Verfasst von: marcelnakoinz | 14. November 2009

Sein oder Nicht-Sein – Wahrheit ist von Lüge völlig verschieden. Ist sie?

Wahrheit vs. Fiktion

Wahrheit vs. Fiktion

„Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben, und nun als Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen.“

Das sagte einmal der, der gern mit dem Hammer philosophierte. Friedrich Nietzsche, dieser philosophische Krieger, sah bereits, dass die Welt, wie wir sie uns zurechtlegen, nicht unbedingt der objektiven Wirklichkeit entspricht, von der wir alle ausgehen. Lange bevor Einstein uns unserer gewissen, dreidimensionalen Welt beraubte und uns Freud die Macht über unser innerstes Selbst, den Urtrieb, absprach, erschütterte er die bornierten Einbahnstraßendenker seiner Zeit (und der heutigen). Die Einblicke und Erkenntnisse, die das Gefüge der Sprache und ihrer Metaphern der Wahrheit suchenden Menschen eröffnet, bilden nach Nietzsches skeptischer Einsicht eine Welt des Scheins, eine Sphäre der Illusion. Denn sowohl die Metaphorik der Sprache, als auch die Subjekt-Prädikat-Struktur der traditionellen Satzgrammatik, erzeugen schlechterdings die Vorstellung einer „Identität des Dings“, die nunmehr eine Fiktion, eine konventionell sanktionierte Form der Lüge bezeichnet.

Fiktive Wahrheiten

Nietzsche Tagtraum

Nietzsche Tagtraum

Für Nietzsche ist es „nicht mehr als ein moralisches Vorurteil, daß Wahrheit mehr wert ist als Schein; es ist sogar die schlechtest bewiesene Annahme, die es in der Welt gibt.“ Und weiter heißt es: „Bei allem Werte, der dem Wahren, dem Wahrhaftigen, dem Selbstlosen zukommen mag: es wäre möglich, daß ihm die Scheine, dem Willen zur Täuschung, dem Eigennutz und der Begierde ein für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Wert zugeschrieben werden müßte.“ Eine Philosophie, die es wagt, den gewohnten Wertgefühlen Widerstreit zu leisten und falsche Urteile als die unentbehrlichsten zu werten, ohne deren Messen der Wirklichkeit an der rein erfundenen Welt die Menschheit nicht leben könnte, stellt sich nach Nietzsche jenseits von Gut und Böse.

Damit nimmt er die heutigen Erkenntnisse der Fiktionsforschung, bezüglich der Wichtigkeit der Fiktion für uns, bereits vorweg. Man weiß inzwischen: Fiktionen kann man als Übungsraum ansehen, um sich mit anderen möglichen Wirklichkeitsmodellen auseinander zu setzen, die der Rezipient mit seinem eigenen Erfahrungshintergrund abgleicht. Durch Einfühlung lernen wir daraus und können uns besser an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Es geht hier nicht, wie Käte Hamburger bemerkte, darum, aus Wahrheit Fiktion zu machen, sondern aus Fiktion Wahrheit entstehen zu lassen.

Wahre Fiktionen
Nietzsche zufolge reden wir uns so lange ein, die Natur objektiv zu sehen, bis wir uns nichts anderes mehr vorstellig machen können. Gerade das geht aber seiner Einsicht nach nicht, weil der Mensch grundsätzlich nicht zu Objektivität fähig ist, da er ja selbst immer ein Teil der Natur ist. „Macht man jemandem klar, dass er, streng verstanden, nie von Wahrheit, sondern immer nur von Wahrscheinlichkeit und deren Graden reden könne, so entdeckt man gewöhnlich an der unverhohlenen Freude des also Belehrten, wie viel lieber den Menschen die Unsicherheit des geistigen Horizontes ist und wie sie die Wahrheit im Grunde ihrer Seele wegen ihrer Bestimmtheit hassen,“ sagt der Nihilist weiter. Allein aus einem Glauben heraus, der auf wiederkehrenden Beobachtungen basiert, bemühen sich die Menschen um ihr Wissen. Um etwas, das feierlich am Ende als die „Wahrheit“ gekauft wird. Schon der Empiriker David Hume meldete daran seine Bedenken an. In seiner Tradition entwickelte Nelson Goodman eine Theorie der Weltenerzeugung. Die Erde steht beispielsweise je nach Betrachtungsweise still oder bewegt sich. Für einen Schildkröterich, der gerade mit seiner Schildkrötin in einer blauen Lagune kopuliert, steht die Erde gewiss still. Für einen Astronomen, der gerade mit einer Assistentin… forscht, hingegen rast sie mit einer Geschwindigkeit von 29,8 Kilometer pro Sekunde durch das Weltall.

Quellen:
Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse
Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne
Nelson Goodman: Weisen der Welterzeugung

Ausgabe 23, November 2008

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