Verfasst von: marcelnakoinz | 3. Februar 2010

„Von Aufarbeitung kann überhaupt keine Rede sein“ – Der Philosoph Prof. Erich Hahn über vergangene und zukünftige Gesellschaftssysteme

Erich Hahn

Erich Hahn (79), der in den 50ern Geschichte und Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität studierte und dort auch promovierte und habilitierte, leitete im Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED die Abteilung Soziologie. 1971 wurde er an der gleichen Einrichtung – inzwischen Akademie – Direktor des Instituts für marxistisch-leninistische Philosophie. Mitglied der SED war Hahn von 1950 bis zu ihrem Ende 1989, seit 1976 Mitglied des ZK. Heute arbeitet er in verschiedenen Organisationen und Vereinen – wie der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau lebt er in Berlin, sie haben fünf Kinder. Für den strassenfeger sprach Marcel Nakoinz mit ihm über die Aufarbeitung der DDR, seine Zeit in der SED und darüber, ob Demokratie überhaupt möglich ist.

"Es gab zu viele Illusionen darüber, was der Sozialismus in welcher Zeit erreichen kann"

strassenfeger: Deutschland lässt sich auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung die „Aufarbeitung“ der „zweiten deutschen Diktatur“ viele hundert Millionen Euro jährlich kosten, wobei es nur darum zu gehen scheint, die tatsächlichen Verhältnisse zu verschleiern und einseitig negativ zu präsentieren.

Erich Hahn: Ich kann das nur bestätigen und will auch nicht in Abrede stellen, dass da Dinge aufgedeckt werden, die es wert sind, ans Tageslicht gefördert zu werden. Aber im Vergleich zur internationalen Gesellschaftsforschung der DDR vor 1989 ist der Zeitgeist nicht viel klüger geworden. Inzwischen liegt der Forschung eine staatlich verordnete Geschäftspolitik zu Grunde. Es wurde von der Bundesregierung eine Expertenkommission eingesetzt mit dem Ziel, einen Geschichtsverbund zur ‚Aufarbeitung der SED-Diktatur’ vorzubereiten. Allein diese Benennung verrät, worum es geht. Diese Kommission setzt nicht nur Forschung in Gang. An ihren Empfehlungen orientieren sich das Gedenkstättenkonzept und die Berichterstattung vieler Medien.

sf: Wie beurteilen Sie den wissenschaftlichen Wert dieser Tätigkeit?

E.H.: Ein Grundproblem sehe ich darin, dass man sich nicht die Mühe macht, die nach 1917 bzw. nach 1945 entstandenen sozialistischen Systeme aus ihren eigenen Entstehungs- und Existenzbedingungen, nach den ihnen eigenen Triebkräften, Beziehungen, Gesetzmäßigkeiten und Zielen zu erklären.

Der Blick auf die DDR erfolgt durch die Brille der bürgerlichen Ideologie und Weltanschauung. Maßstab der Beurteilung sind bürgerliche Wertvorstellungen und Begriffe. Zum Beispiel werden die politischen Strukturen der DDR ausschließlich am Modell der bürgerlichen Demokratie gemessen. Die bürgerliche Demokratie war seinerzeit ein enormer historischer Fortschritt gegenüber den Herrschaftsprinzipien des Feudalismus. Und ich stelle nicht in Abrede, dass wir es versäumt haben, Bewahrenswertes dieses Demokratietypus aufzunehmen. Aber es darf nicht übersehen werden, dass es darum ging, in einem langen Prozess eine Demokratie von sozialistischem Typ herauszubilden. Wird das nicht in Rechnung gestellt, dann fällt unter den Tisch, dass die Bemühungen unseres Staates um reale Gleichberechtigung der Geschlechter und Generationen, um eine gediegene humanistische Bildung der gesamten Bevölkerung, um ein hohes Maß an Verteilungsgerechtigkeit und sozialer Sicherheit – dass all dies sehr viel mit sozialistischer Demokratie zu tun hat. Das waren höchst reale Voraussetzungen und Elemente sozialistischer Demokratie, für das selbstbewusste Miteinander aller zum Wohle des Ganzen waren. – Der Tunnelblick auf ‚Diktatur’ und ‚Stasi’ erspart es dieser Geschichtssicht, Fakten wie das Arbeitsrecht, das Familienrecht, das Bildungs- oder das Gesundheitssystem einer genaueren Analyse zu unterziehen. Von einer ‚Aufarbeitung’ kann da überhaupt keine Rede sein.

