Verfasst von: marcelnakoinz | 5. Juli 2010

Projekt 150 – Wie eine Gruppe von Ärzten ein voll funktionstüchtiges Krankenhaus in Nicaragua aufbaute

Die Ärzte zur Gründungszeit des "Krankenhaus Karl Marx"

Die Ärzte zur Gründungszeit des "Krankenhaus Karl Marx"

Vor wenigen Tagen jährte sich zum 30. Mal der Sieg der Sandinisten über das Somoza-Regime. Am 19. Juli feierte die FSLN in Managua den Triumph der Nicaraguanischen Revolution. Sie übernahm ein Erbe, das nach dem jahrelangen Bürgerkrieg in einem der ärmsten Länder Lateinamerikas sowie der Korruption und dem Machtmissbrauch der wenigen bisher herrschenden Familien zusätzlich durch die internationale Auseinandersetzung zwischen den Mächten des Kalten Krieges verschärft wurde.

Mit der überraschenden Stabilisierung der sandinistischen Regierung, die durch ihren Wahlsieg bei den ersten freien Wahlen im Jahre 1984 unter Beweis gestellt wurde, erhielt die Solidarität für das geschundene Land einen überraschenden Aufschwung. Auch die Regierung der kleinen DDR entschloss sich nun dazu, eine helfende Hand zu reichen und eine Klinik zu errichten. Die Schirmherrschaft über das Krankenhaus-Projekt in Nicaragua übernahm damals das Solidaritätskomitee der DDR, welches später von der Nachfolgeorganisation Solidaritätsdienst-international e.V. (SODI) weitgehend fortgeführt wurde. SODI übernahm nach der Wende viele Projekte, die ansonsten eingestellt worden wären, und baut bis heute seine Palette weltweit unterstützter Projekte aus (wir berichteten). Hier wollen wir nun von einem Beispiel internationaler Solidarität berichten, die die Beteiligten auch noch Jahrzehnte nach ihrem Engagement beschäftigt und zu einer mehr als erstaunlichen Hilfsaktion ermutigt hat.

Krankenhaus Karl Marx heute

Krankenhaus Karl Marx heute

Die Geschichte dieses ehrgeizigen Projekts erzählt mir Dr. Ano Ring (49), Philosoph und Übersetzer für Englisch, Spanisch und Portugiesisch. In einem kleinen Café einer noch kleineren Berliner Vorstadt berichtet er mir davon, wie er, der von Anfang an dabei gewesen ist, zu diesem Projekt kam. Als er sein Studium gerade beendet hatte, wurde er in ein Dienstzimmer gewunken und gefragt, ob er dazu bereit wäre, als Dolmetscher für ein halbes Jahr nach Nicaragua zu fahren. Ähnlich war es auch bei den anderen Gruppenmitgliedern, die sich gerade, als wir miteinander redeten, zur Abschlusssitzung des vollendeten Projekts trafen.

Wie alles begann
Als die DDR 1985 beschloss, Nicaragua das Krankenhaus „Karl Marx“ zu schenken, wurde ursprünglich an eine Art Feldlazarett in den Kriegsgebieten im Norden des Landes gedacht. Doch dieses Vorhaben wurde als zu gefährlich eingestuft. Stattdessen wurde ein Kreiskrankenhaus in der Hauptstadt Managua errichtet. In einem der ärmeren Viertel, in dem es weit und breit keine medizinische Versorgung gab, entstand ein Gebäudekomplex mit über 200 Betten, das medizinische Versorgung in Fachbereichen wie Chirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe, Physiotherapie, Kinderklinik, Allgemeinmedizin, Innere Medizin und Orthopädie bot. In der Zeit zwischen 1985 und dem Anfang der neunziger Jahre haben alle Mitglieder der heute tagenden Gruppe einmal in diesem Krankenhaus gearbeitet. So entstand mit der Zeit ein Kontaktnetzwerk vieler Mediziner, die sich durch die Arbeit in dieser Klinik kennengelernt hatten. Bis 1997 hatte die deutsche Regierung dort noch Entwicklungshilfe geleistet, danach war das Krankenhaus vollständig in nicaraguanische Hand übergeben worden. Der Kontakt brach allmählich ab.

