Verfasst von: marcelnakoinz | 1. Oktober 2014

Die Frau, die mit dem Herzen sieht

Auch weniger sehen, ist manchmal mehr

Auch weniger sehen, ist manchmal mehr

Im Raum herrscht vollkommene Dunkelheit. Aus jeder Ecke drängt Getuschel, nur ab und an unterbrochen von dem leisen Summen der Musik im Hintergrund. Zwischen den 160 Gästen, von denen keiner die eigene Hand, geschweige denn das Essen vor sich sehen kann, huschen mit sicherem Schritt und geübtem Gehör die Servicekräfte des Dunkelrestaurants Berlin geschwind umher. Eine von ihnen ist Angela Fumagalli (60). Sie ist von Geburt an blind und arbeitet seit gut neun Jahren hier. Mit ihren Kollegen verständigt sie sich über kaum hörbare Klick-Geräusche und Fingerschnipsen.

Wir sitzen im Foyer des Restaurants, sie umfasst ihre Tasse heißen Kaffees. Fumagallis strohblonde Haare sind struppig, sie trägt eine schlichte cremefarbene Bluse und eine einfache Bluejeans. Alles an ihr ist normal und unauffällig, nur ihre Augenlieder kann sie nicht öffnen. „Die Ärzte wissen nicht was es ist. Ich bin einfach ohne Augenlicht geboren, während meine Tochter ganz normal sehen kann“, sagt Fumagalli und lächelt. Ein Krankheitsbild zu ihrem Augenleiden gibt es nicht.

 

Von der Stelle im Dunkelrestaurant hatte sie das erste Mal von einem Bekannten, der dort bereits arbeitete gehört. Ihre Gäste bedient sie immer mit einem gütigen Lächeln auf den Lippen, welches diese aber die meiste Zeit nicht zu Gesicht bekommen. Gäste können es an einem Abend schon mal bis zu dreißig sein. Nachdem jeder von ihnen sein Menu aus der verschlüsselten Speisekarte ausgewählt hat, betreten alle in einer langen Polonäse das völlig dunkle Restaurant, geleitet von Fumagalli und ihren Kollegen. „Da kommt es auch schon mal vor, dass jemand leuchtende Schuhe oder Fingernägel trägt“, erinnert sich Fumagalli amüsiert. „Viele sind auch immer wieder überrascht, dass sie bei uns absolut nichts sehen können und sich akustisch bei uns bemerkbar machen müssen, wenn sie zum Beispiel auf die Toilette wollen.“ Ob sie auch schon mal etwas aus der Ruhe bringt? „Manchmal nerven mich die üblichen Fragen danach, wie ich mich denn im Dunkeln orientieren könne, wie der Raum aussähe oder ob die Köche im Restaurant auch blind wären“, so Fumagalli.

 

Das gesamte Servicepersonal im Restaurant ist blind oder sehbehindert. Dahinter steht das Konzept, speziell dieser Gruppe von Menschen eine reale Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt zu gegeben. Eine feste Arbeitsstelle war für Fumagalli vorher lange Zeit nur eine Wunschvorstellung geblieben. „Ich empfinde meine Blindheit als etwas ganz normales“, sagt die gelernte Sozialarbeiterin. „Aber Einschränkungen sind natürlich schon damit verbunden. Man bekommt selten einen Job, weil einem viele nichts zutrauen und immer wenn irgendwo Baustellen sind oder es darum geht, unbekannte Wege zu gehen, muss ich immer erst herausfinden, wie ich mich da entlang bewegen muss“, sagt Fumagalli, die sich aber ihren Gästen gegenüber nicht im Vorteil sieht, wenn diese beim Essen im Dunkeln in die ihr bekannte Welt abtauchen. „Ich wundere mich nur ab und zu, wieso manche Menschen nicht drauf kommen, sich auf dem Teller vom Rand in die Mitte zu tasten. Es ist schon erstaunlich, wie sehr bei ihnen die Augen mit essen.“

 

Da ist noch mehr

Fumagalli nestelt am Verschluss ihrer Handtasche herum und nimmt ihre Tasse behutsam in die Hände, um sie zum Mund zu führen. Mittlerweile findet sie sich von der Arbeit unterfordert und sehnt sich nach neuen Herausforderungen. Anfangs gab es zumindest noch die körperliche Hürde, sich anhand von Geräuschen in einem Raum zurecht zu finden, in dem Musik läuft und Menschen wild durcheinander sprechen, ohne die heiße Suppe auf einen Gast oder die Kollegen zu verschütten. Bis das zur Routine wurde. Genauso wie die immer selben Gespräche mit den Gästen „Das ist eben etwas für den täglichen Broterwerb. Mehr nicht“, gesteht sie.

