Verfasst von: marcelnakoinz | 3. Februar 2010

„Er war ein Freigeist, der das Gute für den Menschen wollte“ – Ein Gespräch mit der Kuratorin der Ausstellung „George Grosz. Korrekt und anarchisch“ in der Akademie der Künste (AdK) gewährt einen Blick hinter die Kulissen der Ausstellung und eines anarchischen Künstlers

Dr. Birgit Möckel

Für den strassenfeger sprach Marcel Nakoinz mit der Kunsthistorikerin Dr. Birgit Möckel (51), welche die Ausstellung kuratiert. Möckel studierte Kunstgeschichte und Geschichte, sowie Literaturwissenschaft im Nebenfach in Karlsruhe und München. Sie promovierte über das amerikanische Werk von George Grosz und arbeitet nun seit gut zwanzig Jahren als freie Autorin, Dozentin und als Kuratorin diverser Ausstellungsprojekte vorwiegend zeitgenössischer Kunst.

strassenfeger: Was bewegte Sie dazu, Kuratorin zu werden?

Birgit Möckel: Ich habe mein Kunststudium tatsächlich nicht mit dem Hintergedanken begonnen, später einmal freiberuflich als Kuratorin zu arbeiten. Aber durch die Projekte, die ich im Laufe der Zeit anging, ergab sich das automatisch, durch eine Art von ‚learning by doing’. Nach dem Studium folgte ein wissenschaftliches Volontariat an der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Hier habe ich von der Pike auf gelernt, Ausstellungen zu organisieren. Speziell bei dieser Ausstellung war es zum Beispiel so, dass ich vor zwei Jahren bereits an einer Ausstellung über Grosz mitarbeitete und die Idee bekam, so etwas auch in Berlin zu realisieren.

sf: Was ist dabei Ihre Hauptaufgabe als Kuratorin?

B.M.: Vorwiegend besteht sie in der Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstlern, was das Verfassen von Artikeln und anderen Beiträgen in Ausstellungskatalogen und Ähnlichem angeht. Dafür lerne ich auch die Künstler bei ihrer Arbeit im Atelier kennen und nähere mich so ihrem Werk an. Als Kuratorin ist man natürlich auch stark in alle organisatorischen Prozesse einer Ausstellung eingebunden.

sf: Können Sie das explizieren? Wie lange dauerte zum Beispiel die Planung für die aktuelle Ausstellung?

B.M.: Von der Idee bis zur Realisierung verging ziemlich genau ein Jahr. Der ganze Prozess ist sehr zeitaufwändig und kostet viel Geld. Alle Exponate müssen konservatorisch begutachtet und dokumentiert werden, Passepartouts und neue Rahmen müssen gefertigt werden. Für diese Ausstellung wurde zudem eine ganz spezielle Architektur von Simone Schmaus, der Ausstellungsarchitektin der Akademie, entworfen. Dabei stand die Idee im Vordergrund, die Verbindung der Grosz’schen Werke zur Öffentlichkeit durch eine Art ‚Schaumagazin’ zu visualisieren, in denen die Werke in Werkgruppen zusammengefasst werden.

sf: Wie organisiert man eine Ausstellung?

B.M.: ‚Korrekt und anarchisch’ – könnte man kurz, den Titel der Ausstellung aufgreifend, sagen. (Sie lacht.) Das fängt bei der umfangreichen Sichtung des künstlerischen Werkes in den Archiven an – gerade in Berlin gibt es hierzu einen unglaublichen Fundus – und geht bei der Schwerpunktfestlegung einer möglichen Ausstellung weiter. Es muss bedacht werden, welche Exponate restauratorisch und konservatorisch überhaupt ausstellbar sind. Im Verlaufe der Recherche findet man dann oft auch verborgene Schätze oder es eröffnen sich nie gedachte Zusammenhänge im Oeuvre eines Künstlers. Allein für diese Ausstellung habe ich über 800 Objekte in eine Datenbank eingegeben und nach einer Vorauswahl mit der Sichtung der Exponate in den Archiven begonnen. Als roten Faden, der die Ausstellung durchzieht, wählte ich in dieser Ausstellung Grosz’ Collagetechnik, die er sein Leben lang beibehielt.

sf: Wie umfangreich sind die Archive der AdK und wo befinden sie sich?

B.M.: Die Archive der AdK sind sehr umfangreich und befinden sich an den verschiedenen Standorten der Akademie innerhalb Berlins, u.a. am Robert-Koch-Platz, in der Luisenstraße, wo die Kunstsammlung untergebracht ist, am Spandauer Damm und am Hanseatenweg.

Die Kuratorin Möckel

sf: Können Sie Grosz’ Montagetechnik etwas genauer erläutern?

