Verfasst von: marcelnakoinz | 18. April 2013

Die Leidenschaft, die Leiden schafft

Der Tod der Philosophen

Ich gebe es zu. Meine größte Leidenschaft ist auch mein größtes Problem. Es war vielleicht nicht die cleverste Entscheidung in meinem Leben. Aber ein Philosophiestudium aufzunehmen, zu Ende zu bringen und danach auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu wollen, das verlangt schon Mut! Von den immer gleichen Fragen durchlöchert, wie: „Was willst du denn dann einmal werden?“ über „Wer braucht schon so etwas?“ und „Wie willst du jemals Geld verdienen?“, bleibe ich standhaft und entgegne den Leuten: „DEUTSCHLAND BRAUCHT EBEN EIER!!“.

Wahrheitsfindung im Obstkarren

Meine irrationale Entscheidung, in einer von Leistung und (Waffen-)Exportweltmeistern bestimmten Welt, die von sozialen Ungerechtigkeiten gezeichnet ist, von Finanzkrisen, Klimakatastrophen und den Auftritten Justin Biebers, ausgerechnet ein derartig weltfremdes Fach wie die Philosophie zu studieren, lässt sich vielleicht am besten mit der Bedeutung des Wortes „Leidenschaft“ selbst klären.

„L e i d e n s c h a f t“, das ist ein sehr intensives Gefühl. Es kann das gesamte Verhalten eines Menschen bestimmen und ist vom Verstand nur schwer zu steuern. Etymologische Wörterbücher sprechen von „emotionalen Reaktionen“, die mit einer „heftigen Zuneigung zu einer Person“, oder einem „ausgeprägten Hang zu bestimmten Tätigkeiten oder Dingen“ einhergehen (*). Jeder kennt das. Man hat bestimmte Dinge im Leben, die einen am meisten ausfüllen. Für den einen ist es die Familie, für den anderen Ruhm, Geld, Modellbaueisenbahnen, Romanzen oder die Anhäufung von Wissen. Bei mir ist es eben die Liebe zur Weisheit „Philo-sophia“. Ich habe mich eben dagegen entschlossen, meinen Sinn im Leben höchstens an vier Stunden an den Sonntagnachmittagen still und leise im Hobbykeller nachzugehen, auch wenn ich damit natürlich Gefahr laufe, das Bruttosozialprodukt des Landes nicht auf direktem Wege zu steigern. Zur Not schlafe ich eben wie der alte Dionysos in einem Obstkarren auf dem Markt beim Türken um die Ecke. Eine Tüte Idealismus als Kopfkissen.

2013

Meine größte Angst als passionierter Philosoph? Die kalte Welt des Arbeitsmarktes. Dem Markt, auf dem man seine Tatkraft, seine Kreativität, seine Teamfähigkeit und seine Synergiefähigkeiten, seine Kernkompetenzen und IT-Kenntnisse zum Verkauf anbieten muss, wie eine Wurst beim Fleischer. Ich bin eben nur eine Wurst unter vielen, vielleicht schmecke ich anders als andere, aber verkauft werden wollen wir alle, denn wir sind erzogen worden mit dem Glauben (nicht Wissen), dass das unser Weg ist. Bloß nicht zu sehr vom Durchschnittsgeschmack abweichen, sonst bleibt man zurück, wie der alte Köter mit grauem Star, den niemand vor dem Hundeschafott retten möchte.

Erschreckend – die Vision von mir selbst, verstoßen aus dem schützenden Schoß der Universität, vor der Berufsberaterin sitzend, die meine Personalien und Lebenseckpunkte überfliegt, wie eine emsige Arbeitsbiene, die eine leere Wüste nach brauchbarem Nektar durchstreift und mich danach vorwurfsvoll anschaut. Es folgen Bewerbungen, Absagen, Maßnahmen, Weiterbildungen, Kürzungen und eine Ausbildung zum überqualifizierten, in dem Angebot der Gesprächsthemen für seine Kunden jedoch überaus vielseitigen Taxifahrer.

2025

City Cab 890D. Die Sonne knallt. Der linke (tiefgebräunte) Arm, stützt meinen gedankenschweren Kopf, während ich einmal mehr im Verkehr der immer noch 0,9 Millionen-Menschen-Hauptstadt stehe. Während ich die glänzenden Blechlawinen mustere, wie ein alter Fischer das glitzernde Meer vor seinem Kutter, schwirren Stimmen aus der Vergangenheit durch mein Hirn mit seinem auf die vierfache Größe des Durchschnitts angewachsenen Hippocampus. „Haben wir es dir nicht gesagt?“ „Philosophie, was ist das?“ „Wer bin ich und wenn ja, warum braucht mich keiner?“.

Ich fühle mich ein bisschen in Charles Bukowskis Post Office (aus seinem gleichnamigen Roman der achtziger Jahre) versetzt. Klein gehalten, nur ein ersetzbares Rädchen im System. Arbeit. Nur eine weitere Institution, in der Individualisten nicht erwünscht und Demütigungen eine alltägliche Routine sind. Entweder mitschwimmen und vergessen, wie es ist, für sich selbst zu denken oder ein Leben voller Selbstbestimmtheit und nicht enden wollender Bemühungen sich für seine Individualität zu rechtfertigen. Ich sehne mich nach meinem Elfenbeinturm.

(*) Bulita, E. und H, Wörterbuch der Synonyme und Antonyme, Fischer Frankfurt a. Main, 1999

Ausgabe 8, April 2013

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