sf: Es scheint hier das Konzept zugrunde zu liegen, das kapitalistische System der Bundesrepublik als unveränderlich und ultimativ zu deklarieren und dadurch eine Status-quo-Mentalität zu schüren. Was wiederum nur im Interesse der jetzigen Profiteure der „sozialen“ Marktwirtschaft sein kann?

E.H.: Es geht hier tatsächlich darum, die DDR ins Abseits zu stellen, um zu verhindern, dass das Nachdenken über die DDR in diesem Land irgendwann zur Frage nach einer Alternative zum heute Gegebenen drängt. Was da läuft, ist keine Geschichtsdebatte, sondern eine an einem geschichtlichen Problem aufgezäumte Auseinandersetzung über die Zukunft der Bundesrepublik. Da darf es keine positive und schon gar keine konkrete Erinnerung an die DDR geben. Der Antikommunismus ist eine Staatsdoktrin, die in Deutschland schon seit vielen Jahrzehnten eine verhängnisvolle Rolle spielt.

sf: Der Traum des Sozialismus in der DDR zerplatzte daran, dass nie wirklich sozialistische Gesellschaftsverhältnisse erreicht wurden. Warum ist dieser entscheidende Wandel nicht gelungen?

E.H.: Dass dies eine tiefe Niederlage war – daran besteht gar kein Zweifel. Aber Sie können nicht einfach behaupten, der ‚Traum’ wäre geplatzt. Als Journalist dürfen Sie das natürlich, aber das war seinerzeit natürlich mehr als ein Traum. Da waren handfeste Interessen und leidvolle Erfahrungen. Viele Angehörige meiner Generation sind unter dem Eindruck der faschistischen Katastrophe zum Sozialismus gekommen. Wir wollten nie wieder Faschismus und Krieg! Das war eine begründete rationale Entscheidung. Und es war ein reales Projekt, weil fundierte Analysen über den Lauf der Dinge vorlagen. Wenn Sie monieren, dass ‚nie wirklich sozialistische Gesellschaftsverhältnisse erreicht wurden’, muss ich fragen, was Sie darunter verstehen?

sf: Nun, nachdem man die Bourgeoisie enteignet hatte, wurde das Eigentum an Produktionsmitteln nicht an das arbeitende Volk übertragen. Demzufolge hätte es „den“ Kommunismus so nie gegeben, gegen den der Antikommunismus wettert, sondern nur erste Phasen davon. Es gab nie kommunistische Eigentumsverhältnisse in der DDR.

E.H.: Na ja, zunächst ging es ja darum, die Hinterlassenschaften des Faschismus zu beseitigen. Man konnte nicht ohne weiteres vom Faschismus zum Sozialismus übergehen. Vergessen Sie nicht, dass 1946 durch Volksentscheid Kriegsverbrecher und Nazi-Aktivisten enteignet wurden. In den fünfziger Jahren wurde dann der Übergang zu sozialistischen Verhältnissen eingeleitet. Dafür wurden allerdings zu kurze Fristen angesetzt. Der Umgang mit gesellschaftlichem Eigentum ist ein langfristiger und widerspruchsvoller Lernprozess. Sowohl im Maßstab des einzelnen Betriebes als auch in dem der ganzen Gesellschaft.

