Verfasst von: marcelnakoinz | 16. Mai 2010

Gebt ihnen das Geld, es gibt genug! – Das Lob des Müßiggangs Bernard Russells

Mein Freund der Roboter

Mein Freund der Roboter

Jeder der sich schoneinmal gefragt hat ob er in diesem kapitalistischen System nicht fehl am Platze ist und warum wir Menschen bei immer leistungsfähigeren Maschinen und Verarbeitungsmethoden immer noch achtbis zwölf  Stunden am Tag ackern müssen wie vor hunderten von Jahren, während andere Menschen jahrelang unbeschäftigt bleiben müssen, nicht nur dem sei der kurze Essay Bernard Russells: „Das Lob des Müßiggangs“ empfohlen. Wer sich bisher vor der Lektüre Marxens dicken und an vielen Stelen veraltet wirkenden Wälzers „Das Kapital“ gescheut hat, aber dennoch den Kapitalismus verstehen und bekämpfen möchte, findet hier eine kurzweilige Einführung in die gesamtgesellschaftlichen Vorgänge unserer Zeit, wenn der Text auch schon gut 75 Jahre alt ist. An der uns unbewussten Ausbeutung der menschlichen Ware „Arbeitskraft“ durch die kapitalistisce Produktionsweise hat sich bis heute nichts geändert. Darum hier einige Auszüge dieses wertvollen Stücks Literatur, die tagesaktuell für sich selbst sprechen:

„Ich möchte […] in vollem Ernst erklären, dass in der heutigen Welt sehr viel Unheil entsteht aus dem Glauben an den überragenden Wert der Arbeit an sich, und dass der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer organisierten Arbeitseinschränkung zu sehen ist […]. Dank der modernen Technik brauchte heute Freizeit und Muße, in gewissen Grenzen, nicht mehr das Vorrecht kleiner bevorzugter Gesellschaftsklassen zu sein, könnte vielmehr mit Recht gleichmäßig allen Mitgliedern der Gemeinschaft zugute kommen. Die Moral der Arbeit ist eine Sklavenmoral, und in der neuzeitlichen Welt bedarf es keiner Sklaverei mehr […].“

„Der [erste Welt-] Krieg hat zwingend bewiesen, dass sich moderne Völker durch wissenschaftlich organisierte Produktion auf der Basis eines geringen Teils der tatsächlichen Arbeitskapazität der neuzeitlichen Welt angemessen versorgen lassen. Hätte man nach Kriegsende die wissenschaftliche Organisation, die geschaffen worden war, um die Menschen für die Front und die Rüstungsarbeiten freizustellen, beibehalten und die Arbeitszeit auf vier Stunden herabgesetzt, dann wäre alles gut und schön gewesen. Stattdessen wurde das alte Chaos wiederhergestellt; diejenigen, deren Leistungen gefragt waren, mussten viele Stunden arbeiten, und der Rest durfte unbeschäftigt bleiben und verhungern. Warum? Weil Arbeit Ehrensache und Pflicht ist und der Mensch nicht gemäß dem Wert dessen, was er produziert hat, bezahlt werden soll, sondern entsprechend seiner tugendhaften Tüchtigkeit, die in rastlosem Fleiß ihren Ausdruck findet […]!

Eine Lebenseinstellung

Eine Lebenseinstellung

„Der Gedanke, dass die Unbemittelten eigentlich auch Freizeit und Muße haben sollten, hat die Reichen stets empört. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war ein fünfzehnstündiger Arbeitstag für den Mann das Normale; Kinder arbeiteten zuweilen ebenso lange und sehr häufig zwölf Stunden täglich. Als vorwitzige Wichtigtuer darauf hinwiesen, dass das doch eigentlich eine recht lange Arbeitszeit sei, wurde ihnen erklärt, die Arbeit hindere die Erwachsenen daran, sich zu betrinken, und die Kinder, Unfug zu treiben […] Ich höre noch eine alte Herzogin sagen: »Was wollen denn die Habenichtse mit Freizeit anfangen? Arbeiten sollen sie!« So offen äußern sich die Leute heute nicht mehr, aber die Gesinnung ist noch die gleiche geblieben und hat weitgehend unsere chaotische Wirtschaftslage verschuldet […]“

