Verfasst von: marcelnakoinz | 3. Februar 2010

Sei Dichter, sei Denker, sei Berliner! – Das Literarische Colloquium Berlin (LCB) ist eine zentrale Anlaufstelle für die Berliner Literaturszene

Thorsten Dönges

Berlin-Wannsee. Die Nachmittagssonne scheint mild. Ein junger Redakteur wetzt eine Straße nach der anderen entlang, an denen mitunter seltsame Häuser stehen. Eines davon hat als Briefkasten eine Adonisstatue aus Marmor, die einen goldenen Motorradhelm an der Taille trägt. Die selbst verschuldete Joggingeinlage endet vor einer prächtigen Villa aus rotem Backstein. Drinnen begrüßt mich Thorsten Dönges, Mitverantwortlicher für das Programm im LCB. Der junge Herr mit adretter Lesebrille und offenem Lächeln besichtigt mit mir daraufhin das traditionsreiche Anwesen.

In der Tradition der Torpedos
Diese Mauern beherbergten schon ein Casino, ein Hotel und eine Versuchsstation der Marine, wo man – statt an Lyrik – an einer Ein-Mann-U-Boot-Waffe tüftelte.
Die literarische Ära begann mit einer Veranstaltungsreihe, die Walter Höllerer an der Technischen Universität Berlin im Wintersemester 1959/60 ins Leben rief. Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger zählten zu den ersten Gästen in Höllerers „Institut für Sprache im technischen Zeitalter“ – damals noch in der Kongress-halle (heute: Haus der Kulturen der Welt). Als Walter Höllerer 1963 das LCB gründete, „entwarf er es als zentralen Punkt auf der Landkarte der deutschsprachigen Literatur“, wie Hans-Joachim Neubauer einmal bemerkte. Ermöglicht wurde dies alles zunächst durch Mittel der Ford-Foundation, aus der das mittlerweile umzäunte und wirtschaftlich angeschlagene Westberlin Unterstützung erhielt, um weiterhin in Kultur investieren zu können.

Mehr als eine Lesebühne
Jetzt betreten wir den großen Saal. Hier finden im Monat gut zehn öffentliche Veranstaltungen statt. Vor allem durch die Lesungen verbinden die meisten Berliner mit dem LCB einen Ort des Gesprächs über Literatur. AutorInnen wie Ingeborg Bachmann, Ernst Bloch, Wilhelm Emrich und Günter Bruno Fuchs hielten hier schon Vorträge. Hierin erschöpft sich die Bandbreite des Hauses jedoch noch längst nicht. Heute ist das LCB Gästehaus (elf Zimmer stehen für Autoren, Übersetzer und Stipendiaten bereit), Tagungsstätte und Akademie in Einem.

Anwesen des LCB in Berlin-Wannsee

Der Trägerverein des LCB wurde mit der Leitidee gegründet, „Wissenschaft und Kunst zu fördern“ und „Beiträge zur Volkserziehung“ zu liefern. Das geschieht seit jeher durch die Vermittlung von Begegnungen und Gesprächen zwischen Autoren, Übersetzern, Kritikern, Verlegern und LeserInnen. Zudem spielen die Organisation von Autorentreffen, Übersetzerförderung und die Vergabe von Schriftsteller-Stipendien eine gewichtige Rolle im Selbstverständnis des Vereins, als Schnittstelle der Autorenförderung. Es geht hinter den holzgetäfelten Kulissen um das Reflektieren des Schreibens und Lesens, um Produktion, Vernetzung und konstruktive Kritik. In den „Werkstätten“ des LCB wie der „Autorenwerkstatt Prosa“ besprechen junge AutorInnen ihre noch unveröffentlichten Manuskripte in kleinen Gruppen, unter Anleitung von erfahrenen KollegInnen, die in der Vergangenheit auch schon mal Günter Grass hießen. Aktuell stellen am 31. März wieder neun AutorInnen ihre Ergebnisse im LCB vor.

Der Kunst verschrieben
Mittlerweile laufen wir vor der Villa den Abhang des baumgesäumten Vorgartens mit Blick zum See auf verschlungenen Pflastersteinwegen hinunter. Auch zu Zeiten des Kalten Krieges, so erfahre ich, pflegte man am Wannsee den Austausch mit Autoren aus Osteuropa und bewies damit, dass Kunst keine eisernen Vorhänge kennt. Das ist es, worum es im LCB und speziell in den Werkstätten geht: Literatur als Kunst, ohne die Verkaufsmargen im Hinterkopf haben zu müssen.

Gegen Ende des Rundgangs resümiert Dönges, dass es in den letzten Jahren einen durchaus positiven Wandel in der Wahrnehmung deutschsprachiger Gegenwartsliteratur gibt. Außer einigen Ausnahmen wurde nach den großen Heroen der Vergangenheit kaum etwas international rezipiert. Mittlerweile steigt die Neugier wieder und man interessiert sich für deutsche Literatur. Das sieht man auch an neuen Wettbewerben wie dem Deutschen Buchpreis und dem Preis der Leipziger Buchmesse. Das LCB organisiert auch mehrere international angesehene literarische Wettbewerbe, so etwa den Alfred-Döblin-Preis.

Ausgabe 07, März 2009

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: