Verfasst von: marcelnakoinz | 27. August 2016

Der Sinn der Frage nach dem Sinn des Lebens

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Wer kennt sie nicht, die befremdlich kurze Antwort aus Douglas Adams Feder, auf die Frage, die den Menschen schon ungefähr solange beschäftigt wie er Kunst, schöne Frauen und Schnaps für sich entdeckt hat. In seinem Buch „Per Anhalter durch die Galaxis“, stellen hochintelligente Wesen einer fremden Welt den zweitintelligentesten Computer des Universums her: „Deep Thought“ (Tiefer Gedanke). Seine Antwort auf die Frage nach dem „Leben, dem Universum und Allem“, die er nach siebeneinhalb Millionen Jahren Rechenzeit ausspuckt, ist jedoch wenig erbaulich. Sie lautet schlicht: „Zweiundvierzig“. Adams führt hier den spannenden Gedanken ein, dass wir vielleicht nie eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage aller Fragen erhalten haben, weil schon die Frage falsch gestellt ist. Allein das wir sie stellen, dafür hat Adams seine ganz spezielle Erklärung. Als die hochintelligenten Wesen den Computer mit den Ausmaßen einer Kleinstadt, nun nach der korrekten Frage zur Antwort fragen, meint der nur, dass dies seine Fähigkeiten übersteigen würde und er den Bauplan zu einem noch intelligenteren Computer von der Größe eines Planeten bereitstellen würde, den er „Erde“ tauft.

 

Die Philosophen und solche die es werden wollen…

…haben sich seitdem alle mühe gemacht, dieses Programm zu erfüllen. Denn so lange der Mensch sich fragen stellt, fragt er sich warum er ist. Viele Menschen begnügen sich hier mit der Antwort: „Gott“. Wobei manche (wie Tom Cruise) glauben, auch mit ihm zu Frühstücken. Aber schließen Antworten nicht die Türen zu Welten, welche die Fragen geöffnet hatten? Terry Eagleton fragt in seinem Buch über den Sinn des Lebens, Gottlob Frege folgend: Sind Begriffe wie „Sinn“ und „Leben“ überhaupt aufeinander anwendbar? Schließlich haben nur unsere sprachlichen Ausdrücke Sinn und nicht das Leben als solches. Selbst wenn alles oberflächlich und sinnlos erscheint, so kann das Leben nicht sinnlos sein. Da die Vorstellung von Oberfläche nur existieren kann, wenn es auch Tiefe gibt. In diesem Sinne war Ludwig Wittgenstein der Überzeugung, dass viele philosophische Rätsel auf einem falschen Gebrauch von Sprache beruhen. Martin Heidegger ging sogar noch einen Schritt weiter und fragte sich, warum es überhaupt etwas gibt und wieso wir das erkennen können. Er kam zu dem Schluss, dass diese Art des Fragenkönnens spezifisch für unsere Art ist, in der Welt zu sein.

Staunen über das Leben

Theatertragödien stellen sich die Frage aller Fragen schon seit der Antike und kamen dabei nie zu einem positiven Ergebnis. Sinnloser erschien das Leben nur nach den beiden Weltkriegen. Aber auch sonst stellt sich für den einzelnen Menschen nach den großen Kränkungen der Menschheit durch Kopernikus, Darwin, Freud und die Hirnforscher heute ein gewisser Sinnverlust ein. Physiker erklären unser Dasein zudem durch puren Zufall und Sternenstaubablagerungen. Biologen reduzieren alles auf die Fortpflanzung. Aber wie kann der Sinn der menschlichen Existenz in der Fortpflanzung liegen, wenn wir gerade einmal zehnmal so viele Gene haben, wie die Bakterien in unserem Darm? Sind wir nicht mehr als nur wandelnde Inkarnationen der Begattungstriebe unserer Eltern? Mehr als eine zufällige Aneinanderreihung chemischer Aktivitäten von Proteinen? Macht das Menschsein nicht mehr aus, als das bloße Überleben? Schon Immanuel Kant sah dieses Problem, weshalb er die „Kritik der Urteilskraft“ schrieb, um sich der Ästhetik, Kultur und unseren Gefühlen zu widmen.

 

Ist es denn überhaupt nötig, EINE Antwort zu finden?

Sind nicht vielleicht alle Antworten Teile eines gewaltigen Puzzles? Für die einen wäre das Leben ohne Fußball sinnlos. Andere kommen nicht ohne Zitroneneis aus. Vielleicht besteht der Sinn des Lebens ja einfach im Leben selbst? Es zu „leben“! Es mit allen Sinnen aufzusaugen. Und ganz wichtig: Menschen zu treffen, die anderer Meinung sind als man selbst. Erst unsere Begegnungen bringen schließlich Farbe in unsere Leben. Wo sind die Dadaisten hin, die uns unserer kleinbürgerlichen Illusion beraubten, wir könnten dem Sinn des Lebens irgendwann auf der Strasse begegnen?

Ein zu weites Feld?

Und die Psychologen, Neuro- und Evolutionsbiologen mit ihren Jäger-Sammler-Geschichten, die sie jede Dekade über den Haufen werfen, weil sie neue Erkenntnisse zu finden glauben? Die sollen ruhig weiter versuchen Fragen zu beantworten, die sich weit über ihre Befugnisgrenzen erstrecken. Was wäre denn auch wenn wir auf alle Fragen eine Antwort hätten? Wir würden vor Langeweile eingehen, wie Schneeglöckchen vorm Kamin. Vielleicht ist gerade „Zweiundvierzig“ die zufriedenstellendste Antwort die wir erwarten können und sollten.

 

„Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden des Problems.“

– L. Wittgenstein

 

 

Verfasst von: marcelnakoinz | 22. August 2015

„Und Bitte!“

Foto: Felix Rettberg

Philipp Lau in Tel Aviv

Philipp Hardy Lau (29) ist das kreative Bindeglied im Hintergrund des Berliner Prime Time Theaters.

Berlin. U-Bahnhof Rathaus Steglitz. Eine Million Menschen sind hier jeden Tag unterwegs. In den frühen Stunden dieses Dienstagmorgens verirren sich nur noch wenige Menschen hier her. Die letzten Gruppen von Touristen kommen gerade an oder reisen gerade ab. Ein paar Reinigungskräfte verrichten ihre Arbeit. Ein Bahnangestellter geht in den Feierabend. Die Wellen der ankommenden Fahrgäste werden mit jedem Zug kleiner, bis die See schließlich spiegelglatt ist. Betriebsschluss.

Nur wenigen fällt die kleine Gruppe in einem Seitengang auf, die vor einem der Werbeschaufenster ein reges Treiben veranstaltet. Während Oliver Tautorat, Leiter des Prime Time Theaters, seinen Text einübt, bringen Regisseur Philipp Lau und Tonmann Robert Martin die Plakate des Theaters im Schaufensterkasten an. Alles wachsam beobachtet von den Organisatoren des Werbevideos. Dann beginnen die Dreharbeiten. Wiederholt schallt es „Und Bitte!“ durch die blitzblank geputzten Kachelhallen des taghell erleuchteten U-Bahnhofs, immer wenn Lau das Zeichen für die Aufnahme gibt. Martin hält derweil die Mikrofonstange lässig geschultert, wie einen Baumstamm, immer darauf bedacht, das Mikro nicht die Aufnahme zerstören zu lassen.

Es ist ungewohnt warm. Lau steht im schwarzen Axelshirt, kurzen Hosen und Sneakers gebeugt vor seiner Kamera, einer Sony RX10. Nach ein paar Takes ist der erste Teil im Kasten. Dann heißt es einpacken. Mittlerweile ist der Bahnhof menschenleer. Mit dem mannsgroßen Stativ auf den Schultern und den um den Hals hängenden Kopfhörern geht er in Richtung der Gleise. Als Regisseur, Cutter und Co-Texter ist Lau die treibende Kraft im Hintergrund des Prime Time Theaters. Dabei hätte nicht viel gefehlt und alles wäre völlig anders gekommen.

Die Jugend am Meer

Laus Eltern, eine Apothekerin und ein ehemaliger Berufssoldat und Kampftauchlehrer, ziehen mit den Kindern kurz nach der Wende an die Ostsee nach Kühlungsborn. Kurze Zeit später lassen sich die Eltern scheiden. Der damals siebenjährige Lau und der ältere Bruder Daniel wachsen von da an bei der Mutter auf. Der Vater reist viel umher und lebt mittlerweile seit 15 Jahren abwechselnd in Österreich und auf den Malediven, wo er neu heiratet und eine Tauchboot-Safari betreibt.

In dem touristisch geprägten Ostseebad, in dem Lau seine Jugend verbringt, ist der gesamte Bildungsweg auf den Wirtschafszweig Tourismus hin ausgerichtet. So erhält er 2005 zusätzlich zum Abiturzeugnis ein IHK-Zertifikat im Bereich Touristik. Doch das naheliegende Ziel, ein weiterführendes Studium in diesem Bereich anzufangen, ist letztlich nicht so stark, wie der Drang zurück nach Berlin zu gehen. Es soll aber noch vier Jahre dauern, bis er wirklich zurückkehrt. In dieser Zeit wird er Junior-Hafenchef beim örtlichen Yachthafen und führt Touristen durch die Stadt. In den Urlaubswochen, in denen er seinen Vater in Österreich besucht, hält er wenig davon auf der faulen Haut zu liegen. Darum absolviert er zusätzlich noch eine Ausbildung zum Skilehrer und verdient sich so auch im Urlaub etwas dazu. Lau ist Pragmatiker.

Die Entdeckung der Leidenschaft

2008 beginnt er dann sein Studium der Amerikanistik an der Humboldt Universität Berlin. Den amerikanischen Lebensstil hatte er bereits im Alter von 16 Jahren während eines Schüleraustauschs in Helena, Montana erleben können. „Den größten Eindruck haben bei mir die grandiose Landschaft, die Offenheit meiner Gasteltern und das Lieblingshobby der Leute, das »Cruisen«, gemacht“, erinnert sich Lau, der noch heute jede Kleinststrecke in seinem VW Bora zurücklegt.

An der Universität lernt Lau zufällig Constanze Behrends kennen, welche zu der Zeit zusammen mit Tautorat das Prime Time Theater leitet. Daraus ergibt sich schnell ein studienbegleitendes Praktikum bei seinem späteren Arbeitsplatz. Auch nach dem Praktikum besucht Lau weiterhin die Proben und wird immer mehr in die Arbeitsabläufe der Spielstätte integriert. Er wirkt bei Filmdrehs mit, liest Texte ein, arbeitet an der Bar und steht sogar in einer Folge selbst auf der Bühne. „Da habe ich schnell meine Grenzen kennen gelernt“, sagt Lau, der zu dieser Zeit bereits weiß, dass er gerne in diesem Ensemble arbeiten möchte, nur noch nicht genau wie.

Während der Arbeit mit Marc Poritz, dem damaligen Kameramann, der Lau hilft, sich beim Videoschnitt zurechtzufinden, bemerkt er seine Leidenschaft für die Produktion und Inszenierung. Diese Arbeit fasziniert ihn, woraufhin er sich das nötige Wissen autodidaktisch beibringt. Weil die Arbeit im Theater Lau folglich mehr und mehr vereinnahmt, bricht er nach vier Jahren seinen Bachelor ab, obwohl er kurz vor dem Abschluss steht. Heute ist er zusammen mit Behrends am Entstehungsprozess der Texte und bei der Grob- und Feinplanung der einzelnen Projekte beteiligt und macht die Regie-Produktion. Lau ist Produzent.

Ein »Prenzlwichser« im Prime Time Theater

Nebenbei widmet sich Lau auch eigenen Projekten, wie den Schauspielerinterviews seiner Serie »LAUschAngriff« und einem noch offenen Format über das schwule Leben in Berlin und Tel Aviv. „Ich habe viele Ideen in meinem Kopf, aber ich muss das alles noch ordnen und niederschreiben“, sagt Lau, für den die israelische Stadt am Mittelmeer in den letzten vier Jahren eine große Bedeutung erlangt hat. Hier lernte er seinen jetzigen Freund Tomer Heistein kennen. Die beiden wohnen in einer gemeinsamen Wohnung im Prenzlauer Berg. Auf dem aufgeräumten Dielenboden räkelt sich Heisteins Katze und verfolgt gebannt die Papageibuntbarsche in Laus Aquarium, dem zentralen Element des Wohnzimmers. In den Regalen stapeln sich allerlei Geschichts- und Geografiebücher. „Intelligenz finde ich sexy“, sagt er und lacht. Lau ist wissbegierig und oft auch ein Besserwisser.

Nachtzug in den Wedding

Auf dem Gleis angekommen, gibt Lau Tautorat Anweisungen zur Choreografie. Stellprobe. Als Kulisse dient der Waggon eines für den Dreh abgestellten Zuges. Um die Eingangstüren herum sind lebensgroße Bouncer angebracht worden, die Oliver Tautorat und die Schauspielkollegin Alexandra Marinescu in zwei ihrer Rollen zeigen. Nachts um drei ist Drehschluss. Doch für Lau fängt die Arbeit jetzt erst richtig an. Er wird noch das Filmmaterial schneiden und erst ins Bett gehen, wenn andere Menschen Mittagspause machen. „Diese Arbeit ist ein total kreativer Entstehungsprozess, bei dem ich schon mal persönliche Belange zurückstelle“, sagt Lau strahlend, steigt in sein Auto und lässt sich von einer mechanisch sprechenden Frau in amerikanischem Englisch den Weg nach Hause erklären.

Veröffentlicht im Weddingweiser 21.08.15

Tautorat bittet nach der Premiere des neuen Stücks „Mädchenabend“ am 20.02.15, seine Entourage auf die Bühne

Alles schwatzt vorfreudig miteinander. Maßanzüge quetschen sich neben Baggy Pants; Jute-Beutel neben Gucci-Taschen. Ein großer kräftiger Mann mit falschem Schnurrbart und Vokuhila Perücke zwängt sich durch die Gäste im Foyer des Berliner Prime Time Theaters. Vor der Bar angekommen, verschafft er sich in derbstem Berlinerisch lautstark Gehör. Die Gäste auf der Warteliste kämen auch noch in die Vorstellung, verkündet er mit geschwollener Brust. Vor der Eingangstür wird vereinzelt gejubelt. Der Mann schaut sich mit ernster Miene um und fordert die Anwesenden in prolligem Ton auf, sich doch bitteschön mitzufreuen. Tosender Beifall. Ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Das ist Oliver Tautorat. In seiner Bühnenrolle des lispelnden Postboten „Kalle“ versteht er es, sich schon vor einer Vorstellung auf sein Publikum einzustimmen. Als Leiter des Theaters steht er im gelben T-Shirt mit der Aufschrift „Prost“ an der Abendkasse und begrüßt jeden seiner Gäste selbst. Eine Angewohnheit, die noch aus der Zeit stammt, als es personell gar keine andere Möglichkeit für ihn gab, als selbst an der Kasse zu stehen. Für ihn ist es wichtig, dass sein Theater kein bloßer Kulturbetrieb ist. Das Publikum soll sich bei ihm wie zu Hause fühlen.

Der Vorführungsraum erinnert an einen Kinosaal. Bequeme rote Stoffsitze, blau gestrichene Wände und eine Leinwand, auf die später die Bühnenbilder projiziert werden. Kurz vor der Show sucht der 41-jährige Tautorat wieder die Nähe zum Publikum. Er fragt wie es den Leuten geht, woher sie kommen und heizt ihnen mit Sprüchen ein. Dabei wirbelt er mit den Armen, als wenn er jeden im Saal umarmen wollte. „Alles hier ist wie im Swingerclub, jeder kann mit jedem – lachen“, sagt er. „Alles kann …“, und wie auf einem Rockkonzert stimmt das Publikum mit ein, „nichts muss.“

Wenig später erlischt das Licht. Wie in einer Fernsehserie, werden die Charaktere zunächst in einem kurzen Film vorgestellt. Ein weiteres Video fasst die Handlung des vorangegangen Stückes zusammen. Dann geht das Bühnenlicht an. Als „Tina Tonne“ hat Tautorat seinen falschen Bart gegen falsche Brüste eingetauscht. Spätestens als er mit seiner Kollegin Cynthia Buchheim (der Fitnesstrainerin „Jutta von Da“, die seit 1996 nichts mehr gegessen hat, um ihre Figur zu halten) Dehnübungen macht und dabei von Sahnetorten schwärmt, gibt es für das Publikum kein Halten mehr.

Ein Volkstheater wie kein anderes

Was hier in der Burgsdorfstraße im Wedding stattfindet, ist weit entfernt vom Betroffenheitstheater einer intellektuellen Elite. Das spiegelt sich auch im Verzicht auf eine Kontingentierung ermäßigter Karten- und Vorverkaufsgebühren wieder. So möchte man es auch weniger gut situierten Menschen ermöglichen, ein Theater zu besuchen.

Die Spielstätte in den ehemaligen Versammlungsräumen des SPD-Landesverbandes, die lange leer standen, versteht sich selbst als Volkstheater. „Mich macht es glücklich, Menschen die sonst nichts miteinander zu tun haben, an den Abenden unserer Vorstellungen zusammen zu bringen und miteinander lachen zu lassen“, sagt Tautorat. Zu diesem Zweck ersann er zusammen mit Constanze Behrends, die auch heute noch die Stücke schreibt, eine neue Theaterform: Die Theatersitcom. Dabei liegt der künstlerische Schwerpunkt darauf, TV-Formate auf der Bühne zu parodieren. Das Format „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“, von dem fast jeden Monat eine neue Folge präsentiert wird, ist mittlerweile stadtbekannt und greift gesellschaftliche Phänomene wie Gentrifizierung, Gender-Diskussionen und Generationskonflikte auf.

Das Theater, welches in einem kleinen angemieteten Raum in der Freienwalder Straße, als Projekt von fünf Freunden anfing, steht im Grunde außer Konkurrenz. Weder klassische Boulevardtheater wie die „Komödie am Kudamm“ oder das „Renaissance Theater“, noch die „Bar jeder Vernunft“ oder der „Heimathafen Neukölln“ schlagen thematisch in die gleiche Kerbe. Dennoch ist das Haus bis heute auf ausgebuchte Vorstellungen angewiesen, um sich zu rechnen.

Der Kapitän privat

Oliver Tautorats Büro an der Müllerstraße ist ganz in warmen Orangetönen gehalten. An der Wand neben seinem Arbeitsplatz hängt ein Poster mit dem Konterfei von Homer Simpson. Gleich daneben ein Bild seiner kleinen Tochter, seinem Lebensmittelpunkt. Auf dem Schreibtisch eine Berliner Zeitung und ein Magazin über Hundeerziehung. Auf dem Computerbildschirm das Logo des Blogs der Huffington Post. Neben dem Monitor ein Schild mit der Aufschrift „Captain“.

„Es kam immer wieder in meinem Leben vor, dass ich mich als der Kapitän eines Schiffes gefühlt habe“, sagt er. Wenn er über das Mittelmeer spricht, gerät er ins Schwärmen. Es bedeutet Ruhe für ihn, aber auch Kraft, Sehnsucht und ein Gefühl von Unendlichkeit. Auf der anderen Seite des Büros steht seine Sammlung von Modellschiffen. Immer wenn seine Reisen ihn ans Meer führen, bringt er ein neues mit.

Der Arbeitsalltag des Theaterdirektors und künstlerischen Leiters, ist zweigeteilt. Von morgens um acht bis in den Mittag hinein führt er Telefonate, bespricht sich mit seinen knapp 20 Mitarbeitern, macht die Finanzkontrolle und trifft sich mit Steuerberatern und Rechtsanwälten. Nach einer Pause findet er sich am frühen Abend wieder im Theater ein, macht die Kasse und steht zur Prime Time, der angeblich besten Sendezeit um 20:15 Uhr, auf der Bühne. Nach der Vorstellung tritt er gegen halb elf den Heimweg an. Als einer der letzten, geht der Kapitän von Bord.

Der Kapitän von seiner privaten Seite

Der Kapitän von seiner privaten Seite

Tautorat ist dabei nicht nur Geschäftsführer und Gesellschafter des Theaters, sondern auch Inhaber des gastronomischen Betriebs an der Theaterbar. „Die wirtschaftliche Verantwortung, die ich für diesen großen Betrieb trage, ist enorm. Ich habe Entscheidungen zu treffen, die wirkliche Konsequenzen nach sich ziehen. Nicht nur für mich allein. In Zukunft würde ich mich in dieser Hinsicht gerne etwas entlasten wollen“, räumt er ein und zündet sich eine Marlboro an. „Ich habe die meiste Zeit meines Lebens pausenlos gearbeitet. In den letzten zwei Jahren habe ich angefangen, das etwas herunter zu fahren, damit ich auch einmal Zeit für mich habe. Das lerne ich jetzt erst schätzen.“

Sein Traum ist es, irgendwann nur noch halbjährig zu spielen und dann ein halbes Jahr frei zu haben. Aber das lässt sich momentan nicht finanzieren. Auch könnte er dann seine Mitarbeiter nur noch saisonal einstellen und das bringt er nicht übers Herz. „Mein soziales Verantwortungsgefühl ist extrem hoch“, sagt er über sich. Das geht so weit, dass er, in besucherschwachen Monaten, sogar auf eigene Gehälter verzichtet und sie in den Betrieb investiert. Auch durch eine schlechte körperliche Verfassung lässt er sich nicht von der Bühne fernhalten. In den letzten elf Jahren konnte er nur einmal nicht spielen, wegen einer Hirnhautentzündung. Nach drei Tagen stand er wieder auf der Bühne. Dieser Arbeitseifer steckt an. „Bei 220 Vorstellungen im Jahr, haben wir im Schnitt gerade einmal zwei Ausfälle. Alle, die bei uns auf der Bühne stehen, sind taffe Arbeiter“, so Tautorat, der mit seinem Theater 2011 die Bezirksverdienstmedaille von Berlin-Mitte und 2012 den B.Z.-Kulturpreis gewann.

Kein Rasten, kein Rosten

Tautorat, der seinen französischen Namen aus der Zeit der Hugenottenkriege deutsch ausspricht, wird in Würzburg, als das jüngere von zwei Kindern geboren. Die ältere Schwester ist heute Fremdsprachenlehrerin. Seine Mutter, eine griechische Krankenpflegerin und sein Vater, ein deutscher Chemiker, ziehen in den ersten zwanzig Jahren seines Lebens aus beruflichen Gründen fast jedes Jahr in eine andere Stadt. Seine Kindheit verbringt der Deutsch-Grieche darum in ganz Deutschland. Zusätzlich geht es in den Sommerferien meist nach Kavala, in die Heimatstadt der Mutter, im Norden Griechenlands. Diese Unstetigkeit empfindet Tautorat jedoch nie als störend. Sie macht aus ihm vielmehr einen empathischen Menschen, dem es schon früh leicht fällt, offen und vorurteilsfrei auf Menschen einzugehen. Der selbstbewusste Teenager entdeckt schnell, dass seine extrovertierte Art eine Gabe ist und lernt sie zu nutzen. Er wird Klassensprecher, Schülersprecher und hört nicht mehr auf zu reden, egal ob er von etwas genügend Ahnung hat oder nicht. „Ich habe damals eine Menge Leute sehr genervt und musste mich im Nachhinein bei vielen entschuldigen“, erinnert sich Tautorat.

1992 erlangt er in Würzburg das Abitur, im zweiten Anlauf. Hier absolviert er auch seinen Zivildienst in der Schwerstbehindertenpflege. Die danach angefangene Buchhändlerlehre bricht er ein halbes Jahr später ab. Von da an schlägt er sich so durch. Ein Jahr lang zieht er für ein Tourneebüro durch Deutschland und plakatiert Strommasten und Litfaßsäulen mit Postern des UFO-Gurus Erich von Däniken. Dabei arbeitet er mit einem Berliner aus der Technoszene zusammen, der ihm ein erstes Gefühl für die Hauptstadt vermittelt.

Später, während eines Aushilfsjobs im Würzburger Theater Ensemble, entdeckt er seine Lust an der Schauspielerei. Drei Jahre Schauspielausbildung in München folgen. Diese finanziert er sich komplett selbst und macht dabei Karriere in einem Call-Center, wo er es bis zum Kommunikationstrainer bringt. Aber er fühlt sich und sein Talent mit Menschen kommunizieren zu können dort deplatziert. Er zieht nach Berlin-Wedding, in die Nähe von Kai Bagsik, einem Szenenbilder, den er aus seiner Zeit in München kennt. Hier lernt er kurz darauf Constanze Behrends kennen. Gemeinsam gründen sie 2003 in der Kolonie Wedding e. V., im Soldiner Kiez, das Prime Time Theater, welches seit 2004 seine Gäste begeistert.

Friede den Hütten – Krieg den Palästen

Die Straßen sind vom Schauer der letzten Nacht noch ganz nass. Die Geschäfte und Kneipen, an denen Tautorat vorbeikommt, spiegeln sich in den Pfützen, zusammen mit den Reflexionen der Sonne. Er läuft nicht schnell, aber zügig. Es scheint, als käme er nie zur Ruhe. Taron, den Rhodesian Ridgeback Rüden an seiner Seite, führt er für eine gute Freundin spazieren, wann immer es die Zeit erlaubt. Der Theaterleiter, der sich manchmal scherzhaft selbst mit einem Zirkusdirektor vergleicht, trägt eine blaue Jeans und einen grauen Kapuzenpulli. Es macht ihn stolz, wenn Passanten ihn auf der Straße wiedererkennen. „Ich freue mich, wenn ich merke, dass sich die Menschen mit einem Lächeln im Herzen an mich erinnern“, sagt Tautorat. Sich selbst berühmt zu nennen, lehnt er jedoch ab. Stattdessen spricht er von sich mit einem Augenzwinkern als einen „Local Celebrity“, einer Lokalgröße.

Auf Fragen den Wedding betreffend, antwortet Tautorat zwiegespalten. Zum einen gebe es hier so etwas wie eine Gentrifizierung. Die Mieten würden steigen und das sei schlimm. Zum anderen wüchse das meiste, was im Wedding kulturell entsteht, aus eigenen Strukturen. „Wenn neue Kneipen aufmachen, dann machen das meist Leute, die von hier sind und das finde ich gut“, meint der Wahlberliner. Der Wedding ist für ihn weiterhin ein Bezirk mit einem eigenen Gesicht. Rau, direkt und oft unterschätzt – der perfekte Nährboden für Komödien.

Auf Fragen die Stadt Berlin betreffend, antwortet Tautorat hingegen radikal. Aufgeregt zieht er an seiner Zigarette. „Wenn mich einer fragt, ob ich dafür sei, eine Oper aufzulösen, bin ich dafür – damit die freie Szene mehr Geld erhält“, sagt er. In der Politik heiße es immer, man wisse nicht woher das Geld für die freie Theaterszene kommen solle, gleichzeitig würden die großen Häuser aber auch stark überfinanziert, so dieser weiter. Der Kultursenat Berlin weist solche Vorwürfe von sich. Dort heißt es, dass derartige Sparmaßnahmen weder geplant seien, noch ein wirksames Mittel wären. „Wir sind bestrebt, die Kooperationsvorhaben der großen Bühnen mit der freien Szene zu unterstützen, und wollen gemeinsame künstlerische Projekte zukünftig verstärkt fördern“, so Diedrich Wulfert, Sprecher des Kultursenates.

Doch Tautorat hält an seiner Meinung fest. Kulturgut müsse wachsen können und dürfe nicht nur statisch in Form großer Bühnen wie des „Berliner Ensembles“ oder des „Deutschen Theaters“ vorhanden sein. Selbst musste er sich die institutionelle Förderung der Stadt lange erkämpfen. Mittlerweile ist sein Theater im Haushaltsplan des Senats eingebunden. Doch die Förderung hält sich in Grenzen und so ist er weiterhin größtenteils auf die Einnahmen durch Eintrittsgelder und Sponsoren angewiesen.

Tautorat in seiner Rolle als Pastor

Tautorat in seiner Rolle als Pastor „Vati“

Die ganze private Welt ist Bühne

Es ist gemütlich in Tautorats Wohnung. Die hohen Wände des Altbaus sind in warmen Farben gehalten. Die einzelnen Zimmer sind hell und gehen vom Flur ab, wie die Äste eines Baumes. Der Geruch von frisch gebratenem Fleisch liegt in der Luft. Die geräumige Küche ist gefüllt mit allerlei Kochutensilien und zwei Kühlschränken. Einer für das Essen und einer für die Getränke. Wäre er nicht Schauspieler geworden, hätte der leidenschaftliche Koch wohl sein Hobby zum Beruf gemacht. „Mein großer Traum ist es immer noch, irgendwann einmal eine Kochlehre zu machen und ein eigenes Restaurant zu haben“, sagt er. Dieser Wunsch erfüllt sich 2011 für eine kurze Zeit beinahe vorzeitig. Doch die „Prime Time Kantine“, wirft trotz der guten Lage direkt neben seinem Theater kaum Gewinne ab. Da zu dieser Zeit schon viele andere Risiken auf seinen Schultern lasten, entscheidet er sich dazu, zumindest eines zu minimieren.

Wenn Tautorat Zeit für sich hat, laufen auf dem großen Flachbildschirm neben romantischen Komödien, Tier- und Wissenssendungen vor allem TV Serien. Er ist Mitte zwanzig, als ihn diese Begeisterung packt und bis heute nicht wieder loslässt. Der schnelle ehrliche Humor Will Ferrells wird eines seiner Vorbilder. Heute beeindrucken ihn Comedians wie Kate McKinnon oder Carolin Kebekus. Wenn er es einmal schafft, selbst ins Theater zu gehen, dann fällt die Wahl meist auf Komödientheater.

Beruflich bemerkt Tautorat noch keine Verschleißerscheinungen an sich. Dafür ist das Bühnenprogramm zu abwechslungsreich, was ihn immer wieder aufs Neue motiviert und fordert. Früher haben ihn die Rollen von der Arbeit nach Hause begleitet. Mittlerweile trennt er aber Berufs- und Privatleben strikt voneinander. „Sobald ich private Kleidung trage, bin ich nicht mehr im Theater und absolut authentisch“, sagt er und zerdrückt dabei eine Kippe im Aschenbecher. Er ist froh über diese Entwicklung. „Damals habe ich meinen Beruf schon sehr stark in mein Privatleben eingreifen lassen, so dass ich nie abschalten und ich selbst sein konnte. Heute bereue ich das manchmal“, sagt der Mann, der in elf Jahren auf der Bühne schon in fast 2000 Vorstellungen mitwirkte.

In den letzten Jahren nimmt Tautorat sich darum immer öfter Auszeiten. Wenn er dann abends ausgeht, drehen sich die Fragen schnell um die Schauspielerei. Doch er möchte sich privat nicht in den Vordergrund spielen. Schließlich ist das an fünf Tagen in der Woche sein Beruf. „Im Grunde bin ich ein ruhiger, aufmerksamer Mensch“, sagt er. Dieser Aufmerksamkeit ist es auch zu verdanken, dass er nie mit den Schauspielern seines Ensembles aneinander gerät. Wenn die Besetzung wechselt, stellt er sich problemlos auf jeden ein.

Das einzige, was ihn in Rage bringt, ist, wenn man ihn bestiehlt. Als sein Theater noch in den Kinderschuhen steckt, stehlen Jugendliche kurz vor der Vorstellung einen DVD-Player. Tautorat, der an diesem Abend die Rolle eines Sheriffs spielt, rennt ihnen noch eine Weile in Cowboystiefeln hinterher. „Das war schon irgendwie ulkig, aber ich habe mich in dem Moment wirklich als Sheriff gefühlt“, sagt er und schmunzelt.