Übertragung des Eigentums an Produktionsmitteln konnte nicht bedeuten, dass jede einzelne Belegschaft Eigentümer ihres Betriebes und der erzeugten Produkte wurde. Die Interessen des ganzen Volkes waren zu berücksichtigen. Und nicht nur die Konsuminteressen! An diesem Ziel müssen sich in einer sozialistischen Gesellschaft die Einstellung und das Verhalten auch der Belegschaft im einzelnen Betrieb orientieren. Einfacher geht es nicht. Die Entstehung eines Bewusstseins und Verantwortungsgefühls nicht nur für die persönlichen und unmittelbar kollektiven, sondern für die gesellschaftlichen und politischen Belange ist eine enorme historische Herausforderung. Bemerkenswerte Ansätze und wichtige Erfahrungen wurden erreicht. Dass das nicht in hinreichendem Maße gelungen ist, lag nicht an den Menschen oder der menschlichen Natur – wie heute oft behauptet wird –, sondern an der Unreife vieler Verhältnisse.

sf: Können Sie das konkretisieren?

E.H.: Die Planung war oft übertrieben und starr. Auch der Umgang mit dem neuen Eigentum im Maßstab der ganzen Gesellschaft ist nicht so geglückt, wie das in der sozialistischen Programmatik vorgesehen war. Versuche einer Reform blieben stecken. Allerdings sollte über all dem nicht in Vergessenheit geraten, dass es sich insofern eindeutig um Sozialismus handelte, als das gesellschaftliche Gesamtprodukt, der erzeugte Reichtum im Interesse der Gesellschaft und nicht im Interesse einer ausbeutenden Minderheit verwendet wurde. All die Errungenschaften, die heute der DDR – und sei es unfreiwillig – zugestanden werden, sind auf diese Weise zustande gekommen. Der Zeitgeist sträubt sich auch gegen die Einsicht, dass es die DDR aufgrund dieser politischen Verhältnisse zu gesellschaftlichen Erfolgen gebracht hat, die von reichen kapitalistischen Ländern nicht vorgelegt werden. Der erzeugte Reichtum wurde auch für Bildung, Gesundheit und Kultur verwendet, Bereiche, in denen heute kein Geld mehr da ist. Das Volk hatte vielleicht kein demokratisches Mitspracherecht – was in einer Mangelgesellschaft natürlich sehr schwer ist –, aber wir haben mehr im Sinne des arbeitenden Volks gehandelt, als es das heutige System zulässt.

sf: Sie hatten als Mitglied des ZK Einblick in die Mechanismen der DDR. Kurz und knapp: Warum ist das Modell DDR tatsächlich gescheitert?

E.H.: Die Zeit war zu kurz und die Bedingungen nicht angemessen, um angesichts der Übermacht der Gegenseite sozialistische Prinzipien zur Geltung zu bringen. Auch gab es viel zu viele Illusionen darüber, was der Sozialismus in welcher Zeit erreichen kann.

Die Unbeständigkeit der Erinnerung

sf: Aus empirischen Studien weiß man, dass die meisten Deutschen bereits realisiert haben, dass sie in einer in vielen Punkten entdemokratisierten Demokratie leben und sie mit dem System unzufrieden sind. Welche Gründe dafür würden Sie hervorheben, dass keiner etwas daran ändern will?

E.H.: Demokratie ist eigentlich, wie Oskar Lafontaine immer wieder betont, eine Anti-Demokratie, da in vielen Belangen offen gegen die Meinung des Volkes regiert wird. Das ständige Erleben einer Regierung, die entgegen meinen Interessen handelt, die Reiche immer reicher und Arme immer ärmer macht, mündet auf Dauer in politischer Resignation der Bevölkerung. Vor jeder Wahl wird von allen Parteien ein Politikwechsel proklamiert. Nichts oder das Gegenteil passiert. Hinzu kommt allerdings eine tagtäglich mit allen Mitteln perfekt betriebene Gehirnwäsche, die verleugnet und verfälscht, was heute notwendig und möglich ist. Dass eine grundsätzliche praktische Alternative nicht in Sicht ist, darin sehe ich die Hauptbremse des Willens, etwas zu ändern.

sf: Im kapitalistischen Wirtschaftssystem werden Menschen zu Kunden und soziale Leistungen, öffentliche Güter und Rechte (auf Arbeit, Bildung etc.), die selbstverständlich sein müssten, immer mehr zu Waren, die bezahlt werden müssen. Manch einer sehnt sich nach dem Sozialismus vergangener Tage. Ist eine Demokratie im eigentlichen Sinne, mit demokratisierten Eigentumsverhältnissen und dezentraler Machtausübung, überhaupt denkbar?

