Verfasst von: marcelnakoinz | 3. März 2010

Kalte Kohlen – Über den bevorstehenden Tod einer aussterbenden Zunft

Peter Hantke

Peter Hantke

Das, was man vom Boden im Schatten erkennen kann, ist pechschwarz. Wie ein fehlender Zahn im Erstklässlergebiss klafft hier eine Lücke in der Altbaureihe an der Anklamer Strasse in Berlin-Mitte. In dem Loch, das einst eine Fliegerbombe in die Häuserzeile riss, türmen sich heute Paletten und Anmachholz; dazwischen parkt ein unscheinbarer LKW. Das sind die bescheidenen Überreste der Kohlenhandlung, die Peter Hantke seit 1990, in dritter Generation, führt. Doch wohl nicht mehr allzu lang. Denn das Gewerbe stirbt aus. Die Menschen sind zu bequem geworden. Wohnungen mit Kohlenheizung sind unsexy, selbst für Hartz-IV-Empfänger. Gab es laut Senatsverwaltung vor 20 Jahren noch fast 500.000 Wohnungen mit Kohleöfen in Berlin, sind es derzeit kaum mehr 50.000 Haushalte. Dabei wissen viele Menschen heute gar nicht mehr, wie wohlig es sein kann, wenn man sich bei einer Erkältung oder einfach zur Entspannung an einen Ofen lehnt und sich durchwärmen lässt.

Zurück in die Vergangenheit
1930 war das noch anders. Als Hantkes Großvater damals den Betrieb gründete, kutschierte man die Kohlen noch mit Pferdefuhrwerken aus. Für den jungen Hantke, der das noch selbst miterlebte, ein unvergess-liches Erlebnis. Die Vertrautheit mit den Tieren, die Menschen, die sich über die Lieferungen freuten und die bis zu 20 Mitarbeiter, von denen sich keiner mobbte, da es ja genug Arbeit gab. Bis Ende der 80er Jahre gingen am Tag schnell mal 25 Tonnen Kohle raus.

Wie ein fehlender Zahn im Erstklässlergebiss

Wie ein fehlender Zahn im Erstklässlergebiss

Dann kamen bewegte Zeiten. Das alte Grundstück lag auf der Regierungsstrecke Erich Honeckers und war ihm zu schmutzig. Das Unternehmen musste umziehen. Immer wieder. Von einem Ruinengrundstück zum nächsten. Von der Greifswalder Straße in die Neue Schönhauser Straße und von dort in die Tucholskystraße. Bis man zuletzt auf dem jetzigen, dem bisher kleinsten Standort landete.

Zurück in die Gegenwart
Heute liefert man höchstens noch zwei Tonnen am Tag aus. Außer im tiefsten Winter, dann können es 10 bis 15 Tonnen werden. Doch noch immer gibt es kein Mobbing bei Hantkes. Wie auch – in Ermangelung von Mitarbeitern? Nur selten noch packt eine Hilfskraft auf 400-Euro-Basis mit an. Hantkes Sohn wird den Brennstoffhandel nicht mehr übernehmen. Warum auch? Hantke gibt dem Gewerbe höchstens noch fünf Jahre. Schon jetzt kommt er kaum mehr über die Runden. Vor allem außerhalb der Saison von März bis September. Die paar Kunden, die sich den Luxus eines Kamins oder Ofens gönnen, werden in Zukunft wohl von den Baumärkten versorgt werden. Mit deren Preisen kann der gelernte Bauschlosser längst nicht mehr mithalten. Einzig der Service der Lieferung frei Haus, den er anbietet, hält ihn noch im Wettbewerb. Aber die Zahlen sind dennoch rückläufig: „Ich hab’ mal die Bücher durchgeblättert. Letztes Jahr war’s noch besser. Obwohl’s dieses Jahr kälter war“, so Hantke.

Die Zeiten sind vorbei, in denen man noch gutes Geld mit dieser Arbeit verdienen und im Sommer nach Florida fliegen konnte, mit einer Frau in jedem Arm. „Ich werde dann wohl Kraftfahrer werden“, sagt Hantke ohne eine Träne im Auge, wie ein Mann, der sich mit seiner Zukunft abgefunden hat. „Es geht immer weiter“, sagt er, voller Zuversicht und mit einem kleinen Lächeln, das in seinem linken Mundwinkel klebt.

Im Büro

Im Büro

Zurück in die Zukunft
Hantkes Büro befindet sich in einem abgewrackten Wohnwagen unbestimmten Alters. Von der Straße aus ist dieser überhaupt nicht sichtbar. Zwei große Reklametafeln versperren den Blick auf das Grundstück, als wollten sie den Blick der Passanten von dem „Schandfleck“ dahinter ablenken. Hier, wo es die meiste Zeit des Tages schattig ist, wird noch angepackt, wird Holz zersägt und werden die Brennstoffe verladen. Nebenan speisen derweil Touristen in der Sonne, vor einem weiß verputzten Café.

Eine Szenerie, die uns in Berlin heute sehr viel vertrauter erscheint. Es ist, als würden zwei Welten aufeinander treffen. Das Berlin, das sexy sein will, trifft auf seinen schmuddeligen Vorfahren. Betritt man Hantkes Grundstück, fühlt man sich in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt. Man riecht beinahe wie einst die Pferdekarren, die Kohlen durch das sumpfige Berlin der vergangenen Jahrhunderte zogen. Spätestens wenn die Öl- und Gaspreise aufgrund der Erschöpfung der Ressourcen ins Unermessliche gestiegen sind, werden wir uns wieder an diese Zeiten erinnern und dann werden die Kohlehändler vielleicht eine neue, wenn auch nicht lang anhaltende Renaissance erleben.

Ausgabe 09, April 2009

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