Auch auf der Bühne klingen von Zeit zu Zeit ernstere Töne an. Als Pastor, den alle nur „Vati“ nennen, predigt Tautorat dem Publikum mit emporgestreckten Armen Sätze wie: „Das wichtigste im Leben, neben der Liebe, ist der Humor.“ Solche Aussagen sind für ihn mehr als bloße Floskeln. „Ich bin total gerne Komödiant“, sagt er. „Mit Humor möchte ich die Menschen von ihrem Alltag ablenken und ihre Köpfe öffnen.“

Das Ensemble lässt sich nach einer Vorstellung feiern.

Das Ensemble lässt sich nach einer Vorstellung feiern.

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Nur eines von über 1000 Schmuckstücken der Veranstaltung

Wohin man auch sieht, blitzende Stahlkarossen, die um die Gunst der Besucher wetteifern, Menschen die saftig triefende Burger verspeisen und aufgestylte Rockabellas in Petticoat und schwungvollem Tellerrock. Man könnte meinen, sich inmitten eines Grease-Musicals zu befinden. Zwischen den überdimensionierten PS-Boliden mit geschichtsträchtigen Namen wie Charger, GTO und Gran Torino sitzen sie und saugen das Flair der lebendig gewordenen 50er, 60er und 70er Jahre Amerikas in sich auf. Die Fans edler Karossen aus US Produktion, die Nerds der Automobilwelt, die »Motorheads«, die ihren Faible für eine vergangene goldene Ära gemeinsam zelebrieren. Tausende von ihnen finden sich einmal im Jahr zur Autoshow »US Car Classics«, am Rande Berlins ein, um sich zu treffen, ihre Autos auszustellen, zu staunen und bestaunt zu werden.

 

Ein Mann, ein Big Block

John Henry Holiday, wie Karl Brückner* (53) sich scherzhaft selbst nennt, grinst über beide Ohren. Er fühlt sich wohl in dieser Welt. Er sitzt auf der verchromten Stoßstange seines Cadillacs, um allen die vorbeikommen zu demonstrieren, wie stabil sein »Big Block« ist. „Sitzt du da auf deiner Stoßstange?“, fragen Passanten ungläubig und Brückner kommt aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Der marineblaue Eldorado V8 8.2l 500ci ist sein ganzer Stolz: „Einmal hinter dem Steuer eines Big Blocks…“, schwärmt er und rollt dabei die Augen. „Die Sucht ist schlimmer als alle anderen Drogen zusammen.“ Warum er so gut gelaunt ist? „Das hier ist ein ganzer Parkplatz, vollgestellt mit echten Autos, nicht nur mit Fortbewegungsmitteln aus Plaste“, brüstet sich Brückner und stößt mit den ihm zunickenden Freunden um ihn herum an.

 

Immer wieder kommen Bekannte und Schaulustige vorbei und stellen dem Mann Fragen, der mit seinem rot-blau karierten Holzfällerhemd, der Bluejeans und der schwarzen Lederjacke mit passendem Hut an einen Sheriff aus dem Wilden Westen erinnert. Wie bei so vielen wurde auch Bruckners Leidenschaft in der Kindheit entfacht. Im Fernseher liefen US-Serien wie »Ein Colt für alle Fälle« oder »Ein Duke kommt selten allein« und darin fuhren die bösen Jungs immer dunkelfarbene Cadillacs. „Ich finde die Form der Radläufe einfach abgefahren, die fender skirts, die Cadillac bis weit in die 80er gebaut hat. Bei dem hier kommt noch die Maschine dazu“, Brückner schaut mit stolzgeschwellter Brust hinter sich, auf die meterlange Motorhaube. „Das ist der weltweit größte Motor, der jemals in einem Serien-Pkw verbaut wurde. Hubraum 8,2 Liter, wie es sich gehört. Mit dem über die Straßen zu heizen, das ist Freiheit“, so Brückner.

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Brückner, wie man ihn kennt

Die Mauer musste einfach weg

Gut fünfhundert Meter polierten Stahls und Blechs weiter, befindet sich der Familienvan von Roland Herrmann (49). Auch Herrmann lebt den amerikanischen Traum. Zusammen mit seiner Frau und der Hündin Lucy sitzen sie in Campingstühlen vor ihrem schwarzen Van und begutachten das illustre Treiben um sie herum. Überall Besucher, die die Stahlgiganten vergangener Zeiten mit ihren Augen förmlich aufzuessen versuchen, gluckernde V8-Motoren in ohrenbetäubender Lautstärke und die Stimme des Moderators, der einzelne Klassiker im Rahmen einer Pokalverleihung vorstellt. Alles hier ist sehr amerikanisch, alles ist einen Tick größer. Die Heckflügel der Oldtimer, die aussehen wie Raketen, die gleich zum Start abheben, die Essensportionen, die man in der Händlermeile erwerben kann und der gehörige Respekt, den die Autofans sich hier untereinander zollen.

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Herrmann (r. im Bild) im Gespräch

 

„Man versteht sich einfach, man gewinnt ganz schnell neue Bekannte“, fässt Herrmann die Stimmung zusammen, die in diesen Tagen auf dem Diedersdorfer Schloss-Gelände herrscht. „Aber dabei gibt es keinerlei Konkurrenzdenken zwischen uns“, beteuert Herrmann. „Eher Respekt dafür, wie viel Liebe jemand in sein Auto gesteckt hat.“ Er zeigt auf einen schwarzen Buick Century Sport Coupé, dessen Radkappen und Chromteile in der Sonne funkeln und der den vorbeiströmenden Menschenmassen regelmäßig »Oh’s« und »Ah’s« entlockt. Auch wenn er in diesen Tagen tausendfach fotografiert wird, so entgehen den meisten doch die feinen Details, wie ein winziger Würfel als Verschluss für ein Reifenventil oder ein kleiner Tasmanischer Comic-Teufel unter der Motorhaube.

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Ford – Die tun was

 

Warum er jedes Jahr aufs Neue das Interesse der Presse weckt, kann sich der Mann nicht erklären, der im schwarzen Lederoutfit mit Cowboyhut und Sheriffstern an der Jacke auf seinem Stuhl sitzt und eine Marlboro raucht. „So ein Reisebus verkörpert für mich das Lebensgefühl von Freiheit“, sagt Herrmann. Er hatte sich nach der Wende in diese Art von Autos verliebt, die für ihn ein Gefühl verkörperten, das er bis dahin nicht gekannt hatte. Zu DDR-Zeiten war Herrmann lange Zeit im Kindergefängnis Bad Freienwalde eingesperrt gewesen. Mit der Wende fiel dann auch die letzte Hürde, die Herrmanns Vorstellungen von Selbstverwirklichung im Wege standen. Vor sechs Jahren hatte er genug Geld zusammengespart, um sich einen Chevrolet Chevy Van zu leisten. Baujahr 1987, acht Zylinder, fünf Liter Hubraum und Wohnzimmersessel. Heute ist Herrmann der Vorsitzende des Vereins »Kindergefängnis Bad Freienwalde«, auf dessen Internetauftritt sich ehemalige inhaftierte Heimkinder austauschen können.

Harz aber Herzlich

Brückner, der bei der S-Bahn-Berlin arbeitet, ist gelernter Lokomotivführer. Egal ob Wasserpumpe, Lichtmaschine oder ein Satz Kolben, Brückner macht alles selbst. Möglich wird das durch die Fertigung im Baukastensystem. Darum bekommt er auch heute noch ohne Probleme Ersatzteile. Ganz billig ist das Hobby aber auch als Bastler nicht. „Ich musste aus wirtschaftlichen Gründen den Hubraum meines Alltagsfahrzeugs, eines 91er Caprice Combi, auf fünf Liter begrenzen“, gesteht Brückner.

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Polonaise der Prachtstücke

 

Während er gerade davon schwärmt, wie haltbar US-Automobile bei entsprechender Wartung sind, gesellen sich sein Sohn und dessen Freundin zur Cadillac-Clique, die im Halbkreis um Brückners »Big Block« steht. Der Sohn, der mit seinem mit Motoröl befleckten AC/DC T-Shirt weniger wie der Aushilfssheriff seines Vaters aussieht, aber mit der Pomade in den Haaren dann doch irgendwie dazu gehört, verlangt nach allgemeiner Aufmerksamkeit. Seine Rockabella im kirschroten Petticoat und der dazu passenden Totenkopfhalskette strahlt über das ganze Gesicht und schmiegt ihrem Arm um seine Hüfte. Als alles still geworden ist, macht der Sohn ihr vor versammelter Mannschaft einen Heiratsantrag mit Kniefall. Auf einmal sind auch für Brückner abgefettete Vorderachsen, Dauerschmierpackungen, Dichtringe und Spurstangenköpfe zweitrangig. Er steht auf und bekundet seinem Sohn wild gestikulierend seine Begeisterung. Alles liegt einander in den Armen und beglückwünscht das junge Paar. Brückners Mutter wischt sich eine Träne aus dem Auge. Man hat das Gefühl dem Happy End der Grease-Vorführung beizuwohnen. Worin die beiden zur Heirat fahren wollen? In einem weißen Cadillac natürlich. Was für eine Frage.

 

 

*Name von der Redaktion geändert

Verfasst von: marcelnakoinz | 1. Oktober 2014

Die Frau, die mit dem Herzen sieht

Auch weniger sehen, ist manchmal mehr

Auch weniger sehen, ist manchmal mehr

Im Raum herrscht vollkommene Dunkelheit. Aus jeder Ecke drängt Getuschel, nur ab und an unterbrochen von dem leisen Summen der Musik im Hintergrund. Zwischen den 160 Gästen, von denen keiner die eigene Hand, geschweige denn das Essen vor sich sehen kann, huschen mit sicherem Schritt und geübtem Gehör die Servicekräfte des Dunkelrestaurants Berlin geschwind umher. Eine von ihnen ist Angela Fumagalli (60). Sie ist von Geburt an blind und arbeitet seit gut neun Jahren hier. Mit ihren Kollegen verständigt sie sich über kaum hörbare Klick-Geräusche und Fingerschnipsen.

Wir sitzen im Foyer des Restaurants, sie umfasst ihre Tasse heißen Kaffees. Fumagallis strohblonde Haare sind struppig, sie trägt eine schlichte cremefarbene Bluse und eine einfache Bluejeans. Alles an ihr ist normal und unauffällig, nur ihre Augenlieder kann sie nicht öffnen. „Die Ärzte wissen nicht was es ist. Ich bin einfach ohne Augenlicht geboren, während meine Tochter ganz normal sehen kann“, sagt Fumagalli und lächelt. Ein Krankheitsbild zu ihrem Augenleiden gibt es nicht.

 

Von der Stelle im Dunkelrestaurant hatte sie das erste Mal von einem Bekannten, der dort bereits arbeitete gehört. Ihre Gäste bedient sie immer mit einem gütigen Lächeln auf den Lippen, welches diese aber die meiste Zeit nicht zu Gesicht bekommen. Gäste können es an einem Abend schon mal bis zu dreißig sein. Nachdem jeder von ihnen sein Menu aus der verschlüsselten Speisekarte ausgewählt hat, betreten alle in einer langen Polonäse das völlig dunkle Restaurant, geleitet von Fumagalli und ihren Kollegen. „Da kommt es auch schon mal vor, dass jemand leuchtende Schuhe oder Fingernägel trägt“, erinnert sich Fumagalli amüsiert. „Viele sind auch immer wieder überrascht, dass sie bei uns absolut nichts sehen können und sich akustisch bei uns bemerkbar machen müssen, wenn sie zum Beispiel auf die Toilette wollen.“ Ob sie auch schon mal etwas aus der Ruhe bringt? „Manchmal nerven mich die üblichen Fragen danach, wie ich mich denn im Dunkeln orientieren könne, wie der Raum aussähe oder ob die Köche im Restaurant auch blind wären“, so Fumagalli.

 

Das gesamte Servicepersonal im Restaurant ist blind oder sehbehindert. Dahinter steht das Konzept, speziell dieser Gruppe von Menschen eine reale Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt zu gegeben. Eine feste Arbeitsstelle war für Fumagalli vorher lange Zeit nur eine Wunschvorstellung geblieben. „Ich empfinde meine Blindheit als etwas ganz normales“, sagt die gelernte Sozialarbeiterin. „Aber Einschränkungen sind natürlich schon damit verbunden. Man bekommt selten einen Job, weil einem viele nichts zutrauen und immer wenn irgendwo Baustellen sind oder es darum geht, unbekannte Wege zu gehen, muss ich immer erst herausfinden, wie ich mich da entlang bewegen muss“, sagt Fumagalli, die sich aber ihren Gästen gegenüber nicht im Vorteil sieht, wenn diese beim Essen im Dunkeln in die ihr bekannte Welt abtauchen. „Ich wundere mich nur ab und zu, wieso manche Menschen nicht drauf kommen, sich auf dem Teller vom Rand in die Mitte zu tasten. Es ist schon erstaunlich, wie sehr bei ihnen die Augen mit essen.“

 

Da ist noch mehr

Fumagalli nestelt am Verschluss ihrer Handtasche herum und nimmt ihre Tasse behutsam in die Hände, um sie zum Mund zu führen. Mittlerweile findet sie sich von der Arbeit unterfordert und sehnt sich nach neuen Herausforderungen. Anfangs gab es zumindest noch die körperliche Hürde, sich anhand von Geräuschen in einem Raum zurecht zu finden, in dem Musik läuft und Menschen wild durcheinander sprechen, ohne die heiße Suppe auf einen Gast oder die Kollegen zu verschütten. Bis das zur Routine wurde. Genauso wie die immer selben Gespräche mit den Gästen „Das ist eben etwas für den täglichen Broterwerb. Mehr nicht“, gesteht sie.

 

Ende des Jahres geht Fumagalli in Rente und möchte sich dann intensiv mit Asylbewerbern befassen, ihnen bei Behördengängen und dem Erlernen der deutschen Sprache helfen. Der Grund hierfür ist derselbe, wie der, warum Fumagalli in den Siebzigern Sozialarbeit studiert hatte: „Damals ging es um das Thema Solidarität“, erinnert sich Fumagalli, meint hiermit aber nicht die berühmte 68er-Bewegung, da sie davon im Mädcheninternat wenig mitbekam. Sie möchte einfach Menschen dazu bringen, solidarisch miteinander umzugehen. Dieses Grundbedürfnis treibt sie an. Fumagalli wuchs mit zwei Brüdern auf, mit denen sie sich nie gestritten hatte. Auch als ihre Eltern verstorben waren, gab es keine Streitigkeiten um Erbschaften oder ähnliches.

 

Die blinde Sozialarbeiterin

So kam es dann auch vor einigen Jahren, dass Fumagalli eine Kurdische Familie begleitete, die aus der Türkei geflüchtet war. „Der Vater war bei der PKK* und früher mit einem eigenen Maurerbetrieb sehr gut situiert gewesen. Doch er traute sich seine Meinung zu offen auszusprechen und fiel der Obrigkeit während einiger Demonstrationen auf. Nachdem er vom türkischen Militär erschossen wurde, blieb seiner Frau und den vier Töchtern nur die Flucht“, erzählt Fumagalli. Ihre Freundin, die gerade ein Praktikum in einem Asylbewerberheim machte, erzählte ihr die ganze Geschichte, nachdem die Familie dort angekommen war. „Man suchte dort jemanden, der den Töchtern bei den Hausaufgaben helfen konnte und so kamen wir in Kontakt. Noch heute telefonieren wir ab und an miteinander“, so Fumagalli weiter. „Was mich wirklich aufregt, sind Geschichten, wie die der drei afrikanischen Geschwister, die in ihrer frühen Kindheit nach Deutschland gekommen waren, ihre Schulzeit hier verbracht hatten und dann im Alter von achtzehn Jahren zusammen mit dem Rest der Familie einfach ausgewiesen wurden. Sie sprachen fließend Deutsch und kannten sich in ihrem Heimatland überhaupt nicht aus. Das habe ich nicht verstanden und verstehe ich bis heute nicht. Gegen so etwas möchte ich vorgehen“, erklärt Fumagalli ihre politische Haltung.

 

Fumagallis Gutherzigkeit konnte nicht einmal von jenem Ereignis getrübt werden, welches mittlerweile einige Jahre zurückliegt, aber über das sie immer noch nicht gerne spricht. Damals war ihr ein unbekannter Mann durch die Haustür gefolgt. Er war schon im Bus mitgefahren und ihr bis zu ihrer Wohnungstür nachgelaufen. „Seitdem schließe ich die Tür immer sofort zu und frage jeden, wo er denn hin will“, sagt Fumagalli. Ihre Papiere bekam sie wieder, aber das Handy blieb gestohlen. „Man macht sich ja keine Vorstellungen davon, wie gefährlich es für eine blinde Frau ist, abends allein nach Hause zu gehen. Das ist auch ein Grund, warum wir hier nicht so zahlreich vertreten sind“, sagt Fumagalli und räumt mit sicheren Handbewegungen den Tisch ab, an dem wir sitzen, als könnte sie sehen. Fumagalli lebt heute allein in Berlin, die Tochter studiert in den Niederlanden.

 

* “Partiya Karkerên Kurdistan“: Arbeiterpartei Kurdistans

Verfasst von: marcelnakoinz | 1. Oktober 2014

Für eine Hand voll Euros

Rosige Aussichten auf den Arbeitsmarkt

„Schau, da ist wieder so einer“, munkeln die Leute im Vorrübergehen. Hinter dem Schaufenster steht einer von drei Millionen deutschen Arbeitslosen. In Siegespose lässt er seine Muskeln spielen und setzt sein verzweifeltes Gewinnerlächeln auf. Wie jeden Tag bietet er seine Waren feil, seine Kern- und Problemlösekompetenzen, seine Teamfähigkeit, seine IT-Kenntnisse, selbst seine auf mein Unternehmen zugeschnittenen Hobbys und Wünsche – schlicht seine ganze Existenz. Ganz so, wie eine möglichst schmackhafte Wurst unter dem Rotlicht des Fleischers. Wie erbärmlich.

Seit Wochen verstopft er mein Postfach mit belanglosen E-Mails und möchte ein Jahr kostenfrei bei mir Probearbeiten. Nur ein Jahr! Was für eine Frechheit. Und das obwohl er mit 25 Jahren noch kein eigenes Unternehmen gegründet und keine 26 Jahre Auslandserfahrung hat, nur fünf Sprachen fließend spricht und gerade einmal zwei lächerliche Doktortitel vorweisen kann. Was denkt er nur von uns? Wir sind kein x-beliebiges Busfahrunternehmen. Ich werde ihm wieder eine Antwort schreiben müssen, die mit „Wir haben Ihre Bewerbung eingehend geprüft“ beginnt, obwohl wir beide wissen dürften, dass das nicht stimmt.

Aber was erwarten Sie auch, wenn Sie sich in einen Schaukasten zusammen mit solchen überzeugend vollbusigen Schönheiten stellen? Gewöhnen Sie sich besser schnell daran mein Herr. Die Welt des Arbeitsmarktes ist so kalt, wie das Weltall. Hier hört Sie ganz sicher niemand schreien.

Christa Luft

Christa Luft

Christa Luft darüber, was alles in der DDR schlecht war und was nicht.

Im Rahmen meiner Bemühungen zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte, sprach ich vor einiger Zeit mit Frau Prof. Dr. Christa Luft. Aus redaktionsinternen Gründen wurde dieses Interview nie im strassenfeger veröffentlicht. Aber Gott sei Dank gibt es ja das Internet. Luft war in der DDR-Regierung stellvertretende Vorsitzende des Ministerrates und Wirtschaftsministerin in der Modrow-Übergangsregierung, in der Wendezeit vom 18. November 1989 bis zum 18. März 1990. 1978 bis 1981 war Luft stellvertretende Direktorin des Internationalen Instituts für ökonomische Probleme des sozialistischen Weltsystems beim Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) in Moskau. Von 1994 bis 2002 saß sie als stellvertretende Vorsitzende PDS-Gruppe, bzw. ab 1998 der PDS-Fraktion und handelspolitische Sprecherin im Deutschen Bundestag. Mit mir redete sie über ihre Erfahrungen als ehemalige Wirtschaftsministerin der DDR, die Wahrheit über die Staatsverschuldung der DDR und warum die nächste Wende bestimmt kommt.

Marcel Nakoinz: Christa Luft, warum scheiterten bisher alle Versuche ein „sozialistisches Weltsystem“ umzusetzen?

Christa Luft: Zunächst einmal müssen Sie bedenken, dass wir nach dem Zweiten Weltkrieg eine zweigeteilte Welt hatten. Es gab ein sozialistisches Lager, das versuchte, die Zusammenarbeit der Länder untereinander zu entwickeln, um eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber der kapitalistischen Welt zu erreichen. Das gelang auch zum Teil – in sozialistischen Ländern wurden auch Mikrochips entwickelt und produziert -, aber mit unverhältnismäßig hohem Aufwand und dem entsprechenden Preisen. Das lag vor allem auch an den Gegensätzen der verschiedenen sozialistischen Staaten. Alle kleineren Staaten waren von der riesigen Sowjetunion und ihren Rohstoffen abhängig, wodurch sie allein bestimmen konnte, welche Strukturen andere Länder ausbauen mussten, damit sie jene Exportartikel herstellten, mit denen sie die Rohstoffe bezahlen konnten (transferabler Rubel).

MN: Scheiterte die DDR nicht daran, dass das Eigentum an Produktionsmitteln nicht an das arbeitende Volk übertragen wurde?

CL: Für das Scheitern der DDR und allgemein des ganzen sozialistischen Lagers, gibt es ein ganzes Bündel von Ursachen. Das fängt mit Demokratiedefiziten, wie eingeschränkter bürgerlicher Freiheit an und geht bei falscher ökonomischer Politik weiter. Es gab den Irrglauben, dass Verstaatlichung des Eigentums an Produktionsmitteln und dazu parallele zentralistische Planwirtschaft die Grundlagen des Sozialismus ausmache. Da das Eigentum nie vergesellschaftet wurde, konnte sich nie ein Eigentümerbewusstsein entwickeln. So gut wie keiner in den volkseigenen Betrieben der Industrie hat sich 1990 dagegen gewehrt, dass ihnen durch die Treuhand Eigentum entrissen worden wurde.

MN: Können Sie uns einen knappen Überblick zum Themenkreis „Verschuldung der DDR, marode Wirtschaft“ geben?

CL: Ich kann mir gut vorstellen, woher diese Vorstellung einer „maroden Wirtschaft“ herkommt. Bei vielen Westdeutschen, haben sich die verfallenen Innenstädte des Ostens eingebrannt. Dieses Bild wurde dann auf die gesamte DDR verallgemeinerte, obwohl die wenigsten sich die Betriebe und Unternehmen angeschaut haben dürften. Natürlich hatten wir Umweltprobleme, weil wir für Umweltschutz weniger aufgewendet haben. Andererseits ergaben Messungen des, Anfang der 1990er Jahre als völlig kontaminiert verschrienen Chemiedreiecks Merseburg-Halle-Bitterfeld, dass die Kontaminierung größtenteils noch aus den beiden Weltkriegen stammt.

Die Westdeutschen haben immer geklagt, dass sie nie etwas von den Ostdeutschen bekommen haben und immer nur Finanztransfers von West nach Ost stattfanden. Was aber nicht kommuniziert wird, ist, was es im Rahmen der Privatisierung der DDR in der Nachwendezeit an Vermögenstransfers von Ost nach West durch die Treuhand gegeben hat. Detlev Rohwedder, als Vorsitzenden der Treuhandanstalt, sagte über das Volksvermögen der DDR, das dieser „Salat“ 600 Milliarden D-Mark (DM) wert sei. Unter seiner Nachfolgerin Birgit Breuel, wurden daraus innerhalb von vier Jahren 256 Milliarden DM Schulden. Das nenne ich die größte Vernichtung von Produktivvermögen in Friedenszeiten. Sie geschah, weil Frau Breuel sich hat unter Druck setzen lassen, obwohl nirgendwo geschrieben stand, dass die Privatisierung in vier Jahren gelaufen sein müsse und so kaufte der Westen den “maroden“ Osten für einen Spottpreis auf. Natürlich gab es auch Westdeutsche, die etwas aufbauen wollten, aber die Mehrheit waren schwarze Schafe, Ganoven und Goldgräber. Letztlich gab es keine Reform der deutschen Einheit, sondern nur eine territoriale Ausweitung altbundesdeutscher Verhältnisse.

MN: Können Sie das konkretisieren?

CL: Nehmen Sie zum Beispiel das Grundgesetz. Auch wenn es an manchen Stellen eine Aufpolierung vertragen hätte, wurden nur zwei Gesetze der DDR übernommen: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ und „Menschen mit Behinderungen dürfen nicht diskriminiert werden.“ Ansonsten ging man davon aus, dass sich die DDR-Bürger nun unter die neue Verfassung zu fügen hätten. So steht bis heute im Grundgesetz zwar festgeschrieben, dass jeder das Recht auf freie Arbeitsplatzwahl hat, aber nicht auf Arbeit. Jeder hat das Recht die Wohnung frei zu wählen, aber kein Recht auf eine bezahlbare Wohnung. Wenn jemand gescheitert war, bekam er in der DDR einen Betreuer zugeteilt und musste nicht auf der Straße wohnen, sondern wurde resozialisiert. Ich habe das erste Mal einen obdachlosen Menschen gesehen, als ich auf einer Dienstreise in New York gewesen war. Es ist eine Chance verpasst worden, nicht nur etwas anzureichern, sondern auch die Eingliederung eines Volkes von 16,5 Millionen Menschen zu erleichtern.

Die Unbeständigkeit der DDR-Erinnerung

Die Unbeständigkeit der DDR-Erinnerung

MN: War die DDR tatsächlich pleite?

CL: Als Erich Honecker gestürzt und Egon Krenz Staatsratsvorsitzender wurde, hat er im Politbüro die „Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlußfolgerungen“ in Auftrag gegeben, die von Schürer, Beil, Höfner, Donda und Schalck-Golodkowski erstellt wurde. Die erste Hälfte dieses Berichtes listete auf, was die DDR alles unter schwierigen Bedingungen geleistet hat und in der zweiten Hälfte wurden zum ersten Mal die Probleme der DDR benannt. Die Verschuldung der DDR wurde mit umgerechnet 49 Milliarden DM angegeben. Doch diese Zahl, die bis heute noch in den Gehirnen der westdeutschen Politiker steckt, ist falsch. Schalck-Golodkowski war nicht bereit gewesen, die Guthaben in seinem Imperium offenzulegen und in die offizielle Zahlungsbilanz der DDR einzuspeisen. Diese Zahl wurde überhaupt nur in dem Bericht geschrieben, im Glauben daran, die Parteiführung aufzurütteln, dass etwas geschehen müsse. Nachdem dann von der Bundesbank 1999 alle versteckten Goldbarren und Aktiendepots aus diesem Imperium neu verrechnet wurden, ergab sich eine Gesamtverschuldung der DDR von nur noch 19,8 Milliarden DM. Das entspricht ungefähr dreimal der Abwrackprämie (lacht). Berlin allein, hat heute 70 Milliarden Euro (!) Schulden und gilt dabei als arm, aber sexy. Die DDR war nicht pleite, in dem Sinne wie man einen Bankrott definiert. Sie konnte bis zum letzten Tage ihren Verpflichtungen nachkommen und war kreditfähig.

MN: Sie haben prophezeit: Die nächste Wende kommt bestimmt. Bisher blieb sie aus. Wann wird das sein, als Resultat welcher gesellschaftlichen Prozesse?

CL: Eine wichtige Frage, auf die sicher keiner eine zufriedenstellende Antwort hat. Ich würde sagen, dass es dringlich wäre, wieder verstärkt über Planung nachzudenken. Eine Zukunft, die eine zentrale Planung des Ressourcenverbrauchs und der Bildungskapazitäten nicht berücksichtigt, ist für mich unvorstellbar. Das kann natürlich nicht so weit ins Detail gehen, wie es in der DDR der Fall war. Klar ist: Das jetzige System, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Wir haben nach dem Ende des Kalten Krieges nicht weniger, sondern mehr Kriege, Raubbau an der Natur und Arbeitslosigkeit als vorher. Das Problem: Gerade in Krisenzeiten ist es unendlich schwer Leute zu etwas Neuem zu bewegen. Auch nach 20 Jahren haben wir die DDR noch nicht verdaut. Deshalb brauchen wir immer noch mehr Klarheit darüber, warum der Sozialismus gescheitert ist.

MN: Was wäre die Alternative? Ein Mix aus Planwirtschaft und Kapitalismus wie in China?

CL: Die Kernfrage bleibt die Frage nach dem Eigentum. Auch wenn eine Vergesellschaftung gelingt, brauchen wir eine Vielzahl von Eigentumsformen. In den Schlüsselbereichen, vor allem in der Infrastruktur und der öffentlichen Daseinsvorsorge, bräuchten wir ein Gemeineigentum, damit niemand von der Nutzung ausgeschlossen werden kann. Auch wird in einer globalisierten Welt die Kommune wieder wichtig, damit Menschen überhaupt noch etwas Heimatgefühl entwickeln können. Daneben ist genossenschaftliches Eigentum in Bereichen wie der Landwirtschaft und dem Handwerk von Vorteil, genauso wie Privateigentum in kleinen und mittleren Unternehmen. Dass die DDR in den siebziger Jahren Letztere auch noch verstaatlichte, führte mit zu ihrem Untergang, denn das kostete unheimliche Mengen an Produktivität und Flexibilität. Wichtig ist, ein gesundes Gewinnstreben im privaten Sektor zuzulassen, aber auch gleichzeitig einzubinden in gesellschaftliche Rahmenbedingungen.

MN: Wie war es für Sie als DDR-Bürgerin, wollten Sie auch endlich einmal mit Omo waschen und nicht immer nur mit Spee?

CL: Keine Frage, ich war schon von manchen Dingen fasziniert, aber meiner Euphorie hielt sich nach der Grenzöffnung in Grenzen. Nach dem anfänglichen Staunen, folgte bei den meisten DDR-Bürgern die Ernüchterung, dass die 27 verschiedenen Wurstsorten aus dem Westen auch nur drei verschiedene Geschmacksrichtungen haben, und sie besannen sich darauf, dass auch ihre eigenen Produkte sich nicht zu verstecken brauchen.

MN: Ich danke für das anregende Gespräch.

Das Gespräch wurde am 08.03.2010 geführt.
Verfasst von: marcelnakoinz | 8. Januar 2014

Ick steh uff Wedding, det is meen Milieu

Haus an der Afrikanischen Straße

Haus an der Afrikanischen Straße

Ein bekennender Weddingeraner bricht eine Lanze für den Bezirk seines Vertrauens

Ich lebe jetzt schon seit sieben Jahren im schönen Wedding und muss sagen, entgegen aller anfänglichen Bedenken, habe ich es nicht bereut hier her zu ziehen. Die Mieten sind stabil niedrig und ich wurde trotz des schlechten Images des Bezirks bisher weder angeschossen, gelyncht, Kiel geholt oder sonst nennenswert verstümmelt. Wie kann das nur sein? Schließlich gilt der Wedding doch als Bezirk, in dem man nachts nicht auf die Straße gehen sollte und Frau und Kinder vor all den schlimmen Ausländern wegsperren sollte. Vielleicht hilft uns ja ein Direktvergleich bei der Lösung des Paradoxons. Gut – bei uns gibt es vielleicht keine U-Bahn, die über Tage fährt und extra Kinderwagenplätze in den Bahnwaggons bietet wie im Prenzlauer Berg und den Trams hält auch kein Schrankenwärter vornehm die Tür auf wie in Charlottenburg. Aber dafür haben wir noch etwas, was die Ureinwohner solcher Bezirke mittlerweile schmerzlich vermissen. Wir haben noch Stammkneipen an jeder Ecke.

