Verfasst von: marcelnakoinz | 12. Dezember 2012

Von Randalierenden Rührseligkeiten und wunderbarem Weihnachtsschmuck

Bummel aufm Rummel am Lustgarten

Hilfe, es weihnachtet sehr!

Es ist wieder so weit. Wie üblich zu dieser Jahreszeit wurde die ganze Stadt einmal mehr in buntes Bonbonpapier gepackt. Wie als ob das, was man schon kennt, wertvoller dadurch würde, dass man es mit strahlenden Lichterketten behängt, es in weiße Watte hüllt oder mit goldenen Schleifen zuschnürt. Zumindest was das Geschäft mit den Weihnachtsverpackungen von Pralinen & Co. angeht, lässt sich eine solche Einstellung bei der kaufbereiten Konsumgesellschaft durchaus beobachten – oder wie sonst sollte sich erklären lassen, dass jedermann in dieser Zeit des Jahres bereitwillig den doppelten Preis für dieselbe Menge Schokolade in Dosen wie sonst bezahlt? Wie, wenn nicht durch das unausgesprochene Versprechen der aufwendigen Verpackungen, unabhängig von ihrem Inhalt bereits durch ihr Aussehen den Menschen Freude zu bereiten? Lässt sich diese magische Stimmung der Weihnachtszeit, in der wir, glaubt man dem Mythos, alle nach heiliger Einkehr streben, es uns zu unseren Familien zieht und wir wieder zu Kindern werden irgendwie erklären?

Unsere Bescherung soll schöner werden

Egal wo man hinsieht – kein Balkon ist vor mit Piken bewaffneten emsigen Bergsteigernikoläusen sicher und keine Gartenlaube bleibt im Wettstreit um den kitschigsten Vorgarten von selbstgeschnitzten Holzkrippen und leuchtenden Drahtelchen verschont. Wie jedes Jahr werden in deutschen Straßen, Einkaufszentren und Haushalten wieder Milliarden Lampen an Lichterketten leuchten, um zu versuchen, die Sterne auf die Erde zu hohlen. Was ist schon ein Jahr Strom für 140.000 Haushalte, gegen den Zauber von Weihnachten? Solange die Atomkraftwerke, von denen wir unseren Strom beziehen, in anderen Ländern als dem unseren stehen und wir Strom billig gegen Automobile tauschen können, die bei uns ja bekanntlich auf Bäumen wachsen, soll uns das nicht stören. Aber wieso wecken diese Lämpchen dieses rätselhafte Gefühle der Sentimentalität in uns wach, welches die US-Amerikaner allein dieses Jahr wieder sechs Milliarden Dollars für Weihnachtsdekorationen (aber keinen Cent für Weihnachtsreparaturen anderswo) ausgeben ließ? Was hat der moderne Weihnachtswahnsinnige noch mit der einfachen Heiligabendfamilie von vor hundert Jahren gemein? Was damals eine Umarmung, erst eine, dann zwei, dann drei, dann vier Kerzen und ein Tannenbaum mit Lametta waren, ist heute zu einem Prestigewettrennen geworden, bei dem man bis zum Weihnachtsabend damit beschäftigt ist, den Nachbarn in seiner Hausdekoration zu übertrumpfen und danach stolz zu simsen, zu twittern und zu facebooken, dass man selbst die größten und besten Geschenke bekommen hat. Denn wer die größten Trophäen hat, wird am meisten geliebt und wer das meiste Spielzeug hat, gewinnt.

Simsen am Gesundbrunnen

Twittern am Gesundbrunnen

Betrunken auf dem Weihnachtsmarktkaufland

Während die Kleinen von all dem Vorweihnachtsschmuck an Wänden und Tapeten, Zäunen und Glasfassaden Hunger bekommen haben, auf Kekse und iPhone5s, randaliert Mama wieder daheim und regt sich über diesen skandalösen Konsumverherrlichungsapparat auf, für den sie aber Mitte Februar wieder blind sein wird. Papa freut sich derweil auf den noch flacheren und noch höher definierten Bildschirm, mit dem er dann die Dokumentationen sehen kann, in denen darüber berichtet wird, wie schlecht es den Menschen in den Ländern geht, die solche Bildschirme herstellen. Und so freuen wir uns schon jetzt darauf, die Liebe unserer Kinder käuflich zu erwerben, wenn am Heiligabend wieder der Weihnachtsmann und der Zalandomann in unseren Schornsteinen stecken und um unsere Gunst kämpfen. So ist es seit jeher Tradition, seitdem der alte Mann mit dem weißen Bart seine Rentiere in Hollywood hat stehen lassen und mit seiner weltweit operierenden UPS-Wagenkolonne unterwegs ist. Weihnachten ist ein Geschäft geworden und jedes Geschäft ist nur so gut wie sein Marketingapparat.

Viele Fragen bleiben aber weiterhin offen. Warum umschließt uns gerade an Weihnachten jene seltsame Rührseligkeit, wie die Schokoladenglasur einen Schokoapfel? Wieso kommen wir den Rest des Jahres nicht darauf uns zu sagen, dass wir uns lieben? Warum haben die Google-Maps-Autos am Nordpol nicht Santas Elfenfabrik gefunden? Und warum soll diese Werkstatt überhaupt am Nordpol stehen, wenn auf allen Geschenken „Made in China“ steht?

Reichstag

Reichlich Licht am Reichstag

Ausgabe 25, Dezember 2012

Marcel „Hoho“ Nakoinz

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