Verfasst von: marcelnakoinz | 5. Dezember 2009

BIO macht süchtig!

Bio ist „In“, Bio ist schick, aber ist Bio immer Bio? Was gibt es zu beachten und was ist wirklich drin? Auf der Suche nach Antworten traf sich Marcel Nakoinz für den strassenfeger mit Werner Schauerte (50, Diplompolitologe) in der ehemaligen Garde-Dragoner-Kaserne am Berliner Mehringdamm. Herr Schauerte führt gemeinsam mit Ludwig Rieswick die Geschäfte der LPG-Biomarkt GmbH. Unter anderem betreibt die LPG in Berlin den größten Biomarkt Europas.

strassenfeger: Wie kamen Sie auf die Idee, eine Biomarktkette zu gründen?

Werner Schauerte: Bis zu meinem fünfunddreißigsten Lebensjahr hatte ich nie regelmäßige Arbeit. Ich habe für den Senat gearbeitet, war LKW-Fahrer und auch Journalist bei der „taz“. Über Freunde hörte ich dann im Februar 1994 von einem Bioladen in Kiel, den ich mir sogleich ansah. Das Konzept faszinierte mich und im April desselben Jahres eröffneten wir einen eigenen Markt in Berlin.

Werner Schauert

Werner Schauerte

sf: Bleibt die Nachfrage nach Bioprodukten stark oder geht sie zurück? Welche Gründe sehen Sie dafür?

W.S.: Allgemein wird in Deutschland die Nachfrage nach BIO noch weiter steigen. Das liegt nicht daran, dass die Deutschen gesundheitsbewusster wären als die anderen Europäer, sondern daran, dass wir in Deutschland von einem sehr geringen Biolebensmittel-Niveau ausgehen – im Vergleich zu konventionellen, industriell hergestellten Lebensmitteln. Da sind ordentliche Wachstumsraten kein Wunder. Als wir anfingen, betrug der Anteil von Biowaren auf dem Markt 1,5%. Dann hat es irgendwann diesem Bioboom gegeben und mittlerweile liegen wir bei circa 4,5%. Im europäischen Ausland liegt der Anteil bei bis zu 10% und in den USA sogar schon weit im zweistelligen Bereich.

sf: Warum werden dann die Märkte immer noch eher als Ergänzung, denn als Ersatz für die normalen Märkte genutzt?

W.S.: Laut Umfragen können sich 60 bis 70 Prozent der Menschen, die Lebensmittel einkaufen, vorstellen, regelmäßig Biolebensmittel einzukaufen. Dass sie es bisher nicht tun, liegt einfach am Bioangebot, das vielerorts, besonders auf dem Lande, wenig bis gar nicht vorhanden ist, und daran, dass der Großteil des Wachstums von den Discoun-tern abgeschöpft wird, die jetzt auch mit der Biowelle mitschwimmen. Diese können aber nicht die Qualitätswaren eines Fachhandels haben. Biowaren in diesen Mengen gibt es einfach nicht.

sf: Ist BIO immer gleich BIO oder gibt es da Unterschiede?

W.S.: Riesen-Unterschiede! Ein Beispiel: Bei „LIDL“ gab es neulich Bioapfelsaft für 0,99 Euro. Ebenso bei der LPG. Der Unterschied besteht darin, dass der LIDL-Saft aus China kommt (dem größten Apfelsaftproduzenten der Welt), während wir unseren Saft aus der Region beziehen. Wir legen sehr viel Wert darauf, die bäuerlichen Strukturen in der Region zu erhalten. Damit meine ich keine landwirtschaftlichen Großbetriebe – die beliefern die konventionellen Supermärkte -, sondern die mittelständischen Bauern. In den normalen Märkten bekomme ich Ware von riesigen Monokulturen, die auch die Siegel tragen können, aber nur das relativ niedrigschwellige EU-Siegel.

sf: Wie kommen Sie mit den einzelnen Bauern ins Geschäft?

W.S.: Das ist unterschiedlich. Einmal bekommen wir den Hauptanteil unserer Waren von Großhändlern. Diese sprechen die einzelnen Bauern an und sammeln die Waren. Wir könnten es alleine gar nicht mehr leisten, alle einzelnen Höfe abzufahren. Aber das machen wir im Kleinen auch.

sf: Können Sie die Differenzen zwischen den Gütesiegeln allgemeinverständlich erklären?

W.S.: Das EU-Siegel ist das Mindestmaß an Bioqualität, das man haben kann. Da sind sogar noch genmanipulierte Zusatzstoffe erlaubt. Daneben gibt es noch andere Biosiegel, die in den Fachmärkten verkauft werden. Die wichtigsten sind „Gäa“, „Bioland“ und „Demeter“. Die haben sehr, sehr hohe Anforderungen, ehe man ihr Siegel bekommt. Außerdem haben sämtliche Länder, die BIO anbauen, eigene Siegel. Wie verlässlich diese sind, überprüfen auch die Großhändler.

sf: Kann man sich da so sicher sein? Gentechnisch veränderte Sojabohnen kommen als Viehfutter in das Fleisch, das wir kaufen, in Schokolade und verschiedene andere Lebensmittel. Wie viel Bio steckt eigentlich in BIO?