Die nackte Wahrheit

Wie sieht es mit den Fakten aus? Dem Amt für Statistik Berlin Brandenburg lässt sich aktuell entnehmen, dass es im vergangenen Jahr nicht der Großraum Mitte war, zu dem auch Wedding gehört, der den höchsten Anteil an armutsgefährdeten Einwohnern stellte, sondern der Bezirk Neukölln (mit 22,5 Prozent), gefolgt vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg (mit 21,3 Prozent). Ok – fairer Weise sollte man erwähnen, dass es Mitte mit seinen läppischen 18 Prozent auch aufs Siegertreppchen schaffte, aber wenn man als aufstrebender Szenebezirk immer mehr freischaffende Künstler und arme Studenten anzieht, drückt das eben die Statistik. Welches Lebensgefühl aber, lässt sich schon in nackten Zahlen ausdrücken? Menschen können immer und überall in Armut geraten oder ausrasten. Ob im Nobelbezirk oder Arbeiterviertel. Nur manche Sündenschafe scheinen sich besser in das Gehirn der Allgemeinheit zu brennen als andere. Es ist ein Fakt, dass Flugzeugabstürze viel seltener vorkommen als Autounfälle und dennoch zucken wir bei Meldungen letzterer kaum die Achsel und bei ersteren zusammen. Es ist ein Fakt, dass mehr Menschen im Jahr durch herunterfallende Kokosnüsse sterben, als durch Haiangriffe und worüber drehen wir Filme die fast zur Ausrottung einer ganzen Spezies führen? Der weiße Kokosnussbaum? Wohl kaum. Angst ist nicht rational, sie ist emotional.

Wedding Art im Schillerpark

Wedding Art im Schillerpark

Ich studiere seit Jahren Emotionen an der Universität und muss sagen, dass ich ihre negativen Vertreter hier im Wedding nie praktisch erfahren musste. Ganz im Gegenteil, es gibt kaum einen ruhigeren Stadtteil, der dennoch so tief im Herzen Berlins liegt. Wie überall in Berlin halten die Menschen hier Straßenfeste ab, gehen sonntags auf den Markt oder besuchen die großflächigen Parks wie den Volkspark Rehberge oder den Schillerpark und den Goethepark des grünen Afrikanischen Viertels. Zwischen den Letzteren zieht sich die Lebensader des Bezirks, die quirlige Geschäftsstraße „Müllerstrasse“ entlang, die gen Norden nach Tegel führt und im Süden in die nicht weniger bekannte Friedrichstraße übergeht. Gerade im grünen Norden Weddings steckt in den kommenden Jahren (wenn denn Berlin doch endlich mal einen hoch kriegt) viel Entwicklungspotential für die dortigen Wohnsiedlungsbereiche, da dann der Wegfall des Tegeler Flughafens dort die Wohnqualität immens erhöht.

Gutes Wedding, Schlechtes Wedding

T-shirt-Ausverkauf am Nettelbeckplatz

T-shirt-Ausverkauf am Nettelbeckplatz

Natürlich kommen Skeptiker gern mit geografischen Argumenten um die Ecke, wie dem „sozialen Äquator“ der Bernauer Straße oder der mentalen Barriere zwischen Brunnenviertel und Prenzlauer Berg. Aber mal ehrlich. In welcher Stadt gibt es solche sozialen Breiten- und Längengrade nicht? Gerade der kulturelle und demografische Schmelztiegel Berlin ist voll davon. Dagegen sollten die strukturellen Verbesserungen innerhalb des Bezirks endlich einmal wahrgenommen und damit auch gewürdigt werden. „Kulturwirtschaft“ ist hier das Schlagwort, das in dieser Beziehung innerhalb der letzten Jahre zu einer neuen Leichtigkeit des Lebensgefühls im Wedding führte. Kultureinrichtungen wie die Fabrik Osloer Straße, Kolonie Wedding, Wedding Art, Pankehallen, Gerichtshöfe, ExRotaprint und das beliebte Prime Time Theater sprießen an allen Ecken und Enden aus dem Boden. Gerade letzteres Theater, das in seinem abendlichen Programm „Gutes Wedding, Schlechtes Wedding“ all diese sozialen Missverständnisse und Brennpunkte auf ulkigste Weise bearbeitet (wir berichteten) und sich einer derart großen Beliebtheit erfreut, dass es vor einiger Zeit expandieren musste, nur um von einem Geheimtipp zum hochgepriesensten Theater Berlins zu avancieren, ist ein Paradebeispiel für die Entwicklung dieses Bezirks, die gerade noch in ihren Anfängen steckt.

Marcel Nakoinz

S-Bahntrasse am Nordufer

S-Bahntrasse am Nordufer

Ausgabe 17, August 2012

Verfasst von: marcelnakoinz | 18. April 2013

Die Leidenschaft, die Leiden schafft

Der Tod der Philosophen

Ich gebe es zu. Meine größte Leidenschaft ist auch mein größtes Problem. Es war vielleicht nicht die cleverste Entscheidung in meinem Leben. Aber ein Philosophiestudium aufzunehmen, zu Ende zu bringen und danach auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu wollen, das verlangt schon Mut! Von den immer gleichen Fragen durchlöchert, wie: „Was willst du denn dann einmal werden?“ über „Wer braucht schon so etwas?“ und „Wie willst du jemals Geld verdienen?“, bleibe ich standhaft und entgegne den Leuten: „DEUTSCHLAND BRAUCHT EBEN EIER!!“.

Wahrheitsfindung im Obstkarren

Meine irrationale Entscheidung, in einer von Leistung und (Waffen-)Exportweltmeistern bestimmten Welt, die von sozialen Ungerechtigkeiten gezeichnet ist, von Finanzkrisen, Klimakatastrophen und den Auftritten Justin Biebers, ausgerechnet ein derartig weltfremdes Fach wie die Philosophie zu studieren, lässt sich vielleicht am besten mit der Bedeutung des Wortes „Leidenschaft“ selbst klären.

„L e i d e n s c h a f t“, das ist ein sehr intensives Gefühl. Es kann das gesamte Verhalten eines Menschen bestimmen und ist vom Verstand nur schwer zu steuern. Etymologische Wörterbücher sprechen von „emotionalen Reaktionen“, die mit einer „heftigen Zuneigung zu einer Person“, oder einem „ausgeprägten Hang zu bestimmten Tätigkeiten oder Dingen“ einhergehen (*). Jeder kennt das. Man hat bestimmte Dinge im Leben, die einen am meisten ausfüllen. Für den einen ist es die Familie, für den anderen Ruhm, Geld, Modellbaueisenbahnen, Romanzen oder die Anhäufung von Wissen. Bei mir ist es eben die Liebe zur Weisheit „Philo-sophia“. Ich habe mich eben dagegen entschlossen, meinen Sinn im Leben höchstens an vier Stunden an den Sonntagnachmittagen still und leise im Hobbykeller nachzugehen, auch wenn ich damit natürlich Gefahr laufe, das Bruttosozialprodukt des Landes nicht auf direktem Wege zu steigern. Zur Not schlafe ich eben wie der alte Dionysos in einem Obstkarren auf dem Markt beim Türken um die Ecke. Eine Tüte Idealismus als Kopfkissen.

2013

Meine größte Angst als passionierter Philosoph? Die kalte Welt des Arbeitsmarktes. Dem Markt, auf dem man seine Tatkraft, seine Kreativität, seine Teamfähigkeit und seine Synergiefähigkeiten, seine Kernkompetenzen und IT-Kenntnisse zum Verkauf anbieten muss, wie eine Wurst beim Fleischer. Ich bin eben nur eine Wurst unter vielen, vielleicht schmecke ich anders als andere, aber verkauft werden wollen wir alle, denn wir sind erzogen worden mit dem Glauben (nicht Wissen), dass das unser Weg ist. Bloß nicht zu sehr vom Durchschnittsgeschmack abweichen, sonst bleibt man zurück, wie der alte Köter mit grauem Star, den niemand vor dem Hundeschafott retten möchte.

Erschreckend – die Vision von mir selbst, verstoßen aus dem schützenden Schoß der Universität, vor der Berufsberaterin sitzend, die meine Personalien und Lebenseckpunkte überfliegt, wie eine emsige Arbeitsbiene, die eine leere Wüste nach brauchbarem Nektar durchstreift und mich danach vorwurfsvoll anschaut. Es folgen Bewerbungen, Absagen, Maßnahmen, Weiterbildungen, Kürzungen und eine Ausbildung zum überqualifizierten, in dem Angebot der Gesprächsthemen für seine Kunden jedoch überaus vielseitigen Taxifahrer.

2025

City Cab 890D. Die Sonne knallt. Der linke (tiefgebräunte) Arm, stützt meinen gedankenschweren Kopf, während ich einmal mehr im Verkehr der immer noch 0,9 Millionen-Menschen-Hauptstadt stehe. Während ich die glänzenden Blechlawinen mustere, wie ein alter Fischer das glitzernde Meer vor seinem Kutter, schwirren Stimmen aus der Vergangenheit durch mein Hirn mit seinem auf die vierfache Größe des Durchschnitts angewachsenen Hippocampus. „Haben wir es dir nicht gesagt?“ „Philosophie, was ist das?“ „Wer bin ich und wenn ja, warum braucht mich keiner?“.

Ich fühle mich ein bisschen in Charles Bukowskis Post Office (aus seinem gleichnamigen Roman der achtziger Jahre) versetzt. Klein gehalten, nur ein ersetzbares Rädchen im System. Arbeit. Nur eine weitere Institution, in der Individualisten nicht erwünscht und Demütigungen eine alltägliche Routine sind. Entweder mitschwimmen und vergessen, wie es ist, für sich selbst zu denken oder ein Leben voller Selbstbestimmtheit und nicht enden wollender Bemühungen sich für seine Individualität zu rechtfertigen. Ich sehne mich nach meinem Elfenbeinturm.

(*) Bulita, E. und H, Wörterbuch der Synonyme und Antonyme, Fischer Frankfurt a. Main, 1999

Ausgabe 8, April 2013

Verfasst von: marcelnakoinz | 18. April 2013

Mut zur Hässlichkeit

Einige Lomografien

Wie die Lomografie beweist, dass mehr zur Fotografie gehört, als immer nur perfekte digitale Bilder zu schießen und dabei noch ganz nebenbei einen neuen Lebensstil etabliert

 

Mitten im Herzen Berlins, schräg gegenüber dem Friedrichstadtpalast, befindet sich seit gut vier Jahren ein Wallfahrtsort für Fotoverrückte, wie man ihn sonst nur von den Apfel-Geschäften der Smartphone-Jünger her kennt. Überall glitzern hier Kameras, hängen Fotostrecken an den Wänden und breiten sich gigantische Fotowände vor dem Auge des Betrachters aus, die aus unzählbar vielen Lomografien zusammengesetzt sind und die Ausstellungsräume in einer farbenfrohen Vielfalt erstrahlen lassen. Zum ersten von mittlerweile drei „Lomography Gallery-Stores“ in ganz Deutschland pilgern jährlich um die 4500 Touristen, Interessierte und alten Hasen der noch jungen Lomo-Bewegung.

 

Die Entstehungsgeschichte der Lomo-Faszination

Seinen Ursprung hat die Bewegung um das Jahr 1990, als eine Gruppe Wiener Studenten auf einen „LOMO Compact Automat“ (LC-A) der Sankt Petersburger Firma Lomo stieß. Diese verliebten sich sofort in die Ergebnisse, die sie in unbefangener, spielerischer Weise, teils auch nur mit Schnappschüssen aus der Hüfte mit dem Gerät erzielten. Die Motive erstrahlten in tiefen, satten Farben und wurden von der charakteristischen Vignettierung der Kamera umspielt. Klar, dass dieses Novum sofort viele Neider auf sich zog. Dies war die Geburtsstunde einer weltweiten Community. Lomografen schwören einstimmig auf die altherkömmliche analoge Fototechnik, die Ihnen viele Möglichkeiten zur künstlerischen Entfaltung bietet und dazu animiert, die Umgebung um sich herum auf eine neue, intensive Art und Weise wahrzunehmen.

Natalie Herrmann

 

Berlin wird Lomo

Natalie Herrmann, selbst begeisterte Hobby-Fotografin,  arbeitet seit 2010 als Online-Managerin für „Lomography Deutschland“ und betreut die deutschsprachige Community der Lomografie-Liebhaber im Internet, welche weltweit aus über einer Million Mitgliedern besteht. „Dabei hebt sich unsere Online-Community von anderen in einem Punkt besonders ab“, erörtert Herrmann, „nämlich im vielfältigen Austausch, der zwischen den engagierten Mitgliedern stattfindet.“ Dieser äußert sich beispielsweise im Lomografie-Online-Magazin, dessen Inhalt von den Mitgliedern selbst erstellt und ebenfalls von Herrmann betreut wird. Hier werden alle möglichen Fototechniken besprochen, gegenseitig Hilfestellungen gegeben und sich rund um das Thema ausgetauscht.

 

Die Schönheit des Unvollkommenen

Lomografie bietet ein experimentieren mit der Fotografie, das jedem möglich ist. So ist es etwa ein Leichtes, eine Maske zwischen Filmspule und Linse seine Kamera einzubauen und so Einfluss auf die Belichtung der Bilder zu nehmen. Man kann aber auch den Film einfach ein zweites Mal benutzen und durch die sogenannte „Doppelbelichtung“ erstaunliche Ergebnisse erzielen, die sich nie völlig planen lassen. Überhaupt ist das Beseitigen von Zufällen, Störungen und anderen Effekten etwas, was für viele Lomografen die perfekt funktionierende Digitalfotografie an Charme hat verlieren lassen. In unserer Zeit, in der alles und jeder perfekt zu funktionieren hat, einfach weil es möglich ist, kann diese Rückbesinnung auf den ungezwungenen Spaß an der Fotografie, der Lust am Leben und der Bewegung sehr entspannend und entschleunigend wirken. Ein Sinnbild dafür, dass es auch in unserer Zeit möglich sein muss, nicht perfekt zu sein, einfach weil es menschlich ist. „Es gibt da natürlich auch manche, die das noch etwas weiter auf die Spitze treiben. So kommt es auch schon mal vor, dass ein Community-Mitglied einen Film vor der Entwicklung kocht, einfriert oder in die Spülmaschine steckt“, berichtet Herrmann, die selbst nicht genug bekommen kann von den vielen Entfaltungsmöglichkeiten und mittlerweile selbst zwölf Kameras (von Multilinsen-, Unterwasser-, Fischaugen-, Instant- bis hin zu Spinnerkamers die eine 360-Grad-Aufnahme ermöglichen ist alles dabei) besitzt.

Interessierte haben die Möglichkeit für zehn Euro in einem der vom Gallery-Store in Berlin angebotenen betreuten Workshops mit einer Lomografie-Kamera selbst um die Häuser zu ziehen und sich nach der Entwicklung des Films von dem Charme dieser Fototechnik verzaubern zu lassen.

 

Adresse:

Friedrichstraße 133, 10117 Berlin

Öffnungszeiten: Mo – Sa: 12 – 20 Uhr

Telefon: 030 202 151 62

Ausgabe 5, März 2013

Verfasst von: marcelnakoinz | 31. Dezember 2012

2012 in review

Die WordPress.com-Statistik-Elfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2012 an.

Hier ist ein Auszug:

600 Personen haben 2012 den Gipfel des Mount Everest erreicht. Dieser Blog hat 2012 über 3.000 Aufrufe bekommen. Hätte jede Person, die den Gipfel des Mount Everest erreicht hat, diesen Blog aufgerufen, würde es 5 Jahre dauern, um so viele Aufrufe zu erhalten.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Verfasst von: marcelnakoinz | 26. Dezember 2012

Oje, wir leben noch!

Happy New Weltuntergang

Stellen Sie sich vor, es ist Weltuntergang und niemand geht hin

Das war wohl nix! Die Erde dreht sich wider Erwarten weiter und die Menschheit musste sich nicht in riesigen Schiffen davonretten, wie uns Roland Emmerich im Fahrwasser Abrahams weismachen wollte. Während am 22. Dezember weltweit alle Verkäufer von Kalendern und Terminplanern für das kommende Jahr aufatmeten und jubel-jauchzend ihre Stricke und Pistolen beiseitelegten, stand der Rest der Menschheit vor einem neuen, riesigen Problem: „Wo bekomme ich nun Weihnachtsgeschenke her, von denen ich hoffte, ich könnte sie mir dieses Jahr sparen?“ Nach den großen Plünderungen der Einkaufspassagen, der H&N-LKWs und kurzfristig aufgebauten Weltneuanfangs-Stores, kehrte gegen Ende des Jahres dann langsam wieder Normalität in der westlichen Konsumwelt ein. Trunken von allerorts sprudelnden Sekt und dem beseelten Gefühl nach der großen Einführung von Windows 95 und dem Jahr 2000 schon wieder einen Weltuntergang überlebt zu haben, dürften sich nun alle Menschen an Sylvester wieder in den Armen liegen. Aber was dann? Was sollen wir, gekleidet in T-Shirts mit der Aufschrift: „Ich überlebte 2012 und alles was ich dafür bekam, war dieses lausige T-Shirt“ (der Renner unter den Last-Minute-Weihnachtsgeschenken), mit all der neu gewonnenen Zeit anfangen? Ein Jahr, das nicht von vornherein mit Terminen und Verpflichtungen vollgestopft ist, hat viele Vorteile, die es nun zu nutzen gilt.

Kalender, kauft Kalender!

Ein erster Schritt wäre sicher sich aufzurappeln und die fristlos gekündigten Verträge mit Telefon, Strom, Hartz IV und dem Fitnessstudio wieder aufzunehmen. Natürlich ist es dann unangenehm, im Januar mit besagtem T-Shirt wieder vor dem Menschen zu stehen, dem man nach all den Jahren gehörig die Meinung gegeigt und dessen Lieblingskrawatte man in seinem beschissenen Aquarium mit den teuren Fischen versenkt hat und um die alte Arbeitsstelle zu betteln. Vergessen Sie das mit dem sich selbst erkennen. Ohrfeigen Sie sich selbst und gehen Sie raus in die Welt, das Reich der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Arsch rein, Brust raus, Hosen runter und Socken an! Kaufen Sie Kalender und freuen Sie sich über all die weißen Flächen darin, die nur darauf warten mit Leben gefüllt zu werden. Leben Sie schon, oder überleben sie noch?

Am Ende nichts Neues

Woher aber kommt nur diese genüssliche Endzeitstimmung, an der nicht  nur Depressive und Menschen am sozialen Abgrund Gefallen finden? Liegt es wirklich an der in uns allen schlummernden Sehnsucht nach Geborgenheit, Einfachheit und der Abneigung vor einem mit komplizierten Problemen behafteten Leben voller Verantwortungen und Pflichten? Oder ist unsere auf christlichen Denkweisen beruhende moderne Kultur schuld, in der auch unter Atheisten die Annahme weit verbreitet ist, dass im Nachleben die Erlösung wartet? Vielleicht reicht es auch einfach vielen, über die ein Leben lang nur hinwegentschieden wird und die nie zu Geld kommen, die mutmaßliche Scheindemokratie zu durchschauen, jetzt da alle Hüllen fallen.

Egal was der Grund ist, die bequeme Verlockung eines schnellen Endes einer sinnlosen Welt wird weiterhin immer mehr Freunde bei Facebook bekommen. Sie ist sogar so stark, dass ihre Twitter-Follower jegliche Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungen ignorierten, nach denen der einzige Grund dafür, das der Maya-Kalender für den 21.12.2012 den Weltuntergang vorsah, der war, dass einfach kein Platz mehr zum Meißeln auf der großen Steintafel übrig war. Aber das macht ja nichts, denn ein großer amerikanischer Nachrichtensender hat sich bereits wissenschaftliche Ergebnisse gekauft, die den Jüngern des Weltuntergangs, den Desasterjunkies und Katastrophentouristen neues Futter geben dürfte. Dass die Welt nicht am 21.12.2012 dematerialisierte, liegt diesen Forschungen nach einfach nur daran, dass die Maya sich bei ihrer Großen Zählung für den Baktun-Zyklus verzählt haben. Ein Praktikant soll schuld daran gewesen sein und der Fehler sich über die Jahrhunderte tradiert haben. Der neue Termin um im Garten auf den Weltuntergang zu warten soll dann der 16.03.2013 sein. Nutzen wir also den Aufschub, den wir bekommen haben und fahren wir alle noch einmal ins Bisney Land und verirren uns im Labyrinth von Dicky Klaus. Denn ein bisschen ist es mit Weltuntergängen so, wie mit Abschiedskonzern der Rolling Stones – der nächste kommt bestimmt.

Ausgabe 1, Januar 2013

Verfasst von: marcelnakoinz | 12. Dezember 2012

Von Randalierenden Rührseligkeiten und wunderbarem Weihnachtsschmuck

Bummel aufm Rummel am Lustgarten

Hilfe, es weihnachtet sehr!

Es ist wieder so weit. Wie üblich zu dieser Jahreszeit wurde die ganze Stadt einmal mehr in buntes Bonbonpapier gepackt. Wie als ob das, was man schon kennt, wertvoller dadurch würde, dass man es mit strahlenden Lichterketten behängt, es in weiße Watte hüllt oder mit goldenen Schleifen zuschnürt. Zumindest was das Geschäft mit den Weihnachtsverpackungen von Pralinen & Co. angeht, lässt sich eine solche Einstellung bei der kaufbereiten Konsumgesellschaft durchaus beobachten – oder wie sonst sollte sich erklären lassen, dass jedermann in dieser Zeit des Jahres bereitwillig den doppelten Preis für dieselbe Menge Schokolade in Dosen wie sonst bezahlt? Wie, wenn nicht durch das unausgesprochene Versprechen der aufwendigen Verpackungen, unabhängig von ihrem Inhalt bereits durch ihr Aussehen den Menschen Freude zu bereiten? Lässt sich diese magische Stimmung der Weihnachtszeit, in der wir, glaubt man dem Mythos, alle nach heiliger Einkehr streben, es uns zu unseren Familien zieht und wir wieder zu Kindern werden irgendwie erklären?

Unsere Bescherung soll schöner werden

Egal wo man hinsieht – kein Balkon ist vor mit Piken bewaffneten emsigen Bergsteigernikoläusen sicher und keine Gartenlaube bleibt im Wettstreit um den kitschigsten Vorgarten von selbstgeschnitzten Holzkrippen und leuchtenden Drahtelchen verschont. Wie jedes Jahr werden in deutschen Straßen, Einkaufszentren und Haushalten wieder Milliarden Lampen an Lichterketten leuchten, um zu versuchen, die Sterne auf die Erde zu hohlen. Was ist schon ein Jahr Strom für 140.000 Haushalte, gegen den Zauber von Weihnachten? Solange die Atomkraftwerke, von denen wir unseren Strom beziehen, in anderen Ländern als dem unseren stehen und wir Strom billig gegen Automobile tauschen können, die bei uns ja bekanntlich auf Bäumen wachsen, soll uns das nicht stören. Aber wieso wecken diese Lämpchen dieses rätselhafte Gefühle der Sentimentalität in uns wach, welches die US-Amerikaner allein dieses Jahr wieder sechs Milliarden Dollars für Weihnachtsdekorationen (aber keinen Cent für Weihnachtsreparaturen anderswo) ausgeben ließ? Was hat der moderne Weihnachtswahnsinnige noch mit der einfachen Heiligabendfamilie von vor hundert Jahren gemein? Was damals eine Umarmung, erst eine, dann zwei, dann drei, dann vier Kerzen und ein Tannenbaum mit Lametta waren, ist heute zu einem Prestigewettrennen geworden, bei dem man bis zum Weihnachtsabend damit beschäftigt ist, den Nachbarn in seiner Hausdekoration zu übertrumpfen und danach stolz zu simsen, zu twittern und zu facebooken, dass man selbst die größten und besten Geschenke bekommen hat. Denn wer die größten Trophäen hat, wird am meisten geliebt und wer das meiste Spielzeug hat, gewinnt.

Simsen am Gesundbrunnen

Twittern am Gesundbrunnen

Betrunken auf dem Weihnachtsmarktkaufland

Während die Kleinen von all dem Vorweihnachtsschmuck an Wänden und Tapeten, Zäunen und Glasfassaden Hunger bekommen haben, auf Kekse und iPhone5s, randaliert Mama wieder daheim und regt sich über diesen skandalösen Konsumverherrlichungsapparat auf, für den sie aber Mitte Februar wieder blind sein wird. Papa freut sich derweil auf den noch flacheren und noch höher definierten Bildschirm, mit dem er dann die Dokumentationen sehen kann, in denen darüber berichtet wird, wie schlecht es den Menschen in den Ländern geht, die solche Bildschirme herstellen. Und so freuen wir uns schon jetzt darauf, die Liebe unserer Kinder käuflich zu erwerben, wenn am Heiligabend wieder der Weihnachtsmann und der Zalandomann in unseren Schornsteinen stecken und um unsere Gunst kämpfen. So ist es seit jeher Tradition, seitdem der alte Mann mit dem weißen Bart seine Rentiere in Hollywood hat stehen lassen und mit seiner weltweit operierenden UPS-Wagenkolonne unterwegs ist. Weihnachten ist ein Geschäft geworden und jedes Geschäft ist nur so gut wie sein Marketingapparat.

Viele Fragen bleiben aber weiterhin offen. Warum umschließt uns gerade an Weihnachten jene seltsame Rührseligkeit, wie die Schokoladenglasur einen Schokoapfel? Wieso kommen wir den Rest des Jahres nicht darauf uns zu sagen, dass wir uns lieben? Warum haben die Google-Maps-Autos am Nordpol nicht Santas Elfenfabrik gefunden? Und warum soll diese Werkstatt überhaupt am Nordpol stehen, wenn auf allen Geschenken „Made in China“ steht?

Reichstag

Reichlich Licht am Reichstag

Ausgabe 25, Dezember 2012

Marcel „Hoho“ Nakoinz

Verfasst von: marcelnakoinz | 25. November 2012

Eine Welt ohne Angst – die Hölle auf Erden

Welcome to Paradise

Geweitete Augen, ein erhöhter Puls, Schweiß auf der Stirn und Atemnot. Die Begleiterscheinungen eine der am tiefsten im Herzen des Menschen ruhenden Emotionen sind wahrlich nicht sonderlich angenehm oder verlockend. Dessen ungeachtet beherrscht uns eine unbändige Sehnsucht nach der Angst. Woher kommt unser Genuss am Gruseln? Woher kommt die Lust an der Furcht, die Freude an der Beklemmung, die Berauschung am Grauen? Warum verkleidet man sich furchterregend an Halloween, geht in Gruselfilme, erschreckt seine Schwester und sucht immer größere Kicks bei Extremsportarten?

Das verlorene Paradies

Wie wäre es denn im Umkehrschluss, wenn es von heut auf morgen keine Angst mehr gäbe? Ein Paradies auf Erden? Endlose Glückseligkeiten, Weltfrieden und Flüsse aus Zuckerwatte? Wohl kaum. Die Menschheit wäre wohl innerhalb von vierundzwanzig Stunden ausgestorben. Handwerker würden unvorsichtig werden und diverse Körperteile bedenkenlos an Sägeblätter, Schweißbrenner und Dynamitstangen verlieren. Fußgänger laufen sorglos über Autobahnen, bedenkenlose Touristen werden schlendernd von wilden Tieren gefressen und so ziemlich jeder Mensch verletzt seine Mitmenschen weil keiner mehr die Strafe einer Staatsmacht oder den eigenen Tod, den Tod anderer oder auch nur den Verlust seines Ansehens in der Gesellschaft fürchtet. Flutwellen und Tornados weicht niemand mehr aus, sondern begrüßt sie mit offenen Armen und mangels fehlender Prüfungsangst erbringen alle Schühler Bestleistungen. Ok, letzteres wäre zwar nichts Schlimmes, würde aber nicht weiter ins Gewicht fallen, da es kein Schüler bis nach Hause schaffen würde um stolz seine Noten zu verkünden, da alle schon auf dem Heimweg vom Schulbus überfahren oder ziellos umherstreifend verhungert wären. Und es kommt noch schlimmer! Weil niemand mehr die Niederlage fürchtet, stehen sich die Fußballmannschaften teilnahmslos in den Stadien der Welt gegenüber und werden von den Fans in der Luft zerfetzt. Das einzig paradiesische am nächsten Morgen wäre wohl die weltweite Stille.

Das schockt voll krass Mama!

Natürlich hat jeder schon einmal davon gehört, dass unsere Angst vor dem Rascheln im Gebüsch uns vor der Schlange und anderen Gefahren bewahrt, die dort potentiell auf uns lauern könnten. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Neben dem Furchtreflex, gibt es nämlich noch das ausgedehnte und manchmal auch unbegründete Gefühl der Angst. Während das eine ein wirksamer Schutzmechanismus ist, der uns sozusagen vor dem Gröbsten bewahrt, sind Angstgefühle erlernt. Ein Kind fürchtet keine Spinnen und steck sich diese gar unbekümmert in den Mund – bis es uns Erwachsene dabei beobachtet, wie wir beim Anblick von Spinnen an die Decke gehen und uns die Ekelhaare zu Berge stehen. Auch diese antrainierten Ängste können sehr wichtig sein, wenn sie nämlich den Heranwachsenden sensibel für die „Benimmregeln“ seiner sozialen Umgebung machen.

Willkommen in der Welt

Angst ist wie Freude, Trauer und Neid, Stolz, Wut und Langeweile ein Ausdruck unseres „In-der-Welt-seins“ und wie wir mit ihr klar kommen. Der Mensch mag es hier an seine Grenzen zu gehen und auch die extremsten Gefühle zu erleben, weil er dann die Welt spürt, in der er lebt. Nichts erfüllt uns mit mehr mit Lust, als zu wissen, dass wir in der Welt sind. An der alten Filmweisheit „Der Schmerz lässt dich wissen, dass du noch lebst“, ist also durchaus etwas dran und sie lässt sich auch sehr schön auf das Phänomen unserer Geilheit auf Angstzustände beziehen. Das uns die Welt verängstigt oder erfreut ist einfach ein Zeichen dafür, dass sie uns etwas angeht, sie bedeutend ist. Ein Roboter wird nie nachempfinden können, warum uns eine Symphonie berührt, uns ein Foto an ein früheres Leben erinnert oder uns unsere Kinder so viel bedeuten. Denn dafür muss man leben, lieben und leiden. An Angst ist also grundsätzlich nichts angsteinflößendes, sie ist im Gegenteil, höchst erfreulich.

