Verfasst von: marcelnakoinz | 1. Oktober 2014

Hart aber auch Herzlich. Von verchromten Straßenkreuzern, Motoröl und der ganz großen Liebe

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Nur eines von über 1000 Schmuckstücken der Veranstaltung

Wohin man auch sieht, blitzende Stahlkarossen, die um die Gunst der Besucher wetteifern, Menschen die saftig triefende Burger verspeisen und aufgestylte Rockabellas in Petticoat und schwungvollem Tellerrock. Man könnte meinen, sich inmitten eines Grease-Musicals zu befinden. Zwischen den überdimensionierten PS-Boliden mit geschichtsträchtigen Namen wie Charger, GTO und Gran Torino sitzen sie und saugen das Flair der lebendig gewordenen 50er, 60er und 70er Jahre Amerikas in sich auf. Die Fans edler Karossen aus US Produktion, die Nerds der Automobilwelt, die »Motorheads«, die ihren Faible für eine vergangene goldene Ära gemeinsam zelebrieren. Tausende von ihnen finden sich einmal im Jahr zur Autoshow »US Car Classics«, am Rande Berlins ein, um sich zu treffen, ihre Autos auszustellen, zu staunen und bestaunt zu werden.

 

Ein Mann, ein Big Block

John Henry Holiday, wie Karl Brückner* (53) sich scherzhaft selbst nennt, grinst über beide Ohren. Er fühlt sich wohl in dieser Welt. Er sitzt auf der verchromten Stoßstange seines Cadillacs, um allen die vorbeikommen zu demonstrieren, wie stabil sein »Big Block« ist. „Sitzt du da auf deiner Stoßstange?“, fragen Passanten ungläubig und Brückner kommt aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Der marineblaue Eldorado V8 8.2l 500ci ist sein ganzer Stolz: „Einmal hinter dem Steuer eines Big Blocks…“, schwärmt er und rollt dabei die Augen. „Die Sucht ist schlimmer als alle anderen Drogen zusammen.“ Warum er so gut gelaunt ist? „Das hier ist ein ganzer Parkplatz, vollgestellt mit echten Autos, nicht nur mit Fortbewegungsmitteln aus Plaste“, brüstet sich Brückner und stößt mit den ihm zunickenden Freunden um ihn herum an.

 

Immer wieder kommen Bekannte und Schaulustige vorbei und stellen dem Mann Fragen, der mit seinem rot-blau karierten Holzfällerhemd, der Bluejeans und der schwarzen Lederjacke mit passendem Hut an einen Sheriff aus dem Wilden Westen erinnert. Wie bei so vielen wurde auch Bruckners Leidenschaft in der Kindheit entfacht. Im Fernseher liefen US-Serien wie »Ein Colt für alle Fälle« oder »Ein Duke kommt selten allein« und darin fuhren die bösen Jungs immer dunkelfarbene Cadillacs. „Ich finde die Form der Radläufe einfach abgefahren, die fender skirts, die Cadillac bis weit in die 80er gebaut hat. Bei dem hier kommt noch die Maschine dazu“, Brückner schaut mit stolzgeschwellter Brust hinter sich, auf die meterlange Motorhaube. „Das ist der weltweit größte Motor, der jemals in einem Serien-Pkw verbaut wurde. Hubraum 8,2 Liter, wie es sich gehört. Mit dem über die Straßen zu heizen, das ist Freiheit“, so Brückner.

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Brückner, wie man ihn kennt

Die Mauer musste einfach weg

Gut fünfhundert Meter polierten Stahls und Blechs weiter, befindet sich der Familienvan von Roland Herrmann (49). Auch Herrmann lebt den amerikanischen Traum. Zusammen mit seiner Frau und der Hündin Lucy sitzen sie in Campingstühlen vor ihrem schwarzen Van und begutachten das illustre Treiben um sie herum. Überall Besucher, die die Stahlgiganten vergangener Zeiten mit ihren Augen förmlich aufzuessen versuchen, gluckernde V8-Motoren in ohrenbetäubender Lautstärke und die Stimme des Moderators, der einzelne Klassiker im Rahmen einer Pokalverleihung vorstellt. Alles hier ist sehr amerikanisch, alles ist einen Tick größer. Die Heckflügel der Oldtimer, die aussehen wie Raketen, die gleich zum Start abheben, die Essensportionen, die man in der Händlermeile erwerben kann und der gehörige Respekt, den die Autofans sich hier untereinander zollen.

