Verfasst von: marcelnakoinz | 18. April 2013

Mut zur Hässlichkeit

Einige Lomografien

Wie die Lomografie beweist, dass mehr zur Fotografie gehört, als immer nur perfekte digitale Bilder zu schießen und dabei noch ganz nebenbei einen neuen Lebensstil etabliert

 

Mitten im Herzen Berlins, schräg gegenüber dem Friedrichstadtpalast, befindet sich seit gut vier Jahren ein Wallfahrtsort für Fotoverrückte, wie man ihn sonst nur von den Apfel-Geschäften der Smartphone-Jünger her kennt. Überall glitzern hier Kameras, hängen Fotostrecken an den Wänden und breiten sich gigantische Fotowände vor dem Auge des Betrachters aus, die aus unzählbar vielen Lomografien zusammengesetzt sind und die Ausstellungsräume in einer farbenfrohen Vielfalt erstrahlen lassen. Zum ersten von mittlerweile drei „Lomography Gallery-Stores“ in ganz Deutschland pilgern jährlich um die 4500 Touristen, Interessierte und alten Hasen der noch jungen Lomo-Bewegung.

 

Die Entstehungsgeschichte der Lomo-Faszination

Seinen Ursprung hat die Bewegung um das Jahr 1990, als eine Gruppe Wiener Studenten auf einen „LOMO Compact Automat“ (LC-A) der Sankt Petersburger Firma Lomo stieß. Diese verliebten sich sofort in die Ergebnisse, die sie in unbefangener, spielerischer Weise, teils auch nur mit Schnappschüssen aus der Hüfte mit dem Gerät erzielten. Die Motive erstrahlten in tiefen, satten Farben und wurden von der charakteristischen Vignettierung der Kamera umspielt. Klar, dass dieses Novum sofort viele Neider auf sich zog. Dies war die Geburtsstunde einer weltweiten Community. Lomografen schwören einstimmig auf die altherkömmliche analoge Fototechnik, die Ihnen viele Möglichkeiten zur künstlerischen Entfaltung bietet und dazu animiert, die Umgebung um sich herum auf eine neue, intensive Art und Weise wahrzunehmen.

Natalie Herrmann

 

Berlin wird Lomo

Natalie Herrmann, selbst begeisterte Hobby-Fotografin,  arbeitet seit 2010 als Online-Managerin für „Lomography Deutschland“ und betreut die deutschsprachige Community der Lomografie-Liebhaber im Internet, welche weltweit aus über einer Million Mitgliedern besteht. „Dabei hebt sich unsere Online-Community von anderen in einem Punkt besonders ab“, erörtert Herrmann, „nämlich im vielfältigen Austausch, der zwischen den engagierten Mitgliedern stattfindet.“ Dieser äußert sich beispielsweise im Lomografie-Online-Magazin, dessen Inhalt von den Mitgliedern selbst erstellt und ebenfalls von Herrmann betreut wird. Hier werden alle möglichen Fototechniken besprochen, gegenseitig Hilfestellungen gegeben und sich rund um das Thema ausgetauscht.

 

Die Schönheit des Unvollkommenen

Lomografie bietet ein experimentieren mit der Fotografie, das jedem möglich ist. So ist es etwa ein Leichtes, eine Maske zwischen Filmspule und Linse seine Kamera einzubauen und so Einfluss auf die Belichtung der Bilder zu nehmen. Man kann aber auch den Film einfach ein zweites Mal benutzen und durch die sogenannte „Doppelbelichtung“ erstaunliche Ergebnisse erzielen, die sich nie völlig planen lassen. Überhaupt ist das Beseitigen von Zufällen, Störungen und anderen Effekten etwas, was für viele Lomografen die perfekt funktionierende Digitalfotografie an Charme hat verlieren lassen. In unserer Zeit, in der alles und jeder perfekt zu funktionieren hat, einfach weil es möglich ist, kann diese Rückbesinnung auf den ungezwungenen Spaß an der Fotografie, der Lust am Leben und der Bewegung sehr entspannend und entschleunigend wirken. Ein Sinnbild dafür, dass es auch in unserer Zeit möglich sein muss, nicht perfekt zu sein, einfach weil es menschlich ist. „Es gibt da natürlich auch manche, die das noch etwas weiter auf die Spitze treiben. So kommt es auch schon mal vor, dass ein Community-Mitglied einen Film vor der Entwicklung kocht, einfriert oder in die Spülmaschine steckt“, berichtet Herrmann, die selbst nicht genug bekommen kann von den vielen Entfaltungsmöglichkeiten und mittlerweile selbst zwölf Kameras (von Multilinsen-, Unterwasser-, Fischaugen-, Instant- bis hin zu Spinnerkamers die eine 360-Grad-Aufnahme ermöglichen ist alles dabei) besitzt.

Interessierte haben die Möglichkeit für zehn Euro in einem der vom Gallery-Store in Berlin angebotenen betreuten Workshops mit einer Lomografie-Kamera selbst um die Häuser zu ziehen und sich nach der Entwicklung des Films von dem Charme dieser Fototechnik verzaubern zu lassen.

 

Adresse:

Friedrichstraße 133, 10117 Berlin

Öffnungszeiten: Mo – Sa: 12 – 20 Uhr

Telefon: 030 202 151 62

Ausgabe 5, März 2013

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