 

Ausgabe 24, November 2012

Chris Rautenberg verbrennt sein Werk

Chris Rautenberg verbrennt sein Werk

Egal ob Bar 25, Tadschikistanische Teeküche, Media-Spree oder das traditionsreiche und international bekannte Kunsthaus Tacheles. Berlin scheint sich nicht dafür zu interessieren was es in den Jahren nach dem Mauerfall so attraktiv für Touristen aus aller Welt gemacht und damit ein noch schlimmeres Schuldenfiasko als das bereits bestehende vermieden hat. Wenn irgendein Investor ein weiteres Hotel ausgerechnet auf dem Grundstück eines weltberühmten Kunsthauses gründen will und das auch noch mit illegalen Methoden umsetzt, wenn beliebte Erholungsorte wie Strandbars Grasflächen und Bürogebäuden mit Ausblick auf die Spree weichen sollen und szenebegründende Technoclubs wie der Tresor, die Berlin mit Leben und Farbe füllen von grauen Hochhausfassaden verdrängt werden, schaut der Berliner Senat nur allzu oft weg.

Graffitis locken vorallem junge Schaulustige ins Tacheles

Verraten und Verkauft

Das damit das Herz und die Seele einer Stadt einen Knacks bekommen steht dabei einem an kurzfristigen Gewinnen orientierten Denken in keinster Weise im Wege. Natürlich lassen sich viele Vertriebene nicht unterkriegen und bauen sich Anderorts wieder auf, aber wer kann die langfristigen Schäden abschätzen, wenn Berlin mehr und mehr unattraktiv für Besucher von außerhalb wird, weil all die wirklich interessanten Attraktionen Berlins, das Nacht- und Partyleben sich immer weiter über die riesige Standfläche verteilen und die Stadtmitte so trostlos wird wie das Finanzzentrum von Frankfurt am Main oder der Pariser Stadtteil La Defense? Woher soll dann das Geld in die Stadtkassen kommen für neue leerstehende Bürokomplexe, wie jener der den Tresor verdrängte? Aus der starken Wirtschaft Berlins?

Wilder Westen in Mitte

Im Auftrag des Strassenfegers berichtete ich bereits vor zwei Jahren über die, wie ein Gericht mittlerweile mehrfach feststellte, illegalen Machenschaften denen sich die Künstler im Tacheles gegenübersehen. Im Krimi um Privatisierung, Investoren und einem gelähmten Kultursenat wurden die Bandagen zunehmend härter, mit denen seit meinem letzten Besuch hier vor Ort gekämpft wird. Die Zwangsverwaltung, der Anwaltskanzlei Schwemer, Titz & Tötter, die für die HSH Nordbank das Gelände verwaltet, belagern mit privaten Security-Kräften seit über einem Jahr das Tachelesgelände um die Künstler aus dem Haus zu treiben. Am 7. Dezember 2011 wurde die Ausstellung des weißrussischen Künstlers Alexander Rodin, im Beisein der Anwälte der Zwangsverwaltung ohne gültigen Gerichtsbeschluss aufgebrochen. „Das ist ja gerade das perfide daran“, sagt die Pressesprecherin des Tacheles Linda Cerner, „denn einer der leitenden Anwälte der Kanzlei ist Verfassungsrechtler und Hochschuldozent.“ Rodin, der zu diesem Zeitpunkt in seinem Atelier malte, wurde vor die Tür gesetzt und ihm mit verbotener Eigenmacht somit der Zutritt zu seinem gesamten Lebenswerk, unzähligen großformatige Gemälden untersagt. Monate des Bangens gingen für den 64-jährigen vorüber, in denen er nicht wusste ob er seine Werke je wieder sehen würde. Erst Schritt für Schritt konnte man sein Recht vor Gericht durchsetzen und bekam Ende April diesen Jahres die gerichtliche Bestätigung, dass die Zwangsverwaltung den besetzten 5. Stock des Kunsthauses räumen muss. Die Idee dahinter ist klar: „Alexander Rodin gehört sicher zu den bekannteren Künstlern des Tacheles und ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler Weißrusslands“, so Cerner, „und man dachte sich wohl, wenn man zuerst die großen Namen aus dem Haus hat, ist es viel leichter gegen das Haus anzugehen.“ Am Ende bekam Rodin zwar seine Werke zurück, viele haben jedoch Schäden davongetragen, weil man absichtlich die Heizung abstellte, wodurch sich die Rahmen vieler Bilder verzogen und eine Leinwand hat man mutwillig zerschnitten und sogar auf einige seiner Skizzen und Bücher uriniert.

Am 22. März holte dieselbe Security-Gruppe zu einem noch härteren Schlag aus und besetzte das ganze Gebäude. Die Künstler wurden gewaltsam aus dem Haus gedrängt und die Türen hinter ihnen verschlossen. Gleich am nächsten Tag erließ man eine einstweilige Verfügung und konnte nach drei Tagen, in denen sich viele Menschen an Demonstrationen beteiligten, wieder in das Haus zurückkehren. Kurze Zeit später errichtete die Zwangsverwaltung dann noch eine Mauer auf dem Gelände, um den Zugang zu den Künstlern, die auf der Freifläche des Geländes arbeiten zu erschweren.

Das Medieninteresse war groß, doch die Reaktion war ernüchternd

Tacheles in Flammen

All diese Vorgehensweisen entbehren jeglicher rechtlichen Grundlage, denn nachdem Ende der 90er Jahre der Investor Anno Jagdfeld das 23.000 Quadratmeter große Gelände im Herzen Berlins im Zuge der Privatisierung für seltsam günstige 12 Millionen Euro erwarb, verpflichtete dieser sich im Kaufvertrag dazu, das Gelände zu entwickeln. Für seine Pläne fanden sich aber keine Investoren und so verschuldete er sich bei der HSH Nordbank, die seitdem zur Zwangsversteigerung drängt. „Dementsprechend ist die Frage nach dem Eigentümer natürlich nach wie vor offen und somit auch keine Grundlage gegeben, auf welcher jemand gegen die Künstler hier rechtmäßig vorgehen könnte“, gibt Cerner zu bedenken. Klare Parallelen zum aktuellen Flughafenprojekt sind hier bei der Verfahrensweise des Senats unverkennbar. Wegschauen ist die Devise, bis etwas passiert oder man zum Hinschauen gezwungen wird.  Schade, dass es keinen TÜV für Kultur gibt. Dabei wäre es keine Schwierigkeit das Tacheles, das als Gebäude nur fünf Prozent von der strittigen Gesamtfläche ausmacht, von der Restfläche abzutrennen und in eine Stiftung zu überführen oder als Berliner Kunsthaus rechtlich zu etablieren. Doch der Faustschlag des Bürgermeisters auf den Tisch des Kultursenats bleibt aus. Über Gründe lässt sich nur spekulieren.

Ende April diesen Jahres verbrannten die Künstler Barbara Fragogna, Robert Förster, Alexander Rodin, Martin Reiter, Chris Rautenberg u. a. als Reaktion auf diese Zustände ihre eigenen Kunstwerke. Unter dem Label „ART WAR“ zeigte man sich dabei solidarisch mit den jüngsten Kunstverbrennungen des Museums für zeitgenössische Kunst in Casoria bei Neapel im Kampf gegen mafiöse Strukturen in Wirtschaft und Politik, die Kreative international bedrohen. Auch wenn an diesem Tag in Berlin viel Presseinteresse herrschte, die Reaktionen der umstehenden Menschen waren, wie Reiter, einer der Künstler die ihre Werke verbrannten, es formuliert „typisch deutsch: Es gab keine. Nach dem Motto: Was nicht gut ist wollen wir nicht sehen, wird wegignoriert.“

Nach wie vor lassen sich aber die Künstler vor Ort auch weiterhin weder wegignorieren, noch wegdiskutieren: „Das Ganze war für uns alle ein durschlagender Erfolg, denn der Spiegel hat‘s nicht verstanden“, so Reiter, der auf die empörte Berichterstattung des Magazins anspielt, die den Künstlern eine Selbstinszenierung unterstellt obwohl der Autor des Artikels nicht einmal an diesem Tag vor Ort war. Vielleicht war die Aktion aber auch einfach zu politisch und politisch darf man ja in Deutschland nicht sein, weder als Künstler, noch als Politiker, so Reiter.

Zwischenlagerung der Werke  Rodins im TachelesTheater

Zwischenlagerung der Werke Rodins im TachelesTheater

Berlin im Jahr 2015. Eine Vorschau.

Die Ereignisse im Tacheles zeigen eine beängstigende Vision dessen auf, wohin die Reise auf dem bereits eingeschlagenen Pfad führen kann. Das Tacheles ist eine prominente Intuition. Wenn hier etwas geschieht stehen sofort die Medien der Welt vor der Tür. Was geschieht aber, wenn es gang und gäbe im kulturellen Raum wird, dass nur noch der überlebt, der die größere Sicherheitsfirma engagieren kann? Wie sollen unbekannte oder junge Künstler in diesem Klima Fuß fassen können? Berlin bekommt nicht nur im Transportsektor keinen hoch, es kastriert sich selbst. Es beraubt sich seiner kulturellen Potenz und stellt den Nutzen eines neuen Großflughafens insofern in Frage, als das zu seiner Fertigstellung im Sommer 2015 die ersehnten Touristenströme ausbleiben werden. Wozu sollen sie auch die Stadt besuchen? Um sich die besondere Schönheit der Stadt anzuschauen? Den kulturellen Schmelztiegel Europas, den Magneten für Kreative und Andersdenker? Sich einmal entspannt an die Spree zu setzen, mit dem Liegestuhl unterm Hinterteil und den Sand zwischen den Füßen? Wenn die Kulturpolitik des Senats sich weiterhin vom Geld ihre Politik diktieren lässt, sieht es schwarz aus für die Kulturmetropole. Berlin könnte dann schließlich nur noch arm sein, aber nicht mehr sexy und dadurch nur noch ärmer.

Ausgabe 12, Mai/Juni 2012

Petrov Ahner und Alexander Rodin in ritueller Abschiedspose

Petrov Ahner und Alexander Rodin in ritueller Abschiedspose

Zu Besuch in der einzigen Bonbonmacherei Berlins in der Oranienburger Straße

Bis zu 800 begeisterte Augenpaare von Klein und Groß verfolgen am Tag jede seiner Handbewegungen hinter einer meterlangen Plexiglasscheibe. Seine Hände rühren mit einem langen Holzstab eine Zuckermasse, sie kneten die erhärtende Masse wie einen Pizzateig und führen ihn durch altertümliche Walzanlagen, um lauter kleine Förmchen entstehen zu lassen, die entfernt an farbige Weihnachtsplätzchen erinnern. Das modernste Arbeitsgerät in der kleinen Manufaktur ist noch das digitale Thermometer, dass Hjalmar Stecher, einer der letzten handwerklichen Bonbonmacher Deutschlands in den Topf mit der aufkochenden Bonbonmasse steckt, da ein normales Gerät bei dem 150 Grad heißen Dampf sofort beschlagen würde. „Auf ein bisschen moderne Technik können auch wir nicht verzichten“, sagt Stecher und grinst schelmisch, wie es so seine Art ist.

Hjalmar Stecher bei seiner Passion

Platsch!

Die Bewahrer einer Tradition

Der gelernte Musiker kam eher zufällig dazu, das beinahe ausgestorbene Handwerk des Bonbonmachens zu erlernen. Das ständige nagen am Hungerbrot seines Künstlerdaseins leidgeworden, ergriff er darum im Juli 1992 die Chance zur Übernahme des  Bonbongroßhandels eines Freundes.
In der Hoffnung auf ein geregeltes Einkommen, begann er nun, zusammen mit seiner Frau Katja Kolbe, Berliner Süßwarenläden und Marktständler zu beliefern. Als gut zwei Jahre später eine kleine Bonbonfabrik in Braunschweig kurz vor der Schließung stand, da die Betreiber in den Ruhestand gingen, entschloss sich das Unternehmerpaar kurzerhand, selbst in die Bonbonproduktion einzusteigen und konnte so viele Spezialitäten, wie die beliebten Waldmeisterblätter für die Berliner bewahren. Dabei fuhr man eine Zeit lang noch zweigleisig. So arbeitete Stecher zunächst weiterhin im Vertrieb, während sich seine Frau zuerst an die Eigenproduktion wagte.
Belieferte man in der Anfangszeit der “guten alten Garage“, in der man noch über offenem Feuer mit einfachsten Mitteln traditionell Qualitätsbonbons herstellte, noch diverse Großhändler, so sollte sich das mit den zunehmenden Preiskämpfen in der Branche bald ändern: „Wenn man täglich 500 Kilogramm Bonbonmasse kocht, die schweren Töpfe stemmt und die erhärtende Masse knetet überlegt man sich schon mit der Zeit, ob sich bei den immer niedrigeren Kampfpreisen der Großhändler die Arbeit überhaupt noch rentiert“, moniert Stecher und fasst sich an die Bandscheibe. Natürlich ist es für die Händler leichter Massen von Billigbonbons abzusetzen, als Qualitätsware unter die Leute zu bringen. Eine durchschnittliche Bonbonfabrik produziert heute gut und gern eine Tonne Bonbons in der Stunde. Aber das geht unweigerlich auf Kosten des Geschmacks. Um diesen Unterschied zu betonen, entwickelte sich die Idee einer Showküche, die den Leuten zeigen sollte, dass die von Stecher und Kolbe verkauften Bonbons tatsächlich selbstgemacht sind.

Der Showevent für Leckermäuler

Die Realisierung der Schauküche findet erstmals 1998 in einer Fabriketage in der Weiber-Wirtschaft e.G. in Berlin-Mitte statt. Eine kleine Ladenecke für den direkten Verkauf der produzierten Bonbons deckte schon damals die Mietmehrkosten im neuen Betrieb. Im Zuge einer Altlastensanierung musste das noch junge Unternehmen jedoch erneut den Standort wechseln. Heute findet sich die Bonbonküche in den Heckmann Höfen in der Oranienburger Str. 32. „Wir haben uns mittlerweile vom Großhandelsvertrieb distanziert und kochen jetzt nur noch eigene Bonbons, die wir direkt verkaufen“, so Stecher über die Gesundschrumpfung des Unternehmens.

Habe Spaß bei der Arbeit, dann musst du nie wieder arbeiten.

Wenn es dann von Mittwoch bis Samstag dreimal am Tag unter den Augen der Öffentlichkeit in der offenen Küche des Ladens ans Eingemachte geht und Stecher den Kochlöffel schwenkt, kommen nicht nur Stadtkinder des Bezirks aus dem Staunen und Schwärmen nicht mehr heraus. Hier darf jeder einmal anfassen und die noch unverarbeitete Rohmasse verköstigen. Breit grinsend, gibt Stecher jedem Interessierten gern Auskunft über seine Arbeit. Nur manchmal kann das auch in Stress ausarten, wenn zum Beispiel wieder einmal eine Klasse mit 50 Schülern in den kleinen Laden stürmt und Stecher um seine frei ausliegenden Waren bangen muss.
Der Herstellungsprozess von insgesamt über 40 verschiedene Sorten Bonbons kann bei ihm hautnah mitverfolgt und das Ergebnis in Tüten verpackt mit nach Hause genommen oder verschenkt werden. Doch ist es ratsam sich statt einer Tüte Waldmeisterbonbons für die Mutter zu Weihnachten, lieber gleich noch eine Tüte für sich selbst mitzunehmen, denn nicht nur die Berliner sind mittlerweile völlig der süßen Versuchung in den Heckmann Höfen erlegen.

Das leckere Produkt der Arbeit

Ausgabe 26, December 2011

Kochzeiten:
Mi. – Fr. Telefonisch erfragen: 030/440 552 43
Sa. 14, 16 und 18 Uhr

Verfasst von: marcelnakoinz | 2. Januar 2011

2010 in review

The stats helper monkeys at WordPress.com mulled over how this blog did in 2010, and here’s a high level summary of its overall blog health:

Healthy blog!

The Blog-Health-o-Meter™ reads This blog is doing awesome!.

Crunchy numbers

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A Boeing 747-400 passenger jet can hold 416 passengers. This blog was viewed about 3,200 times in 2010. That’s about 8 full 747s.

In 2010, there were 19 new posts, growing the total archive of this blog to 62 posts. There were 79 pictures uploaded, taking up a total of 60mb. That’s about 2 pictures per week.

The busiest day of the year was February 23rd with 28 views. The most popular post that day was Die Zähmung der Widerspenstigen – die Emanzipation der Frau begann bereits im Mittelalter.

Where did they come from?

The top referring sites in 2010 were de.wordpress.com, marthashof.org, 123people.de, 1harga.com, and yasni.de.

Some visitors came searching, mostly for brunhild, gilgamesch, berliner mauer, emanzipation der frau, and birgit möckel.

Attractions in 2010

These are the posts and pages that got the most views in 2010.

1

Die Zähmung der Widerspenstigen – die Emanzipation der Frau begann bereits im Mittelalter July 2009
1 comment

2

„Von Aufarbeitung kann überhaupt keine Rede sein“ – Der Philosoph Prof. Erich Hahn über vergangene und zukünftige Gesellschaftssysteme February 2010
1 comment

3

Gilgamesch! – Der erste Held der Menschheitsdichtung auf der Suche nach der Unsterblichkeit September 2009

4

Don Juan ist tot, es lebe Don Juan – Ein archaisches Männerbild im Wandel der Zeit July 2009

5

„Er war ein Freigeist, der das Gute für den Menschen wollte“ – Ein Gespräch mit der Kuratorin der Ausstellung „George Grosz. Korrekt und anarchisch“ in der Akademie der Künste (AdK) gewährt einen Blick hinter die Kulissen der Ausstellung und eines anarchischen Künstlers February 2010

Erstunterschreiber Gesine Lötzsch, Stefan Liebich und Prinzensänger Sebastian Krumbiegel

Erstunterschreiber Gesine Lötzsch, Stefan Liebich und Prinzensänger Sebastian Krumbiegel

Viele lachende Menschen wohnten heute, am 10. August 2009, vor dem Brandenburger Tor in Berlin der feierlichen Übergabe der „größten Postkarte der Welt“ an Klaus Wowereit, den regierenden Bürgermeister von Berlin, bei. Das Maskottchen der diesjährigen Leichtathletik-WM, ein lebensgroßer Plüschbär, grinste sein stoffliches Lächeln dazu. Zwanzig Meter weiter, auf der anderen Seite des Brandenburger Tors, fordert SODI am heutigen internationalen Tag der Agent-Orange-Opfer Entschädigung für die über drei Millionen vietnamesischen Opfer des Herbizideinsatzes im Vietnamkrieg.

Stimmen aus dem Volk
Innerhalb eines Jahres konnte SODI bereits 20.000 Unterschriften von Menschen sammeln, die sich solidarisch verbunden fühlen mit den vielen Opfern dieser ökologischen Katastrophe, deren zerstörerische Effekte auch noch über 30 Jahre nach Ende des Krieges (1975) in den Genmutationen Neugeborener allgegenwärtig sind. Auch viele Prominente konnten für die Aktion gewonnen werden. So gehören zu den Erstunterzeichnern unter anderem die heute Anwesenden: Gesine Lötzsch (stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag), Stefan Liebich (Die Linke, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses) und Sebastian Krumbiegel (Sänger der Band „Die Prinzen“). Liebich vergegenwärtigte, wie innig er während seiner Jugendzeit in der DDR die Solidarität mit Vietnam in der gesamten Bevölkerung empfand, und betonte, dass gerade aufgrund der Spätfolgen die Menschen dort heute noch genauso, wenn nicht noch mehr unserer Hilfe bedürfen.

Die Theatergruppe übergibt derweil den Scheck über die gesammelten Unterschriften

Die Theatergruppe übergibt derweil den Scheck über die gesammelten Unterschriften

Beide Politiker sprachen auch die Hoffnung aus, dass nach dem Regierungswechsel in den USA die Geschädigten die lang ersehnte Gerechtigkeit erfahren und von den Verantwortlichen eine Entschädigung erhalten, die ihnen nicht alles, aber zumindest ihre Würde wiedergeben und den immer noch stockenden Wiederaufbau finanzieren helfen würde. Bisher haben die Herstellerfirmen des Gifts (vor allem Dow Chemical und Monsanto) nur den US-Soldaten, die mit Agent Orange in Kontakt gekommen waren, Entschädigungen gezahlt.

Ein Prinz in Vietnam
Eine Theatergruppe übergibt derweil den Scheck (der etwas anderen Art) über die gesammelten Unterschriften symbolisch an die Herstellerkonzerne von Agent Orange. Für Krumbiegel ist es eine „riesen Sauerei“, die in Vietnam passiert ist und von deren Folgeschäden er sich vor gut einem Jahr vor Ort selbst überzeugte. Als Schirmherr der Friedensdekade (deren Motto damals wie heute lautet: „Schwerter zu Pflugscharen“) und Mitglied beim Aktionsbündnis Landmine war er zu dieser Reise ermuntert worden. Man hatte ihn gefragt, ob er nicht Lust hätte, seinen Horizont zu erweitern, worauf er prompt einwilligte, wie er mir später erzählte. Viele verstünden sein Engagement nicht und meinten, er solle doch bei seiner Musik bleiben, anstatt in der Welt herumzufliegen. Aber diese Frage stelle sich für ihn gar nicht. – Gesine Lötzsch hingegen fühlt sich mit SODI schon dadurch verbunden, dass sich deren Geschäftstelle im Wahlbezirk der Bundestagsabgeordneten befindet – aber natürlich auch aufgrund der Transparenz der Projekte. Sie wisse immer genau, wofür sie spendet, und könne die Erfolge direkt sehen.

Die Geschichte des Gifts
Während des Vietnamkrieges wurden innerhalb von zehn Jahren über 40 Millionen Liter Agent Orange als Entlaubungsmittel von der US-Air Force über Vietnam, Laos und Kambodscha versprüht. Dieses Gift enthielt insgesamt 360 kg des toxischen Dioxins TCDD. Bereits eine Messerspitze davon jedoch genügt, um hunderte Menschen zu töten. Doch damit nahm man nicht nur den Soldaten die Deckung, sondern vernichtete auch die Ernten. Auf den Feldern wachsen bis heute nur genveränderte Pflanzen, auf deren Verzehr die Menschen jedoch angewiesen sind. Die Böden sind seitdem kontaminiert, genauso wie das Erbgut vieler Vietnamesen, deren Kinder noch immer mit Missbildungen, Krebs und anderen Immundefekten geboren werden.

Auf der SODI-Homepage können Sie dazu beitragen, diesen Menschen Gehör zu verschaffen, und etwas spenden oder online unterschreiben. Denn bis zum gesteckten Ziel von 100.000 Unterschriften ist es noch ein weiter Weg.

Gemeinsam für Gerechtigkeit

Gemeinsam für Gerechtigkeit

* SODI ist eine Nichtregierungsorganisation, die nach eigenen Angaben Selbsthilfeprojekte der Entwicklungszusammenarbeit in Asien, Afrika und Lateinamerika realisiert sowie humanitäre Hilfe in Osteuropa leistet. In den letzten 20 Jahren hat SODI über 800 Projekte auf vier Kontinenten im Wert von 55 Millionen Euro verwirklicht.
http://www.sodi.de

Ausgabe 18, September 2009

Endlich wissen wir wohin mit dem Atommüll

Endlich wissen wir wohin mit dem Atommüll

Am 5. September fand die bundesweite Anti-Atom-Demonstration „Mal richtig abschalten!“ statt, auf der sich tausende Demonstranten, begleitet von Traktorfahrern aus dem Wendland, im Berliner Regierungsviertel einfanden. Sie alle demonstrierten gegen die aktuelle Diskussion um die „Renaissance der Atomkraft“. Das Hauptargument dabei: Es gäbe nirgends auf der Welt sichere Endlager für Atommüll. In die bisherige Lagerstätte Asse* und auch in Gorleben dringt mittlerweile Wasser ein und so werden diverse „Zwischenlager“ in der Nähe von Atomkraftwerken (AKW’s) und Städten derweil zu Langzeitlagern. Unzumutbar für betroffene Anwohner.

Berlin: Ein Kandidat als Endlager für Atommüll?
Um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen, tourt gerade eine Anti-Atom-Bewegung quer durch’s Land, die mit einem nachgestellten „Castor-Transport“ überall in Deutschland auf Endlagersuche geht. Der Auftakt dazu fand am 28. August in der Hauptstadt statt, als den BerlinerInnen eine Idee davon gegeben wurde, wie es ist, wenn vor ihrer Haustür ein Atommülllager zur Disposition steht. Mit gezückten Geigerzählern schritt die Prozession an diesem Tag von der Vattenfall-Zentrale am U-Bahnhof Zinnowitzer Straße zum Brandenburger Tor. Dort wurden dann per Probebohrung „Bodenproben“ entnommen. Zeitweise wurde gar in Erwägung gezogen, dass die wenig benutze Kanzlerbahn als mögliches Atommülldepot in Frage käme. Daraufhin gab es sofort heftigen Widerstand von Schwarz-Gelb. Aber dieser perfide Angriff einer politisch gesinnten Wespe konnte Christoph Bautz nicht davon abhalten, seine Eröffnungsrede fortzuführen. Dieser ist Diplom-Biologe, Politikwissenschaftler und einer der Gründer von „Campact“, dem Veranstalter der Anti-Atom-Tour. Diese besucht bis Mitte September noch Köln, Mainz, Frankfurt, Stuttgart, München, Nürnberg und Münster. Vielleicht findet sich ja in einer dieser Städte eine geeignete Endlagerstätte?

Standortsuche Deutschland

Standortsuche Deutschland

Das gefährliche Spiel mit dem Atom
Mittlerweile versammelten sich die zahllosen Schaulustigen und sämtliche Vertreter der Medien aus Funk und Fernsehen um das improvisierte Rednerpult. Bautz und weitere Redner, wie Peter Dickel und Gerd Rosenkranz (Deutsche Umwelthilfe), wiesen auf die Risiken der Stromgewinnung durch AKWs hin. So seien nicht nur die hohe Unfallgefahr in den Kraftwerken und der Fakt, dass es sich hierbei nicht um eine erneuerbare Energiequelle handle, von der man sich sowieso früher oder später trennen müsste, entscheidend. Auch würden munter weiter fast 500 Tonnen Atommüll jedes Jahr in Deutschland produziert, für die es keine Lagerstätten gäbe. Dies nähmen die Konzerne bewusst in Kauf, da der in AKWs gewonnene Strom günstig zu produzieren und teuer zu verkaufen sei. Jedes Jahr Laufzeitverlängerung brächte ihnen so rund zehn Milliarden Euro Gewinn.

Zudem würde in AKWs aber auch fast dieselbe Technik genutzt, die zum Bau von Atombomben benötigt würde, was sich bereits Länder wie Nordkorea, Indien und der Iran zunutze gemacht hätten, so Rosenkranz.

Klappern gehört zum Handwerk

Klappern gehört zum Handwerk

Atomausstieg selbst gemacht
Neben dem obligatorischen Wachrütteln, zeigten die Aktivisten auch Wege auf, wie jeder Einzelne seinen Teil dazu beitragen kann, dass die Hypotheken, die wir unseren Kindern aufbürden, nicht „strahlender“ Natur sind. Schon der einfache Wechsel zu Ökostrom ist eine Möglichkeit für solche, die keine Zeit haben, sich in Organisationen oder Vereinen zu engagieren. Was ist schon ein Cent mehr pro Kilowattstunde gegen das gute Gefühl, den mächtigen Energiekonzernen ein Schnippchen zu schlagen und das Stromnetz zurückzukaufen? Nach Bautz würden so auch viele Arbeitsplätze frei werden, die aufgrund der bisherigen Monopolstellung der Atomstromerzeuger einen Marktzuwachs der Stromerzeuger erneuerbarer Energien verhindere.

Im Aufruf für die Tour und die bundesweite Demonstration am 5. September in Berlin hieß es: „Es wird entscheidend von uns abhängen, wie sich die Parteien nach der Bundestagswahl zur Atomenergie verhalten“. Ob sich die Regierenden von den Aktionen tatsächlich beeindrucken lassen, wird sich allerdings erst noch zeigen müssen.

* Das Salzbergwerk war eigentlich nur als „Probelager“ gedacht und die Eigentumsverträge laufen zudem 2015 aus, was die Zukunft dieses Lagers in Frage stellt.

Näheres im Internet:
http://www.campact.de/atom2/demo
http://100-gute-gruende.de/index.xhtml

Wer suchet, der...

Wer suchet, der...

Christoph Bautz schaltet endlich mal richtig ab

Christoph Bautz schaltet endlich mal richtig ab

Ausgabe 19,

Oktobär 2009

Die Ärzte zur Gründungszeit des "Krankenhaus Karl Marx"

Die Ärzte zur Gründungszeit des "Krankenhaus Karl Marx"

Vor wenigen Tagen jährte sich zum 30. Mal der Sieg der Sandinisten über das Somoza-Regime. Am 19. Juli feierte die FSLN in Managua den Triumph der Nicaraguanischen Revolution. Sie übernahm ein Erbe, das nach dem jahrelangen Bürgerkrieg in einem der ärmsten Länder Lateinamerikas sowie der Korruption und dem Machtmissbrauch der wenigen bisher herrschenden Familien zusätzlich durch die internationale Auseinandersetzung zwischen den Mächten des Kalten Krieges verschärft wurde.

Mit der überraschenden Stabilisierung der sandinistischen Regierung, die durch ihren Wahlsieg bei den ersten freien Wahlen im Jahre 1984 unter Beweis gestellt wurde, erhielt die Solidarität für das geschundene Land einen überraschenden Aufschwung. Auch die Regierung der kleinen DDR entschloss sich nun dazu, eine helfende Hand zu reichen und eine Klinik zu errichten. Die Schirmherrschaft über das Krankenhaus-Projekt in Nicaragua übernahm damals das Solidaritätskomitee der DDR, welches später von der Nachfolgeorganisation Solidaritätsdienst-international e.V. (SODI) weitgehend fortgeführt wurde. SODI übernahm nach der Wende viele Projekte, die ansonsten eingestellt worden wären, und baut bis heute seine Palette weltweit unterstützter Projekte aus (wir berichteten). Hier wollen wir nun von einem Beispiel internationaler Solidarität berichten, die die Beteiligten auch noch Jahrzehnte nach ihrem Engagement beschäftigt und zu einer mehr als erstaunlichen Hilfsaktion ermutigt hat.

Krankenhaus Karl Marx heute

Krankenhaus Karl Marx heute

Die Geschichte dieses ehrgeizigen Projekts erzählt mir Dr. Ano Ring (49), Philosoph und Übersetzer für Englisch, Spanisch und Portugiesisch. In einem kleinen Café einer noch kleineren Berliner Vorstadt berichtet er mir davon, wie er, der von Anfang an dabei gewesen ist, zu diesem Projekt kam. Als er sein Studium gerade beendet hatte, wurde er in ein Dienstzimmer gewunken und gefragt, ob er dazu bereit wäre, als Dolmetscher für ein halbes Jahr nach Nicaragua zu fahren. Ähnlich war es auch bei den anderen Gruppenmitgliedern, die sich gerade, als wir miteinander redeten, zur Abschlusssitzung des vollendeten Projekts trafen.

