Verfasst von: marcelnakoinz | 25. November 2012

Eine Welt ohne Angst – die Hölle auf Erden

Welcome to Paradise

Geweitete Augen, ein erhöhter Puls, Schweiß auf der Stirn und Atemnot. Die Begleiterscheinungen eine der am tiefsten im Herzen des Menschen ruhenden Emotionen sind wahrlich nicht sonderlich angenehm oder verlockend. Dessen ungeachtet beherrscht uns eine unbändige Sehnsucht nach der Angst. Woher kommt unser Genuss am Gruseln? Woher kommt die Lust an der Furcht, die Freude an der Beklemmung, die Berauschung am Grauen? Warum verkleidet man sich furchterregend an Halloween, geht in Gruselfilme, erschreckt seine Schwester und sucht immer größere Kicks bei Extremsportarten?

Das verlorene Paradies

Wie wäre es denn im Umkehrschluss, wenn es von heut auf morgen keine Angst mehr gäbe? Ein Paradies auf Erden? Endlose Glückseligkeiten, Weltfrieden und Flüsse aus Zuckerwatte? Wohl kaum. Die Menschheit wäre wohl innerhalb von vierundzwanzig Stunden ausgestorben. Handwerker würden unvorsichtig werden und diverse Körperteile bedenkenlos an Sägeblätter, Schweißbrenner und Dynamitstangen verlieren. Fußgänger laufen sorglos über Autobahnen, bedenkenlose Touristen werden schlendernd von wilden Tieren gefressen und so ziemlich jeder Mensch verletzt seine Mitmenschen weil keiner mehr die Strafe einer Staatsmacht oder den eigenen Tod, den Tod anderer oder auch nur den Verlust seines Ansehens in der Gesellschaft fürchtet. Flutwellen und Tornados weicht niemand mehr aus, sondern begrüßt sie mit offenen Armen und mangels fehlender Prüfungsangst erbringen alle Schühler Bestleistungen. Ok, letzteres wäre zwar nichts Schlimmes, würde aber nicht weiter ins Gewicht fallen, da es kein Schüler bis nach Hause schaffen würde um stolz seine Noten zu verkünden, da alle schon auf dem Heimweg vom Schulbus überfahren oder ziellos umherstreifend verhungert wären. Und es kommt noch schlimmer! Weil niemand mehr die Niederlage fürchtet, stehen sich die Fußballmannschaften teilnahmslos in den Stadien der Welt gegenüber und werden von den Fans in der Luft zerfetzt. Das einzig paradiesische am nächsten Morgen wäre wohl die weltweite Stille.

Das schockt voll krass Mama!

Natürlich hat jeder schon einmal davon gehört, dass unsere Angst vor dem Rascheln im Gebüsch uns vor der Schlange und anderen Gefahren bewahrt, die dort potentiell auf uns lauern könnten. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Neben dem Furchtreflex, gibt es nämlich noch das ausgedehnte und manchmal auch unbegründete Gefühl der Angst. Während das eine ein wirksamer Schutzmechanismus ist, der uns sozusagen vor dem Gröbsten bewahrt, sind Angstgefühle erlernt. Ein Kind fürchtet keine Spinnen und steck sich diese gar unbekümmert in den Mund – bis es uns Erwachsene dabei beobachtet, wie wir beim Anblick von Spinnen an die Decke gehen und uns die Ekelhaare zu Berge stehen. Auch diese antrainierten Ängste können sehr wichtig sein, wenn sie nämlich den Heranwachsenden sensibel für die „Benimmregeln“ seiner sozialen Umgebung machen.

Willkommen in der Welt

Angst ist wie Freude, Trauer und Neid, Stolz, Wut und Langeweile ein Ausdruck unseres „In-der-Welt-seins“ und wie wir mit ihr klar kommen. Der Mensch mag es hier an seine Grenzen zu gehen und auch die extremsten Gefühle zu erleben, weil er dann die Welt spürt, in der er lebt. Nichts erfüllt uns mit mehr mit Lust, als zu wissen, dass wir in der Welt sind. An der alten Filmweisheit „Der Schmerz lässt dich wissen, dass du noch lebst“, ist also durchaus etwas dran und sie lässt sich auch sehr schön auf das Phänomen unserer Geilheit auf Angstzustände beziehen. Das uns die Welt verängstigt oder erfreut ist einfach ein Zeichen dafür, dass sie uns etwas angeht, sie bedeutend ist. Ein Roboter wird nie nachempfinden können, warum uns eine Symphonie berührt, uns ein Foto an ein früheres Leben erinnert oder uns unsere Kinder so viel bedeuten. Denn dafür muss man leben, lieben und leiden. An Angst ist also grundsätzlich nichts angsteinflößendes, sie ist im Gegenteil, höchst erfreulich.

 

Ausgabe 24, November 2012

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