W.S.: Die Messmethoden sind heutzutage so fein, dass man diese Dinge schon gut rausbekommt. Außerdem stehen wir unter ständiger Überwachung des Lebensmittelaufsichtsamtes, das Stichproben in unseren Läden macht, und wir haben bisher noch nicht eine einzige Beanstandung gehabt. Nebenbei bemerkt, gibt es auch noch sensorische Prüfungen, die jeder von uns machen kann. Lecken Sie mal an der Schale einer Zitrone im Biomarkt und an einer chemisch behandelten, industriell verfertigten Zitrone. Ich verspreche Ihnen, Sie werden den Unterschied merken!

sf: Der ehemalige CEO des weltgrößten Nahrungsmittelherstellers „Nestlé“, Peter Brabeck-Letmathe, sagte einmal in einem Interview, dass fünfzehn Jahre folgenloses Genfood in den USA der Beweis seien, dass diese ganze Biomanie völliger Quatsch wäre. Ist Genfood wirklich so schlimm?

W.S.: Das Schlimme ist, dass man es nicht sagen kann. Was man weiß, ist, dass die Bauern, die sich auf genmanipuliertes Saatgut einlassen, in den Ruin getrieben werden; beziehungsweise in eine totale ökonomische Abhängigkeit geraten, weil sich genmanipu-lierte Hybridsamen nicht reproduzieren.

sf: Kann man mit der Ernährungseinsicht der Menschen ein riesiges Geschäft machen?

W.S.: Das ist wie immer im Leben: Wenn man eine gute Idee hat und auf dem Teppich bleibt, kann man gut davon leben. Wir haben in Deutschland inzwischen auch die ersten Biomarktketten, die pleite sind. Das kommt daher, dass denen der reine Kapitalismus zu Kopf gestiegen ist. Sie dachten, sie könnten jetzt auf einen Boom aufspringen und in kürzester Zeit möglichst viele Läden aufmachen. Doch wo soll das Angebot herkommen, wenn wir nur eine begrenzte Anzahl von kleineren Bauern haben? So etwas braucht Zeit.

sf: Wie steht es um die Umsatzentwicklung von BIO insgesamt? Sind solche Märkte wie in Berlin auch in anderen Städten Deutschlands möglich?

W.S.: Eher kaum. In Berlin führe ich das ganz uneitel auf die LPG zurück. Wir haben schon 1995 gezeigt, dass man BIO in größeren Mengen auf größeren Flächen verkaufen kann. Schon damals waren es 360m² mit dem zweiten Laden. Wir waren die ersten, die gesagt haben, dass BIO kein Luxusprodukt sein darf, sondern für alle da sein soll.

sf: Woher beziehen Sie Ihre Produkte?

W.S.: In der besten Zeit, im Sommer, bekommen wir etwa 40 Prozent der Frischwaren aus Berlin und Brandenburg. Überhaupt: In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wachsen die tollsten Sachen und in überragender Qualität. Aber gerade dann sind alle im Urlaub. Außerdem haben wir immer noch viel zu wenige Leute, die bereit sind, diese teuren Obst- und Gemüsesorten weiterzuverarbeiten; das heißt: Wir haben die fantastischsten Kartoffeln der Welt, aber keine Biokar-toffelchips oder Biopommes, die aus Brandenburg kommen.

sf: Warum?

W.S.: Weil die Bereitschaft von jungen Leuten, etwas zu wagen, einfach zu gering ist. Keiner kommt auf die Idee, die fantastischen Möhren aus Brandenburg in Gläser einzupacken. Das Gleiche gilt für die ganzen Tomatenprodukte usw.

sf: Worin bestehen die Vorteile, Lebensmittel aus der Umgebung zu verwenden? Würde der Verzicht auf den Anspruch, alle möglichen Sorten Fleisch und Fisch an jedem Ort verfügbar zu machen, nicht viele Probleme wie Überfischung und Massentierhaltung lösen?

W.S.: Vollkommen richtig! Das bringt mich zu einem anderen riesigen Gebiet, auf dem man ohne Ende Geld verdienen kann: Es gibt bei uns schlicht keine Aquakulturen. Das heiß: Die Fische kommen aus Israel, obwohl wir in Mecklenburg-Vorpommern die tollste Wasserqualität haben. Man muss sich wirklich fragen, warum niemand darauf kommt, das zu tun? Von der Weiterverarbeitung ganz zu schweigen. Außerdem ist es oft nicht sinnvoll, Lebensmittel zu essen, die von weiter weg kommen. Wer Honig zu sich nimmt, macht das ja nicht nur, weil es schön süß ist, sondern er will sein Immunsystem stärken. Isst man aber Honig aus den chilenischen Anden, wo Pflanzen wachsen, die hier gar nicht existieren, ist der Effekt beim nächsten Pollenflug gleich Null.

LPG Biomarkt Berlin

LPG Biomarkt Berlin

sf: Welchen Biowein trinken Sie am liebsten?

W.S.: Da muss ich eine kleine Geschichte erzählen. Früher gab es nur wenige Bioweinsorten, die kaum schmeckten. Inzwischen gibt es aber hunderte Sorten fantastischer Qualität. Natürlich ist es so, dass, wenn man Biolebensmittel nicht von Kindheit auf gewohnt ist, man sich schon etwas an das Fehlen jeglicher Geschmacksverstärker gewöhnen muss. Das Schönste für mich ist aber immer, wenn ich von Eltern höre, wie die Kinder im Urlaub nach der LPG gejammert haben, weil ihnen das Essen, egal wo sie waren, einfach nicht geschmeckt hat. BIO macht süchtig, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Ich persönlich bevorzuge den italienischen Primitivo und die spanische Rebsorte Tempramillo. Aber da ich erst mit 35 anfing, BIO zu essen, esse ich auch schon noch gerne mal eine Currywurst oder Dürümkebab. Da kommen für mich keine Bioprodukte ran. Die prägenden Jahre bekommt man eben nicht mehr raus.

sf: Herr Schauerte – vielen Dank für das offene Gespräch!

Ausgabe 03, Februar 2009

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