Wie alles begann
Als die DDR 1985 beschloss, Nicaragua das Krankenhaus „Karl Marx“ zu schenken, wurde ursprünglich an eine Art Feldlazarett in den Kriegsgebieten im Norden des Landes gedacht. Doch dieses Vorhaben wurde als zu gefährlich eingestuft. Stattdessen wurde ein Kreiskrankenhaus in der Hauptstadt Managua errichtet. In einem der ärmeren Viertel, in dem es weit und breit keine medizinische Versorgung gab, entstand ein Gebäudekomplex mit über 200 Betten, das medizinische Versorgung in Fachbereichen wie Chirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe, Physiotherapie, Kinderklinik, Allgemeinmedizin, Innere Medizin und Orthopädie bot. In der Zeit zwischen 1985 und dem Anfang der neunziger Jahre haben alle Mitglieder der heute tagenden Gruppe einmal in diesem Krankenhaus gearbeitet. So entstand mit der Zeit ein Kontaktnetzwerk vieler Mediziner, die sich durch die Arbeit in dieser Klinik kennengelernt hatten. Bis 1997 hatte die deutsche Regierung dort noch Entwicklungshilfe geleistet, danach war das Krankenhaus vollständig in nicaraguanische Hand übergeben worden. Der Kontakt brach allmählich ab.

Der erste Spatenstich in Managua Nicaragua 1985

Der erste Spatenstich in Managua Nicaragua 1985

Wie alles weiterging
Ein damaliger Medizinstudent besuchte in Jahre 2003 nach langer Zeit das Krankenhaus und war von dessen Zustand deprimiert. Dieser hatte teils mit der schwierigen Lage des Landes zu tun und teils mit der nun fehlenden ausländischen Unterstützung. Zudem gab es auch in Nicaragua zu Anfang der Neunziger eine politische Wende. Die neue Regierung des Landes setzte jedoch kaum soziale Prioritäten und verordnete, dass man für medizinische Versorgung bezahlen musste, obwohl es kein Sozialversicherungssystem in Nicaragua gab.

Daher entschlossen sich die ehemaligen Helfer im Jahre 2005, die Klinik, die nun „Deutsch-Nicaraguanisches Krankenhaus“ hieß, zu ihrem 20-jährigen Bestehen mit einer Delegation von über 30 Medizinern zu besuchen. Dort erfuhr man, dass es dringend einer Intensivstation bedürfe, um den 350.000 Menschen, für die das Krankenhaus zuständig ist, wirksam helfen zu können.

Hilfe mit Hindernissen
Zu dieser Gruppe gehörte auch der Intensivmediziner Dr. Kinzel, der in den Helioskliniken Berlin-Buch arbeitet. Er machte es sich zur Aufgabe, die Geräte für eine Sechs-Betten-Intensivstation aufzutreiben, was er dann auch über viele Umwege in vier Jahren schaffte. Derart gewappnet, gründete man 2009 bei SODI eine Arbeitsgruppe („Projekt 150“), weil man zur dauerhaften Unterstützung des Krankenhauses einen strukturellen Überbau suchte, ohne selbst einen Verein gründen zu müssen. Anfang Juni diesen Jahres installierten dann vier Ärzte die Geräte vor Ort. Jedoch sind nicht alle Geräte auch tatsächlich angekommen. Unterwegs gingen Teile im Wert von über 30.000 Euro in den Lagern des nicaraguanischen Gesundheitsministeriums verloren. Die polizeiliche Untersuchung blieb bisher ergebnislos. Nichtsdestotrotz ist die Station nun seit Juni in Betrieb.

Dieselbe Gruppe 2009. Im HG die strittigen Containerlieferungen

Dieselbe Gruppe 2009. Im HG die strittigen Containerlieferungen

Wie alles weitergehen wird
In der Gruppe berät man derweil schon, wie das Krankenhaus auch in Zukunft mit Geräten und personell unterstützt werden kann. Schließlich sind die meisten der hier tätigen nicaraguanischen Mediziner noch Berufsanfänger und die Gruppenmitglieder erfahrene Chirurgen, Kinderärzte, Intensivmediziner und Anästhesisten. Da die meisten der Mitglieder jedoch in absehbarer Zeit in Rente gehen, sehen sich nun viele dazu in der Lage, sich schon bald noch viel intensiver um die Betreuung vor Ort kümmern zu können. Aber auch die Modernisierung der Bettenhäuser und ein drahtloses Computernetz stehen auf der Agenda. Dank der neuen Regierung vor Ort, die seit einem Jahr amtiert, sind Voruntersuchungen, Sprechstunden und Verbände nun wieder kostenlos und somit ist eines der modernsten Krankenhäuser Nicaraguas bis auf weiteres auch für alle zugänglich.

Die Hilfe kommt an

Die Hilfe kommt an

Die Freude über die Hilfe ist immer groß

Die Freude über die Hilfe ist immer groß

Ano Ring im Interview

Ano Ring im Interview

Spendenkonto:
Solidaritätsdienst-international e.V.

Kontonr.: 102 010 0

Bank für Sozialwirtschaft

BLZ: 100 205 00

http://www.sodi.de


Ausgabe 17, August 2009

Verfasst von: marcelnakoinz | 5. Juli 2010

Macht Humor sexy? – Nachgefragt bei denen, die es wissen müssen

Show-Paar Evi Niessner und „das Tier“ Mr. Leu in Aktion

Show-Paar Evi Niessner und „das Tier“ Mr. Leu in Aktion

Der argentinische Karikaturist Guillermo Mordillo sagte einmal: „Nachdem Gott die Welt erschaffen hatte, schuf er Mann und Frau. Um das Ganze vor dem Untergang zu bewahren, erfand er den Humor.“ Das kann wohl jeder bestätigen, der sich dem Kulturclash der Geschlechter einmal ernsthaft ausgesetzt sah. Ist Humor der Zauber, der die Mars- und Venusbewohner auf der Erde zu dem aberwitzigen Experiment des Zusammenlebens bewegte? Wenn man eine Venusianerin irgendwo auf dem Blauen Planeten nach den Attributen eines Marsianers befragt, die für sie an diesem wichtig sind, wird man so gut wie immer das H-Wort an erster Stelle genannt bekommen und danach kommt erstmal eine ganze Weile gar nichts mehr.

Humor macht sexy – aber zu viel verschreckt sie!
Ein attraktiver Mann hat Humor zu haben. Nicht nur weil er seinen Freunden erklären können muss, warum er ins selbe Nagelstudio geht wie seine Partnerin. Nein, er weiß einfach, wie man eine Frau unterhält. Und das aber bitte mit Stil! Dass das nicht ehrlich gemeint sein muss, stört Frau dagegen weniger. Hauptsache, er ist nicht peinlich. Denn ein Pausenclown wirkt doch meist so sexy und erheiternd auf die Frauenwelt wie eine neue Bratpfanne zur schrecklichen Bescherung. Das gilt aber natürlich genauso gut auch in der anderen Richtung: denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass eine Frau, die mit mir zusammen sein möchte, schon eine ordentliche Portion Humor braucht, sonst ist sie hoffnungslos verloren. Doch wo ist die Grenze? Wo liegt das, ganz unsexy gesprochen, Kurvenmaximum der Humor-macht-sexy-Kurve im Koordinatensystem der Balzrituale, nach dessen Passieren die Kurve derart in den Keller schießt wie sonst nur der bombensichere Aktienkurs meiner Großeltern?

Jemand, der sich damit auskennt
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, befragte ich Personen, die sich mit diesem Thema auskennen – nämlich einige Kabarettisten der Berliner Wühlmäuse. Ich wurde fündig beim Show-Paar Evi Niessner und „das Tier“ Mr. Leu, das sich selbst als ein „Sexy-Music-Comedy-Burlesque-Jazz-Blues-Oper- Chanson-BoogieWoogie-Country-Gospel-Soul-Slapstick- Cabaret-Varieté-Dinnershow-Kleinkunst-Circus-Gala- Moderation-Host-Master-of-Ceremony-Show-Act“ bezeichnet. Die Show „Hot Love in stereo“ der gelernten Opernsängerin und des Blues- und Boogie-Pianisten spielt nicht nur mit den sozialen Konventionen des besagten „Kurvenmaximums“, sondern sie kippt und demoliert es nach allen Regeln aller Künste. Sie, mal lasziv und verführerisch, dann wieder abgedreht und ins Urkomische verkehrt, ergänzt sich angenehm verrückt mit ihm, dem mal wild gestikulierenden Harlekin, mal hechelnden und schwitzenden Übergeschnappten, der am Piano zum Tier mutiert. Transportiert wird das alles von der grandios inszenierten Musik einiger der größten Hits von Edith Piaf bis Elvis Presley.

Es ist wie Sex
Diese auf der Bühne zelebrierte Leidenschaft zur Musik ist es, die die humoristische Darbietung der Musikstücke so unfassbar schnell zwischen Sex und Humor hin und her springen lässt. Die Grenzen verschwimmen, als hätten sie niemals existiert. Gibt es also am Ende gar kein Kurvenmaximum? Müssen wir vielleicht unsere eigene Lebenskonzeption auf die gefährlichen Untiefen des deutschen Biedermeier abklopfen, bevor wir herablassend über die Darmwinde urteilen, mit der uns unser Lebensabschnittsgefährte durch seine Hosentrompete belustigen will? Na schön. Vielleicht gibt es ja doch Grenzen. Aber worin liegt dann die knisternde Erotik begründet, die der Show „Hot Love in stereo“ nun einmal einfach nicht abgesprochen werden können, obwohl sie im Grunde von der ersten bis zur letzten Minute eine einzige liebevolle Persiflage auf die Musikgeschichte zu sein scheint? Es geht in Evis und Mr. Leus Show nicht darum, berühmte Lieder zu parodieren, sondern sie durch das Setzen von humorvollen Akzenten auf neue Weise zu betrachten. Hierbei geht es speziell um eine Art von Humor, die gerade nicht auf dieser spießig-intellektuellen Schiene läuft, die von „stilvollen Männern“ erwartet wird, sondern auf einer viel ehrlicheren. Man versteht und lacht auf einer viel tiefgreifenderen Ebene, die rein körperlich abläuft. „Zotiger Humor ist per se unsexy“, sagt Evi. „Es ist eben wie beim Sex: Soll es sexy sein, darf man nicht darüber reden, man muss es machen!“

Ausgabe 15, Juli 2009

Mein Freund der Roboter

Mein Freund der Roboter

Jeder der sich schoneinmal gefragt hat ob er in diesem kapitalistischen System nicht fehl am Platze ist und warum wir Menschen bei immer leistungsfähigeren Maschinen und Verarbeitungsmethoden immer noch achtbis zwölf  Stunden am Tag ackern müssen wie vor hunderten von Jahren, während andere Menschen jahrelang unbeschäftigt bleiben müssen, nicht nur dem sei der kurze Essay Bernard Russells: „Das Lob des Müßiggangs“ empfohlen. Wer sich bisher vor der Lektüre Marxens dicken und an vielen Stelen veraltet wirkenden Wälzers „Das Kapital“ gescheut hat, aber dennoch den Kapitalismus verstehen und bekämpfen möchte, findet hier eine kurzweilige Einführung in die gesamtgesellschaftlichen Vorgänge unserer Zeit, wenn der Text auch schon gut 75 Jahre alt ist. An der uns unbewussten Ausbeutung der menschlichen Ware „Arbeitskraft“ durch die kapitalistisce Produktionsweise hat sich bis heute nichts geändert. Darum hier einige Auszüge dieses wertvollen Stücks Literatur, die tagesaktuell für sich selbst sprechen:

„Ich möchte […] in vollem Ernst erklären, dass in der heutigen Welt sehr viel Unheil entsteht aus dem Glauben an den überragenden Wert der Arbeit an sich, und dass der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer organisierten Arbeitseinschränkung zu sehen ist […]. Dank der modernen Technik brauchte heute Freizeit und Muße, in gewissen Grenzen, nicht mehr das Vorrecht kleiner bevorzugter Gesellschaftsklassen zu sein, könnte vielmehr mit Recht gleichmäßig allen Mitgliedern der Gemeinschaft zugute kommen. Die Moral der Arbeit ist eine Sklavenmoral, und in der neuzeitlichen Welt bedarf es keiner Sklaverei mehr […].“

„Der [erste Welt-] Krieg hat zwingend bewiesen, dass sich moderne Völker durch wissenschaftlich organisierte Produktion auf der Basis eines geringen Teils der tatsächlichen Arbeitskapazität der neuzeitlichen Welt angemessen versorgen lassen. Hätte man nach Kriegsende die wissenschaftliche Organisation, die geschaffen worden war, um die Menschen für die Front und die Rüstungsarbeiten freizustellen, beibehalten und die Arbeitszeit auf vier Stunden herabgesetzt, dann wäre alles gut und schön gewesen. Stattdessen wurde das alte Chaos wiederhergestellt; diejenigen, deren Leistungen gefragt waren, mussten viele Stunden arbeiten, und der Rest durfte unbeschäftigt bleiben und verhungern. Warum? Weil Arbeit Ehrensache und Pflicht ist und der Mensch nicht gemäß dem Wert dessen, was er produziert hat, bezahlt werden soll, sondern entsprechend seiner tugendhaften Tüchtigkeit, die in rastlosem Fleiß ihren Ausdruck findet […]!

Eine Lebenseinstellung

Eine Lebenseinstellung

„Der Gedanke, dass die Unbemittelten eigentlich auch Freizeit und Muße haben sollten, hat die Reichen stets empört. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war ein fünfzehnstündiger Arbeitstag für den Mann das Normale; Kinder arbeiteten zuweilen ebenso lange und sehr häufig zwölf Stunden täglich. Als vorwitzige Wichtigtuer darauf hinwiesen, dass das doch eigentlich eine recht lange Arbeitszeit sei, wurde ihnen erklärt, die Arbeit hindere die Erwachsenen daran, sich zu betrinken, und die Kinder, Unfug zu treiben […] Ich höre noch eine alte Herzogin sagen: »Was wollen denn die Habenichtse mit Freizeit anfangen? Arbeiten sollen sie!« So offen äußern sich die Leute heute nicht mehr, aber die Gesinnung ist noch die gleiche geblieben und hat weitgehend unsere chaotische Wirtschaftslage verschuldet […]“

„Wenn auf Erden niemand mehr gezwungen wäre, mehr als vier Stunden täglich zu arbeiten würde jeder Wissbegierige seinen wissenschaftlichen Neigungen nachgehen können, und jeder Maler könnte malen, ohne dabei zu verhungern, und wenn seine Bilder noch so gut wären. Junge Schriftsteller brauchten nicht durch sensationelle Reißer auf sich aufmerksam zu machen, um wirtschaftlich unabhängig zu werden, dass sie die monumentalen Werke schaffen können, für die sie heute, wenn sie endlich so weit gekommen sind, gar keinen Sinn und keine Kraft mehr haben. Menschen, die sich als Fachleute für eine besondere wirtschafts- oder staatspolitische Phase interessieren, werden ihre Ideen entwickeln können, ohne dabei im luftleeren akademischen Raum zu schweben, was der Arbeit der Volkswirtschaftler an den Universitäten so häufig einen wirklichkeitsfremden Anstrich gibt. Die Ärzte werden Zeit haben, sich mit den Fortschritten auf medizinischem Gebiet vertraut zu machen, die Lehrer werden sich nicht mehr erbittert bemühen müssen, mit routinemäßigen Methoden Dinge zu lehren, die sie in ihrer Jugend gelernt und die sich in der Zwischenzeit vielleicht als falsch erwiesen haben.“

Demo zum 2. Mai in Berlin Prenzlauer Berg 2010

Demo zum 2. Mai in Berlin Prenzlauer Berg 2010

„Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben, statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung. Man wird genug arbeiten, um die Muße genießen zu können, und doch nicht bis zur Erschöpfung arbeiten müssen. Wenn die Menschen nicht mehr müde in ihre Freizeit hineingehen, dann wird es sie auch bald nicht mehr nach passiver und geistloser Unterhaltung verlangen […]. Die normalen Männer und Frauen werden, da sie die Möglichkeit haben, ein glückliches Leben zu führen, gütiger und toleranter und anderen gegenüber weniger misstrauisch sein. Die Lust am Kriegführen wird aussterben, teils aus diesem Grunde und teils, weil Krieg für alle lang dauernde, harte Arbeit bedeuten würde. Guten Mutes zu sein, ist die sittliche Eigenschaft, deren die Welt vor allem und am meisten bedarf und Gutmütigkeit ist das Ergebnis von Wohlbehagen und Sicherheit, nicht von anstrengendem Lebenskampf. Mit den modernen Produktionsmethoden ist die Möglichkeit gegeben, dass alle Menschen behaglich und sicher leben können; wir haben es stattdessen vorgezogen, dass sich manche überanstrengen und die andern verhungern. Bisher sind wir noch immer so energiegeladen arbeitsam wie zur Zeit, da es noch keine Maschinen gab; das war sehr töricht von uns, aber sollten wir nicht auch irgendwann einmal gescheit werden?“

All jene die sich hier wiedererkannten sei die Demonstration zum 2. Mai empfohlen, die seit sieben Jahren in Berlin abgehalten wird. Mach mit! Rufe in deiner eigenen Stadt zur Demonstration auf! Gegen die Sklavenmoral der Arbeit! Für Roboter! 😉 Für Muße für alle!! Gegen Kapitalismus und für Kommunalismus (oder so)!

Verfasst von: marcelnakoinz | 16. Mai 2010

Einige Richtigstellungen die Regeln der Straße betreffend

Lost in Traffic

Lost in Traffic

  1. Für wen sind Straßenzeitungen? Straßenzeitungen werden nicht, wie viele annehmen, für Obdachlose geschrieben, sondern für Sie, die sie die sozial schwachen VerkäuferInnen mit dem Kauf unterstützen. Damit Sie als Käufer neben dem guten Gefühl der Nächstenhilfe auch noch etwas Interessantes in Händen halten, kümmert sich unsere Redaktion Woche für Woche darum, Themen zu recherchieren die die Touristen und Bürger dieser Stadt interessieren könnten. Wir haben dabei den großen Vorteil gegenüber anderen Medien Themen ungeschönt und aus ungewohnt offenen Blickrichtungen angehen zu können, da wir von keinerlei staatlicher oder sonstiger Unterstützung abhängig sind. Oft erreichen uns Rückmeldungen darüber, wie erstaunt unsere Leser über die journalistische Qualität unserer Artikel sind. Darüber freuen wir uns natürlich sehr.
  2. Wer schreibt die Artikel? Die Artikel werden zunächst einmal grundsätzlich von ungelernten interessierten Bürgern geschrieben, die sich gern in unser Projekt einbringen wollen. Jeder kann zur offenen Redaktionssitzung am Dienstagnachmittag kommen und seine eigenen Gedanken einbringen. Auch hat natürlich jeder obdachlose Verkäufer die Möglichkeit, aktiv mitzuwirken und sich so neue Handlungsfelder zu erschließen. Diese Offenheit allen gegenüber – auch und insbesondere, was finanzielle Angelegenheiten betrifft – ist ein zentrales Prinzip unserer Arbeit. Der strassenfeger nimmt entschieden Partei für Arme, Ausgegrenzte und Obdachlose. Wir haben keine Scheu, Missstände sowie Konflikte offen in der Zeitung zu benennen und uns auch selbst der Kritik zu stellen.
  3. Wie finanzieren sich Straßenzeitungen? Das ist natürlich von Zeitung zu Zeitung verschieden. Für den Berliner strassenfeger gilt jedoch: Die Zeitung selbst ist ein soziales Projekt, welches sich zu 100 Prozent durch den Verkauf der Zeitungen finanziert. Nebenher betreibt der gemeinnützige Dachverein „mob e.V. – Obdachlose machen mobil“ noch eine Notübernachtung, ein Notcafe und einige soziale Wohnungseinrichtungen.
  4. Ist der Verkauf in den U-Bahnen illegal? Nein, in Berlin gilt als einziger Stadt Deutschlands die Ausnahmeregelung, in Übereinkunft mit der BVG, dass in den Zügen Straßenzeitungen verkauft werden dürfen. Was natürlich verboten ist, ist das Betteln. „Da könnte ja jeder kommen und sein Aidsbein den Fahrgästen vorhalten. Man kann in der U-Bahn ja nicht davonlaufen“, begründet das der BVG-Pressesprecher Klaus Wazlak (siehe entsprechenden Artikel hier auf meinem Blog). Außerdem ist es natürlich für die ebenfalls nur in Berlin geduldeten Straßenmusiker ärgerlich, wenn die Fahrgäste genervt vom vielen Betteln aus den Bahnen strömen, da diese für Ihre Sitzplätze im Gegensatz zu den Verkäufern bezahlen müssen.

Marcel Nakoinz

Der wilde Woelk auf seiner Vernissage in der Weißen Villa

Der wilde Woelck auf seiner Vernissage in der Weißen Villa

Man sieht ihm sein Alter (61 Jahre) kaum an. Jugendlich wirken sein gestreiftes Achselshirt und die feuerrote stone-washed Jeans. Rebellisch blitzen Nietenbänder an Hals und Arm. Die rote Mähne bestätigt nur den ersten Eindruck von ihm: Hier steht ein Individualist, ein Dissident, ein Künstler. Marcel Nakoinz befragte Peter Woelck für den strassenfeger zu seinem Leben, seiner Arbeit und seiner Zeit bei unserer Zeitung.

Woelk verstarb Anfang März diesen Jahres an einer Herzattacke

Woelck verstarb Anfang März diesen Jahres an einer Herzattacke

Ein Leben voller Schicksalsschläge
Der gebürtige Berliner Woelck verlebte seine Kindheit bei der Großmutter. Denn die Eltern nahmen den Fünfjährigen nicht mit, als sie umzogen. Zwar kommen die Eltern einige Jahre später wieder zurück, aber als Woelck zehn Jahre alt ist, verstirbt sein Vater bei einem Autounfall. Die Beziehung zur Mutter will sich nie normal entwickeln. Dafür fasziniert ihn der Großvater, ein erfolgreicher Architekt, für Musik und Malerei. Hier begann sich die Fotoleidenschaft Woelcks abzuzeichnen, der bereits in der Schule Foto-Arbeitsgruppen ins Leben rief. Eine Lehre zum Fotochemiefacharbeiter folgte. Ein angefangenes Mathe- und Physikstudium langweilte ihn dagegen schnell und so führte ihn das Leben wieder zurück in die Arme der Praxis, diesmal in eine Drogerie.

Paradiesvogel Woelk in seinem Element

Paradiesvogel Woelck in seinem Element

Immer für einen Spaß zu haben

Immer für einen Spaß zu haben

Später wurde er sogar Schwenker beim Fernsehen. Aber an die Kamera ließ man ihn nicht und das, obwohl er bereits im „Club der jungen Talente der Fotografie“ unter der Leitung von Arno Fischer aufgenommen worden war und bereits im Berliner „Haus des Lehrers“ Bilder ausstellte. „Deshalb bewarb ich mich in Leipzig zum Fotografiestudium. Das war in der DDR die einzige Möglichkeit einer solchen Ausbildung“, erinnert sich Woelck. Doch er wurde zunächst abgelehnt. Nicht locker lassend, hakte er beim Professor nach. Von dessen Hartnäckigkeit angetan, sagte dieser ihm dann doch zu. Bevor es losging, wurde er zur Volksarmee eingezogen, konnte aber auch dort fotografisch als Photogrammeter (für Landvermessung) tätig werden. „Ich habe eigentlich schon immer fotografiert“, stellt Woelck fest, während er sich nachdenklich durchs rote Haar streicht – und vor seinem geistigen Auge erscheinen wohl die vergangenen Schauplätze. In den fünf folgenden Studienjahren fiel Woelck immer wieder aus der Reihe, weil der Realismus seiner Motive dem Sozialismus zu real war. Zu besoffen die Arbeiter, zu kaputt die Häuser. Dennoch verdiente er schon als Student nebenbei in der Leipziger Kulturabteilung ein volles Gehalt von 700 Mark.

Der Absturz trotz ihm vorauseilenden Rufs
So ging es natürlich nicht weiter. „Nach dem Studium meldete ich mich als Freiberufler an, was darauf hinaus lief, dass ich Auftragsfotografien für die Industrie machte“, so Woelck. Das wenig herausfordernde Fotografieren von Hochspannungsleitungen und Stahlkonstruktionen nahm dann mit der Wende schnell ein Ende.

In vorwendischer Zeit musste Woelck einst aus seiner Leipziger Wohnung ausziehen, denn das Haus, in dem er wohnte, sollte einem Neubau weichen. Als er sich weigerte, brach man kurzerhand bei ihm ein und schmiss seine Arbeiten durcheinander. Doch Woelck bekam nach dem entsprechenden Medienrummel zum Ausgleich vor 27 Jahren eine Wohnung in Berlin gestellt, in der er noch heute wohnt. Nachdem dann die Verbindlichkeiten einiger Berliner Großaufträge ausblieben, landete der Mann, der früher einmal Angestellte hatte, im finanziellen Bankrott und musste seine Freiberuflichkeit aufgeben.

Nun Sozialhilfe beziehend, bekam er die erkämpfte Künstlerförderung nur, wenn er nebenbei praktisch arbeitete. „Darum nahm ich meine Bilder unter den Arm und zeigte sie dem strassenfeger. Als der damalige Chef die Bilder sah, war er gleich begeistert und so begann eine gut zweijährige Zusammenarbeit“, berichtet Woelck. Er nahm auch an Redaktionssitzungen teil und erstellte verschiedene Fotos zur Illustration der Artikel.

Im Zuge der Euro-Einführung endete die Zusammenarbeit dann 2002, weil Woelcks Künstlerförderung eingestellt wurde und der strassenfeger nicht das Geld hatte, um seine Ausgaben für die Fotos zu decken. Seitdem wurde der Mann in unzähligen Zeitungsartikeln als „Geheimtipp“ und „Star aller Stars“ gefeiert, verkaufte aber weiterhin nur ab und zu ein Foto und das auch noch unterhalb des Selbstkostenpreises. „Eigentlich müsste ich reich und berühmt sein. Aber ein Mann, der einsam seine Fotos machen kann, lernt dabei nicht unbedingt seine Ellenbogen einzusetzen. Ich habe einfach nie gelernt mich zu vermarkten. Das liegt mir nicht.“, verrät Woelck. Er hütet seine Schätze aber mittlerweile bedachter und verkauft sie nicht mehr zu Schleuderpreisen. Er hofft auf diesem Wege den Wert seiner Arbeiten derart zu steigern, dass ein bedeutender Galerist auf ihn aufmerksam wird und ihn ausstellt.

Das goldene Handwerk

Das goldene Handwerk

Heute wie damals
Jetzt findet sich Woelck in einer ähnlichen Situation wieder wie damals in Leipzig. Die Wohnungspreise in seinem Bezirk sind explodiert und nur er steht noch einer gewinnbringenden Gesamtrenovierung des Hauses im Wege. Aber er weigert sich, aus seiner Wohnung auszuziehen, liegt sie doch an der belebten Straße, die ihn berühmt machte. Ständig halten Passanten an und betrachten seine in den Fenstern hängenden Arbeiten. Viele interessieren sich für seine Kunst, aber kaufen nicht – können nicht kaufen. Woelck arbeitet nicht mehr freiberuflich und wenn er es täte, müsste er umziehen und von seinen Arbeiten leben können. Eine Wohnung, die groß genug ist (60 bis 80 Quadratmeter), um seine Archive und die Fotoausrüstung zu fassen, und zudem günstig genug ist, um von Hartz IV bezahlbar zu bleiben, findet sich höchstens am Rande Berlins. Da aber hat er Angst, in

Starb er an gebrochenem Herzen?

Starb er an gebrochenem Herzen?

irgendeinem Hinterhof in Vergessenheit zu geraten. Als ich mit ihm nach unserem Gespräch „seine“ Kastanienallee betrete, kommen uns auch prompt einige Interessierte entgegen und freuen sich, dass sie ihn erwischen, wo er „seinen Laden“ doch sonst so oft geschlossen hätte. „Das ist so nicht ganz richtig“, sagt er dann mit einer gewissen Routine, „ich hatte nur die Rollos unten, weil ich schlafen wollte.“

Ausgabe 23, November 2009

Der Preis westlichen Luxus ist billige Arbeitskraft

Der Preis westlichen Luxus ist billige Arbeitskraft

Die Suche der WDR-Reporter Rebecca Gudisch und Tilo Gummel nach Kindersklaven führt sie in ihrer erschreckenden Dokumentation von Deutschland bis in die ärmsten Regionen Indiens. Die Armut ist in verschiedenen Regionen des Subkontinents so groß, dass Eltern gezwungen sind, ihre Kinder zu verkaufen. Mit dem Versprechen, jeden Monat Geld zu schicken, werden sie von Zwischenhändlern angeworben. Nicht selten sehen die Eltern jedoch weder das Geld noch ihre Kinder jemals wieder.

Die Werkbänke des westlichen Luxus
Mit versteckter Kamera und als kaufwillige deutsche Importeure getarnt, filmen die Reporter einen Zug, der als „Fronarbeitsexpress“ bekannt ist, und treffen dort gleich reihenweise auf Schlepper, die sich als Onkel und Brüder der Kinder ausgeben, aber nicht einmal wissen, wie alt ihre „Schützlinge“ sind. Das ist Sklaventransport am helllichten Tage, im 21. Jahrhundert. Allein in den Dörfern, in denen die Reporter ihre Suche beginnen, werden rund 600 Kinder vermisst.

In Neu Delhi zeigt ihnen ein Kind, wie es mit sieben Jahren ohne Schutzbrille Schweißarbeiten verrichten musste und dabei sein Augenlicht einbüßte. In hunderten Hinterhofwerkstätten der Stadt arbeiten Kinder von früh bis spät, ohne irgendwo hingehen zu dürfen. Sie schlafen meist am selben Platz und die Besitzer brüsten sich damit, dass sie deshalb auch nachts arbeiten können, wenn es ein dringender Auftrag verlange. Kinder, von denen die meisten noch nicht einmal zehn Jahre alt sind, befestigen hier Pailletten auf Stoffen oder fertigen Kugelschreiber, Döschen und Weihnachtskugeln. Was bei uns auf Wühltischen liegt, wird hier in mitunter täglich 15-stündiger Kinderarbeit gefertigt.

Die Reporter bekommen auch das Mittagessen der Kinder zu Gesicht – in Eimern, die an Futtertröge erinnern: „Es riecht unerträglich“, so Gudisch. Auch bei einem vorgetäuschten Geschäftsgespräch: dieselbe Situation. Wieder Kinder, das jüngste ist sechs Jahre alt, die sich hin und her wiegen. Ein eindeutiges Anzeichen von Vernachlässigung. Die Produktion ist aber zu jeder Zeit gesichert, denn es gibt keine Gesetze gegen Kinderarbeit.

Deutschlands dreistete Importeure
Der Exporteur „Exmart international“ beliefert zum Beispiel „Hoff“, einen deutschen Verkäufer von Geschenkartikeln, der genau diejenigen Artikel anbietet, die in den Kinderwerkstätten gefilmt wurden. Man kündigt auf Anfrage zwar die Verträge, meint aber, man könne ja nicht alle Partner der Zulieferer kontrollieren. Anderen Händlern erscheint es unmöglich, dass schwere Pflastersteine von Kindern geschlagen worden sein könnten, und wenn sie Besuche vor Ort machen, sähen sie nie Kinderarbeiter.

