Verfasst von: marcelnakoinz | 21. Oktober 2009

Macht Geld doch glücklich? – Reich ist, wer sich Zeit nimmt

Zwei Herzen schlagen in des Geldes Brust. Einerseits ist es Voraussetzung jeglicher Form moderner Arbeitsteilung und damit von Zivilisation, gleichzeitig aber ist es auch Quelle unsagbarer Barbareien. Wird man durch einen Haufen Kohle automatisch glücklich? Oder eher zu einem abscheulichen Ebenbild seiner selbst?
Postkarte: Gutsch Verlag

Verklebte Welt
Was ist die Aufgabe des Geldes? „Die Welt zu verkleben“, würde der Philosoph Frank Augustin sagen.1) Geld klebt unabwaschbar an allem, was uns umgibt. An jedem Badeurlaub, jeder Türklinke und jeder Münze. Es vermittelt uns den Eindruck von Stabilität und Zusammengehörigkeit in der Welt. Alles ist mit einem bestimmten Zahlenwert behaftet und vergleichbar. Die Dinge sind in eine einheitliche Beziehung gesetzt und werden „spielbar“. Hatte also Neil Postman recht, als er polemisierend fragte: „Wer mit dem meisten Spielzeug stirbt, hat gewonnen“? Wir verkaufen uns Tag für Tag, um mit all den schönen Dingen spielen zu können, die uns die Werbewelt verspricht. Wir tauschen Freizeit mit Überstunden. Warum? Weil Geld verspricht, nicht mehr vergleichen zu müssen und sich frei dem großen Spiel widmen zu können, das wir alle spielen müssen. Sind wir alle derart vom Kommerz durchdrungen, dass wir schon gar nicht mehr bemerken, wenn unsere Beziehungen mit Kosten-Nutzen-Kalkulationen stehen und fallen? Geht es uns allen nur ums Geld?

Foto: M. Nakoinz
Luxuriöse Einkaufswelten in Berlin

Es ist nicht das Geld, das glücklich macht, sondern das Glück!
Ich fragte einige Harz IV-Empfänger auf den Straßen Berlins nach ihrer Meinung. „Man kann schon mit dem Geld auskommen“, meint Alex*, ein hagerer Bursche mit Dreitagebart, gekleidet in eine Jeansjacke, „aber für die Allgemeinheit sind einfach zu wenig Anlaufstellen da (und besonders für die Leute, die Drogen nehmen).“ „Ob das Geld reicht, um glücklich zu sein?“, frage ich. Da müsste man „Glück“ definieren. „Zufriedenheit allgemein“, schlage ich vor. „Nein, es macht nicht glücklich. Geld kann auch nicht glücklich machen.“ „Was dann?“ „Glücklich macht einfach eine intakte Familie, die auch hinter einem steht. Nachdem meine Frau mit 31 Jahren an Brustkrebs gestorben ist, habe ich wieder angefangen, Drogen zu nehmen. Diese Entscheidung würde ich heute gerne wieder rückgängig machen. Aber ich war deprimiert und wollte die Welt vergessen. Aber der Schmerz ist immer noch da. Das prägt einen Menschen.“, meint Alex*. Rosa* setzt sich zu uns auf den Bordsteig, wirft ihr leuchtend rotes Haar in die Waagschale und tröstet: „Ich sag mal so: Wenn man nicht unbedingt auf Geld wert legt, dann kann Geld glücklich machen, weil dann kommt man auch mit den paar Kröten aus, die man zum Leben hat.“

PS: Ich mach dich glücklich
David Halpern2), politischer Berater des britischen Premierministers, würde dem sicher zustimmen. Um glücklich zu sein, wäre es für den Glücksforscher hilfreich, in Mexiko oder Puerto Rico zu leben. Denn dort leben die glücklichsten Menschen der Welt. Dabei geht es ihnen, wirtschaftlich gesehen, alles andere als gut. Wie das? Man fand, dass Zufriedenheit von einem bestimmten Lebensstandard an nicht mehr automatisch mit dem Einkommen ansteigt. Auch wenn sich in den letzten Jahrzehnten das Durchschnittsgehalt in den westlichen Industrienationen vervielfachte, blieb das allgemeine Wohlbefinden doch die ganze Zeit gleich.

Die Tretmühle dreht sich weiter und der Neid über das Glück anderer eint uns doch alle tief in unserem Herzen. Ein Teufelskreis. Jede Sekunde, die wir nicht schuften, vergeuden wir mit so sinnlosen Dingen wie Freunden, Familie und Schlafen. Will der Neider aber mithalten, will er einen noch größeren Fernseher oder ein noch größeres Auto als der Nachbar haben, dann muss er arbeiten. Allzu schnell geht unserer Freiheit dadurch das Geld aus. Welchen Preis sind Sie bereit zu zahlen, damit Sie die Zeit haben, um bei der Geburtstagsparty Ihres Kindes dabei zu sein? Zeit klebt nicht und wir können sie nicht kaufen. Deswegen ist die Zeit, die wir miteinander verbringen, das größte Geschenk, das wir einander bereiten können. Und wer in seiner Zeit das machen kann, was er gern möchte, ist sowieso glücklich und reich zugleich.

„Die meisten Menschen werden nur deswegen nicht reich, weil sie vor lauter Arbeit keine Zeit zum Geldverdienen haben.“ – Jimmy Durante

*) Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Quellen:
1) Frank Augustin: Geld verklebt die Welt. In: Der blaue Reiter 11/2007.
2) Was für ein Glück. In: Die Zeit 52/2003, S. 53.

Ausgabe 20, September 2008

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