Verfasst von: marcelnakoinz | 4. Mai 2010

Die Leiden des wilden Woelck – Von einem begnadeten Fotografen, der sich nicht zu vermarkten wusste

Der wilde Woelk auf seiner Vernissage in der Weißen Villa

Der wilde Woelck auf seiner Vernissage in der Weißen Villa

Man sieht ihm sein Alter (61 Jahre) kaum an. Jugendlich wirken sein gestreiftes Achselshirt und die feuerrote stone-washed Jeans. Rebellisch blitzen Nietenbänder an Hals und Arm. Die rote Mähne bestätigt nur den ersten Eindruck von ihm: Hier steht ein Individualist, ein Dissident, ein Künstler. Marcel Nakoinz befragte Peter Woelck für den strassenfeger zu seinem Leben, seiner Arbeit und seiner Zeit bei unserer Zeitung.

Woelk verstarb Anfang März diesen Jahres an einer Herzattacke

Woelck verstarb Anfang März diesen Jahres an einer Herzattacke

Ein Leben voller Schicksalsschläge
Der gebürtige Berliner Woelck verlebte seine Kindheit bei der Großmutter. Denn die Eltern nahmen den Fünfjährigen nicht mit, als sie umzogen. Zwar kommen die Eltern einige Jahre später wieder zurück, aber als Woelck zehn Jahre alt ist, verstirbt sein Vater bei einem Autounfall. Die Beziehung zur Mutter will sich nie normal entwickeln. Dafür fasziniert ihn der Großvater, ein erfolgreicher Architekt, für Musik und Malerei. Hier begann sich die Fotoleidenschaft Woelcks abzuzeichnen, der bereits in der Schule Foto-Arbeitsgruppen ins Leben rief. Eine Lehre zum Fotochemiefacharbeiter folgte. Ein angefangenes Mathe- und Physikstudium langweilte ihn dagegen schnell und so führte ihn das Leben wieder zurück in die Arme der Praxis, diesmal in eine Drogerie.

Paradiesvogel Woelk in seinem Element

Paradiesvogel Woelck in seinem Element

Immer für einen Spaß zu haben

Immer für einen Spaß zu haben

Später wurde er sogar Schwenker beim Fernsehen. Aber an die Kamera ließ man ihn nicht und das, obwohl er bereits im „Club der jungen Talente der Fotografie“ unter der Leitung von Arno Fischer aufgenommen worden war und bereits im Berliner „Haus des Lehrers“ Bilder ausstellte. „Deshalb bewarb ich mich in Leipzig zum Fotografiestudium. Das war in der DDR die einzige Möglichkeit einer solchen Ausbildung“, erinnert sich Woelck. Doch er wurde zunächst abgelehnt. Nicht locker lassend, hakte er beim Professor nach. Von dessen Hartnäckigkeit angetan, sagte dieser ihm dann doch zu. Bevor es losging, wurde er zur Volksarmee eingezogen, konnte aber auch dort fotografisch als Photogrammeter (für Landvermessung) tätig werden. „Ich habe eigentlich schon immer fotografiert“, stellt Woelck fest, während er sich nachdenklich durchs rote Haar streicht – und vor seinem geistigen Auge erscheinen wohl die vergangenen Schauplätze. In den fünf folgenden Studienjahren fiel Woelck immer wieder aus der Reihe, weil der Realismus seiner Motive dem Sozialismus zu real war. Zu besoffen die Arbeiter, zu kaputt die Häuser. Dennoch verdiente er schon als Student nebenbei in der Leipziger Kulturabteilung ein volles Gehalt von 700 Mark.

Der Absturz trotz ihm vorauseilenden Rufs
So ging es natürlich nicht weiter. „Nach dem Studium meldete ich mich als Freiberufler an, was darauf hinaus lief, dass ich Auftragsfotografien für die Industrie machte“, so Woelck. Das wenig herausfordernde Fotografieren von Hochspannungsleitungen und Stahlkonstruktionen nahm dann mit der Wende schnell ein Ende.

