Verfasst von: marcelnakoinz | 5. November 2009

Roman und die Liebe – Flirtfaktor S- und U-Bahn

Flirten statt Opel fahren

Flirten statt Opel fahren

„Ich begegne in meinem Leben Millionen von Leibern; von diesen Millionen kann ich nur einige Hundert begehren; von diesen Hunderten aber liebe ich nur einen“, sagte einmal Roland Barthes.* Und diese eine sitzt soeben vor mir. Wie jeden Morgen für sechs Stationen auf dem Weg zu meiner Arbeit. Es gibt nur ein winziges Problem. Sie weiß nicht, dass ich existiere. Sie anzusprechen, habe ich mich nie getraut. Dass ich damit nicht allein bin, beweisen die achtzigtausend Zugriffe monatlich auf die BVG-Website „Meine Augenblicke“. Auf diese Kontaktbörse war ich durch eine Werbung im U-Bahnfernsehen gekommen. Aber all die Singlebörsen-Treffs, Speeddatings und Treffen der anonymen Verklemmten haben nichts gebracht.

Der Rosenkavalier ...

Der Rosenkavalier ...

Meine beste Freundin meinte einmal zu mir, dass ich im Grunde ein temperamentvoller Mensch sei: „Du tanzt wie ein Spanier, klatschst aus Lust am Leben unvermittelt in die Hände wie ein Italiener und hast das Lächeln eines Griechen.“ Nur weiß meine Schüchternheit von all dem nichts. Leider flirte ich nicht wie ein Franzose.

Unbekannte Nr. 401
Aber ich darf es diesmal nicht in den Sand setzen. Denn sie ist die Frau! Das macht die Sache nicht leichter. Hatte ich schon wieder meinen Denkzettelkatalog zum erfolgreichen Flirten im ÖPNV vergessen? Sollten all die bunt gemischten Erfahrungen der Jugend (eine schöne Bezeichnung für die vielen Enttäuschungen der Vergangenheit) umsonst gewesen sein?

Nein! Ich erinnerte mich noch zu gut an Unbekannte Nr. 3: blond gelocktes langes Haar, das ihr ins gemalte Madonnengesicht fiel, enges schwarzes Top mit Dekolleté, welches durch ein weißes dreieckiges Halstuch mit Spitze unterstrichen wurde. Immer wenn sie mich anblickte, sah ich sofort von ihr ab, wie ein ängstliches Rehkitz, das einen Jäger erspäht. Das nervte sie dermaßen, dass sie sich auf und davon machte. Geistige Notiz 1: „Augenkontakt ist entscheidend! Nicht zu viel (= Voyeur) und nicht zu wenig (= Bruder).“ Oder Unbekannte Nr. 64: Ein Paradiesvögelchen, das seinen Rücken immer frei trug, damit die beiden sich bis über die Schulterblätter erstreckenden tätowierten Engelsflügel sichtbar waren. Ich war von ihrer Schönheit zu sehr eingeschüchtert und stolperte völlig peinlich an ihr vorüber. Geistige Notiz 45: „Sei überzeugend und cool, aber auch nicht unnahbar.“

... und die Liebe

... und die Liebe

Nr. 235 hatte lange schwarze Haare und einen ängstlich interessierten Blick durch eine schwarze, intellektuell wirkende rechteckige Brille auf mich gerichtet. Geistige Notiz 1.089: „Lies niemals in der Öffentlichkeit die Micky Maus, wenn du eine Frau von deinem Niveau überzeugen willst.“ – Aber sie, Nr. 401, mit ihrem Shirt, auf dem ein Pferd mit Rädern, statt Hufen, und der Schriftzug „Färt!“ abgebildet sind – sie ist es nun. Und es gibt so vieles, worauf zu achten ist. Aber heute ist alles anders. Sie steigt an derselben Station aus wie ich. Mein Glück kaum fassen könnend, stecke ich (als Mechaniker) mein Kunstmagazin weg und versuche so elegant wie möglich auszusteigen. Vor lauter Konzentration vergesse ich Lektion 1 und verliere sie aus den Augen. Aber in der Unterführung zur anderen Linie finde ich sie in der Menge wieder und sie sieht mich an. Ich halte dem Blick stand und schwebe galant die Treppe herunter. Zu schnell. Ich verliere sie erneut aus den Augen. „Geh’ nicht zur nächsten Linie. Geh mit mir zum Fahrrad, küss mich, heirate mich! Nur dieses eine Mal.“ Aber sie hört mich nicht.

Doch dann steht sie auf einmal vor mir. Ich sperre mein geistiges Notizbuch in die hinterste Ecke meines Gehirns und werfe den Schlüssel weg. Denn es gibt keine Anleitung zum Glücklichsein.

Der Anfang ohne Ende
Drei Wochen später bin ich wieder solo. Vielleicht liegt es ja auch an mir? Vielleicht liebe ich es ja, verliebt zu sein, und möchte nicht gefährden, dass die Erfüllung meiner Begierde dieses Gefühl abstumpfen lässt? Und so streune ich denn auch weiter durch die Züge nach nirgendwo. Ich vertue meine Zeit hier nicht wie andere mit Lesen, Essen oder illegalem Musizieren. Ich bin auf der Suche nach Anfängen. Die Züge sind vollgestopft mit Möglichkeiten. Immer der Süße des Anfangs, der eigentlichen Zeit der Idylle auf den Fersen, in der man liebestrunken die Vollkommenheit des begehrten Wesens erforscht und ihre Unvollkommenheit entdeckt, setze ich mich weiter dem dionysischen Würfelwurf aus.

* Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Frankfurt a. M. 1988, S.39.

Ausgabe 21, Oktober 2008

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