Wie aber sonst sollten Steine aus Indien, trotz Transportkosten, halb so teuer sein wie Steine aus Deutschland, wenn nicht durch Ausbeutung von Arbeitskraft? In Steinbrüchen klopfen hunderte Kinder Sandstein, Marmor und Granit. Teilweise lebt die ganze Familie hier, selbst Säuglinge. Die Lebenserwartung liegt bei 40 Jahren, denn man stirbt sehr früh – an Steinstaublunge. Stein für Stein wird hier nach DIN geschlagen und Plätze bei uns (Kölner Heumarkt, Helios Klinikum in Berlin) werden damit gepflastert. Deutsche Unternehmen weisen dagegen Zertifikate vor, die bescheinigen, dass ihre Zulieferer keine Kinderarbeit unterstützen. Gerade solche Papiere aber sind in Indien für ein paar Cent zu kaufen. Wenn man ihnen Aufnahmen der Arbeitsbedingungen bei ihren indischen Zulieferern zeigt, sagen sie nur, dass es illusionär wäre, als kleiner Händler zu reagieren und damit die Kinderarbeit abschaffen zu wollen.

Ein Tropfen auf den heißen Pflasterstein
Der Film zeigt auch eine Befreiungsaktion, in der die Kinder, die nie eine Schule besuchten, wie gelähmt auf die Befreier reagieren. Die Besitzer hatten sie vor Fremden gewarnt, sie würden nur kommen, um ihnen eine Niere herauszuschneiden. Dabei rettet eine autonome Organisation 82 von schätzungsweise über zehn Millionen (!) Kindersklaven in Indien, die nicht selten geschlagen und misshandelt werden. Aber von den Entschädigungen, die ihnen zugestanden werden, sehen sie in der Regel nichts. Viel eher geraten die Familien wieder in Schuldenfallen von Wucherern und alles fängt von vorne an.

Ohne Sklavenarbeit wäre die Globalisierung nicht in der Form möglich, wie wir sie kennen. Wir müssten für vieles viel mehr bezahlen und viel weniger wäre an jedem Ort sofort verfügbar. Angebot bestimmt Nachfrage – bestimmt Menschlichkeit.

Das Einprägsamste des Films sind jedoch die Nahaufnahmen der Hände von zehnjährigen Kindern, die aussehen, als seien es die von 80-Jährigen. Das Video kann man sich frei über diesen Link ansehen: http://video.google.com/videosearch?q=Kindersklaven#

Ausgabe 14, Juli 2009

Verfasst von: marcelnakoinz | 26. April 2010

Mehr Geld für die Welt – Konzepte zur Verbesserung der Weltlage

Damit das Steak auf unseren Tellern zwei Euro kosten kann, müssen in Südamerika Wälder Weideplätzen weichen und (genetisch behandelte) Sojabohnen angebaut werden, die hauptsächlich als Viehfutter herhalten. Ein Quadratmeter Urwald ist heute nicht viel mehr als einen Eurocent wert. Damit wir uns zur Ehe mit goldenen Ringen „mal so richtig etwas leisten“ können, schuften Menschen am anderen Teil der Erde unter sklavischen Bedingungen. Die Liste ließe sich erschreckend lang fortführen, von Blutdiamanten bis hin zu auf Bananenplantagen schuftenden Kindern, die die Pflanzen ohne Schutzmasken mit Pestiziden besprühen. Und das ist nur die unserer heilen Welt bekannte Spitze des Eisberges. Uns in

Mehr Geld für die Welt

Mehr Geld für die Welt

den Deckmantel der Unwissenheit hüllend, nehmen wir das alles jedoch für die kurzfristige Bedürfnisbefriedigung unserer Wünsche und für wirtschaftliche Gewinnmaximierungen in Kauf. Wir folgen übereifrig dem biblischen Auftrag: „Macht euch die Erde untertan!“ und erfüllen ihn beinahe zu gut. Noch nie war eine Ethik der Wirtschaft so wichtig wie in der heutigen Zeit, in der Wohl und Wehe so nahe beieinander liegen, dass nichts ferner erscheint als ein Wiedereinzug in das Paradies durch den technischen Fortschritt, wie er seinerzeit Francis Bacon noch vorschwebte.

Alle für alle
Carl Christian von Weizsäcker schwebt eine realistische Utopie vor, die an diesen Verhältnissen in der Welt etwas ändern könnte. Um beispielsweise die CO2-Emissionswerte realisieren zu können, die das „Intergovernment Panel on Climate Change“ veranschlagte, müss-ten alle Emittenten weltweit unter einem Vertrag zusammengefasst und das Recht auf CO2-Emission zu einem käuflichen Gut gemacht werden, das zu einem Weltmarktpreis gehandelt werden kann. So wäre es zudem möglich, Entwicklungsländern eine langsamere Anpassung zu gewähren und sie nicht in ihrem Wirtschaftswachstum zu beeinträchtigen. Denn wie die Geschichte zeigt, wächst mit dem Lebensstandard auch das Umweltbewusstsein. Mit dem paradoxen Ergebnis, dass das wirtschaftliche Wachstum beides gleichzeitig ist: schädlich für die Stabilisierung des Weltklimas und förderlich für die psychologische Voraussetzung dafür, dass die Bevölkerung sich für die eigene Gesundheit und Umwelt interessiert. Dieses Prinzip lässt sich auch auf wirtschaftliche und politische Belange extrapolieren. Moralische Verantwortung gegenüber der Natur ist ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann. Wer einen Baum fällen, einen Wal harpunieren oder Gold für einen lächerlichen Lohn schürfen muss, um seine Familie zu ernähren, wird dies tun.

Das zahnlose Raubtier
Was, wenn sie recht haben, die Verschwörungstheoretiker, die dystopischen Kulturpessimisten und Nostradamus-Fans? Wenn die schöne neue Welt, die sich der kulturelle Affe aufgebaut hat, bald knarzend in sich zusammenbricht? Ein Finanzsystem, welches höchst korrupt und instabil ist, lässt nichts übrig, wenn es implodiert. Auch das vielfach gepriesene islamische Finanzsystem, das angeblich auf ethischen Werten basiert und den Zins (Riba) ablehnt, steht im Verdacht, sich diese im Nachhinein durch „Geschenke“ und „Gutschriften“ wieder einzuverleiben.

Erst wenn der gegenwärtige Zeitgeist sich selbst über die Schulter schaut und eine wissenschaftlich fundierte Intelligenz des Gesamtindividuums eines jeden Staates Druck auf die jeweiligen Regierungen ausübt, können wir hoffen, etwas zu verändern. Das ist nur möglich, wenn ein gesellschaftlicher Wertewandel vonstatten geht, der Zielen für wünschenswerte Zukünfte einen Wert einräumt. Ich betone die Bedeutung der sozialen Gemeinschaft bei der Lösung des Problems hier besonders, weil es mir so vorkommt, als würde die moderne Gesellschaft den Fokus ausschließlich auf die individuelle Entfaltung legen. Ob Bourgeoisie und Proletariat oder Industriestaaten und Dritte-Welt-Länder: Die Aufspaltung von naturrechtlich gleichwertigen Menschen in eine besitzlose und eine besitzende Klasse führt unweigerlich zum Elend der einen und zum Wohlstand der anderen. Diese Praxis, deren Motor zweifellos der globalisierte Kapitalismus ist, dehnt sich dabei auch über den Menschen und auf seinen Umgang mit dem Rest der Welt aus. In diesem „Raubtierkapitalismus“ sind die Anderen nur Mittel für meine Zwecke oder gar eine Bedrohung für die Verwirklichung meiner Ziele. Auf diesem Boden kann der Baum der kontemplativen Rückbesinnung darauf, nur ein Teil der Welt zu sein, schwerlich gedeihen. Dass dies automatisch durch das Mehren von Wohlstand innerhalb einer Gesellschaft geschieht, gibt Grund zur Hoffnung. Das Raubtier, das uns zerriss, hat auch die Macht, uns wieder zusammenzuschweißen.

Ausgabe 13, Juni 2009

"Stirb jung, dann hat dich jeder gern." (Die Ärzte)

"Stirb jung, dann hat dich jeder gern." (Die Ärzte)

Er, 82, sitzt wie jeden Tag in seinem Lehnstuhl auf der Veranda. Sie, 79, bringt ihm wie jeden Tag in den letzten 20 Jahren seine Medizin. Sie haben ein kleines Haus am Stadtrand. Ihre Enkel spielen drollig im Garten, mit dem sie beide so viele schöne Erinnerungen verbinden. Die Sonne scheint. Der Himmel ist wolkenlos. Romeo und seine Julia sind glücklich. Wie langweilig! Das Liebespaar musste sterben, damit ihre Liebe auch noch nach 500 Jahren jemanden hinter dem Ofen hervorholt.

Der Mensch ist erst Mensch durch Leid
Warum ist das so? Warum sind die größten Gefühle die uns bewegen, egal ob im Roman, im Theater oder im Film, fast immer unglückliche? Hätte Goethes Werther den Zeitgeist ebenso getroffen, wenn er behaglich mit Lotten dem Sonnenuntergang entgegen geritten wäre? Für modernere Dramatiker wie C. F. Hebbel besteht die Möglichkeit des Tragischen in der Notwendigkeit zu etwas „mit dem Leben selbst Gesetzte[n] und gar nicht zu Umgehende[n]“. Nicht einfach Schmerz und Widerstand gebären die Tragödie. Schmerz und Widerstand müssen erst zu Konstanten, quasi zu dem werden, was den Menschen ausmacht. Tragödie entsteht nur aus beständigen Faktoren (Charakteren, Umständen, Normen), also Unvermeidlichem. Wenn man durch eine winzige Veränderung in seinem Verhalten das Unheil hätte abhalten können, sprechen wir nicht von einer Tragödie, sondern vom Tragischen. Macbeths Größenwahn oder Familienfehden, die Liebende ans Äußerste treiben, sind ein solcher Tragödienstoff, aber nicht ein unmotivierter Dolchstoß, der nur auf einer Ahnung beruht, wie bei Emilia Galotti. Das Musterbeispiel einer Schicksalstragödie sieht man im König Ödipus, dem berühmten Vatermörder und Mutter…söhnchen, der durch Sigmund Freuds Analogie und den kleinen Zusatz „Komplex“ in der Traumdeutung ungeahnte Berühmtheit erlangt hat. Die Tragödien hinter dem bunten Vorhang der Weltkomödie zu entdecken hilft uns seit jeher dabei uns selbst zu finden.

Schmerzen des Glücks
Warum sehnen wir uns nach Glück und Harmonie im realen Leben, können es in der Fiktion aber nicht leiden? Eine mögliche Antwort ist: Wir brauchen Abwechslung vom Alltag. Langeweile kann nicht umsonst – wie der Volksmund sagt – tödlich sein. Künstler sind oft am kreativsten, wenn sie von den Partnern verlassen und enttäuscht wurden. Es ist zu bezweifeln, dass Picasso, Goethe oder die meisten anderen Poeten und Künstler ähnlich produktiv gearbeitet hätten, wenn sie nicht um den Inspirationsquell der unerfüllten, schwärmerischen Liebe gewusst hätten. Wir brauchen den Herzschmerz. Die dramaturgische Manifestation solchen tragischen Erlebens ist wohl nirgends derart zu Hause wie im Theater. Arthur Schopenhauer schrieb in seinem Buch „Die Welt als Wille und Vorstellung“ dazu: „… der Widerstreit des Willens mit sich selbst, [tritt hier im Trauerspiel] auf der höchsten Stufe seiner Objektivität … furchtbar hervor [und wird am] Leiden der Menschheit … sichtbar“. Die Frage nach der Willensfreiheit ist genau diejenige, die die heutigen Dramaturgen angesichts großer kultureller und Naturkatastrophen in eine Sinnkrise führt.

Ist die Tragödie überhaupt noch möglich?
Auf der Bühne ist Tragödie nur möglich, wenn die Figuren die Freiheit haben zu entscheiden, moralisch zu handeln oder nicht. Aufgrund der Entwicklungen in der Welt glauben viele Theatermacher heutzutage, dass es in unserer Zeit keine Tragödien mehr auf der Bühne geben könne. Nur noch die Sinnentleertheit eines Beckettschen Stücks oder so etwas wie Trauer könnten überhaupt noch Darstellung finden. Das Leben nach Auschwitz sei zur Farce geworden. Seitdem lebten wir im Zeitalter des Neutrums. Wenn Familienväter bedenkenlos die Arbeiten des Sklavenaufsehers und Henkers verrichten konnten, die in den Konzentrationslagern von ihnen verlangt wurden, können wir kein moralisches Gewissen entwickelt haben. Es fehlt den Normalbürgern das Bewusstsein, um gegen unmoralische Handlungen aufzubegehren. Darum können sie nicht moralisch verantwortlich gemacht werden. Es trifft sie eine unschuldige Schuld. Wer unter anonymen Kräften leiden muss, der bringt keine Opfer. Der ist selbst eines. Es gilt jedoch den Dramaturgen zu beweisen, dass wir heute wieder sehr wohl zu Tragödien fähig sind. Darum müssen Romeo und Julia auch weiterhin jung sterben.

Ausgabe 12, Juni 2009

Tutta la Vita Davanti

Tutta la Vita Davanti

Endlich einmal ein unverbrauchtes Motiv! Keine Drachentöter, Blue Man Group Mitglieder auf Solotournee oder Racheengel (oder alles in einem in 3D) mehr. Alles schon zu oft gesehen. Dieser Film gewinnt auf gleich dreifache Weise an Seltenheitswert. Es geht hier nämlich um Philosophen! Weibliche Philosophen! Und dann auch noch um Philosophinnen, die an eine Karriere (!) außerhalb des Taxifahrerinnengewerbes denken! Das ist zu viel auf einmal? Fangen wir noch von vorn an. Beim Anfang. Sie wissen schon, da wo sich Philosophen nicht einmal darauf einigen können ob wir von Eiern oder Hühnern abstammen.

Die Protagonistin Martha (Isabella Ragonese) erhofft sich nach einem mit Auszeichnung bestandenen Studium einen nahtlosen Start in die Arbeitswelt. Das pralle Leben desillusioniert die junge Mittzwanzigerin im amerikanisierten Italien des 21. Jahrhunderts dann jedoch schneller als ihr lieb ist. Hier werden aus Philosophen Werbetexter und Promireporter und hier werden Kinder nur noch anonym mit dem Handy ins Bett vibriert. Die Geschichte ist schnell erzählt, was erahnen lässt, dass es hier im Grunde nicht darum geht Studenten davor abzuschrecken am Leben vorbeizustudieren. Es geht vielmehr um Arbeitsmarktmissstände und eine Arbeitswelt, die sich in einer Welt aus Schein und Manipulation verliert. Natürlich ist dabei vieles übertriebe Satire. Anderes dafür erschreckend real.

Berlin im Paolo Virzis Fieber

Berlin im Paolo Virzis Fieber

Die Tragikkomödie beginnt so heiter wie sie endet – mit Tanz. Dazwischen wird mit einer sehenswerten Leichtigkeit und chaotisch bis kitschigen Stilvielfalt alles verhandelt was dem Leben einen Sinn zu geben vermag, von Tragik bis Humor, von der Geburt bis hin zum Tod. Nicht zufällig erinnern die Momente südländischer Leichtigkeit dabei an Streifen wie Woody Allens “Vicky Cristina Barcelona“ und die melancholisch besinnlichen Passagen an die verträumte Welt der Amèlie. Man hat nach diesem Film zwar nicht das Gefühl mehr zu wissen als vorher, aber gerade dieses Gefühl ist irgendwie besser geworden.

Fazit: Bei allem Lob und eingeheimsten Preisen muss zwar eingewandt werden, dass der Film den Zuschauer vielleicht nicht derart nah an eine Phantasiewelt bringt wie sie beim Lesen eines guten Buches entsteht und wie es zum Beispiel der “fabelhaften Welt der Amélie“ beinahe gelang, aber dafür beschwingt er den Zuschauer auf seine eigene Art nicht minder.

Der Film läuft seit dem 18. März im Central Kino (Rosenthaler Str. 39) und im Sputnik Kino (Hasenheide 54).

Marcel Nakoinz

Bascha Mika

Bascha Mika

Anlässlich ihres 30-jährigen Jubiläums fand jüngst eine Umgestaltung der taz statt – nun erstrahlt sie in neuem Glanze! Marcel Nakoinz sprach für den strassenfeger mit Bascha Mika, Chefredakteurin der taz, über die neue sonntaz, interne Strukturen, das taz-Selbstverständnis und die Zukunft der Print-Zeitungen. Bascha Mika hat 1998 den Chefredakteursposten bei der taz übernommen. Damit ist diese energiegeladene und zugleich sehr nachdenkliche Chefin immer noch die einzige Frau an der Spitze einer überregionalen Tageszeitung in der Bundesrepublik Deutschland.

strassenfeger: Frau Mika, seit dem 18. April 2009 erscheinen Sie jetzt mit der neuen „sonntaz“. Wie kam es zu diesem Projekt?
Bascha Mika: Es war schon seit langem mein Traum, eine neue Wochenendzeitung zu machen. Deswegen hatte ich die Idee, eine Samstagsausgabe so zu gestalten, dass sie einerseits aus einer klassischen samstags-taz besteht, die aber nun auch noch eine Sonntagszeitung bietet. Unsere Leser haben so am Wochenende die Möglichkeit, sich in der samstaz schnell darüber zu informieren, was von Freitag auf Samstag passiert ist. In der sonntaz hingegen werden die Themen der kommenden Woche so aufbereitet, dass sie dem eher entspannten Leseverhalten am Wochenende angepasst sind.

sf: Welche Idee steckt hinter diesem Vorschaucharakter der sonntaz?
B.M.: Die sonntaz ist kein Rückblick auf die vergangene, sondern ein Vorausblick auf die kommende Woche. Ich erfahre, was mich erwartet, und habe die Möglichkeit, die Dinge richtig einzuordnen und besser zu verstehen.

sf: In der traditionelleren Art der Berichterstattung vermutet man oft die Stärken des Genres gegenüber den neuen multimedialen Konkurrenzmedien. Können Sie einige Beispiele nennen für diese Rückbesinnung auf die journalistischen Wurzeln?
B.M.: Es gibt zwei Formate, die ich ganz besonders schön finde und die dem Anspruch gerecht werden, dass eine

Die Redaktion der Taz

Die Redaktion der Taz

Tageszeitung – angesichts der elektronischen Konkurrenz – sich stärker in Richtung einer Wochenzeitung entwickeln muss. Das eine Format heißt: „Die ganze Geschichte”. Da wird versucht, auf zwei Seiten hintergründig Zusammenhänge darzustellen. Es geht darum, eine Geschichte zu erzählen, die man in den Tagesnachrichten immer nur in Ausschnitten erfährt; sie also einmal rundum aufzurollen und dabei unterschiedliche Facetten zu beleuchten. Das andere Format heißt: „Der Blick dahinter”. Platziert auf einer Konsumseite, geht es hier darum herauszubekommen, was eigentlich hinter bestimmten Produkten steckt.

sf: Worin sehen Sie die größte Herausforderung bei diesem Projekt?
B.M.: Die größte Herausforderung ist für uns, dass wir nun ein Medium mit drei Geschwindigkeiten produzieren. Wir machen die Tageszeitung, mit der sonntaz eine Wochenzeitung und die schnellen, harten Nachrichten mit der Online-taz. Die Redaktion muss nun in diesen drei Geschwindigkeiten denken. Doch glücklicherweise konnten wir sie gerade erst wieder etwas aufstocken. Wir sind zurzeit wahrscheinlich die einzige Tageszeitung, die Stellen und neue Angebote für die Leser schafft, anstatt Stellen abzubauen.

sf: Wie finanziert sich die taz? Dabei interessiert mich besonders die Unternehmensform der taz als einer Genossenschaft. Inwiefern sind Sie von den Interessen der Genossenschaft abhängig?
B.M.: Zum einen finanzieren wir uns durch Abonnements. Zum anderen kann man bei uns aber auch GenossIn werden und – wie bei Genossenschaften üblich – auch Anteile kaufen. Der Geringste ist eine 500-Euro- und der höchste eine 25.000-Euro-Einlage. Aber unabhängig von der Höhe der Einzahlung hat man jeweils nur eine Stimme. Jedes Jahr

Hinter den Kulissen

Hinter den Kulissen

werden alle GenossInnen zu der so genannten Generalversammlung eingeladen, um die wichtigsten Dinge zu besprechen und zu beschließen.

sf: Als da wären?
B.M.: Ein gutes Beispiel war die Frage: Sollen wir Energie und Geld dafür verwenden, unsere Regionalteile auszubauen? Da diskutieren die Genossen natürlich mit.

sf: Sie diskutieren also mit, wofür ihr Geld verwendet wird?
B.M.: Ganz genau. Die MitarbeiterInnen der taz bilden innerhalb der großen Genossenschaft noch eine kleine. Die große Genossenschaft hat jetzt über 8.000 GenossInnen, was sehr ungewöhnlich ist. Die MitarbeiterInnen sind eine eigene Produktionsgenossenschaft und bekommen damit auch ein Stimmrecht. Diese besondere Konstruktion hängt mit der Rolle der taz-MitarbeiterInnen zusammen. Wir verdienen ungefähr halbes Tarifgehalt. Wir subventionieren also die Zeitung jeden Tag mit unserer Arbeitskraft. Deshalb ist es so wichtig, dass die KollegInnen neben den GenossInnen noch einmal besondere Entscheidungsbefugnisse haben.

sf: Wie machen sich diese bemerkbar?
B.M.: Die taz-Mitarbeiter können theoretisch jede Entscheidung, die die große Genossenschaft fällt, mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit ablehnen. Angenommen, die große Genossenschaft würde entscheiden: Die taz bringt keine Rendite und soll geschlossen werden. Dann könnten die MitarbeiterInnen diesen Entschluss wieder kippen. So eine Kampfabstimmung hat es aber noch nie gegeben. Die GenossInnen sind für uns ausgesprochen wichtig, weil sie uns sehr großzügig, sehr großmütig und sehr solidarisch unterstützen und sich auch stark mit der Zeitung identifizieren. Aber in der taz herrscht innere Pressefreiheit, das heißt: Nur wir in der Redaktion bestimmen, wie die Zeitung gemacht wird. Deswegen ist dieses Konstrukt auch so ideal, weil die ökonomische Verantwortung auf sehr viele Schultern verteilt ist.

Die Taz-Redax

Die Taz-Redax

sf: Wie sind die verschiedenen Einnahmequellen der taz gewichtet?
B.M.: Die taz lebt im Gegensatz zu allen anderen großen Zeitungen zum wesentlichen Teil von ihren Vertriebserlösen. Das heißt, sie finanziert sich zu 85 bis 90 Prozent durch das journalistische Produkt und nur zu einem sehr geringen Teil durch Anzeigen. In guten Zeiten leben wir zu 15 Prozent von Anzeigenerlösen. Meistens sind es aber weniger.

Bascha Mika ließt den sf

Bascha Mika ließt den sf

sf: Wer entscheidet darüber, wer ChefredakteurIn bei der taz ist?
B.M.: Das ist die Aufgabe des Vorstandes. Der besteht aus den beiden Geschäftsführern, die von der Genossenschaft eingesetzt werden, und drei gewählten Mitgliedern des Hauses. Dabei sind Letztere die Vertreter der MitarbeiterInnen. Es gibt keine gewählte Chefredaktion; das ginge auch gar nicht.

sf: Zurzeit wird heiß debattiert, wie viel eine Tageszeitung kosten sollte. Viele Preissteigerungen sind zu erwarten. Gilt das auch für Ihre Zeitung?
B.M.: Es gab Zeiten, da war die taz die teuerste überregionale Tageszeitung, obwohl wir den geringsten Umfang hatten. Diese Zeiten sind längst vorbei. Alle Zeitungen sind sehr viel teurer geworden, als sie noch vor zehn Jahren waren – das ist aber notwendig. Qualitätsjournalismus kostet einfach Geld. Man darf nicht vergessen, dass das Anzeigengeschäft in dieser Hinsicht die Sitten total verdorben hat. Denn dadurch, dass sich Journalismus nicht durch den Verkauf von Journalismus, sondern durch Anzeigen finanziert hat, hatte man schnell das Gefühl, Journalismus sei nichts wert!

sf:…wie man auch anhand der Diskussionen über die Verdrängung der Printmedien durch die oft aktuelleren, aber auch inhaltsloseren und schlechter recherchierten Onlinemedien nachvollziehen kann.
B.M.: Ja. Dadurch, dass sich in der ganzen Welt Printprodukte zum größten Teil von Anzeigeneinnahmen ernährt haben und nicht durch den Vertrieb der journalistischen Inhalte, haben die Verleger die größte Dummheit aller Zeiten begangen. Nämlich ihre Inhalte online kostenlos anzubieten. Ein Kardinalfehler, der, wenn er überhaupt wieder gutzumachen ist, nur mit größter Anstrengung korrigiert werden kann.

sf: Worin sehen Sie die ursprünglichen Ideale, die Sie mit der taz verfolgen?
B.M.: Das größte Ideal der taz ist unabhängiger Journalismus. Mit dieser Idee ist die taz gegründet worden. Ganz konkret: um sich gegen Pressezensur, die es damals im Rahmen des deutschen Herbstes gab, und für die Verbreitung unterdrückter Nachrichten einzusetzen. Das hat sich natürlich inzwischen geändert, weil sich die Medienlandschaft in den vergangenen 30 Jahren so weitreichend ausdifferenziert hat, dass es so gut wie keine unterdrückten Nachrichten mehr gibt. Heute müssen wir Gegenöffentlichkeit anders definieren.

sf: Was macht einen taz-typischen Artikel aus?
B.M.: Lohnt es sich, seriös zu berichten? Oder kann man darüber eigentlich nur einen Witz machen? Satire ist manchmal sehr viel entlarvender als normale Berichterstattung.

sf: Gibt es Widerstand gegen den Widerstand der taz? Wenn ich aus dem Fenster der Redaktion schaue, dann sehe ich am Haus gegenüber in übergroßen Lettern das Wort „Kochstraße 60. Seit 1734” prangen. Eine Auflehnung gegen die von der taz erkämpfte Umbenennung der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße?
B.M.: Das ist eigentlich eine sehr lustige Geschichte: Nach einer dreijährigen Kampagne haben wir die Umbenennung der Straße erreicht – sogar gegen ein Volksentscheidbegehren der CDU. Unser Nachbar gegenüber tat sich als Speerspitze dieser Widerstandsbewegung hervor. Als, sehr zu seinem Unwillen, die Straße dann doch umbenannt wurde, ließ er einige Wochen später als Zeichen des Protestes den alten Namen seiner Straße und Hausnummer über dem Eingangstor anbringen.

(Wird fortgesetzt.)

„Eine Zeitung muss sich permanent verändern, um bestehen zu können”

Im Jahre 1998 übernahm Bascha Mika den Posten der taz-Chefredakteurin. Damit ist sie die einzige Frau an der Spitze einer überregionalen Tageszeitung in der Bundesrepublik Deutschland. Neben einem abgeschlossenen Studium der Germanistik, Philosophie und Ethnologie hat Bascha Mika auch eine Banklehre absolviert und schon im Studium als freie Mitarbeiterin journalistisch gearbeitet. Sie ist eine klassische Quereinsteigerin. Erst mit Anfang 30 hat sie sich entschlossen, ihren Lebensunterhalt als Journalistin zu verdienen. Mit ihrem Lebensgefährten lebt sie heute im Berliner Ortsteil Charlottenburg. Mit ihr sprach Marcel Nakoinz.

Chefsache

Chefsache

strassenfeger: Sie sind die einzige Chefredakteurin einer bundesweiten Tageszeitung in Deutschland. War diese Karriere von Anfang an Ihr Ziel?

Bascha Mika: Wenn man schon bei einer Zeitung arbeitet, dann macht es natürlich auch Spaß, deren Geschicke entscheidend mitzubestimmen. Doch ich bin nicht in den Journalismus gegangen, um Chefredakteurin zu werden. Sondern wie fast alle KollegInnen wollte ich schreiben. Um eine Zeitung zu machen, braucht es aber mehr als nur Autoren. Es braucht auch diejenigen, die das Blatt machen, und diejenigen, die sich mittel- und langfristig mit dessen publizistischer Zukunft beschäftigen – also darüber nachdenken, was eine Tageszeitung heute, angesichts der elektronischen Medien, überhaupt noch sein kann. Wie sich zum Beispiel eine Zeitung wie die taz permanent verändern muss, um überhaupt bestehen zu können.

sf: Wie schaffen Sie es als Chefredakteurin einer Tageszeitung, tagesaktuell zu bleiben und dabei gleichzeitig urteilssicher in den vielen komplexen politischen Themen von heute zu sein?

B.M.: Ich muss auf dem neuesten Nachrichtenstand sein. Das beginnt morgens nach dem Aufstehen, indem die Radios angeschaltet werden. Damit meine ich mehrere: In der Küche läuft „Inforadio”, im Bad „Deutschlandfunk”, und im Schlafzimmer sehe ich dann ab und an noch das Morgenmagazin von ARD oder ZDF, um zu bestimmten Ereignissen auch die Bilder mitzunehmen.

sf: Frühmorgendliches Multitasking also?

Über die Schulter

Über die Schulter

B.M.: Ja. Selbstverständlich kommt später das Zeitunglesen noch dazu. Neben dem eigenen Blatt muss ich mir auch alle überregionalen Zeitungen ansehen.

sf: Wie viel Zeit bleibt da noch, um sich in Literatur schwer überschaubarer Themen wie die Weltwirtschaftskrise hineinzulesen?

B.M.: Vertiefende Artikel oder auch Bücher zu lesen, ist absolut notwendig, um bestimmte Phänomene über die Tagesaktualität hinaus zu verstehen. Aber dazu bleibt bei einem Job wie dem meinen nicht allzu viel Zeit.

sf: Ist ein vielschichtiges Hintergrundwissen nicht unerlässlich für die Bewertung der Objektivität und Richtigkeit der verschiedenen Beiträge?

B.M.: Klar! Aber in der Chefredaktion geht eben auch viel Energie für Management drauf.

sf: Wie gelingt es Ihnen dann noch, Ihrer Honorarprofessur an der Berliner Universität der Künste (UDK) nachzukommen?

B.M.: Seit Anfang der 90-er Jahre arbeite ich auch in der Journalistenausbildung. Das ist mir ausgesprochen wichtig. Wer eine Vorstellung davon hat, was guter Journalismus ist und wie er seine Hauptaufgabe wahrnehmen sollte – Kritik und Kontrolle nämlich – muss auch bereit sein, sein Wissen und seine Erfahrung weiterzugeben. Je ausdifferenzierter die Medienlandschaft ist, je stärker der ökonomische Druck auf die Branche wird, je mehr die Grenzen zwischen Journalismus und PR verschwimmen, desto wichtiger wird es, ganz klare journalistische Standards zu setzen.

sf: Welche wären das?

B.M.: Das sind sowohl handwerkliche Regeln, als auch Fragen des Selbstverständnisses von Journalisten. Ich habe vor sechs Jahren, als an der UDK der Studiengang Kulturjournalismus gegründet wurde, eine Gastprofessur angenommen und bin seit zwei Jahren Honorarprofessorin. Diese Belastung kann ich sehr gut steuern. Als Honorarprofessorin muss man zwar in der Lehre eine gewisse Stundenzahl ableisten, aber das lässt sich durchaus bewältigen.

sf: Die Geschichte wiederholt sich. Es wird häufig behauptet, dass es nie wieder zu einer Machtergreifung wie der Hitlers kommen könnte, da die Medien uns alle aufklären und informieren würden. Aber besteht nicht vielmehr auch die Gefahr, dass sie uns derartig überinformieren, bis wir nicht mehr zwischen Übungsalarm und echtem Alarm unterscheiden können? Die NPD witterte bereits in einer sich eventuell abzeichnenden großen Depression ihre Chance, ihre Anhängerschaft weiter zu vergrößern. Können Medien wie die taz effektiv gegen solche Irrungen und Wirrungen angehen?

