Verfasst von: marcelnakoinz | 30. Mai 2012

Das Tacheles lässt sich nicht wegdiskutieren. Der Strassenfeger berichtet über die neuesten Entwicklung im Streit um das weltberühmte Kunsthaus und was sich daraus für die Zukunft Berlins abzeichnet

Chris Rautenberg verbrennt sein Werk

Chris Rautenberg verbrennt sein Werk

Egal ob Bar 25, Tadschikistanische Teeküche, Media-Spree oder das traditionsreiche und international bekannte Kunsthaus Tacheles. Berlin scheint sich nicht dafür zu interessieren was es in den Jahren nach dem Mauerfall so attraktiv für Touristen aus aller Welt gemacht und damit ein noch schlimmeres Schuldenfiasko als das bereits bestehende vermieden hat. Wenn irgendein Investor ein weiteres Hotel ausgerechnet auf dem Grundstück eines weltberühmten Kunsthauses gründen will und das auch noch mit illegalen Methoden umsetzt, wenn beliebte Erholungsorte wie Strandbars Grasflächen und Bürogebäuden mit Ausblick auf die Spree weichen sollen und szenebegründende Technoclubs wie der Tresor, die Berlin mit Leben und Farbe füllen von grauen Hochhausfassaden verdrängt werden, schaut der Berliner Senat nur allzu oft weg.

Graffitis locken vorallem junge Schaulustige ins Tacheles

Verraten und Verkauft

Das damit das Herz und die Seele einer Stadt einen Knacks bekommen steht dabei einem an kurzfristigen Gewinnen orientierten Denken in keinster Weise im Wege. Natürlich lassen sich viele Vertriebene nicht unterkriegen und bauen sich Anderorts wieder auf, aber wer kann die langfristigen Schäden abschätzen, wenn Berlin mehr und mehr unattraktiv für Besucher von außerhalb wird, weil all die wirklich interessanten Attraktionen Berlins, das Nacht- und Partyleben sich immer weiter über die riesige Standfläche verteilen und die Stadtmitte so trostlos wird wie das Finanzzentrum von Frankfurt am Main oder der Pariser Stadtteil La Defense? Woher soll dann das Geld in die Stadtkassen kommen für neue leerstehende Bürokomplexe, wie jener der den Tresor verdrängte? Aus der starken Wirtschaft Berlins?

Wilder Westen in Mitte

Im Auftrag des Strassenfegers berichtete ich bereits vor zwei Jahren über die, wie ein Gericht mittlerweile mehrfach feststellte, illegalen Machenschaften denen sich die Künstler im Tacheles gegenübersehen. Im Krimi um Privatisierung, Investoren und einem gelähmten Kultursenat wurden die Bandagen zunehmend härter, mit denen seit meinem letzten Besuch hier vor Ort gekämpft wird. Die Zwangsverwaltung, der Anwaltskanzlei Schwemer, Titz & Tötter, die für die HSH Nordbank das Gelände verwaltet, belagern mit privaten Security-Kräften seit über einem Jahr das Tachelesgelände um die Künstler aus dem Haus zu treiben. Am 7. Dezember 2011 wurde die Ausstellung des weißrussischen Künstlers Alexander Rodin, im Beisein der Anwälte der Zwangsverwaltung ohne gültigen Gerichtsbeschluss aufgebrochen. „Das ist ja gerade das perfide daran“, sagt die Pressesprecherin des Tacheles Linda Cerner, „denn einer der leitenden Anwälte der Kanzlei ist Verfassungsrechtler und Hochschuldozent.“ Rodin, der zu diesem Zeitpunkt in seinem Atelier malte, wurde vor die Tür gesetzt und ihm mit verbotener Eigenmacht somit der Zutritt zu seinem gesamten Lebenswerk, unzähligen großformatige Gemälden untersagt. Monate des Bangens gingen für den 64-jährigen vorüber, in denen er nicht wusste ob er seine Werke je wieder sehen würde. Erst Schritt für Schritt konnte man sein Recht vor Gericht durchsetzen und bekam Ende April diesen Jahres die gerichtliche Bestätigung, dass die Zwangsverwaltung den besetzten 5. Stock des Kunsthauses räumen muss. Die Idee dahinter ist klar: „Alexander Rodin gehört sicher zu den bekannteren Künstlern des Tacheles und ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler Weißrusslands“, so Cerner, „und man dachte sich wohl, wenn man zuerst die großen Namen aus dem Haus hat, ist es viel leichter gegen das Haus anzugehen.“ Am Ende bekam Rodin zwar seine Werke zurück, viele haben jedoch Schäden davongetragen, weil man absichtlich die Heizung abstellte, wodurch sich die Rahmen vieler Bilder verzogen und eine Leinwand hat man mutwillig zerschnitten und sogar auf einige seiner Skizzen und Bücher uriniert.

Am 22. März holte dieselbe Security-Gruppe zu einem noch härteren Schlag aus und besetzte das ganze Gebäude. Die Künstler wurden gewaltsam aus dem Haus gedrängt und die Türen hinter ihnen verschlossen. Gleich am nächsten Tag erließ man eine einstweilige Verfügung und konnte nach drei Tagen, in denen sich viele Menschen an Demonstrationen beteiligten, wieder in das Haus zurückkehren. Kurze Zeit später errichtete die Zwangsverwaltung dann noch eine Mauer auf dem Gelände, um den Zugang zu den Künstlern, die auf der Freifläche des Geländes arbeiten zu erschweren.

