Verfasst von: marcelnakoinz | 14. November 2009

Der Träumer des Jahrhunderts – Wie Salvador Dalí die Herzen seiner Zeit im Schlaf eroberte

Warum träumen wir?

Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen

Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen

Eines gleich vorweg: Diese Frage, die seit Jahrhunderten viele kluge Köpfe beschäftigt, werden wir natürlich keinesfalls mit einem Beitrag beantworten können. Doch wir können uns auf die Spuren eines extravaganten Geistes begeben, der dazu seine ganz eigenen Auffassungen hatte und diese zelebrierte.

Traum oder Trauma?
Wer kennt ihn nicht: Salvador Felipe Jacinto Dalí i Domènech, Marqués de Púbol, den weltberühmten Maler, Bildhauer, Filmemacher und grandiosen Selbstinszenierer. Als einer der Hauptvertreter des Surrealismus entdeckt er sein Hauptsujet in der Welt des Unbewussten, die in den Träumen erscheint. Die Traumbilder Dalís sind derart pedantisch-realistisch dargestellt, dass sie schon wieder beunruhigend real auf uns wirken und nicht ohne Grund „Traumphotographien“ genannt werden. Seinem „System“ der gelenkten Träume folgend, erteilte er einmal den Rat: „Wenn Sie malen, denken Sie immer an etwas anderes.“ Woran aber denkt Dali beim Malen seiner Bilder, die Rückschlüsse auf entweder eine grenzenlose Phantasie, gespeist aus lebendigen Träumen, oder auf Kindheitstraumata nahelegt?

Von Dalís bewegter Kindheit wissen wir, dass zu seinen frühen Eigenheiten Wutausbrüche, Einnässen, Lügen und Tagträume gehören. Der kleine Salvador beschlagnahmt das „Waschzimmer“ des Elternhauses, den Dachboden, um darin seine Gedankenschlösser aufzubauen. In seiner Phantasie wird er zum „Weltenherrscher“ und malt Bilder auf die Deckel von Hutschachteln. In Dalís Selbstbiografie heißt es: „Im Alter von sechs Jahren wollte ich Koch werden. Mit sieben wollte ich Napoleon sein. Und mein Ehrgeiz ist seither stetig gewachsen.“ Die Schulzeit überbrückt er mit Zukunftsträumen, genau wie sein Lehrer Traite, der auch nur in die Schule kommt, um dort zu schlafen.

Als man Dalí – nach einer von ihm selbst überlieferten Anekdote – im Alter von fünf Jahren eine angeschossene Fledermaus mitbringt, beschäftigt er sich innig mit dem neuen Freund, umringt von Gläsern, in denen er sich Marienkäfer und Glühwürmchen hält. In der Waschküche, die er bereits zur Naturforschungsstation umfunktioniert hat, redet er mit der Fledermaus, küsst sie auf den behaarten Kopf und liebt sie mehr als alles andere auf der Welt. Aber schon am nächsten Morgen ist der Schrecken groß, als er die Waschküche betritt und die Fledermaus, noch halb am Leben, von „wahnsinnigen“ Ameisen übersät vorfindet: „In ihrem Gesichtchen standen winzige Zähne, gleich denen einer alten Frau.“ In einer Kaskade von unüberwindlichen Gefühlen wie Mitgefühl und Ekel führt er sie sodann zu seinem Mund und will sie küssen. Stattdessen beißt er ihr aber beinahe den Kopf ab und wirft sie, vor sich selbst schaudernd, in das mit schwarzen, überreifen Feigen getränkte Waschwasser. Seit damals hat er eine Abneigung gegen schwarze Flecken, die ihn an dieses Erlebnis erinnern. Und doch werden Ameisen zu einem immer wiederkehrenden Motiv in seinen Bildern. Das Trauma lässt ihn wohl nie los und kehrt stets in seinen Träumen zurück.

Das verlorene Paradies
Dalí behauptet zudem, sich an das Leben innerhalb der Gebärmutter zu erinnern. Ob dieses Vorbringen auch nur seiner überaus blühenden Phantasie zuzuschreiben ist (Picasso vergleicht sie nicht ohne Grund einmal mit einem ständig auf Hochtouren laufenden Außenbordmotor) oder doch ein seltener Fall von Traumbewusstsein vorliegt, wissen wir nicht. Jedenfalls unterstützt er dabei Dr. Otto Ranks These, die er in seinem Buch „Das Trauma der Geburt“ äußert, dass die Zeit im Mutterleib dem Paradies gleiche und die Geburt damit dem biblischen Mythos vom „Verlorenen Paradies“ entspreche. Dalí beschreibt dieses Paradies als warm, unbeweglich, weich, symmetrisch, doppelt und klebrig. Auch hier entsteht eines der für den Künstler charakteristischen Themen.

Spiegeleier auf dem Teller ohne den Teller

Spiegeleier auf dem Teller ohne den Teller

Die Spiegeleier, die er zum Beispiel in seinem Bild „Spiegeleier auf dem Teller ohne den Teller“ darstellt: Angeblich wurde seine Faszination für derlei unbestimmte Formen freischwebender Spiegeleier, die er sich sein Leben lang bewahrte, durch den Druck der Fäuste in der typischen fetalen Haltung vor seinen Augenhöhlen hervorgerufen. Diese Lichtwahrnehmungen kann man sich auch nach der Geburt vor Augen führen, wenn man bei geschlossenem Lid auf das Auge drückt. Versuchen Sie es einmal! Vielleicht schlummert ja auch in Ihnen ein Surrealist.

Quellen:
Wendy Beckett: Die Geschichte der Malerei
Salvador Dalí: Das geheime Leben des Salvador Dalí

Ausgabe 24, November 2008

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Responses

  1. Danke für den Post.
    Ich hab ihn mit großem Interesse gelesen. Dali hat was. Seine Bilder erkennt man überall wieder.


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