B.M.: Zumindest würde die taz publizistisch gegen Politiker, die populistisch und menschenfängerisch daherkommen, vorgehen. Wir müssen uns mit der Gefahr auseinandersetzen, dass, wenn die Finanzkrise in weiten Teilen der

Bevölkerung ankommt – vor allem auch bei denen, die sowieso nicht viel zu verlieren haben – dann tatsächlich eine große Unruhe entsteht, die irgendein populistischer Agitator demokratiefeindlich nutzen könnte. Aber ich bin da nicht besonders alarmiert. Mich macht zum Beispiel der Verlauf der letzten Bundestagswahl optimistisch: Damals hat eine Phalanx aus Medien und Meinungsforschern der Bevölkerung einzutrichtern versucht, dass nur eine schwarz-gelbe Regierung das Land vor dem Untergang retten könne. Ein anderes Heer neoliberaler Stimmen tönte, es gehe nur noch um so genannte Eigenverantwortung und nicht mehr um Solidarität oder darum, eine Gesellschaft zu schaffen, in der auch die Schwächeren ihren Platz haben, sondern lediglich um das „Survival of the fittest”.
Trotz dieses ganzen neoliberalen Geschwätzes, mit denen die Leute über die Jahre zugedröhnt wurden, haben sie anders gewählt. Sie haben sich dieser Demagogie souverän und in einer wirklich vorbildlichen Weise staatsbürgerlich entzogen. Das hat mein Vertrauen in die Urteilsfähigkeit der Bevölkerung gestärkt.

sf: Nun einige schnelle Fragen: Ist eine demokratische Marktwirtschaft möglich?

B.M. (lacht): Die soziale Marktwirtschaft ist zumindest eine Spielart des Kapitalismus, mit der es sich besser leben lässt als mit Turbokapitalismus.

Kamikaze

Kamikaze

sf: Viele rufen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Wie realistisch ist eine solche Grundsicherung heute?

B.M.: Mindestlöhne müssen unbedingt sein! Und zwar in jeder Branche, in der Leute systematisch ausgebeutet werden. Es geht einfach nicht, dass man einen Job hat und davon noch nicht einmal leben kann. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre prima, hat aber viele Haken und Ösen.

sf: Gibt es eine allgemeingültige Wahrheit, die der Journalismus transportieren könnte?

B.M.: DIE Wahrheit gibt es nicht! Sondern wir als Journalisten müssen uns ihr weitestgehend nähern, soweit das eben in unseren Möglichkeiten liegt.

sf: Nicht nur auf den angelsächsischen Raum geschaut: Ist eine Gesellschaft ohne Feindbild überhaupt möglich?

B.M.: Ja, klar! Feinde zu haben bedeutet, dass ich mich extrem von anderen abgrenze und sie bekämpfe. Das heißt nicht, dass eine Gesellschaft sich in allem eins sein muss – das wird es niemals geben. Die Frage ist vielmehr, welche gesellschaftlichen und politischen Möglichkeiten es gibt, Differenzen auszuhandeln. Es wird immer Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen, Lebensentwürfen und Zielen geben. Die Frage ist: Wie geht man damit um? Welche Abstimmungs- und Aushandlungsprozesse gibt es? Wenn diese Prozesse funktionieren, dann ist vielleicht jemand mein Gegner, aber nicht mein Feind.

sf: Ist es nicht besser, anstatt Angst zu schüren und das Denken in Kategorien wie „schlauer als”, „schöner als” usw. zu unterstützen, gerade das Vertrauen in die Gemeinschaft stark zu machen?

B.M.: Abschaffen können wir dieses Denken sicherlich nicht, aber wir können zumindest versuchen darauf hinzuarbeiten.

sf: Frau Mika – vielen Dank für dieses sehr interessante Gespräch!


Exit Through The Giftshop

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Ausgabe 10, Mai 2009

und

Ausgabe 11, Mai 2009

Die beliebtesten Irrtümer

Die beliebtesten Irrtümer

Dass eine Akropolis nicht nur in Athen steht, die Wikinger und Gallier keine gehörnten Helme trugen (Richard Wagner und Asterix-Comics sind schuld) und Stonehenge kein keltisches Heiligtum sein konnte, da es bereits 1.000 Jahre, bevor die Kelten überhaupt auf die große grüne Insel kamen, erbaut wurde, wissen Sie ja sicher. Aber sitzen auch Sie noch dem Ammenmärchen auf, Adam und Eva hätten von einem Apfel gegessen? Die Bibel spricht lediglich von einer Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen. Darum hier meine persönliche Hitliste der verbreiteten Halbbildung:

11. Der „Gute Rutsch“ hat etwas mit Rutschen zu tun. – Klar ist es zu Neujahr oft rutschig. Das hat aber nichts mit dem jiddischen Wort „Rosch“ zu tun, das Kopf oder Anfang bedeuten kann. Wir haben lediglich den Ausspruch „Gut Rosch“ zum jüdischen Neujahrsfest „Rosch ha-Schanah“ übernommen, der soviel bedeutet wie „Gutes Neujahr“.

10. Wer sich häufig die Haare schneidet, dessen Haare wachsen schneller. – Ja, genau! Hatten Sie auch solche Eltern, die Ihnen mit bestem Gewissen weismachen wollten, Ihr Haarwachstum werde durch allzu häufiges Rasieren und Schneiden beschleunigt? Sie können sich Ihr Kinn wundrasieren, wie ich es damals tat, als ich das hörte. Ihr Bartwachstum wird davon ähnlich unberührt bleiben wie der meine. Jedes Haar durchläuft einen eigenen Lebenszyklus. Wenn man es abschneidet, stört das die Haarwurzel leidlich. Dieser falsche Eindruck entstand häufig, weil nach einer Rasur die Haarstoppeln kräftiger wirken, wurden sie doch an der dicksten Stelle abgeschnitten.

9. Muskelkater wird von Milchsäureeinlagerungen in den Muskeln verursacht. – Falsch! Sondern von winzigen Muskelfaserrissen, die vor allem bei ungewohnten Belastungen entstehen.

8. Alkohol wärmt. – Schön wär’s! Alkohol bringt den Puls nur vorübergehend in Wallung. Vielmehr noch erweitert er die Gefäße. Mit dem Wärmen ist’s da ganz schnell Essig.

7. Wir nutzen meist nur zehn Prozent unseres Gehirns. – Ja, darauf kommt man schnell, sieht man ständig die bunten Bildchen der Magnetspintomographen, auf denen einzelne Bereiche am Computer eingefärbt sind und der Rest grau gelassen wurde. Natürlich sind nicht immer alle Areale unseres Gehirns gleichzeitig aktiv, aber das ändert nichts daran, dass unser Gehirn ständig malocht. Es ist vernetzt wie das Internet, nicht eine Ansammlung von Modulen wie ein Schweizer Taschenmesser.

6. Platzangst ist die Angst vor engen Räumen. – Nein! Das ist die Klaustrophobie. Sie meinten sicher die Furcht vor großen, leeren Plätzen?!

5. Wir stammen vom Affen ab. – Klar! Auch nach 150 Jahren Evolutionstheorie gibt es immer noch Menschen (auch Biologen), die uns erzählen, die Evolution verliefe linear ab – von den Fischen bis zum Menschen. Glauben Sie solchen Leuten kein Wort und behaupten Sie das Gegenteil! Jeder, der selbst Darwins Buch las, weiß: Wir haben lediglich gemeinsame Vorfahren. Es existieren viele verschiedene Äste am Lebensbaum, von denen unser nur ein Ast unter vielen ist. Wir stammen so sehr vom Affen als einem früheren Entwicklungsstadium ab, wie Blindschleichen blind sind.

4. Die Geschichte wiederholt sich nie. Es gab noch nie eine Finanzkrise, keine Depression, noch nie Hitzewellen, bei denen sogar schon Wein in England angebaut wurde und keine Einführung von Ermächtigungsgesetzen von Demagogen, die freie Hand brauchten, um die Massen zu kontrollieren.
„Vertrauen Sie denen, die nach der Wahrheit suchen, und mißtrauen Sie denen, die sie gefunden haben.“ Meinte schon André Gide.

3. Vorm Frühstück Zähneputzen bringt mehr als frischen Atem für zehn Minuten. – Und nach dem Mittagessen freuen sich die Bakterien zwölf Stunden lang, bis Sie es ihnen vorm Zubettgehen so richtig zeigen und sich ruhigen Gewissens schlafen legen.

2. Unsere Flachbildschirme, der uns wärmende Alkohol, Lebensstandards und riesige Konjunkturprogramme der Industrienationen in Krisenzeiten werden nicht in anderen Teilen der Welt bezahlt, die weit, weit weg sind und sich gern selbst lustige Namen geben wie: „Achse-des-Bösen“, „Schurkenstaaten“ oder „Dritte Welt“.

… Und der größte Irrtum, dem die Mehrheit der Menschen, seitdem es sie gibt, anheim fällt, ist:
1. Schwarz ist eine Farbe.

Sein oder was?

Sein oder was?

Was bleibt noch weiter zu sagen als das, was Johann Wolfgang von Goethe seinen „Werther“ schreiben ließ: „Und ich habe gefunden, dass Missverständnisse und Trägheit vielleicht mehr Irrungen in der Welt machen als List und Bosheit.“

Tipp: Christa Pöppelmann: 1000 Irrtümer der Allgemeinbildung.

Ausgabe 10, Mai 2009

Peter Hantke

Peter Hantke

Das, was man vom Boden im Schatten erkennen kann, ist pechschwarz. Wie ein fehlender Zahn im Erstklässlergebiss klafft hier eine Lücke in der Altbaureihe an der Anklamer Strasse in Berlin-Mitte. In dem Loch, das einst eine Fliegerbombe in die Häuserzeile riss, türmen sich heute Paletten und Anmachholz; dazwischen parkt ein unscheinbarer LKW. Das sind die bescheidenen Überreste der Kohlenhandlung, die Peter Hantke seit 1990, in dritter Generation, führt. Doch wohl nicht mehr allzu lang. Denn das Gewerbe stirbt aus. Die Menschen sind zu bequem geworden. Wohnungen mit Kohlenheizung sind unsexy, selbst für Hartz-IV-Empfänger. Gab es laut Senatsverwaltung vor 20 Jahren noch fast 500.000 Wohnungen mit Kohleöfen in Berlin, sind es derzeit kaum mehr 50.000 Haushalte. Dabei wissen viele Menschen heute gar nicht mehr, wie wohlig es sein kann, wenn man sich bei einer Erkältung oder einfach zur Entspannung an einen Ofen lehnt und sich durchwärmen lässt.

Zurück in die Vergangenheit
1930 war das noch anders. Als Hantkes Großvater damals den Betrieb gründete, kutschierte man die Kohlen noch mit Pferdefuhrwerken aus. Für den jungen Hantke, der das noch selbst miterlebte, ein unvergess-liches Erlebnis. Die Vertrautheit mit den Tieren, die Menschen, die sich über die Lieferungen freuten und die bis zu 20 Mitarbeiter, von denen sich keiner mobbte, da es ja genug Arbeit gab. Bis Ende der 80er Jahre gingen am Tag schnell mal 25 Tonnen Kohle raus.

Wie ein fehlender Zahn im Erstklässlergebiss

Wie ein fehlender Zahn im Erstklässlergebiss

Dann kamen bewegte Zeiten. Das alte Grundstück lag auf der Regierungsstrecke Erich Honeckers und war ihm zu schmutzig. Das Unternehmen musste umziehen. Immer wieder. Von einem Ruinengrundstück zum nächsten. Von der Greifswalder Straße in die Neue Schönhauser Straße und von dort in die Tucholskystraße. Bis man zuletzt auf dem jetzigen, dem bisher kleinsten Standort landete.

Zurück in die Gegenwart
Heute liefert man höchstens noch zwei Tonnen am Tag aus. Außer im tiefsten Winter, dann können es 10 bis 15 Tonnen werden. Doch noch immer gibt es kein Mobbing bei Hantkes. Wie auch – in Ermangelung von Mitarbeitern? Nur selten noch packt eine Hilfskraft auf 400-Euro-Basis mit an. Hantkes Sohn wird den Brennstoffhandel nicht mehr übernehmen. Warum auch? Hantke gibt dem Gewerbe höchstens noch fünf Jahre. Schon jetzt kommt er kaum mehr über die Runden. Vor allem außerhalb der Saison von März bis September. Die paar Kunden, die sich den Luxus eines Kamins oder Ofens gönnen, werden in Zukunft wohl von den Baumärkten versorgt werden. Mit deren Preisen kann der gelernte Bauschlosser längst nicht mehr mithalten. Einzig der Service der Lieferung frei Haus, den er anbietet, hält ihn noch im Wettbewerb. Aber die Zahlen sind dennoch rückläufig: „Ich hab’ mal die Bücher durchgeblättert. Letztes Jahr war’s noch besser. Obwohl’s dieses Jahr kälter war“, so Hantke.

Die Zeiten sind vorbei, in denen man noch gutes Geld mit dieser Arbeit verdienen und im Sommer nach Florida fliegen konnte, mit einer Frau in jedem Arm. „Ich werde dann wohl Kraftfahrer werden“, sagt Hantke ohne eine Träne im Auge, wie ein Mann, der sich mit seiner Zukunft abgefunden hat. „Es geht immer weiter“, sagt er, voller Zuversicht und mit einem kleinen Lächeln, das in seinem linken Mundwinkel klebt.

Im Büro

Im Büro

Zurück in die Zukunft
Hantkes Büro befindet sich in einem abgewrackten Wohnwagen unbestimmten Alters. Von der Straße aus ist dieser überhaupt nicht sichtbar. Zwei große Reklametafeln versperren den Blick auf das Grundstück, als wollten sie den Blick der Passanten von dem „Schandfleck“ dahinter ablenken. Hier, wo es die meiste Zeit des Tages schattig ist, wird noch angepackt, wird Holz zersägt und werden die Brennstoffe verladen. Nebenan speisen derweil Touristen in der Sonne, vor einem weiß verputzten Café.

Eine Szenerie, die uns in Berlin heute sehr viel vertrauter erscheint. Es ist, als würden zwei Welten aufeinander treffen. Das Berlin, das sexy sein will, trifft auf seinen schmuddeligen Vorfahren. Betritt man Hantkes Grundstück, fühlt man sich in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt. Man riecht beinahe wie einst die Pferdekarren, die Kohlen durch das sumpfige Berlin der vergangenen Jahrhunderte zogen. Spätestens wenn die Öl- und Gaspreise aufgrund der Erschöpfung der Ressourcen ins Unermessliche gestiegen sind, werden wir uns wieder an diese Zeiten erinnern und dann werden die Kohlehändler vielleicht eine neue, wenn auch nicht lang anhaltende Renaissance erleben.

Ausgabe 09, April 2009

Berlin. Unscheinbar und einsam prangt das kleine Schild von SODI an einer Hauswand inmitten eines Plattenbaukomplexes in Berlin-Hohenschönhausen. Die einzige Geschäftsstelle des parteipolitisch unabhängigen und weltanschaulich offenen Vereins, der 1990 gegründet wurde, muss auf die Miete schauen. SODI ist eine Nichtregierungsorganisation (NRO) auf dem Gebiet der Entwicklungszusammenarbeit.

Fr. Werther

Fr. Werther

Ich spreche mit Sylvia Werther (27, Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising), für die schon, als sie noch Medienwissenschaften und Geschichte studierte, feststand, dass, wenn sie im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit tätig werden wollte, es eine Non-Profit-Organisation sein musste. Über ihren Vater, der Mitglied bei SODI war, kam dann das eine zum anderen. Sie ist eine von gerade mal acht Festangestellten. Dennoch werden von hier aus jedes Jahr weltweit 20 bis 30 Projekte gefördert und initiiert, bei denen zum Beispiel Material und Anleitung bereit gestellt werden, damit Menschen in Namibia sich hunderte Lehmhäuser bauen können und nicht mehr in heruntergekommenen Wellblechhütten leben müssen. Aus dieser Geschäftsstelle wird die humanitäre Minenräumung in Vietnam vorangetrieben – schon seit 1998. So werden Vietnamesen mit den Geräten und dem Know-how ausgerüstet, Minen räumen zu können, und die Kinder werden über Gefahren aufgeklärt.

Nachhaltigkeit ist wichtig
Die Laufzeiten der Projekte sind dabei auf mindestens zwei bis drei Jahre angelegt, denn Nachhaltigkeit wird bei SODI groß geschrieben. Im Falle einer Katastrophe wird also nicht nur bei deren Überwindung geholfen, sondern auch eine Verbesserung der Lebensumstände, die vor der Katastrophe herrschten, wird angestrebt. „Der Bau eines Brunnens bringt wenig, wenn man nicht die Möglichkeit schafft, den Beruf des Brunnenbauers, der ihn betreut, in der Region zu etablieren“, weiß Frau Werther. Schwerpunktsregionen sind dabei Südostasien (Vietnam, Kambodscha, Laos) und Afrika (Südafrika, Namibia und Mosambik), wobei der Fokus auf Gesundheits- und Bildungsförderung sowie einkommensschaffenden Maßnahmen liegt – ganz im Sinne des Vereinsmottos: „Hilfe zur Selbsthilfe“. Zu diesem Zwecke wurden in Vietnam beispielsweise bereits drei Dörfer mit fünf Kindergärten, drei Schulen und einem Gemeindegesundheitszentrum gebaut.

Humanität mit Tradition
Schon über 800 Projekte in 32 Ländern wurden seit Gründung des Vereins realisiert. SODI ist der direkte Rechtsnachfolger des Solidaritätskomitees der DDR, der damaligen zentralen staatlichen Entwicklungshilfeorganisation mit ca. 400 Mitarbeitern. Nach der Wiedervereinigung übernahm der Verein dann die zahlreichen laufenden Projekte zur Armutsbekämpfung, die andernfalls eingestellt worden wären.

Schlichtes Äußeres

Schlichtes Äußeres

Um helfen zu können, setzt man sich mit Partnerorganisationen vor Ort in Verbindung. Das ist nicht immer einfach. Zwar ist SODI in diversen Ländern seit Jahrzehnten eine bekannte Anlaufstelle für Menschen in Not. Aber während in Vietnam NROs unterdrückt werden und man auf Massenorganisationen auf kommunaler Basis angewiesen ist, flukturieren die vielen kleinen, sich ständig gründenden und auflösenden NROs in Afrika. Doch die Arbeit lohnt sich! Denn diese Partner wissen um die regionalen Probleme und wie man sie am besten angehen kann. Mit ihren Ideen kommen sie zum Verein und dieser unterstützt sie mit Geldern und mit der Ausbildung von Fachkräften sowie der Vermittlung ehrenamtlicher Mitarbeiter_innen.

Vom Spenden-TÜV geprüft und für gut befunden
SODI bekommt seit 1994 jährlich das Spenden-Siegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen. Das Institut kontrolliert, ob SODI das Geld auch wirklich für die Projekte ausgibt. Wer einmal gesehen hat, wo der Verein sitzt, um Geld zu sparen, wird diesbezüglich wohl keine Zweifel haben. Gegen die Veruntreuung von Spendengeldern vor Ort schützt sich SODI wiederum bei größeren Projekten durch das Entsenden unabhängiger Wirtschaftsprüfer, die nach dem Rechten sehen; und auch sonst sind Quittungen über alle verwendeten Spendengelder Pflicht.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit bewilligte vor kurzem 200.000 Euro für ein Projekt gegen Frauenarmut in Vietnam. Dabei ist wichtig, dass dieses Geld für SODI nur verfügbar wird, wenn der Verein einen Eigenanteil an Spenden dazuschießen kann. 25 Prozent der Gesamtsumme müssen als Spenden aufgebracht werden, die restlichen 75 Prozent kommen dann von Drittmittelgebern. Im Klartext heißt das: Jeder Euro, den Sie spenden, wird von der EU verdreifacht aufgeschlagen. Mit einem Euro können Sie also vier Dachziegel für Trockentoiletten in Namibia finanzieren. Gut zu wissen! Täglich sterben weltweit 6.000 Kinder an vermeidbaren Durchfallerkrankungen aus Mangel an Zugang zu sauberem Wasser und Sanitärsystemen. Mit SODI können wir daran etwas ändern.

Ausgabe 09, April 2009

Erich Hahn

Erich Hahn (79), der in den 50ern Geschichte und Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität studierte und dort auch promovierte und habilitierte, leitete im Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED die Abteilung Soziologie. 1971 wurde er an der gleichen Einrichtung – inzwischen Akademie – Direktor des Instituts für marxistisch-leninistische Philosophie. Mitglied der SED war Hahn von 1950 bis zu ihrem Ende 1989, seit 1976 Mitglied des ZK. Heute arbeitet er in verschiedenen Organisationen und Vereinen – wie der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau lebt er in Berlin, sie haben fünf Kinder. Für den strassenfeger sprach Marcel Nakoinz mit ihm über die Aufarbeitung der DDR, seine Zeit in der SED und darüber, ob Demokratie überhaupt möglich ist.

"Es gab zu viele Illusionen darüber, was der Sozialismus in welcher Zeit erreichen kann"

strassenfeger: Deutschland lässt sich auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung die „Aufarbeitung“ der „zweiten deutschen Diktatur“ viele hundert Millionen Euro jährlich kosten, wobei es nur darum zu gehen scheint, die tatsächlichen Verhältnisse zu verschleiern und einseitig negativ zu präsentieren.

Erich Hahn: Ich kann das nur bestätigen und will auch nicht in Abrede stellen, dass da Dinge aufgedeckt werden, die es wert sind, ans Tageslicht gefördert zu werden. Aber im Vergleich zur internationalen Gesellschaftsforschung der DDR vor 1989 ist der Zeitgeist nicht viel klüger geworden. Inzwischen liegt der Forschung eine staatlich verordnete Geschäftspolitik zu Grunde. Es wurde von der Bundesregierung eine Expertenkommission eingesetzt mit dem Ziel, einen Geschichtsverbund zur ‚Aufarbeitung der SED-Diktatur’ vorzubereiten. Allein diese Benennung verrät, worum es geht. Diese Kommission setzt nicht nur Forschung in Gang. An ihren Empfehlungen orientieren sich das Gedenkstättenkonzept und die Berichterstattung vieler Medien.

sf: Wie beurteilen Sie den wissenschaftlichen Wert dieser Tätigkeit?

E.H.: Ein Grundproblem sehe ich darin, dass man sich nicht die Mühe macht, die nach 1917 bzw. nach 1945 entstandenen sozialistischen Systeme aus ihren eigenen Entstehungs- und Existenzbedingungen, nach den ihnen eigenen Triebkräften, Beziehungen, Gesetzmäßigkeiten und Zielen zu erklären.

Der Blick auf die DDR erfolgt durch die Brille der bürgerlichen Ideologie und Weltanschauung. Maßstab der Beurteilung sind bürgerliche Wertvorstellungen und Begriffe. Zum Beispiel werden die politischen Strukturen der DDR ausschließlich am Modell der bürgerlichen Demokratie gemessen. Die bürgerliche Demokratie war seinerzeit ein enormer historischer Fortschritt gegenüber den Herrschaftsprinzipien des Feudalismus. Und ich stelle nicht in Abrede, dass wir es versäumt haben, Bewahrenswertes dieses Demokratietypus aufzunehmen. Aber es darf nicht übersehen werden, dass es darum ging, in einem langen Prozess eine Demokratie von sozialistischem Typ herauszubilden. Wird das nicht in Rechnung gestellt, dann fällt unter den Tisch, dass die Bemühungen unseres Staates um reale Gleichberechtigung der Geschlechter und Generationen, um eine gediegene humanistische Bildung der gesamten Bevölkerung, um ein hohes Maß an Verteilungsgerechtigkeit und sozialer Sicherheit – dass all dies sehr viel mit sozialistischer Demokratie zu tun hat. Das waren höchst reale Voraussetzungen und Elemente sozialistischer Demokratie, für das selbstbewusste Miteinander aller zum Wohle des Ganzen waren. – Der Tunnelblick auf ‚Diktatur’ und ‚Stasi’ erspart es dieser Geschichtssicht, Fakten wie das Arbeitsrecht, das Familienrecht, das Bildungs- oder das Gesundheitssystem einer genaueren Analyse zu unterziehen. Von einer ‚Aufarbeitung’ kann da überhaupt keine Rede sein.

sf: Es scheint hier das Konzept zugrunde zu liegen, das kapitalistische System der Bundesrepublik als unveränderlich und ultimativ zu deklarieren und dadurch eine Status-quo-Mentalität zu schüren. Was wiederum nur im Interesse der jetzigen Profiteure der „sozialen“ Marktwirtschaft sein kann?

E.H.: Es geht hier tatsächlich darum, die DDR ins Abseits zu stellen, um zu verhindern, dass das Nachdenken über die DDR in diesem Land irgendwann zur Frage nach einer Alternative zum heute Gegebenen drängt. Was da läuft, ist keine Geschichtsdebatte, sondern eine an einem geschichtlichen Problem aufgezäumte Auseinandersetzung über die Zukunft der Bundesrepublik. Da darf es keine positive und schon gar keine konkrete Erinnerung an die DDR geben. Der Antikommunismus ist eine Staatsdoktrin, die in Deutschland schon seit vielen Jahrzehnten eine verhängnisvolle Rolle spielt.

sf: Der Traum des Sozialismus in der DDR zerplatzte daran, dass nie wirklich sozialistische Gesellschaftsverhältnisse erreicht wurden. Warum ist dieser entscheidende Wandel nicht gelungen?

E.H.: Dass dies eine tiefe Niederlage war – daran besteht gar kein Zweifel. Aber Sie können nicht einfach behaupten, der ‚Traum’ wäre geplatzt. Als Journalist dürfen Sie das natürlich, aber das war seinerzeit natürlich mehr als ein Traum. Da waren handfeste Interessen und leidvolle Erfahrungen. Viele Angehörige meiner Generation sind unter dem Eindruck der faschistischen Katastrophe zum Sozialismus gekommen. Wir wollten nie wieder Faschismus und Krieg! Das war eine begründete rationale Entscheidung. Und es war ein reales Projekt, weil fundierte Analysen über den Lauf der Dinge vorlagen. Wenn Sie monieren, dass ‚nie wirklich sozialistische Gesellschaftsverhältnisse erreicht wurden’, muss ich fragen, was Sie darunter verstehen?

sf: Nun, nachdem man die Bourgeoisie enteignet hatte, wurde das Eigentum an Produktionsmitteln nicht an das arbeitende Volk übertragen. Demzufolge hätte es „den“ Kommunismus so nie gegeben, gegen den der Antikommunismus wettert, sondern nur erste Phasen davon. Es gab nie kommunistische Eigentumsverhältnisse in der DDR.

E.H.: Na ja, zunächst ging es ja darum, die Hinterlassenschaften des Faschismus zu beseitigen. Man konnte nicht ohne weiteres vom Faschismus zum Sozialismus übergehen. Vergessen Sie nicht, dass 1946 durch Volksentscheid Kriegsverbrecher und Nazi-Aktivisten enteignet wurden. In den fünfziger Jahren wurde dann der Übergang zu sozialistischen Verhältnissen eingeleitet. Dafür wurden allerdings zu kurze Fristen angesetzt. Der Umgang mit gesellschaftlichem Eigentum ist ein langfristiger und widerspruchsvoller Lernprozess. Sowohl im Maßstab des einzelnen Betriebes als auch in dem der ganzen Gesellschaft.

Übertragung des Eigentums an Produktionsmitteln konnte nicht bedeuten, dass jede einzelne Belegschaft Eigentümer ihres Betriebes und der erzeugten Produkte wurde. Die Interessen des ganzen Volkes waren zu berücksichtigen. Und nicht nur die Konsuminteressen! An diesem Ziel müssen sich in einer sozialistischen Gesellschaft die Einstellung und das Verhalten auch der Belegschaft im einzelnen Betrieb orientieren. Einfacher geht es nicht. Die Entstehung eines Bewusstseins und Verantwortungsgefühls nicht nur für die persönlichen und unmittelbar kollektiven, sondern für die gesellschaftlichen und politischen Belange ist eine enorme historische Herausforderung. Bemerkenswerte Ansätze und wichtige Erfahrungen wurden erreicht. Dass das nicht in hinreichendem Maße gelungen ist, lag nicht an den Menschen oder der menschlichen Natur – wie heute oft behauptet wird –, sondern an der Unreife vieler Verhältnisse.

sf: Können Sie das konkretisieren?

E.H.: Die Planung war oft übertrieben und starr. Auch der Umgang mit dem neuen Eigentum im Maßstab der ganzen Gesellschaft ist nicht so geglückt, wie das in der sozialistischen Programmatik vorgesehen war. Versuche einer Reform blieben stecken. Allerdings sollte über all dem nicht in Vergessenheit geraten, dass es sich insofern eindeutig um Sozialismus handelte, als das gesellschaftliche Gesamtprodukt, der erzeugte Reichtum im Interesse der Gesellschaft und nicht im Interesse einer ausbeutenden Minderheit verwendet wurde. All die Errungenschaften, die heute der DDR – und sei es unfreiwillig – zugestanden werden, sind auf diese Weise zustande gekommen. Der Zeitgeist sträubt sich auch gegen die Einsicht, dass es die DDR aufgrund dieser politischen Verhältnisse zu gesellschaftlichen Erfolgen gebracht hat, die von reichen kapitalistischen Ländern nicht vorgelegt werden. Der erzeugte Reichtum wurde auch für Bildung, Gesundheit und Kultur verwendet, Bereiche, in denen heute kein Geld mehr da ist. Das Volk hatte vielleicht kein demokratisches Mitspracherecht – was in einer Mangelgesellschaft natürlich sehr schwer ist –, aber wir haben mehr im Sinne des arbeitenden Volks gehandelt, als es das heutige System zulässt.

sf: Sie hatten als Mitglied des ZK Einblick in die Mechanismen der DDR. Kurz und knapp: Warum ist das Modell DDR tatsächlich gescheitert?

E.H.: Die Zeit war zu kurz und die Bedingungen nicht angemessen, um angesichts der Übermacht der Gegenseite sozialistische Prinzipien zur Geltung zu bringen. Auch gab es viel zu viele Illusionen darüber, was der Sozialismus in welcher Zeit erreichen kann.

Die Unbeständigkeit der Erinnerung

sf: Aus empirischen Studien weiß man, dass die meisten Deutschen bereits realisiert haben, dass sie in einer in vielen Punkten entdemokratisierten Demokratie leben und sie mit dem System unzufrieden sind. Welche Gründe dafür würden Sie hervorheben, dass keiner etwas daran ändern will?

E.H.: Demokratie ist eigentlich, wie Oskar Lafontaine immer wieder betont, eine Anti-Demokratie, da in vielen Belangen offen gegen die Meinung des Volkes regiert wird. Das ständige Erleben einer Regierung, die entgegen meinen Interessen handelt, die Reiche immer reicher und Arme immer ärmer macht, mündet auf Dauer in politischer Resignation der Bevölkerung. Vor jeder Wahl wird von allen Parteien ein Politikwechsel proklamiert. Nichts oder das Gegenteil passiert. Hinzu kommt allerdings eine tagtäglich mit allen Mitteln perfekt betriebene Gehirnwäsche, die verleugnet und verfälscht, was heute notwendig und möglich ist. Dass eine grundsätzliche praktische Alternative nicht in Sicht ist, darin sehe ich die Hauptbremse des Willens, etwas zu ändern.

sf: Im kapitalistischen Wirtschaftssystem werden Menschen zu Kunden und soziale Leistungen, öffentliche Güter und Rechte (auf Arbeit, Bildung etc.), die selbstverständlich sein müssten, immer mehr zu Waren, die bezahlt werden müssen. Manch einer sehnt sich nach dem Sozialismus vergangener Tage. Ist eine Demokratie im eigentlichen Sinne, mit demokratisierten Eigentumsverhältnissen und dezentraler Machtausübung, überhaupt denkbar?