B.M.: Sie ist etwas sehr Typisches für Grosz und kehrt als Technik immer wieder in seinem künstlerischen Schaffen zurück – von den frühen Dada-Montagen, über collagierte Postkarten an seine Freunde bis hin zum letzten Werkkomplex, den um 1958 in Amerika entstandenen Collagen. Ein besonderes Augenmerk liegt in der aktuellen Ausstellung auch auf seinen frühen Werken, die hier zum ersten Mal in einer gewissen Breite gezeigt werden und anschaulich zeigen, wie Grosz schon früh begann, ganz bestimmte Typen seiner Mitmenschen genau zu studieren und ihr Wesen darzustellen. Die für bestimmte Gesellschaftsschichten repräsentativen ‚Charakterköpfe’ platzierte er immer wieder in neuen Gesamtzusammenhängen.

sf: Frau Möckel, schon Ihre Dissertationsarbeit befasste sich mit George Grosz. Woher kam dieses Interesse?

B.M. (lacht): Zunächst hegte ich während meines Studiums einfach den Wunsch, nach Amerika zu gehen, und suchte ein Thema, welches sich damit sinnvoll verknüpfen ließ. Durch meinen späteren Doktorvater Wolfgang Hartmann hatte ich mich kunsthistorisch schon auf die zwanziger Jahre des vergangen Jahrhunderts spezialisiert und Grosz zählt nun mal zu einem der bedeutendsten Vertreter dieser Zeit. Damals gab es viel Literatur über diese Künstler, aber die Exilforschung zu den dreißiger Jahren steckte noch in den Kinderschuhen. So lag die Idee nahe, in Amerika nachzuforschen, was aus George Grosz geworden war. Dann habe ich über eine Galeristin Kontakt zu Grosz’ Sohn aufgenommen und dieser war begeistert von meiner Idee.

sf: Was war der Anlass der Ausstellung?

B.M.: Anlass zur archivarischen Beschäftigung war ganz klar der 50. Todestag George Grosz’ im vergangenen Jahr. Zwar startet die Ausstellung nun leider nicht mehr 2009, aber da stehen wir ja in einer gewissen Tradition, da die Ausstellung zum 100. Geburtstag auch erst am 101. Geburtstag realisiert wurde. Wichtig ist, dass der Künstler, der außerordentliches Akademiemitglied war, geehrt wird. Außerordentliches Mitglied war er deshalb, weil er zu dem Zeitpunkt der Ernennung schon Amerikaner war und Ausländer zu der Zeit nicht normale Mitglieder der Akademie werden konnten.

sf: Was bewegte Grosz, nach Amerika auszuwandern, wenn er doch am politischen Leben Deutschlands teilhatte?

B.M.: Grosz war schon immer Amerikaenthusiast. 1932 bekam er die Chance, in New York an der ‚Art Students League’ zu lehren. Da er in Deutschland, wo sich die politische Spannung in der Vorkriegszeit erhöhte, auf lange Sicht keine Möglichkeit sah, wie gewohnt weiter arbeiten zu können, zog er mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Amerika. Er gehörte zu einem der ersten Künstler, deren Ateliers nach der Machtergreifung Hitlers durchsucht wurden. Er ist früh genug gegangen, um sich in Amerika eine neue Existenz aufzubauen, was in der Zeit der Rezession nicht einfach war. Obwohl dort ein anderer Stil gefragt war und er weiterhin das politische Leben Europas thematisierte, stellte Grosz u.a. im ‚Museum of Modern Art’ in New York und den ganzen USA aus. Dabei wurde er aber nie finanziell erfolgreich.

sf: Inwieweit war Grosz anarchisch und inwieweit war er korrekt? Wie geht das zusammen?

B.M.: Er war ein sehr korrekter Mensch. Anarchisch war er in dem Sinne, dass er sich nicht politisch hat vereinnahmen lassen. Er war zwar Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) gewesen, wurde aber nach einer Russlandreise 1922 von jeglichen kommunistischen Träumen bekehrt. 1923 ist er dann wieder aus der KPD ausgetreten und hat zwar schon in politischen Zeitungen wie der ‚Pleite’, dem ‚Knüppel’ oder dem ‚Blutigen Ernst’ publiziert. Er hat sich aber nicht lange parteipolitisch engagiert, sondern für seine humanistischen und moralischen Überzeugungen und mehr Menschlichkeit gekämpft. Für ihn war klar, dass totalitäre Systeme links oder rechts sein können und deshalb war für ihn jeglicher Dogmatismus ein Feindbild. Er war ein Freigeist und mit Erich Mühsam, dem Anarchisten per se, befreundet. Für Grosz waren Anarchisten diejenigen, die Freiheit und Unabhängigkeit für den Menschen wollten. In diesem Sinne verstand er sich selbst als Anarchisten und wurde auch so verstanden. Ein Zeitgenosse, Max Herrmann-Neisse, nannte Grosz einmal ‚ wesensverwandt’, weil sie beide ‚korrekt und anarchisch’ gewesen seien. Im Hinblick auf die Folgen des aufkommenden Faschismus stellte sich Grosz auch selbst als Warner mit erhobenem Zeigefinger dar. In seiner Zeichnung ‚Siegfried Hitler’, in welcher er Hitler in ein Bärenfell gehüllt darstellte, warnte er früh vor barbarischen Zeiten.

sf: Frau Möckel, vielen Dank für das interessante Gespräch!

Ausgabe 2, Januar 2010

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