Der erste Spatenstich in Managua Nicaragua 1985

Der erste Spatenstich in Managua Nicaragua 1985

Wie alles weiterging
Ein damaliger Medizinstudent besuchte in Jahre 2003 nach langer Zeit das Krankenhaus und war von dessen Zustand deprimiert. Dieser hatte teils mit der schwierigen Lage des Landes zu tun und teils mit der nun fehlenden ausländischen Unterstützung. Zudem gab es auch in Nicaragua zu Anfang der Neunziger eine politische Wende. Die neue Regierung des Landes setzte jedoch kaum soziale Prioritäten und verordnete, dass man für medizinische Versorgung bezahlen musste, obwohl es kein Sozialversicherungssystem in Nicaragua gab.

Daher entschlossen sich die ehemaligen Helfer im Jahre 2005, die Klinik, die nun „Deutsch-Nicaraguanisches Krankenhaus“ hieß, zu ihrem 20-jährigen Bestehen mit einer Delegation von über 30 Medizinern zu besuchen. Dort erfuhr man, dass es dringend einer Intensivstation bedürfe, um den 350.000 Menschen, für die das Krankenhaus zuständig ist, wirksam helfen zu können.

Hilfe mit Hindernissen
Zu dieser Gruppe gehörte auch der Intensivmediziner Dr. Kinzel, der in den Helioskliniken Berlin-Buch arbeitet. Er machte es sich zur Aufgabe, die Geräte für eine Sechs-Betten-Intensivstation aufzutreiben, was er dann auch über viele Umwege in vier Jahren schaffte. Derart gewappnet, gründete man 2009 bei SODI eine Arbeitsgruppe („Projekt 150“), weil man zur dauerhaften Unterstützung des Krankenhauses einen strukturellen Überbau suchte, ohne selbst einen Verein gründen zu müssen. Anfang Juni diesen Jahres installierten dann vier Ärzte die Geräte vor Ort. Jedoch sind nicht alle Geräte auch tatsächlich angekommen. Unterwegs gingen Teile im Wert von über 30.000 Euro in den Lagern des nicaraguanischen Gesundheitsministeriums verloren. Die polizeiliche Untersuchung blieb bisher ergebnislos. Nichtsdestotrotz ist die Station nun seit Juni in Betrieb.

Dieselbe Gruppe 2009. Im HG die strittigen Containerlieferungen

Dieselbe Gruppe 2009. Im HG die strittigen Containerlieferungen

Wie alles weitergehen wird
In der Gruppe berät man derweil schon, wie das Krankenhaus auch in Zukunft mit Geräten und personell unterstützt werden kann. Schließlich sind die meisten der hier tätigen nicaraguanischen Mediziner noch Berufsanfänger und die Gruppenmitglieder erfahrene Chirurgen, Kinderärzte, Intensivmediziner und Anästhesisten. Da die meisten der Mitglieder jedoch in absehbarer Zeit in Rente gehen, sehen sich nun viele dazu in der Lage, sich schon bald noch viel intensiver um die Betreuung vor Ort kümmern zu können. Aber auch die Modernisierung der Bettenhäuser und ein drahtloses Computernetz stehen auf der Agenda. Dank der neuen Regierung vor Ort, die seit einem Jahr amtiert, sind Voruntersuchungen, Sprechstunden und Verbände nun wieder kostenlos und somit ist eines der modernsten Krankenhäuser Nicaraguas bis auf weiteres auch für alle zugänglich.

Die Hilfe kommt an

Die Hilfe kommt an

Die Freude über die Hilfe ist immer groß

Die Freude über die Hilfe ist immer groß

Ano Ring im Interview

Ano Ring im Interview

Spendenkonto:
Solidaritätsdienst-international e.V.

Kontonr.: 102 010 0

Bank für Sozialwirtschaft

BLZ: 100 205 00

http://www.sodi.de


Ausgabe 17, August 2009

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Responses

  1. Habe 1987 für ein halbes Jahr meine Familie verlassen um vor Ort im OP zu arbeiten .es waren schon schwierige Umstände ! Hygiene war praktisch kaum vorhanden . Der Op bestand damals noch aus 3 Containern die von der Armee der DDR kamen . Aber trotz aller widrigen Umstände habe ich immer mit Genugtuung erfahren wie wertvoll unsere bzw meine Hilfe gewesen ist. Ich denke immer noch voller Freude und Bewunderung an dieses halbe Jahr zurück ! Mein großer Traum ist noch einmal an den Ort zurück zukehren , was ich hoffentlich nochmal schaffen werde ! Viele liebe Grüße an alle die sich erinnern kônnen und auch noch heute tolle Arbeit leisten . Petra Aßmann


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