Verfasst von: marcelnakoinz | 26. April 2010

Kindersklaven – Die Globalisierung lastet auch auf den Schultern von Kindern

Der Preis westlichen Luxus ist billige Arbeitskraft

Der Preis westlichen Luxus ist billige Arbeitskraft

Die Suche der WDR-Reporter Rebecca Gudisch und Tilo Gummel nach Kindersklaven führt sie in ihrer erschreckenden Dokumentation von Deutschland bis in die ärmsten Regionen Indiens. Die Armut ist in verschiedenen Regionen des Subkontinents so groß, dass Eltern gezwungen sind, ihre Kinder zu verkaufen. Mit dem Versprechen, jeden Monat Geld zu schicken, werden sie von Zwischenhändlern angeworben. Nicht selten sehen die Eltern jedoch weder das Geld noch ihre Kinder jemals wieder.

Die Werkbänke des westlichen Luxus
Mit versteckter Kamera und als kaufwillige deutsche Importeure getarnt, filmen die Reporter einen Zug, der als „Fronarbeitsexpress“ bekannt ist, und treffen dort gleich reihenweise auf Schlepper, die sich als Onkel und Brüder der Kinder ausgeben, aber nicht einmal wissen, wie alt ihre „Schützlinge“ sind. Das ist Sklaventransport am helllichten Tage, im 21. Jahrhundert. Allein in den Dörfern, in denen die Reporter ihre Suche beginnen, werden rund 600 Kinder vermisst.

In Neu Delhi zeigt ihnen ein Kind, wie es mit sieben Jahren ohne Schutzbrille Schweißarbeiten verrichten musste und dabei sein Augenlicht einbüßte. In hunderten Hinterhofwerkstätten der Stadt arbeiten Kinder von früh bis spät, ohne irgendwo hingehen zu dürfen. Sie schlafen meist am selben Platz und die Besitzer brüsten sich damit, dass sie deshalb auch nachts arbeiten können, wenn es ein dringender Auftrag verlange. Kinder, von denen die meisten noch nicht einmal zehn Jahre alt sind, befestigen hier Pailletten auf Stoffen oder fertigen Kugelschreiber, Döschen und Weihnachtskugeln. Was bei uns auf Wühltischen liegt, wird hier in mitunter täglich 15-stündiger Kinderarbeit gefertigt.

Die Reporter bekommen auch das Mittagessen der Kinder zu Gesicht – in Eimern, die an Futtertröge erinnern: „Es riecht unerträglich“, so Gudisch. Auch bei einem vorgetäuschten Geschäftsgespräch: dieselbe Situation. Wieder Kinder, das jüngste ist sechs Jahre alt, die sich hin und her wiegen. Ein eindeutiges Anzeichen von Vernachlässigung. Die Produktion ist aber zu jeder Zeit gesichert, denn es gibt keine Gesetze gegen Kinderarbeit.

Deutschlands dreistete Importeure
Der Exporteur „Exmart international“ beliefert zum Beispiel „Hoff“, einen deutschen Verkäufer von Geschenkartikeln, der genau diejenigen Artikel anbietet, die in den Kinderwerkstätten gefilmt wurden. Man kündigt auf Anfrage zwar die Verträge, meint aber, man könne ja nicht alle Partner der Zulieferer kontrollieren. Anderen Händlern erscheint es unmöglich, dass schwere Pflastersteine von Kindern geschlagen worden sein könnten, und wenn sie Besuche vor Ort machen, sähen sie nie Kinderarbeiter.

Wie aber sonst sollten Steine aus Indien, trotz Transportkosten, halb so teuer sein wie Steine aus Deutschland, wenn nicht durch Ausbeutung von Arbeitskraft? In Steinbrüchen klopfen hunderte Kinder Sandstein, Marmor und Granit. Teilweise lebt die ganze Familie hier, selbst Säuglinge. Die Lebenserwartung liegt bei 40 Jahren, denn man stirbt sehr früh – an Steinstaublunge. Stein für Stein wird hier nach DIN geschlagen und Plätze bei uns (Kölner Heumarkt, Helios Klinikum in Berlin) werden damit gepflastert. Deutsche Unternehmen weisen dagegen Zertifikate vor, die bescheinigen, dass ihre Zulieferer keine Kinderarbeit unterstützen. Gerade solche Papiere aber sind in Indien für ein paar Cent zu kaufen. Wenn man ihnen Aufnahmen der Arbeitsbedingungen bei ihren indischen Zulieferern zeigt, sagen sie nur, dass es illusionär wäre, als kleiner Händler zu reagieren und damit die Kinderarbeit abschaffen zu wollen.

Ein Tropfen auf den heißen Pflasterstein
Der Film zeigt auch eine Befreiungsaktion, in der die Kinder, die nie eine Schule besuchten, wie gelähmt auf die Befreier reagieren. Die Besitzer hatten sie vor Fremden gewarnt, sie würden nur kommen, um ihnen eine Niere herauszuschneiden. Dabei rettet eine autonome Organisation 82 von schätzungsweise über zehn Millionen (!) Kindersklaven in Indien, die nicht selten geschlagen und misshandelt werden. Aber von den Entschädigungen, die ihnen zugestanden werden, sehen sie in der Regel nichts. Viel eher geraten die Familien wieder in Schuldenfallen von Wucherern und alles fängt von vorne an.

Ohne Sklavenarbeit wäre die Globalisierung nicht in der Form möglich, wie wir sie kennen. Wir müssten für vieles viel mehr bezahlen und viel weniger wäre an jedem Ort sofort verfügbar. Angebot bestimmt Nachfrage – bestimmt Menschlichkeit.

Das Einprägsamste des Films sind jedoch die Nahaufnahmen der Hände von zehnjährigen Kindern, die aussehen, als seien es die von 80-Jährigen. Das Video kann man sich frei über diesen Link ansehen: http://video.google.com/videosearch?q=Kindersklaven#

Ausgabe 14, Juli 2009

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