Das Medieninteresse war groß, doch die Reaktion war ernüchternd

Tacheles in Flammen

All diese Vorgehensweisen entbehren jeglicher rechtlichen Grundlage, denn nachdem Ende der 90er Jahre der Investor Anno Jagdfeld das 23.000 Quadratmeter große Gelände im Herzen Berlins im Zuge der Privatisierung für seltsam günstige 12 Millionen Euro erwarb, verpflichtete dieser sich im Kaufvertrag dazu, das Gelände zu entwickeln. Für seine Pläne fanden sich aber keine Investoren und so verschuldete er sich bei der HSH Nordbank, die seitdem zur Zwangsversteigerung drängt. „Dementsprechend ist die Frage nach dem Eigentümer natürlich nach wie vor offen und somit auch keine Grundlage gegeben, auf welcher jemand gegen die Künstler hier rechtmäßig vorgehen könnte“, gibt Cerner zu bedenken. Klare Parallelen zum aktuellen Flughafenprojekt sind hier bei der Verfahrensweise des Senats unverkennbar. Wegschauen ist die Devise, bis etwas passiert oder man zum Hinschauen gezwungen wird.  Schade, dass es keinen TÜV für Kultur gibt. Dabei wäre es keine Schwierigkeit das Tacheles, das als Gebäude nur fünf Prozent von der strittigen Gesamtfläche ausmacht, von der Restfläche abzutrennen und in eine Stiftung zu überführen oder als Berliner Kunsthaus rechtlich zu etablieren. Doch der Faustschlag des Bürgermeisters auf den Tisch des Kultursenats bleibt aus. Über Gründe lässt sich nur spekulieren.

Ende April diesen Jahres verbrannten die Künstler Barbara Fragogna, Robert Förster, Alexander Rodin, Martin Reiter, Chris Rautenberg u. a. als Reaktion auf diese Zustände ihre eigenen Kunstwerke. Unter dem Label „ART WAR“ zeigte man sich dabei solidarisch mit den jüngsten Kunstverbrennungen des Museums für zeitgenössische Kunst in Casoria bei Neapel im Kampf gegen mafiöse Strukturen in Wirtschaft und Politik, die Kreative international bedrohen. Auch wenn an diesem Tag in Berlin viel Presseinteresse herrschte, die Reaktionen der umstehenden Menschen waren, wie Reiter, einer der Künstler die ihre Werke verbrannten, es formuliert „typisch deutsch: Es gab keine. Nach dem Motto: Was nicht gut ist wollen wir nicht sehen, wird wegignoriert.“

Nach wie vor lassen sich aber die Künstler vor Ort auch weiterhin weder wegignorieren, noch wegdiskutieren: „Das Ganze war für uns alle ein durschlagender Erfolg, denn der Spiegel hat‘s nicht verstanden“, so Reiter, der auf die empörte Berichterstattung des Magazins anspielt, die den Künstlern eine Selbstinszenierung unterstellt obwohl der Autor des Artikels nicht einmal an diesem Tag vor Ort war. Vielleicht war die Aktion aber auch einfach zu politisch und politisch darf man ja in Deutschland nicht sein, weder als Künstler, noch als Politiker, so Reiter.

Zwischenlagerung der Werke  Rodins im TachelesTheater

Zwischenlagerung der Werke Rodins im TachelesTheater

Berlin im Jahr 2015. Eine Vorschau.

Die Ereignisse im Tacheles zeigen eine beängstigende Vision dessen auf, wohin die Reise auf dem bereits eingeschlagenen Pfad führen kann. Das Tacheles ist eine prominente Intuition. Wenn hier etwas geschieht stehen sofort die Medien der Welt vor der Tür. Was geschieht aber, wenn es gang und gäbe im kulturellen Raum wird, dass nur noch der überlebt, der die größere Sicherheitsfirma engagieren kann? Wie sollen unbekannte oder junge Künstler in diesem Klima Fuß fassen können? Berlin bekommt nicht nur im Transportsektor keinen hoch, es kastriert sich selbst. Es beraubt sich seiner kulturellen Potenz und stellt den Nutzen eines neuen Großflughafens insofern in Frage, als das zu seiner Fertigstellung im Sommer 2015 die ersehnten Touristenströme ausbleiben werden. Wozu sollen sie auch die Stadt besuchen? Um sich die besondere Schönheit der Stadt anzuschauen? Den kulturellen Schmelztiegel Europas, den Magneten für Kreative und Andersdenker? Sich einmal entspannt an die Spree zu setzen, mit dem Liegestuhl unterm Hinterteil und den Sand zwischen den Füßen? Wenn die Kulturpolitik des Senats sich weiterhin vom Geld ihre Politik diktieren lässt, sieht es schwarz aus für die Kulturmetropole. Berlin könnte dann schließlich nur noch arm sein, aber nicht mehr sexy und dadurch nur noch ärmer.

Ausgabe 12, Mai/Juni 2012

Petrov Ahner und Alexander Rodin in ritueller Abschiedspose

Petrov Ahner und Alexander Rodin in ritueller Abschiedspose

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