Verfasst von: marcelnakoinz | 21. Oktober 2009

Kafka im Zirkus – Vorhang auf für den Zirkus in der Literatur!

Kafka im Zirkus

Kafka im Zirkus

Kaum hat sich der purpurne Samtvorhang gelüftet, ist man etwas desillusioniert. „So eine kleine Bühne!“ Aber es stimmt. Die Tradition der Zirkusnovelle ist, zumindest in Deutschland, nicht gerade umfangreich. Mit gutem Willen kann man dazu beispielsweise Goethes „Wilhelm Meister“, Wedekinds „Zirkusgedanken“, Hauptmanns „Wanda“ und Hofmannsthals „Schwierigen“ zählen. Ausgeprägter sieht das zwar schon in Frankreich aus, mit Vertretern wie Honoré de Balzac, Edmond de Goncourt, Charles Baudelaire, Degas und Picasso. Aber auch in Georg Büchners weltverstörtem Woyzeck und in Erich Kästners düster-melancholischem Erwachsenenroman „Fabian“ sind es Manegen aller Art, in denen das Zirkusthema in schillernder Vielfalt von der Literatur behandelt wird. Doch schon anhand der beiden letztgenannten Autoren fällt auf: Die Art und Weise, in welcher sich dem Thema meist genähert wird, hat nichts mit den farbenfrohen Heile-Welt-Bildern aus der Kindheit zu tun, die in unseren Köpfen herumgeistern. Paradigmatisch zeigt sich dies am Werk Franz Kafkas, das jedoch für sich steht und auf seine eigene Weise betrachtet werden muss. Lassen Sie uns an ihm aufzuzeigen, woher diese negative Betrachtungsweise des Zirkusmotivs in der Literatur rührt.

Nach allem, was wir wissen, liebte Kafka nicht nur das Kino, sondern auch den Zirkus und alles, was damit zusammenhängt: Varietés, Jahrmärkte, Monstrositätenschauen. Das Zirkussujet beschäftigte ihn zeitlebens und durchzieht sein gesamtes Werk. Als Beispiele seien hier nur sein Roman „Der Verschollene“, sein Sammelband „Ein Landarzt. Kleine Erzählungen“, sowie seine Erzählung „Josefine, die Sängerin“ genannt. Diese Geschichten sind anders als die sonst seltsam verfremdeten und codierten Traumwelten Kafkas, welche die Forschungswelt zu dem hübschen Ausdruck „kafkaesk“ (etwa: „unheimliche Ungewissheit“) inspirierten. Sie wurzeln in Kafkas Erfahrungen mit Zirkusbesuchen, die akribisch aus seinem Briefverkehr und seinen Tagebuchaufzeichnungen extrahiert wurden. Sie handeln, verschreckend eindeutig, von realen artistischen Einzelschicksalen, an deren Körpern ihr Scheitern und damit der Wandel der damaligen Zeit thematisiert werden. Das steigende Interesse an technischen Neuerungen wie Kino, Rundfunk und Fotografie zur Wende des 20. Jahrhunderts verdrängte die Akrobaten und trieb sie mitunter in die Arme der neuen Medien. Die ersten deutschen Filmschauspieler kamen aus dem Zirkus Renz.

Vorhang auf für's Fernvergnügen

Vorhang auf für's Fernvergnügen

Diese krisenhafte Entwicklung erkennt Kafka. Sie veranlasst ihn dazu, immer wenn er auf dieses Thema zu sprechen kommt, seinen Lesern einen Zerrspiegel der ungeschminkten Wahrheit vorzuhalten. So handeln Kafkas Geschichten vom Untergang der Hungerkünstler, die ohne Publikum umkommen müssen, von der Menschwerdung eines Affen, von der Tierwerdung eines in der Völkerschau ausgestellten Menschen oder auch von der unentdeckten Not einer Kunstreiterin. Dabei ist Kafkas Separation der Artisten vom Zirkus besonders auffällig. Der Eine ist selbstbezogenes, ästhetisches Subjekt und dem Anderen, dem ökonomischen Institut der Tauschsphäre entgegensetzt. Im Sinne Kafkas agieren seit jeher Spielleute und Akrobaten im Namen ökonomischer und ästhetischer Verschwendung. Auf sich selbst bezogen, berufen sich ihre Kunststücke immer auf die unmittelbare Wahrheit des Körpers. Ganz dem Akt ihrer schöpferischen oder selbstverzehrenden Produktion ergeben, stellen die Artisten sich dem Publikum, von keinerlei äußerer Zensur abhängig. Die Freiheit, die sie leben, ist imaginiert und zeigt das Gesicht disziplinierter Selbstzerstörung. Sie beruht auf dem Paradox einer Zeit. Einem Paradox zwischen Verzicht und Verschwendung. Zwischen ersetzbarer Unersetzbarkeit und unsichtbar-sichtbaren Gefühlen. Mit einem Auszug aus Kafkas Stück „Auf der Galerie“ möchte ich diese Vorstellung beenden und hoffe, meinem Publikum hat das Programm gefallen:

„Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde […], begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, riefe das Halt! durch die Fanfaren des sich immer anpassenden Orchesters. Da es aber nicht so ist […]; legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlussmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.“

Quelle:
Walter Bauer-Wabnegg: Zirkus und Artisten in Franz Kafkas Werk. Erlangen 1986.

Ausgabe 19, September 2008

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Responses

  1. Kannte ich noch nicht. Danke für’s Teilen!

    Es grüßt Kafka-Fanin

    Salomea


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