Verfasst von: marcelnakoinz | 5. Dezember 2009

„Die Nachfrage ist groß“ – Die sozialpädagogische Familienhilfe der Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH zieht in das Hanns-Eisler-Viertel

Kinderzimmer im Plattenbau

Kinderzimmer im Plattenbau

Was sind Ihre guten Vorsätze für’s neue Jahr? Mit dem Rauchen aufhören? Endlich die Gehaltserhöhung einsacken? Viele Menschen haben viel bescheidenere Ziele. Eine Arbeit finden. Mit dem ewigen Streiten in der Familie aufhören. Mehrere Kinder, wenig Geld und beengte Wohnverhältnisse münden schnell in Konflikten. Nicht selten mit negativen Auswirkungen auf die Kinder. Doch es gibt Hilfsangebote. Aus diesem Anlass sprach der strassenfeger mit der Leiterin des nach dem Umzug noch im Aufbau befindlichen Familienhilfezentrums „Kinderzimmer“ in der Hanns-Eisler-Str. 2-4. Die Diplom-Sozialpädagogin und Familientherapeutin Christina Lauruschkus, selbst Mutter einer 6-jährigen Tochter, ist seit Juli 2008 Einrichtungsleiterin der Abteilung „Familienhilfe“ bei der Pfefferwerk gGmbH.

Christa Lauruschkus

Christa Lauruschkus

Der erziehungstechnische Hilfebedarf ist tatsächlich groß. Viele Kinder haben keinen Rechtsanspruch auf einen Hortplatz, weil die Eltern arbeitslos sind. Andere gelten als schwer vermittelbar aufgrund von Aufmerksamkeitsstörungen. Oder Familien fehlt schlichtweg das Geld für eine Tagesbetreuung. Familienarmut entsteht oft durch den Mangel an qualifizierter Ausbildung der Eltern für den hochschwelligen deutschen Arbeitsmarkt. In Deutschland alleinerziehend zu sein (davon noch immer 90 Prozent Frauen), ist oft gleichbedeutend damit, in Armut zu leben, weiß Frau Lauruschkus. Aber auch das Schulwesen weist dramatische Lücken auf. Nicht nur die Kinder sollten sich an der Schule orientieren müssen, sondern auch umgekehrt. Auf ein sozial benachteiligtes Kind sollte speziell eingegangen werden. In der Praxis fliegen jedoch viele raus, die nicht in das Schema passen. Sie kommen in Sonderschulen, was den Weg in viele Ausbildungen verbaut, und so rutschen viele durch die Maschen unseres sozialen Netzes. Der perfekte Lebenslauf, den man heutzutage braucht, sieht anders aus.

Es gibt Hoffnung

Bedürftige Familien haben jedoch Anspruch auf Unterstützung bei der Erziehung ihrer Kinder. Es gibt zwar viele, die mit Behörden generell schlechte Erfahrungen gemacht haben und deshalb Ämtergänge scheuen. Davon unabhängig ist aber das „Kinderzimmer“ ein niederschwelliger Anlaufpunkt für Kinder aus dem Sozialraum rund um das Mühlenbergcenter. Man muss also keinen speziellen Antrag stellen und kann einfach anrufen. Die Kapazitäten sind jedoch begrenzt; man musste bereits eine Warteliste einrichten. Zwei feste Mitarbeiter können nicht alle Probleme des Viertels lösen, aber für 20 bis 25 Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren sind sie da. Für alle anderen aus dem Sozialraum stehen die Türen natürlich genauso offen, wenn es darum geht, die richtigen Ansprechpartner zu finden.

Simon Mattheja

Simon Mattheja

1992 wurde das „Kinderzimmer“ am Teutoburger Platz als Freizeitangebot ins Leben gerufen und entwickelte sich nach und nach zu einem sozialräumlichen Modellprojekt, in dem sich Eltern untereinander kennen lernen und einander helfen können. Das ist auch nötig, denn der Anteil der Alleinerziehenden wächst stetig. Den Kindern wird des weiteren bei ihren Problemen geholfen und ein strukturierter Tagesablauf gegeben. Als sich die Bevölkerungsstruktur vor Ort aber aufgrund der Verteuerung des Wohnraums komplett veränderte, wurden die ärmeren Familien verdrängt. So entschied man sich, in das Neubauviertel rund um das Mühlenbergcenter umzusiedeln. Anfang 2008 fand der Umzug in diesen neuen Sozialraum statt (zunächst provisorisch in einem benachbarten Freizeitheim untergebracht), seit dem 01.09.2008 in eigenen Räumen (große, zentral gelegene Ladenwohnung).

Der Tagesablauf

Die jüngeren Kinder werden von einem Mitarbeiter/in von der Schule abgeholt. Auf dem Rückweg wird mit ihnen das Essen abgeholt, das sie von der Regenbogen-Kita des Pfefferwerks bekommen. Bis 14:30 Uhr werden Hausaufgaben gemacht – mit Unterstützung der Sozialpädagogen. Dann gibt es Mittagessen, das heißt hier „Päda-gogischer Mittagstisch“. Ab 15 Uhr darf draußen Fußball gespielt und Skateboard gefahren werden, wobei die Rampen mit den Kindern selbst gebastelt werden, unter Anleitung von Simon Mattheja, einem Sozialarbeiter und ausgebildeten Tischler. Da lernen die Kids auch gleich etwas für’s Leben: „Hey! Das mit Winkeln haben wir gerade in der Schule!“

Dienstags und donnerstags dürfen sie an die neuen gespendeten Computer (schon während unseres Gesprächs standen sie dafür draußen Schlange). Mittwoch ist Ruhetag mit guten alten Gesellschaftsspielen. Neben Räumen für Hausaufgaben und Spiele gibt es bald auch einen Psychomotorikraum zur Entspannung der kleinen Energiebündel – mit fachlicher Betreuung durch eine Bewegungspädagogin. Eltern der betreuten Kinder können auf Wunsch Beratung und Unterstützung in Erziehungsfragen erhalten.

Erfolgserlebnisse bleiben dabei nicht aus. Viele werden besser in der Schule. Es gibt Rückmeldungen, dass sie sich in der Hälfte der Fächer um zwei Noten verbessert haben oder sie nicht mehr ständig vorgehalten bekommen, keine Hausaufgaben zu machen, da sie nun ihre Freizeit sinnvoll nutzen und ihre Energien derart einsetzen, dass sie in der Schule nicht mehr negativ auffallen.

Kontakt:
„Kinderzimmer“ (für Kinder und Familien
rund um das Mühlenbergcenter!)
Hanns-Eisler-Straße 2, 10409 Berlin
Leitung: Christina Lauruschkus
Telefon: 030-41 72 62 90
Mail: kinderzimmer@pfefferwerk.de
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 13 bis 17:30 Uhr

Ausgabe 01, Januar 2009

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