"Denkbar ist alles"

E.H.: Denkbar ist alles! Was unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts, nach allen historischen Erfahrungen unter ‚Demokratie im eigentlichen Sinne’ zu verstehen ist, wäre in aller Öffentlichkeit zu diskutieren. Ob die vielen demokratischen Vorstellungen, Hoffnungen und Ideale zu realisieren sind, hängt meiner Überzeugung nach davon ab, ob es gelingt, eine Änderung des politischen Kräfteverhältnisses herzustellen, die ich als Voraussetzung dafür ansehe, Interessen des Volkes zum obersten Maßstab politischer Entscheidung zu machen. Ohne Änderung der Machtverhältnisse hat reale Demokratie als grundlegende politische Verfasstheit einer gesamten Gesellschaft wenig Chancen. Regierungs-, Politik- und Machtwechsel sind verschiedene Dinge! Andererseits führt kein Weg an der Erkämpfung demokratischer Rechte hier und heute vorbei.

Ist die Mauer im Kopf noch immer da?

sf: Wirtschaftslobbyismus, Föderalismus, Bürokratie: Ist eine Gesellschaftsform, in der die kurzfristigen ökonomischen Interessen einzelner Industrieller den Ton der Politik angeben, noch re-demokratisierbar?

E.H.: In einem Bericht des Club of Rome* wurde schon vor Jahren die These vertreten, dass die parlamentarische Demokratie in bestimmter Hinsicht an Grenzen gelangt ist. Jeder Politiker, der die Perspektive hat, für vier oder fünf Jahre ein Amt auszuüben, ist damit überfordert, an Interessen zu denken, die diesen Zeitraum um ein Vielfaches überragen. Diese objektive Schranke verhindert eine Reformierung des parlamentarischen Systems, dem zu Recht nachgesagt wird, von der Wirtschaft, genauer gesagt, von den wirtschaftlichen Interessen der Mächtigen diktiert und mithin entmachtet zu werden.

sf: Vielen Dank für das Gespräch!

* Diese internationale Vereinigung von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik beschäftigt sich seit 1968 mit weltpolitischen Fragen.

Ausgabe 2, Januar 2010

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Responses

  1. Herr Hahn,

    da ich Ihre Email-Adresse im Web nicht finde, benutze ich dieses Forum, um auf ihre theoretischen Arbeiten zur Grundlegung des historischen Materialismus zurückzukommen.

    Meines Wissens haben Sie als einer der ganz wenigen DDR-Philosophen versucht, Marx Konzept der „gesellschaftlichen Verhältnisse“ als Basis-Begriff der Marxistischen Soziologie zu hinterfragen.

    Wie sehen Sie ihre damalige Konzeption heute?
    Konnten Sie es später weiterentwickeln und damals vergessenen (z.B. Paschukanis) oder mit modernen Theorien und Entwicklungen verknüpfen?
    Wie ich dem „Helle Panke“-Programm entnehmen, haben Sie ein Grundsatz-Kritik von Lukacs‘ „Verdinglichung“ entwickelt. Fiedler hat m.E. 1989 ein Buch mit Texten japanischer Marxisten herausgegeben, in der später auch bei Berlin Initial oder Helle.. aufgetretene Tairako sein (auch im Internet als PDF greifbares) Konzept von Versachlichung vs. Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse dargelegt hat. Wie ordnen Sie diesen beitrag in Ihgr Konzept ein? Was gibt es Gedruktes?

    Herzlichen Gruss
    Dr. Ing. Bernd Seestaedt


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