gut so, denn dann können auch noch in Zukunft „längste Liebesbotschaften der Welt“ an „Ulbrichts Protzstängel“ angebracht werden. Wir wünschen dem Herren mit dem langen Hut in Rot-Weiß alles Gute zum Geburtstag und auf das die nächsten 40 Jahre nicht minder spannend werden!

* Wer Lust auf die etwas anderen Plätzchen unterm Tannenbaum hat (von Big Ben bis Brandenburger Tor), bestellt hier: http://www.phil-goods.com

Ausgabe 21, Oktober 2009

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Responses

  1. irgendjemand in holland hatte eine ganze liste von fernsehturm utensilien… die backform war auch dabei


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