Verfasst von: marcelnakoinz | 5. Juli 2010

Macht Humor sexy? – Nachgefragt bei denen, die es wissen müssen

Show-Paar Evi Niessner und „das Tier“ Mr. Leu in Aktion

Show-Paar Evi Niessner und „das Tier“ Mr. Leu in Aktion

Der argentinische Karikaturist Guillermo Mordillo sagte einmal: „Nachdem Gott die Welt erschaffen hatte, schuf er Mann und Frau. Um das Ganze vor dem Untergang zu bewahren, erfand er den Humor.“ Das kann wohl jeder bestätigen, der sich dem Kulturclash der Geschlechter einmal ernsthaft ausgesetzt sah. Ist Humor der Zauber, der die Mars- und Venusbewohner auf der Erde zu dem aberwitzigen Experiment des Zusammenlebens bewegte? Wenn man eine Venusianerin irgendwo auf dem Blauen Planeten nach den Attributen eines Marsianers befragt, die für sie an diesem wichtig sind, wird man so gut wie immer das H-Wort an erster Stelle genannt bekommen und danach kommt erstmal eine ganze Weile gar nichts mehr.

Humor macht sexy – aber zu viel verschreckt sie!
Ein attraktiver Mann hat Humor zu haben. Nicht nur weil er seinen Freunden erklären können muss, warum er ins selbe Nagelstudio geht wie seine Partnerin. Nein, er weiß einfach, wie man eine Frau unterhält. Und das aber bitte mit Stil! Dass das nicht ehrlich gemeint sein muss, stört Frau dagegen weniger. Hauptsache, er ist nicht peinlich. Denn ein Pausenclown wirkt doch meist so sexy und erheiternd auf die Frauenwelt wie eine neue Bratpfanne zur schrecklichen Bescherung. Das gilt aber natürlich genauso gut auch in der anderen Richtung: denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass eine Frau, die mit mir zusammen sein möchte, schon eine ordentliche Portion Humor braucht, sonst ist sie hoffnungslos verloren. Doch wo ist die Grenze? Wo liegt das, ganz unsexy gesprochen, Kurvenmaximum der Humor-macht-sexy-Kurve im Koordinatensystem der Balzrituale, nach dessen Passieren die Kurve derart in den Keller schießt wie sonst nur der bombensichere Aktienkurs meiner Großeltern?

Jemand, der sich damit auskennt
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, befragte ich Personen, die sich mit diesem Thema auskennen – nämlich einige Kabarettisten der Berliner Wühlmäuse. Ich wurde fündig beim Show-Paar Evi Niessner und „das Tier“ Mr. Leu, das sich selbst als ein „Sexy-Music-Comedy-Burlesque-Jazz-Blues-Oper- Chanson-BoogieWoogie-Country-Gospel-Soul-Slapstick- Cabaret-Varieté-Dinnershow-Kleinkunst-Circus-Gala- Moderation-Host-Master-of-Ceremony-Show-Act“ bezeichnet. Die Show „Hot Love in stereo“ der gelernten Opernsängerin und des Blues- und Boogie-Pianisten spielt nicht nur mit den sozialen Konventionen des besagten „Kurvenmaximums“, sondern sie kippt und demoliert es nach allen Regeln aller Künste. Sie, mal lasziv und verführerisch, dann wieder abgedreht und ins Urkomische verkehrt, ergänzt sich angenehm verrückt mit ihm, dem mal wild gestikulierenden Harlekin, mal hechelnden und schwitzenden Übergeschnappten, der am Piano zum Tier mutiert. Transportiert wird das alles von der grandios inszenierten Musik einiger der größten Hits von Edith Piaf bis Elvis Presley.

Es ist wie Sex
Diese auf der Bühne zelebrierte Leidenschaft zur Musik ist es, die die humoristische Darbietung der Musikstücke so unfassbar schnell zwischen Sex und Humor hin und her springen lässt. Die Grenzen verschwimmen, als hätten sie niemals existiert. Gibt es also am Ende gar kein Kurvenmaximum? Müssen wir vielleicht unsere eigene Lebenskonzeption auf die gefährlichen Untiefen des deutschen Biedermeier abklopfen, bevor wir herablassend über die Darmwinde urteilen, mit der uns unser Lebensabschnittsgefährte durch seine Hosentrompete belustigen will? Na schön. Vielleicht gibt es ja doch Grenzen. Aber worin liegt dann die knisternde Erotik begründet, die der Show „Hot Love in stereo“ nun einmal einfach nicht abgesprochen werden können, obwohl sie im Grunde von der ersten bis zur letzten Minute eine einzige liebevolle Persiflage auf die Musikgeschichte zu sein scheint? Es geht in Evis und Mr. Leus Show nicht darum, berühmte Lieder zu parodieren, sondern sie durch das Setzen von humorvollen Akzenten auf neue Weise zu betrachten. Hierbei geht es speziell um eine Art von Humor, die gerade nicht auf dieser spießig-intellektuellen Schiene läuft, die von „stilvollen Männern“ erwartet wird, sondern auf einer viel ehrlicheren. Man versteht und lacht auf einer viel tiefgreifenderen Ebene, die rein körperlich abläuft. „Zotiger Humor ist per se unsexy“, sagt Evi. „Es ist eben wie beim Sex: Soll es sexy sein, darf man nicht darüber reden, man muss es machen!“

Ausgabe 15, Juli 2009

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