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Herrmann (r. im Bild) im Gespräch

 

„Man versteht sich einfach, man gewinnt ganz schnell neue Bekannte“, fässt Herrmann die Stimmung zusammen, die in diesen Tagen auf dem Diedersdorfer Schloss-Gelände herrscht. „Aber dabei gibt es keinerlei Konkurrenzdenken zwischen uns“, beteuert Herrmann. „Eher Respekt dafür, wie viel Liebe jemand in sein Auto gesteckt hat.“ Er zeigt auf einen schwarzen Buick Century Sport Coupé, dessen Radkappen und Chromteile in der Sonne funkeln und der den vorbeiströmenden Menschenmassen regelmäßig »Oh’s« und »Ah’s« entlockt. Auch wenn er in diesen Tagen tausendfach fotografiert wird, so entgehen den meisten doch die feinen Details, wie ein winziger Würfel als Verschluss für ein Reifenventil oder ein kleiner Tasmanischer Comic-Teufel unter der Motorhaube.

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Ford – Die tun was

 

Warum er jedes Jahr aufs Neue das Interesse der Presse weckt, kann sich der Mann nicht erklären, der im schwarzen Lederoutfit mit Cowboyhut und Sheriffstern an der Jacke auf seinem Stuhl sitzt und eine Marlboro raucht. „So ein Reisebus verkörpert für mich das Lebensgefühl von Freiheit“, sagt Herrmann. Er hatte sich nach der Wende in diese Art von Autos verliebt, die für ihn ein Gefühl verkörperten, das er bis dahin nicht gekannt hatte. Zu DDR-Zeiten war Herrmann lange Zeit im Kindergefängnis Bad Freienwalde eingesperrt gewesen. Mit der Wende fiel dann auch die letzte Hürde, die Herrmanns Vorstellungen von Selbstverwirklichung im Wege standen. Vor sechs Jahren hatte er genug Geld zusammengespart, um sich einen Chevrolet Chevy Van zu leisten. Baujahr 1987, acht Zylinder, fünf Liter Hubraum und Wohnzimmersessel. Heute ist Herrmann der Vorsitzende des Vereins »Kindergefängnis Bad Freienwalde«, auf dessen Internetauftritt sich ehemalige inhaftierte Heimkinder austauschen können.

Harz aber Herzlich

Brückner, der bei der S-Bahn-Berlin arbeitet, ist gelernter Lokomotivführer. Egal ob Wasserpumpe, Lichtmaschine oder ein Satz Kolben, Brückner macht alles selbst. Möglich wird das durch die Fertigung im Baukastensystem. Darum bekommt er auch heute noch ohne Probleme Ersatzteile. Ganz billig ist das Hobby aber auch als Bastler nicht. „Ich musste aus wirtschaftlichen Gründen den Hubraum meines Alltagsfahrzeugs, eines 91er Caprice Combi, auf fünf Liter begrenzen“, gesteht Brückner.

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Polonaise der Prachtstücke

 

Während er gerade davon schwärmt, wie haltbar US-Automobile bei entsprechender Wartung sind, gesellen sich sein Sohn und dessen Freundin zur Cadillac-Clique, die im Halbkreis um Brückners »Big Block« steht. Der Sohn, der mit seinem mit Motoröl befleckten AC/DC T-Shirt weniger wie der Aushilfssheriff seines Vaters aussieht, aber mit der Pomade in den Haaren dann doch irgendwie dazu gehört, verlangt nach allgemeiner Aufmerksamkeit. Seine Rockabella im kirschroten Petticoat und der dazu passenden Totenkopfhalskette strahlt über das ganze Gesicht und schmiegt ihrem Arm um seine Hüfte. Als alles still geworden ist, macht der Sohn ihr vor versammelter Mannschaft einen Heiratsantrag mit Kniefall. Auf einmal sind auch für Brückner abgefettete Vorderachsen, Dauerschmierpackungen, Dichtringe und Spurstangenköpfe zweitrangig. Er steht auf und bekundet seinem Sohn wild gestikulierend seine Begeisterung. Alles liegt einander in den Armen und beglückwünscht das junge Paar. Brückners Mutter wischt sich eine Träne aus dem Auge. Man hat das Gefühl dem Happy End der Grease-Vorführung beizuwohnen. Worin die beiden zur Heirat fahren wollen? In einem weißen Cadillac natürlich. Was für eine Frage.

 

 

*Name von der Redaktion geändert

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