Verfasst von: marcelnakoinz | 26. April 2010

Glückliche Liebe ist belanglos! – Über die Unabdingbarkeit der tragischen Liebe für wahre Romantik

"Stirb jung, dann hat dich jeder gern." (Die Ärzte)

"Stirb jung, dann hat dich jeder gern." (Die Ärzte)

Er, 82, sitzt wie jeden Tag in seinem Lehnstuhl auf der Veranda. Sie, 79, bringt ihm wie jeden Tag in den letzten 20 Jahren seine Medizin. Sie haben ein kleines Haus am Stadtrand. Ihre Enkel spielen drollig im Garten, mit dem sie beide so viele schöne Erinnerungen verbinden. Die Sonne scheint. Der Himmel ist wolkenlos. Romeo und seine Julia sind glücklich. Wie langweilig! Das Liebespaar musste sterben, damit ihre Liebe auch noch nach 500 Jahren jemanden hinter dem Ofen hervorholt.

Der Mensch ist erst Mensch durch Leid
Warum ist das so? Warum sind die größten Gefühle die uns bewegen, egal ob im Roman, im Theater oder im Film, fast immer unglückliche? Hätte Goethes Werther den Zeitgeist ebenso getroffen, wenn er behaglich mit Lotten dem Sonnenuntergang entgegen geritten wäre? Für modernere Dramatiker wie C. F. Hebbel besteht die Möglichkeit des Tragischen in der Notwendigkeit zu etwas „mit dem Leben selbst Gesetzte[n] und gar nicht zu Umgehende[n]“. Nicht einfach Schmerz und Widerstand gebären die Tragödie. Schmerz und Widerstand müssen erst zu Konstanten, quasi zu dem werden, was den Menschen ausmacht. Tragödie entsteht nur aus beständigen Faktoren (Charakteren, Umständen, Normen), also Unvermeidlichem. Wenn man durch eine winzige Veränderung in seinem Verhalten das Unheil hätte abhalten können, sprechen wir nicht von einer Tragödie, sondern vom Tragischen. Macbeths Größenwahn oder Familienfehden, die Liebende ans Äußerste treiben, sind ein solcher Tragödienstoff, aber nicht ein unmotivierter Dolchstoß, der nur auf einer Ahnung beruht, wie bei Emilia Galotti. Das Musterbeispiel einer Schicksalstragödie sieht man im König Ödipus, dem berühmten Vatermörder und Mutter…söhnchen, der durch Sigmund Freuds Analogie und den kleinen Zusatz „Komplex“ in der Traumdeutung ungeahnte Berühmtheit erlangt hat. Die Tragödien hinter dem bunten Vorhang der Weltkomödie zu entdecken hilft uns seit jeher dabei uns selbst zu finden.

Schmerzen des Glücks
Warum sehnen wir uns nach Glück und Harmonie im realen Leben, können es in der Fiktion aber nicht leiden? Eine mögliche Antwort ist: Wir brauchen Abwechslung vom Alltag. Langeweile kann nicht umsonst – wie der Volksmund sagt – tödlich sein. Künstler sind oft am kreativsten, wenn sie von den Partnern verlassen und enttäuscht wurden. Es ist zu bezweifeln, dass Picasso, Goethe oder die meisten anderen Poeten und Künstler ähnlich produktiv gearbeitet hätten, wenn sie nicht um den Inspirationsquell der unerfüllten, schwärmerischen Liebe gewusst hätten. Wir brauchen den Herzschmerz. Die dramaturgische Manifestation solchen tragischen Erlebens ist wohl nirgends derart zu Hause wie im Theater. Arthur Schopenhauer schrieb in seinem Buch „Die Welt als Wille und Vorstellung“ dazu: „… der Widerstreit des Willens mit sich selbst, [tritt hier im Trauerspiel] auf der höchsten Stufe seiner Objektivität … furchtbar hervor [und wird am] Leiden der Menschheit … sichtbar“. Die Frage nach der Willensfreiheit ist genau diejenige, die die heutigen Dramaturgen angesichts großer kultureller und Naturkatastrophen in eine Sinnkrise führt.

Ist die Tragödie überhaupt noch möglich?
Auf der Bühne ist Tragödie nur möglich, wenn die Figuren die Freiheit haben zu entscheiden, moralisch zu handeln oder nicht. Aufgrund der Entwicklungen in der Welt glauben viele Theatermacher heutzutage, dass es in unserer Zeit keine Tragödien mehr auf der Bühne geben könne. Nur noch die Sinnentleertheit eines Beckettschen Stücks oder so etwas wie Trauer könnten überhaupt noch Darstellung finden. Das Leben nach Auschwitz sei zur Farce geworden. Seitdem lebten wir im Zeitalter des Neutrums. Wenn Familienväter bedenkenlos die Arbeiten des Sklavenaufsehers und Henkers verrichten konnten, die in den Konzentrationslagern von ihnen verlangt wurden, können wir kein moralisches Gewissen entwickelt haben. Es fehlt den Normalbürgern das Bewusstsein, um gegen unmoralische Handlungen aufzubegehren. Darum können sie nicht moralisch verantwortlich gemacht werden. Es trifft sie eine unschuldige Schuld. Wer unter anonymen Kräften leiden muss, der bringt keine Opfer. Der ist selbst eines. Es gilt jedoch den Dramaturgen zu beweisen, dass wir heute wieder sehr wohl zu Tragödien fähig sind. Darum müssen Romeo und Julia auch weiterhin jung sterben.

Ausgabe 12, Juni 2009

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Responses

  1. Jedes Glück wird irgendwann banal. Das Tragische dagegen hält uns lebendig. Das ist doch immerhin ein Trost…


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