„Wenn auf Erden niemand mehr gezwungen wäre, mehr als vier Stunden täglich zu arbeiten würde jeder Wissbegierige seinen wissenschaftlichen Neigungen nachgehen können, und jeder Maler könnte malen, ohne dabei zu verhungern, und wenn seine Bilder noch so gut wären. Junge Schriftsteller brauchten nicht durch sensationelle Reißer auf sich aufmerksam zu machen, um wirtschaftlich unabhängig zu werden, dass sie die monumentalen Werke schaffen können, für die sie heute, wenn sie endlich so weit gekommen sind, gar keinen Sinn und keine Kraft mehr haben. Menschen, die sich als Fachleute für eine besondere wirtschafts- oder staatspolitische Phase interessieren, werden ihre Ideen entwickeln können, ohne dabei im luftleeren akademischen Raum zu schweben, was der Arbeit der Volkswirtschaftler an den Universitäten so häufig einen wirklichkeitsfremden Anstrich gibt. Die Ärzte werden Zeit haben, sich mit den Fortschritten auf medizinischem Gebiet vertraut zu machen, die Lehrer werden sich nicht mehr erbittert bemühen müssen, mit routinemäßigen Methoden Dinge zu lehren, die sie in ihrer Jugend gelernt und die sich in der Zwischenzeit vielleicht als falsch erwiesen haben.“

Demo zum 2. Mai in Berlin Prenzlauer Berg 2010

Demo zum 2. Mai in Berlin Prenzlauer Berg 2010

„Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben, statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung. Man wird genug arbeiten, um die Muße genießen zu können, und doch nicht bis zur Erschöpfung arbeiten müssen. Wenn die Menschen nicht mehr müde in ihre Freizeit hineingehen, dann wird es sie auch bald nicht mehr nach passiver und geistloser Unterhaltung verlangen […]. Die normalen Männer und Frauen werden, da sie die Möglichkeit haben, ein glückliches Leben zu führen, gütiger und toleranter und anderen gegenüber weniger misstrauisch sein. Die Lust am Kriegführen wird aussterben, teils aus diesem Grunde und teils, weil Krieg für alle lang dauernde, harte Arbeit bedeuten würde. Guten Mutes zu sein, ist die sittliche Eigenschaft, deren die Welt vor allem und am meisten bedarf und Gutmütigkeit ist das Ergebnis von Wohlbehagen und Sicherheit, nicht von anstrengendem Lebenskampf. Mit den modernen Produktionsmethoden ist die Möglichkeit gegeben, dass alle Menschen behaglich und sicher leben können; wir haben es stattdessen vorgezogen, dass sich manche überanstrengen und die andern verhungern. Bisher sind wir noch immer so energiegeladen arbeitsam wie zur Zeit, da es noch keine Maschinen gab; das war sehr töricht von uns, aber sollten wir nicht auch irgendwann einmal gescheit werden?“

All jene die sich hier wiedererkannten sei die Demonstration zum 2. Mai empfohlen, die seit sieben Jahren in Berlin abgehalten wird. Mach mit! Rufe in deiner eigenen Stadt zur Demonstration auf! Gegen die Sklavenmoral der Arbeit! Für Roboter! 😉 Für Muße für alle!! Gegen Kapitalismus und für Kommunalismus (oder so)!

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Responses

  1. Frage zum Bild mit dem Plakat „teile deinen Reichtum mit mir“
    Wieso sollte eine Person, dessen Selbstverständnis es ist sich diesen Reichtum erarbeitet zu haben, ihren Reichtum freiwillig teilen?

    Versteh mich nicht falsch…die Idee im Text ist absolut logisch. Wie ist der Umstand zu erklären, dass Maschinen alles können, aber Menschen sich immer noch für 12 Stunden @ Mindestlohn zur Arbeit schleppen, in der Hoffnung auf Rente mit vielleicht 93? Ich kann es absolut nicht erklären. Aber die Menschen, die es „geschafft“ haben, werden ihr Erarbeitetes wohl ungern einfach so abgeben wollen meinst du nicht?

    • Tja, das ist die ironische Hoffnung auf das Gute im Menschen, die da durchklingt. In Ansätzen gibt es ja durchaus auch die Tendenz der Superreichen, die wenn sie nicht mehr wissen wohin mit ihrem Geld, auch große Summen an Arme spenden oder Waisenkinder aus Afrika adoptieren. Das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein und ändert nichts an der Gesamtsituation, mit der nicht nur der Held aus des Schuh des Manitu unzufrieden ist.


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