In vorwendischer Zeit musste Woelck einst aus seiner Leipziger Wohnung ausziehen, denn das Haus, in dem er wohnte, sollte einem Neubau weichen. Als er sich weigerte, brach man kurzerhand bei ihm ein und schmiss seine Arbeiten durcheinander. Doch Woelck bekam nach dem entsprechenden Medienrummel zum Ausgleich vor 27 Jahren eine Wohnung in Berlin gestellt, in der er noch heute wohnt. Nachdem dann die Verbindlichkeiten einiger Berliner Großaufträge ausblieben, landete der Mann, der früher einmal Angestellte hatte, im finanziellen Bankrott und musste seine Freiberuflichkeit aufgeben.

Nun Sozialhilfe beziehend, bekam er die erkämpfte Künstlerförderung nur, wenn er nebenbei praktisch arbeitete. „Darum nahm ich meine Bilder unter den Arm und zeigte sie dem strassenfeger. Als der damalige Chef die Bilder sah, war er gleich begeistert und so begann eine gut zweijährige Zusammenarbeit“, berichtet Woelck. Er nahm auch an Redaktionssitzungen teil und erstellte verschiedene Fotos zur Illustration der Artikel.

Im Zuge der Euro-Einführung endete die Zusammenarbeit dann 2002, weil Woelcks Künstlerförderung eingestellt wurde und der strassenfeger nicht das Geld hatte, um seine Ausgaben für die Fotos zu decken. Seitdem wurde der Mann in unzähligen Zeitungsartikeln als „Geheimtipp“ und „Star aller Stars“ gefeiert, verkaufte aber weiterhin nur ab und zu ein Foto und das auch noch unterhalb des Selbstkostenpreises. „Eigentlich müsste ich reich und berühmt sein. Aber ein Mann, der einsam seine Fotos machen kann, lernt dabei nicht unbedingt seine Ellenbogen einzusetzen. Ich habe einfach nie gelernt mich zu vermarkten. Das liegt mir nicht.“, verrät Woelck. Er hütet seine Schätze aber mittlerweile bedachter und verkauft sie nicht mehr zu Schleuderpreisen. Er hofft auf diesem Wege den Wert seiner Arbeiten derart zu steigern, dass ein bedeutender Galerist auf ihn aufmerksam wird und ihn ausstellt.

Das goldene Handwerk

Das goldene Handwerk

Heute wie damals
Jetzt findet sich Woelck in einer ähnlichen Situation wieder wie damals in Leipzig. Die Wohnungspreise in seinem Bezirk sind explodiert und nur er steht noch einer gewinnbringenden Gesamtrenovierung des Hauses im Wege. Aber er weigert sich, aus seiner Wohnung auszuziehen, liegt sie doch an der belebten Straße, die ihn berühmt machte. Ständig halten Passanten an und betrachten seine in den Fenstern hängenden Arbeiten. Viele interessieren sich für seine Kunst, aber kaufen nicht – können nicht kaufen. Woelck arbeitet nicht mehr freiberuflich und wenn er es täte, müsste er umziehen und von seinen Arbeiten leben können. Eine Wohnung, die groß genug ist (60 bis 80 Quadratmeter), um seine Archive und die Fotoausrüstung zu fassen, und zudem günstig genug ist, um von Hartz IV bezahlbar zu bleiben, findet sich höchstens am Rande Berlins. Da aber hat er Angst, in

Starb er an gebrochenem Herzen?

Starb er an gebrochenem Herzen?

irgendeinem Hinterhof in Vergessenheit zu geraten. Als ich mit ihm nach unserem Gespräch „seine“ Kastanienallee betrete, kommen uns auch prompt einige Interessierte entgegen und freuen sich, dass sie ihn erwischen, wo er „seinen Laden“ doch sonst so oft geschlossen hätte. „Das ist so nicht ganz richtig“, sagt er dann mit einer gewissen Routine, „ich hatte nur die Rollos unten, weil ich schlafen wollte.“

Ausgabe 23, November 2009

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