Verfasst von: marcelnakoinz | 5. November 2009

Das verblassende Glück der „Vierten Gewalt“ – Über die heutigen und zukünftigen Macher der Nachrichten

Der Newsstricker

Der Newsstricker

Wann wird zensiert? Ist Richtigkeit heute nicht mehr so entscheidend wie Plausibilität? Wer macht die Medien wirklich? Gehören Sie auch zu denen, die sich hin und wieder diese Art von Fragen stellen, wenn Sie die Nachrichten in der Mattscheibe oder Tageszeitung begutachten? Trotz immer mehr Möglichkeiten der Kommunikation leben wir im Großen und Ganzen noch immer in einer unbekannten Welt. Unbekannt in dem Sinne, dass wir viele komplexe Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Ökonomie und Ökologie, Militär und Handel usw. nicht überschauen können. Die Erzeugung einer solchen Weltweisheit, welche in einer globalisierten Welt für alle Menschen von Vorteil wäre, können die Tagesnachrichten der einzelnen Länder keineswegs leisten. Sie sind mehr oder weniger Manipulationen und Wirtschaftszwängen ausgesetzt.

Das Nachrichtenuniversum zerfällt in zwei Teile
In Deutschland sind die Medienangebote von Radio und TV in private und öffentlich-rechtliche zu unterscheiden. Nachrichten der Letzteren, allen voran die „Tagesschau“, sind von der Quotenjagd und den leicht verdaulichen Promi-Klatsch-Nachrichten der privaten Sender verschont geblieben. Doch die Quotensklaven sind auf spektakuläre Ereignisse angewiesen und blasen sie extrem auf. Das verdrängt unspektakulärere Themen, vor allem wenn es zu ihnen kein Bildmaterial gibt oder auch für das Massenpublikum langweilige politische und finanzielle Entscheidungen, weiß Stefan Bräutigam zu berichten, der eine Diplomarbeit zum Thema Nachrichten schrieb.1)

Schöne uninformierte Welt
Das Weiterreichen von Informationen diverser Nachrichtenagenturen ist mittlerweile aufgrund von Budget- und Personalkürzungen weiter verbreitet als die investigativen Reportagen vor Ort. Dabei vernachlässigt die „vierte Gewalt“ gerade die ihr inoffiziell zugewiesene Aufgabe, Politik und Wirtschaft zu überwachen. Entweder steht in allen Zeitungen das gleiche oder alle widersprechen sich. Wem soll man Glauben schenken?Die Authentizität der Nachrichten rührt von allem von ihren Quellen her, aber „die Verarbeitung, Aufbereitung und Lieferung von Nachrichten ist zum Geschäft geworden“, so Bräutigam.

Overnewsed but uninformed

Overnewsed but uninformed

Wenn die Presseagenturen durch ihre Monopolstellung entscheiden können, was von Interesse ist und was nicht, und die Redakteure dann nur diese Themen reproduzieren (oder sogar unredigiert übernehmen, erkenntlich z.B. an dem Quellenkürzel „dpa“ für die Deutsche Presse Agentur), bekommen wir den unreflektierten Einheitsbrei zu sehen und zu lesen, der uns oft genug ereilt. Kritische Stimmen sprechen, so Bräutigam, von einer Art „Medienimperialismus“, da die Weltnachrichtenagenturen vor allem über Industriestaaten berichten, auf welche die Themen wiederum zugeschnitten seien (Wohlstand, Marktwirtschaft etc.), und „Dritte-Welt“-Staaten nur klischeehaft dargestellt würden (Kriege, Katastrophen, Korruptionsskandale).

Über weiter von uns entfernte Menschenqualen (Somalia, Ruanda, Myanmar) wird in den westlichen Staaten eher wenig berichtet. Aber seien wir ehrlich: Selbst wenn uns einmal Bilder aus schwer zugänglichen Krisengebieten erreichen – wer möchte schon die unvorstellbaren Verstümmelungen sehen? Nacktes Elend ist kein Quotenrenner. Darfur ist weit weg und was ich nicht weiß, lässt mich nachts nicht unruhig schlafen.

Die zukünftigen Macher?

Lorenz Maroldt, seines Zeichens Chefredakteur beim „Tagesspiegel“ und damit einer der „Macher“, schätzt den Stellenwert der Nachrichten in der Gesellschaft dennoch weiterhin sehr hoch ein und blickt voraus: „Das Internet als schneller Konkurrent bringt die Abo-Zeitungen dazu, mehr auf Analysen und Hintergründe zu setzen.“ In Deutschland gibt es 353 Tageszeitungen, aber die 14- bis 29-Jährigen bevorzugen heute Online-Nachrichten. Doch im Internet sind Nachrichten nicht knapp genug, um wertvoll zu sein. Geld verdienen lässt sich nur mit Qualität, die der aufkommende Bürgerjournalismus in den Blogs nicht leisten kann, in welchen jeder Otto Normalverbraucher zum Nachrichtenreporter werden kann. Hier sind vielfach weder verifizierbare, noch neue Beiträge die Regel. Außerdem ist die Bloggerszene selbst manipulierbarer und von elitäreren Strukturen geprägt als die alten Medien, welche sie angeblich verdrängt.2) Maroldt bringt es auf den Punkt: „Richtig bleibt wichtig, weil die Glaubwürdigkeit unser Kapital ist.“

Quellen:
1) http://www.overnewsed-but-uninformed.de
2) Berliner Journalisten 3/2008

Ausgabe 22, Oktober 2008

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