Verfasst von: marcelnakoinz | 26. Dezember 2012

Oje, wir leben noch!

Happy New Weltuntergang

Stellen Sie sich vor, es ist Weltuntergang und niemand geht hin

Das war wohl nix! Die Erde dreht sich wider Erwarten weiter und die Menschheit musste sich nicht in riesigen Schiffen davonretten, wie uns Roland Emmerich im Fahrwasser Abrahams weismachen wollte. Während am 22. Dezember weltweit alle Verkäufer von Kalendern und Terminplanern für das kommende Jahr aufatmeten und jubel-jauchzend ihre Stricke und Pistolen beiseitelegten, stand der Rest der Menschheit vor einem neuen, riesigen Problem: „Wo bekomme ich nun Weihnachtsgeschenke her, von denen ich hoffte, ich könnte sie mir dieses Jahr sparen?“ Nach den großen Plünderungen der Einkaufspassagen, der H&N-LKWs und kurzfristig aufgebauten Weltneuanfangs-Stores, kehrte gegen Ende des Jahres dann langsam wieder Normalität in der westlichen Konsumwelt ein. Trunken von allerorts sprudelnden Sekt und dem beseelten Gefühl nach der großen Einführung von Windows 95 und dem Jahr 2000 schon wieder einen Weltuntergang überlebt zu haben, dürften sich nun alle Menschen an Sylvester wieder in den Armen liegen. Aber was dann? Was sollen wir, gekleidet in T-Shirts mit der Aufschrift: „Ich überlebte 2012 und alles was ich dafür bekam, war dieses lausige T-Shirt“ (der Renner unter den Last-Minute-Weihnachtsgeschenken), mit all der neu gewonnenen Zeit anfangen? Ein Jahr, das nicht von vornherein mit Terminen und Verpflichtungen vollgestopft ist, hat viele Vorteile, die es nun zu nutzen gilt.

Kalender, kauft Kalender!

Ein erster Schritt wäre sicher sich aufzurappeln und die fristlos gekündigten Verträge mit Telefon, Strom, Hartz IV und dem Fitnessstudio wieder aufzunehmen. Natürlich ist es dann unangenehm, im Januar mit besagtem T-Shirt wieder vor dem Menschen zu stehen, dem man nach all den Jahren gehörig die Meinung gegeigt und dessen Lieblingskrawatte man in seinem beschissenen Aquarium mit den teuren Fischen versenkt hat und um die alte Arbeitsstelle zu betteln. Vergessen Sie das mit dem sich selbst erkennen. Ohrfeigen Sie sich selbst und gehen Sie raus in die Welt, das Reich der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Arsch rein, Brust raus, Hosen runter und Socken an! Kaufen Sie Kalender und freuen Sie sich über all die weißen Flächen darin, die nur darauf warten mit Leben gefüllt zu werden. Leben Sie schon, oder überleben sie noch?

Am Ende nichts Neues

Woher aber kommt nur diese genüssliche Endzeitstimmung, an der nicht  nur Depressive und Menschen am sozialen Abgrund Gefallen finden? Liegt es wirklich an der in uns allen schlummernden Sehnsucht nach Geborgenheit, Einfachheit und der Abneigung vor einem mit komplizierten Problemen behafteten Leben voller Verantwortungen und Pflichten? Oder ist unsere auf christlichen Denkweisen beruhende moderne Kultur schuld, in der auch unter Atheisten die Annahme weit verbreitet ist, dass im Nachleben die Erlösung wartet? Vielleicht reicht es auch einfach vielen, über die ein Leben lang nur hinwegentschieden wird und die nie zu Geld kommen, die mutmaßliche Scheindemokratie zu durchschauen, jetzt da alle Hüllen fallen.

Egal was der Grund ist, die bequeme Verlockung eines schnellen Endes einer sinnlosen Welt wird weiterhin immer mehr Freunde bei Facebook bekommen. Sie ist sogar so stark, dass ihre Twitter-Follower jegliche Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungen ignorierten, nach denen der einzige Grund dafür, das der Maya-Kalender für den 21.12.2012 den Weltuntergang vorsah, der war, dass einfach kein Platz mehr zum Meißeln auf der großen Steintafel übrig war. Aber das macht ja nichts, denn ein großer amerikanischer Nachrichtensender hat sich bereits wissenschaftliche Ergebnisse gekauft, die den Jüngern des Weltuntergangs, den Desasterjunkies und Katastrophentouristen neues Futter geben dürfte. Dass die Welt nicht am 21.12.2012 dematerialisierte, liegt diesen Forschungen nach einfach nur daran, dass die Maya sich bei ihrer Großen Zählung für den Baktun-Zyklus verzählt haben. Ein Praktikant soll schuld daran gewesen sein und der Fehler sich über die Jahrhunderte tradiert haben. Der neue Termin um im Garten auf den Weltuntergang zu warten soll dann der 16.03.2013 sein. Nutzen wir also den Aufschub, den wir bekommen haben und fahren wir alle noch einmal ins Bisney Land und verirren uns im Labyrinth von Dicky Klaus. Denn ein bisschen ist es mit Weltuntergängen so, wie mit Abschiedskonzern der Rolling Stones – der nächste kommt bestimmt.

Ausgabe 1, Januar 2013

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