 

Ende des Jahres geht Fumagalli in Rente und möchte sich dann intensiv mit Asylbewerbern befassen, ihnen bei Behördengängen und dem Erlernen der deutschen Sprache helfen. Der Grund hierfür ist derselbe, wie der, warum Fumagalli in den Siebzigern Sozialarbeit studiert hatte: „Damals ging es um das Thema Solidarität“, erinnert sich Fumagalli, meint hiermit aber nicht die berühmte 68er-Bewegung, da sie davon im Mädcheninternat wenig mitbekam. Sie möchte einfach Menschen dazu bringen, solidarisch miteinander umzugehen. Dieses Grundbedürfnis treibt sie an. Fumagalli wuchs mit zwei Brüdern auf, mit denen sie sich nie gestritten hatte. Auch als ihre Eltern verstorben waren, gab es keine Streitigkeiten um Erbschaften oder ähnliches.

 

Die blinde Sozialarbeiterin

So kam es dann auch vor einigen Jahren, dass Fumagalli eine Kurdische Familie begleitete, die aus der Türkei geflüchtet war. „Der Vater war bei der PKK* und früher mit einem eigenen Maurerbetrieb sehr gut situiert gewesen. Doch er traute sich seine Meinung zu offen auszusprechen und fiel der Obrigkeit während einiger Demonstrationen auf. Nachdem er vom türkischen Militär erschossen wurde, blieb seiner Frau und den vier Töchtern nur die Flucht“, erzählt Fumagalli. Ihre Freundin, die gerade ein Praktikum in einem Asylbewerberheim machte, erzählte ihr die ganze Geschichte, nachdem die Familie dort angekommen war. „Man suchte dort jemanden, der den Töchtern bei den Hausaufgaben helfen konnte und so kamen wir in Kontakt. Noch heute telefonieren wir ab und an miteinander“, so Fumagalli weiter. „Was mich wirklich aufregt, sind Geschichten, wie die der drei afrikanischen Geschwister, die in ihrer frühen Kindheit nach Deutschland gekommen waren, ihre Schulzeit hier verbracht hatten und dann im Alter von achtzehn Jahren zusammen mit dem Rest der Familie einfach ausgewiesen wurden. Sie sprachen fließend Deutsch und kannten sich in ihrem Heimatland überhaupt nicht aus. Das habe ich nicht verstanden und verstehe ich bis heute nicht. Gegen so etwas möchte ich vorgehen“, erklärt Fumagalli ihre politische Haltung.

 

Fumagallis Gutherzigkeit konnte nicht einmal von jenem Ereignis getrübt werden, welches mittlerweile einige Jahre zurückliegt, aber über das sie immer noch nicht gerne spricht. Damals war ihr ein unbekannter Mann durch die Haustür gefolgt. Er war schon im Bus mitgefahren und ihr bis zu ihrer Wohnungstür nachgelaufen. „Seitdem schließe ich die Tür immer sofort zu und frage jeden, wo er denn hin will“, sagt Fumagalli. Ihre Papiere bekam sie wieder, aber das Handy blieb gestohlen. „Man macht sich ja keine Vorstellungen davon, wie gefährlich es für eine blinde Frau ist, abends allein nach Hause zu gehen. Das ist auch ein Grund, warum wir hier nicht so zahlreich vertreten sind“, sagt Fumagalli und räumt mit sicheren Handbewegungen den Tisch ab, an dem wir sitzen, als könnte sie sehen. Fumagalli lebt heute allein in Berlin, die Tochter studiert in den Niederlanden.

 

* “Partiya Karkerên Kurdistan“: Arbeiterpartei Kurdistans

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