"Denkbar ist alles"

E.H.: Denkbar ist alles! Was unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts, nach allen historischen Erfahrungen unter ‚Demokratie im eigentlichen Sinne’ zu verstehen ist, wäre in aller Öffentlichkeit zu diskutieren. Ob die vielen demokratischen Vorstellungen, Hoffnungen und Ideale zu realisieren sind, hängt meiner Überzeugung nach davon ab, ob es gelingt, eine Änderung des politischen Kräfteverhältnisses herzustellen, die ich als Voraussetzung dafür ansehe, Interessen des Volkes zum obersten Maßstab politischer Entscheidung zu machen. Ohne Änderung der Machtverhältnisse hat reale Demokratie als grundlegende politische Verfasstheit einer gesamten Gesellschaft wenig Chancen. Regierungs-, Politik- und Machtwechsel sind verschiedene Dinge! Andererseits führt kein Weg an der Erkämpfung demokratischer Rechte hier und heute vorbei.

Ist die Mauer im Kopf noch immer da?

sf: Wirtschaftslobbyismus, Föderalismus, Bürokratie: Ist eine Gesellschaftsform, in der die kurzfristigen ökonomischen Interessen einzelner Industrieller den Ton der Politik angeben, noch re-demokratisierbar?

E.H.: In einem Bericht des Club of Rome* wurde schon vor Jahren die These vertreten, dass die parlamentarische Demokratie in bestimmter Hinsicht an Grenzen gelangt ist. Jeder Politiker, der die Perspektive hat, für vier oder fünf Jahre ein Amt auszuüben, ist damit überfordert, an Interessen zu denken, die diesen Zeitraum um ein Vielfaches überragen. Diese objektive Schranke verhindert eine Reformierung des parlamentarischen Systems, dem zu Recht nachgesagt wird, von der Wirtschaft, genauer gesagt, von den wirtschaftlichen Interessen der Mächtigen diktiert und mithin entmachtet zu werden.

sf: Vielen Dank für das Gespräch!

* Diese internationale Vereinigung von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik beschäftigt sich seit 1968 mit weltpolitischen Fragen.

Ausgabe 2, Januar 2010

Dr. Birgit Möckel

Für den strassenfeger sprach Marcel Nakoinz mit der Kunsthistorikerin Dr. Birgit Möckel (51), welche die Ausstellung kuratiert. Möckel studierte Kunstgeschichte und Geschichte, sowie Literaturwissenschaft im Nebenfach in Karlsruhe und München. Sie promovierte über das amerikanische Werk von George Grosz und arbeitet nun seit gut zwanzig Jahren als freie Autorin, Dozentin und als Kuratorin diverser Ausstellungsprojekte vorwiegend zeitgenössischer Kunst.

strassenfeger: Was bewegte Sie dazu, Kuratorin zu werden?

Birgit Möckel: Ich habe mein Kunststudium tatsächlich nicht mit dem Hintergedanken begonnen, später einmal freiberuflich als Kuratorin zu arbeiten. Aber durch die Projekte, die ich im Laufe der Zeit anging, ergab sich das automatisch, durch eine Art von ‚learning by doing’. Nach dem Studium folgte ein wissenschaftliches Volontariat an der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Hier habe ich von der Pike auf gelernt, Ausstellungen zu organisieren. Speziell bei dieser Ausstellung war es zum Beispiel so, dass ich vor zwei Jahren bereits an einer Ausstellung über Grosz mitarbeitete und die Idee bekam, so etwas auch in Berlin zu realisieren.

sf: Was ist dabei Ihre Hauptaufgabe als Kuratorin?

B.M.: Vorwiegend besteht sie in der Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstlern, was das Verfassen von Artikeln und anderen Beiträgen in Ausstellungskatalogen und Ähnlichem angeht. Dafür lerne ich auch die Künstler bei ihrer Arbeit im Atelier kennen und nähere mich so ihrem Werk an. Als Kuratorin ist man natürlich auch stark in alle organisatorischen Prozesse einer Ausstellung eingebunden.

sf: Können Sie das explizieren? Wie lange dauerte zum Beispiel die Planung für die aktuelle Ausstellung?

B.M.: Von der Idee bis zur Realisierung verging ziemlich genau ein Jahr. Der ganze Prozess ist sehr zeitaufwändig und kostet viel Geld. Alle Exponate müssen konservatorisch begutachtet und dokumentiert werden, Passepartouts und neue Rahmen müssen gefertigt werden. Für diese Ausstellung wurde zudem eine ganz spezielle Architektur von Simone Schmaus, der Ausstellungsarchitektin der Akademie, entworfen. Dabei stand die Idee im Vordergrund, die Verbindung der Grosz’schen Werke zur Öffentlichkeit durch eine Art ‚Schaumagazin’ zu visualisieren, in denen die Werke in Werkgruppen zusammengefasst werden.

sf: Wie organisiert man eine Ausstellung?

B.M.: ‚Korrekt und anarchisch’ – könnte man kurz, den Titel der Ausstellung aufgreifend, sagen. (Sie lacht.) Das fängt bei der umfangreichen Sichtung des künstlerischen Werkes in den Archiven an – gerade in Berlin gibt es hierzu einen unglaublichen Fundus – und geht bei der Schwerpunktfestlegung einer möglichen Ausstellung weiter. Es muss bedacht werden, welche Exponate restauratorisch und konservatorisch überhaupt ausstellbar sind. Im Verlaufe der Recherche findet man dann oft auch verborgene Schätze oder es eröffnen sich nie gedachte Zusammenhänge im Oeuvre eines Künstlers. Allein für diese Ausstellung habe ich über 800 Objekte in eine Datenbank eingegeben und nach einer Vorauswahl mit der Sichtung der Exponate in den Archiven begonnen. Als roten Faden, der die Ausstellung durchzieht, wählte ich in dieser Ausstellung Grosz’ Collagetechnik, die er sein Leben lang beibehielt.

sf: Wie umfangreich sind die Archive der AdK und wo befinden sie sich?

B.M.: Die Archive der AdK sind sehr umfangreich und befinden sich an den verschiedenen Standorten der Akademie innerhalb Berlins, u.a. am Robert-Koch-Platz, in der Luisenstraße, wo die Kunstsammlung untergebracht ist, am Spandauer Damm und am Hanseatenweg.

Die Kuratorin Möckel

sf: Können Sie Grosz’ Montagetechnik etwas genauer erläutern?

B.M.: Sie ist etwas sehr Typisches für Grosz und kehrt als Technik immer wieder in seinem künstlerischen Schaffen zurück – von den frühen Dada-Montagen, über collagierte Postkarten an seine Freunde bis hin zum letzten Werkkomplex, den um 1958 in Amerika entstandenen Collagen. Ein besonderes Augenmerk liegt in der aktuellen Ausstellung auch auf seinen frühen Werken, die hier zum ersten Mal in einer gewissen Breite gezeigt werden und anschaulich zeigen, wie Grosz schon früh begann, ganz bestimmte Typen seiner Mitmenschen genau zu studieren und ihr Wesen darzustellen. Die für bestimmte Gesellschaftsschichten repräsentativen ‚Charakterköpfe’ platzierte er immer wieder in neuen Gesamtzusammenhängen.

sf: Frau Möckel, schon Ihre Dissertationsarbeit befasste sich mit George Grosz. Woher kam dieses Interesse?

B.M. (lacht): Zunächst hegte ich während meines Studiums einfach den Wunsch, nach Amerika zu gehen, und suchte ein Thema, welches sich damit sinnvoll verknüpfen ließ. Durch meinen späteren Doktorvater Wolfgang Hartmann hatte ich mich kunsthistorisch schon auf die zwanziger Jahre des vergangen Jahrhunderts spezialisiert und Grosz zählt nun mal zu einem der bedeutendsten Vertreter dieser Zeit. Damals gab es viel Literatur über diese Künstler, aber die Exilforschung zu den dreißiger Jahren steckte noch in den Kinderschuhen. So lag die Idee nahe, in Amerika nachzuforschen, was aus George Grosz geworden war. Dann habe ich über eine Galeristin Kontakt zu Grosz’ Sohn aufgenommen und dieser war begeistert von meiner Idee.

sf: Was war der Anlass der Ausstellung?

B.M.: Anlass zur archivarischen Beschäftigung war ganz klar der 50. Todestag George Grosz’ im vergangenen Jahr. Zwar startet die Ausstellung nun leider nicht mehr 2009, aber da stehen wir ja in einer gewissen Tradition, da die Ausstellung zum 100. Geburtstag auch erst am 101. Geburtstag realisiert wurde. Wichtig ist, dass der Künstler, der außerordentliches Akademiemitglied war, geehrt wird. Außerordentliches Mitglied war er deshalb, weil er zu dem Zeitpunkt der Ernennung schon Amerikaner war und Ausländer zu der Zeit nicht normale Mitglieder der Akademie werden konnten.

sf: Was bewegte Grosz, nach Amerika auszuwandern, wenn er doch am politischen Leben Deutschlands teilhatte?

B.M.: Grosz war schon immer Amerikaenthusiast. 1932 bekam er die Chance, in New York an der ‚Art Students League’ zu lehren. Da er in Deutschland, wo sich die politische Spannung in der Vorkriegszeit erhöhte, auf lange Sicht keine Möglichkeit sah, wie gewohnt weiter arbeiten zu können, zog er mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Amerika. Er gehörte zu einem der ersten Künstler, deren Ateliers nach der Machtergreifung Hitlers durchsucht wurden. Er ist früh genug gegangen, um sich in Amerika eine neue Existenz aufzubauen, was in der Zeit der Rezession nicht einfach war. Obwohl dort ein anderer Stil gefragt war und er weiterhin das politische Leben Europas thematisierte, stellte Grosz u.a. im ‚Museum of Modern Art’ in New York und den ganzen USA aus. Dabei wurde er aber nie finanziell erfolgreich.

sf: Inwieweit war Grosz anarchisch und inwieweit war er korrekt? Wie geht das zusammen?

B.M.: Er war ein sehr korrekter Mensch. Anarchisch war er in dem Sinne, dass er sich nicht politisch hat vereinnahmen lassen. Er war zwar Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) gewesen, wurde aber nach einer Russlandreise 1922 von jeglichen kommunistischen Träumen bekehrt. 1923 ist er dann wieder aus der KPD ausgetreten und hat zwar schon in politischen Zeitungen wie der ‚Pleite’, dem ‚Knüppel’ oder dem ‚Blutigen Ernst’ publiziert. Er hat sich aber nicht lange parteipolitisch engagiert, sondern für seine humanistischen und moralischen Überzeugungen und mehr Menschlichkeit gekämpft. Für ihn war klar, dass totalitäre Systeme links oder rechts sein können und deshalb war für ihn jeglicher Dogmatismus ein Feindbild. Er war ein Freigeist und mit Erich Mühsam, dem Anarchisten per se, befreundet. Für Grosz waren Anarchisten diejenigen, die Freiheit und Unabhängigkeit für den Menschen wollten. In diesem Sinne verstand er sich selbst als Anarchisten und wurde auch so verstanden. Ein Zeitgenosse, Max Herrmann-Neisse, nannte Grosz einmal ‚ wesensverwandt’, weil sie beide ‚korrekt und anarchisch’ gewesen seien. Im Hinblick auf die Folgen des aufkommenden Faschismus stellte sich Grosz auch selbst als Warner mit erhobenem Zeigefinger dar. In seiner Zeichnung ‚Siegfried Hitler’, in welcher er Hitler in ein Bärenfell gehüllt darstellte, warnte er früh vor barbarischen Zeiten.

sf: Frau Möckel, vielen Dank für das interessante Gespräch!

Ausgabe 2, Januar 2010

Thorsten Dönges

Berlin-Wannsee. Die Nachmittagssonne scheint mild. Ein junger Redakteur wetzt eine Straße nach der anderen entlang, an denen mitunter seltsame Häuser stehen. Eines davon hat als Briefkasten eine Adonisstatue aus Marmor, die einen goldenen Motorradhelm an der Taille trägt. Die selbst verschuldete Joggingeinlage endet vor einer prächtigen Villa aus rotem Backstein. Drinnen begrüßt mich Thorsten Dönges, Mitverantwortlicher für das Programm im LCB. Der junge Herr mit adretter Lesebrille und offenem Lächeln besichtigt mit mir daraufhin das traditionsreiche Anwesen.

In der Tradition der Torpedos
Diese Mauern beherbergten schon ein Casino, ein Hotel und eine Versuchsstation der Marine, wo man – statt an Lyrik – an einer Ein-Mann-U-Boot-Waffe tüftelte.
Die literarische Ära begann mit einer Veranstaltungsreihe, die Walter Höllerer an der Technischen Universität Berlin im Wintersemester 1959/60 ins Leben rief. Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger zählten zu den ersten Gästen in Höllerers „Institut für Sprache im technischen Zeitalter“ – damals noch in der Kongress-halle (heute: Haus der Kulturen der Welt). Als Walter Höllerer 1963 das LCB gründete, „entwarf er es als zentralen Punkt auf der Landkarte der deutschsprachigen Literatur“, wie Hans-Joachim Neubauer einmal bemerkte. Ermöglicht wurde dies alles zunächst durch Mittel der Ford-Foundation, aus der das mittlerweile umzäunte und wirtschaftlich angeschlagene Westberlin Unterstützung erhielt, um weiterhin in Kultur investieren zu können.

Mehr als eine Lesebühne
Jetzt betreten wir den großen Saal. Hier finden im Monat gut zehn öffentliche Veranstaltungen statt. Vor allem durch die Lesungen verbinden die meisten Berliner mit dem LCB einen Ort des Gesprächs über Literatur. AutorInnen wie Ingeborg Bachmann, Ernst Bloch, Wilhelm Emrich und Günter Bruno Fuchs hielten hier schon Vorträge. Hierin erschöpft sich die Bandbreite des Hauses jedoch noch längst nicht. Heute ist das LCB Gästehaus (elf Zimmer stehen für Autoren, Übersetzer und Stipendiaten bereit), Tagungsstätte und Akademie in Einem.

Anwesen des LCB in Berlin-Wannsee

Der Trägerverein des LCB wurde mit der Leitidee gegründet, „Wissenschaft und Kunst zu fördern“ und „Beiträge zur Volkserziehung“ zu liefern. Das geschieht seit jeher durch die Vermittlung von Begegnungen und Gesprächen zwischen Autoren, Übersetzern, Kritikern, Verlegern und LeserInnen. Zudem spielen die Organisation von Autorentreffen, Übersetzerförderung und die Vergabe von Schriftsteller-Stipendien eine gewichtige Rolle im Selbstverständnis des Vereins, als Schnittstelle der Autorenförderung. Es geht hinter den holzgetäfelten Kulissen um das Reflektieren des Schreibens und Lesens, um Produktion, Vernetzung und konstruktive Kritik. In den „Werkstätten“ des LCB wie der „Autorenwerkstatt Prosa“ besprechen junge AutorInnen ihre noch unveröffentlichten Manuskripte in kleinen Gruppen, unter Anleitung von erfahrenen KollegInnen, die in der Vergangenheit auch schon mal Günter Grass hießen. Aktuell stellen am 31. März wieder neun AutorInnen ihre Ergebnisse im LCB vor.

Der Kunst verschrieben
Mittlerweile laufen wir vor der Villa den Abhang des baumgesäumten Vorgartens mit Blick zum See auf verschlungenen Pflastersteinwegen hinunter. Auch zu Zeiten des Kalten Krieges, so erfahre ich, pflegte man am Wannsee den Austausch mit Autoren aus Osteuropa und bewies damit, dass Kunst keine eisernen Vorhänge kennt. Das ist es, worum es im LCB und speziell in den Werkstätten geht: Literatur als Kunst, ohne die Verkaufsmargen im Hinterkopf haben zu müssen.

Gegen Ende des Rundgangs resümiert Dönges, dass es in den letzten Jahren einen durchaus positiven Wandel in der Wahrnehmung deutschsprachiger Gegenwartsliteratur gibt. Außer einigen Ausnahmen wurde nach den großen Heroen der Vergangenheit kaum etwas international rezipiert. Mittlerweile steigt die Neugier wieder und man interessiert sich für deutsche Literatur. Das sieht man auch an neuen Wettbewerben wie dem Deutschen Buchpreis und dem Preis der Leipziger Buchmesse. Das LCB organisiert auch mehrere international angesehene literarische Wettbewerbe, so etwa den Alfred-Döblin-Preis.

Ausgabe 07, März 2009

kzente.de

Sparkassen-Kampagne

Der Eingang zur Zentrale der Landesbank Berlin am Alexanderplatz macht einen eher unscheinbaren Eindruck. Ganz anders kommt schon das Foyer daher: Auf dem Weg zum Pförtner schreitet man über edle kaffeebraune Bodenfliesen, die Sitzgruppen in der Ecke erinnern an eine noble Lounge, futuristisch anmutende eierförmige Lampen und schwarze Ledersessel in Chromgestellen machen viel her. Vorbei an einem zwölf Meter langen Ölgemälde, das der Geschichte des Geldes gewidmet ist, gelangt man mit einem der vier Fahrstühle in das Büro von Kai Uwe Peter, dem Geschäftsführer des Berliner Sparkassenverbandes. Er hat Philosophie und Geschichte studiert und kam nach seiner Tätigkeit als Unternehmensberater zur Berliner Sparkasse. Bei einer Tasse türkischen Tees sprach Marcel Nakoinz für den strassenfeger mit ihm über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Berliner Sparkasse.

strassenfeger: Herr Peter, was sind die Aufgaben des Sparkassenverbandes?
Kai Uwe Peter: Die Aufgaben in unserem Hause bestehen im Wesentlichen aus der bundesweiten Vertretung im Sparkassengremium, der Koordination von Projektarbeit mit anderen Sparkassen und der Unterstützung des Geschäfts der Landesbank Berlin mit den einzelnen Sparkassen.

sf: Ist Ihre Bank die größte der Hauptstadt?
K.P.: Ja und das schon seit vielen Jahren. Jeder zweite Berliner ist unser Kunde, also ca. 1,9 Millionen Menschen. Wir sind immer schnell erreichbar, an 188 Filialstandorten.

sf: Was macht die Berliner Sparkasse mit den Geldern ihrer Kunden?
K.P.: Das richtet sich nach dem klassischen Sparkassenprinzip: Die Gelder, die wir aus der Region als Einlagen bekommen, vergeben wir auch in der Region als Kredite.

sf: 2006 vollzog sich die Umwandlung der Landesbank Berlin in eine Aktiengesellschaft. Wie viel „BERLIN“ steckt denn noch in der Berliner Sparkasse?
K.P.: Das ist eine schöne Frage. Die Antwort ist: 100 Prozent.

Kai Uwe Peter

sf: Welche sozialen Projekte unterstützen Sie?
K.P.: Das gesellschaftliche Engagement der Berliner Sparkasse und der Landesbank Berlin ist vielseitig. Bereits seit vielen Jahren betreuen wir z. B. das Projekt: „CidS“, durch das wir Schulen mit Computern ausrüsten und auch gleich den richtigen Umgang mit dieser Technik erklären. Dann haben wir da eine Vielzahl von Aktivitäten unter der Überschrift: „Knax“, mit denen wir Kinder an den Umgang mit Geld heranführen. Diese erzieherische Funktion wird noch unterstützt durch die Initiative „Partner für die Schulen“. Hier vermitteln wir unter anderem Ansprechpartner und Experten für die Unterrichtsgestaltung. Ich könnte noch viele Projekte aufzählen. Die Palette reicht von Bildung über Wirtschaft, Wissenschaft bis hin zur Kultur.

sf: Worauf liegt Ihr geschäftlicher Fokus, wenn Sie sich doch von privaten Banken dadurch unterscheiden, dass die „Erzielung von Gewinnen nicht der Hauptzweck des Geschäftsbetriebes“ ist?
K.P.: An zwei Stellen unterscheiden wir uns ganz eindeutig. Das ist der öffentliche Auftrag, dem wir seit fast 200 Jahren verpflichtet sind, und das sind die Werte, die das Verhältnis zu unseren Kunden bestimmen – allen voran Sicherheit, Fairness und Nähe. Wir sind ausdrücklich die Bank für alle Bevölkerungsschichten.

sf: Was genau findet sich vom ursprünglichen Auftrag in der heutigen Firmenphilosophie Ihrer Bank wieder?
K.P.: Ursprünglich haben wir 1818 als Armenkasse begonnen. Für Privatpersonen war die Sparkasse damals die erste und einzige Möglichkeit, ihr Geld sicher zu verwahren. Das galt auch und insbesondere für kleine Summen. Dieser Tradition fühlen sich die Sparkassen noch heute verpflichtet. Aber nehmen wir den Wortlaut des besagten Auftrags: Er lässt sich eins zu eins in unsere heutige Geschäftssprache übersetzen. Dort heißt es: „Um den hiesigen Einwohnern Gelegenheit zu geben, ihre kleinen Ersparnisse zinsbar und sicher unterzubringen [= sparen], und ihnen dadurch behilflich zu sein, sich ein Kapital zu sammeln [=Vorsorge], welches sie bei Verheiratungen, Etablierung eines Gewerbes [= Existenzgründung], im Alter [= Rente] oder in Fällen der Not [= Versicherungen] benützen können.“

sf: Ist mein Geld angesichts von Wirtschaftskrise und Inflation überhaupt noch sicher?
K.P.: Insbesondere bei uns – ja! Wir haben ein hochstabiles Geschäftsmodell und zudem mit der Sparkassen-Finanzgruppe noch einen starken Verbund. Wie Sie Ihr Erspartes vor der Inflation schützen, besprechen Sie am besten mit einem unserer Berater vor Ort.

sf: Herr Peter – Vielen Dank für das Gespräch!

Ausgabe 06, März 2009

Wer kennt sie nicht, die befremdlich kurze Antwort aus der Feder Douglas Adams, auf die Frage, die die Menschen schon ungefähr solange beschäftigt, wie sie Kunst, Sinnlichkeit und Schnaps für sich entdeckt haben. In seinem ersten Roman aus der „Per Anhalter durch die Galaxis“-Reihe, stellen hochintelligente Wesen einer fremden Welt den zweitintelligentesten Computer des Universums her: „Deep Thought“ (Tiefer Gedanke). Seine Antwort auf die Frage nach dem „Leben, dem Universum und Allem“, die er nach siebeneinhalb Millionen Jahren Rechenzeit ausspuckt, ist jedoch wenig erbaulich. Sie lautet schlicht: „Zweiundvierzig“. Adams führt hier den spannenden Gedanken ein, dass wir vielleicht nie eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage aller Fragen erhalten haben, weil schon die Frage falsch gestellt ist. Allein – dass wir sie stellen, dafür hat Adams eine ganz spezielle Erklärung. Als die hochintelligenten Wesen den Computer mit den Ausmaßen einer Kleinstadt nun nach der korrekten Frage zur Antwort fragen, meint der nur, dass es seine Fähigkeiten übersteigen würde und er den Bauplan zu einem noch intelligenteren Computer von der Größe eines Planeten bereitstellen würde, den er „Erde“ tauft.

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Der douglasche Sinn des Lebens

Die Philosophen und solche, die es werden wollen…

…haben sich seitdem alle Mühe gemacht, dieses Programm zu erfüllen. Denn solange der Mensch sich Fragen stellt, fragt er sich, warum er ist. Die meisten US-Amerikaner begnügen sich hier mit der Antwort: „Gott“. Wobei manche (wie Tom Cruise) glauben, auch mit ihm zu frühstücken. Aber schließen Antworten nicht die Türen zu Welten, welche die Fragen geöffnet hatten? Terry Eagleton fragt in seinem Buch über den Sinn des Lebens: Sind Begriffe wie „Sinn“ und „Leben“ überhaupt aufeinander anwendbar? Schließlich haben nur unsere sprachlichen Ausdrücke Sinn und nicht das Leben als solches. Selbst wenn alles oberflächlich und sinnlos erscheint, so kann das Leben nicht sinnlos sein. Da die Vorstellung von Oberfläche nur existieren kann, wenn es auch Tiefe gibt. In diesem Sinne war Ludwig Wittgenstein auch der Überzeugung, dass viele philosophische Rätsel auf einem falschen Gebrauch von Sprache beruhen. Martin Heidegger ging sogar noch einen Schritt weiter und fragte sich, warum es überhaupt etwas gibt und wieso wir das erkennen können. Er kam zu dem Schluss, dass diese Art des Fragenkönnens spezifisch für unsere Art ist, in der Welt zu sein.

Überall 42

Überall 42

Staunen über das Leben

Theatertragödien stellen sich die Frage aller Fragen schon seit der griechischen Antike und kamen dabei nie zu einem positiven Ergebnis. Sinnloser erschien das Leben nur nach den beiden Weltkriegen. Aber auch sonst stellt sich für den einzelnen Menschen nach den großen Kränkungen der Menschheit durch Kopernikus, Freud, Darwin und die Hirnforscher heute ein gewisser Sinnverlust ein. Physiker erklären unser Dasein zudem durch puren Zufall und Sternenstaubablagerungen. Biologen reduzieren alles auf die Fortpflanzung. Aber wie kann der Sinn der menschlichen Existenz in der Fortpflanzung liegen, wenn wir gerade einmal zehn Mal so viele Gene haben wie die Bakterien in unserem Darm? Sind wir nicht mehr als nur wandelnde Inkarnationen der Begattungstriebe unserer Eltern? Mehr als eine zufällige Aneinanderreihung chemischer Aktivitäten von Proteinen? Macht das Menschsein nicht mehr aus als das bloße Überleben? Schon Immanuel Kant sah dieses Problem, weshalb er die „Kritik der Urteilskraft“ schrieb, um sich Ästhetik, Kultur und unseren Gefühlen zu widmen.

Ist es denn überhaupt nötig, EINE Antwort zu finden?

Sind nicht vielleicht alle Antworten Teile eines gewaltigen Puzzles? Für die einen wäre das Leben ohne Fußball sinnlos.

Die Antwort ist klar

Die Antwort ist klar

Andere kommen nicht ohne Zitroneneis aus. Vielleicht besteht der Sinn des Lebens ja einfach im Leben selbst. Es zu „leben“! Es mit allen Sinnen aufzusaugen. Menschen zu treffen, die anderer Meinung sind als man selbst. Erst unsere Begegnungen bringen schließlich Farbe in unser Leben. Wohin sind die Dadaisten verschwunden, die uns unserer kleinbürgerlichen Illusionen beraubten, wir könnten dem Sinn des Lebens irgendwann auf der Straße begegnen?

Ein zu weites Feld?

Und die Psychologen, Neuro- und Evolutionsbiologen mit ihren Jäger-Sammler-Geschichten, die sie nach jeder Dekade über den Haufen werfen, weil sie neue Erkenntnisse zu finden glauben? Die sollen ruhig weiter versuchen, Fragen zu beantworten, die sich weit über ihre Befugnisgrenzen erstrecken! Was wäre denn, auch wenn wir auf alle Fragen eine Antwort hätten? Wir würden vor Langeweile eingehen – wie Schneeglöckchen vorm Kamin. Vielleicht ist gerade „Zweiundvierzig“ die zufriedenstellendste Antwort, die wir erwarten können und sollten.

„Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden des Problems.“ -Wittgenstein

Ausgabe 05, März 2009

Johanniter im Einsatz

Johanniter im Einsatz

Neulich staunte ich nicht schlecht, als ich einem Herrn die Tür öffnete, der sich dazu entschlossen hatte, bereitwillig meine Klinke zu putzen. An der roten Uniform erkannte ich schnell, dass es sich nicht um einen Vertreter für Klingeltöne oder Staubsaugerbeutel handelte, sondern um jemanden, der um Mitglieder und Spenden für die „Johanniter“ in Berlin warb. Neugierig geworden, ergab meine erste Recherche, dass die JUH im Jahre 2007 nicht nur unglaubliche 500.000 Notfalleinsätze in Deutschland (davon 10.000 in Berlin) fuhren, sondern die Hilfsorganisation sogar in meinem Heimatdorf tätig ist; seitdem sie im August letzten Jahres die Trägerschaft für den Kindergarten und den Hort im Cottbusser Stadtteil Groß Gaglow, in dem ich meine Kindheit zubrachte, übernahm. Grund genug also für einen Besuch!

Die JUH ist das größte Ordenswerk des 1099 in Jerusalem gegründeten Johanniterordens. Diese evangelische Hilfsorganisation wurde im Jahre 1952 gegründet – als Reaktion darauf, dass zu Beginn der fünfziger Jahre die Anzahl von Verkehrsunfällen dramatisch angestiegen war. Kein Wunder also, dass die meisten Menschen auch heute noch, wenn sie an die „Johanniter“ denken, speziell die Unfallhilfe im Sinn haben. Dabei erschöpfen sich die Einrichtungen dieser großen, aus ehrenamtlichen Aktivitäten entstandenen Organisation hierin noch lange nicht.

Einsatzwagen der JUH

Einsatzwagen der JUH


Gut organisiert ist halb geholfen

Die JUH gliedert sich in neun Landesverbände, die sich bundesweit in mehr als 200 Regional-, Kreis- und Ortsverbänden aufteilen. Mit mehr als 11.000 Arbeitnehmern, 26.000 ehrenamtlichen Helfern und rund 1,5 Millionen Fördermitgliedern gehört die Hilfsorganisation zu den größten Deutschlands. Allein im Regionalverband Berlin arbeiten hier 160 Festangestellte, die durch ca. 280 aktive Ehrenamtliche und 180 Johanniterjugendliche unterstützt werden. Letzteres ist besonders interessant: An dreizehn Schulen bietet die JUH bereits Sanitätsdienstschulungen an: „Die Kinder haben dann das Wissen, um im Falle eines Falles die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes durch professionelle Erste Hilfe überbrücken zu können“, so Frau Steckler-Meltendorf vom Regionalvorstand im Regionalverband Berlin, die seit 1991 bei den „Johannitern“ ist.

Regionalverband der JUH in Berlin

Regionalverband der JUH in Berlin

Weitere Aufgaben der JUH sind neben Rettungsdienst, Krankentransport, Erste-Hilfe-Ausbildung und einem eigenen ambulanten Pflegedienst, auch betreutes Wohnen, ein Hausnotrufdienst und der Menüservice. Hinzu kommen soziale Dienste wie etwa die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, sowie humanitäre Hilfe im Ausland. Denn die „Johanniter“ sind international tätig. Vermittels Orden in anderen Ländern (Großbritannien, Finnland, Ungarn, Österreich usw.), werden auch zu Katastrophen außerhalb der Einzugsgebiete des Ordens, mit Absprache des Auswärtigen Amts, Kräfte entsandt.

Soziale Projekte und Hilfe in Berlin und Umgebung

Seit drei Jahren betreibt der Regionalverband Berlin den Jugend- und Freizeitklub „Die Insel“ in Berlin-Friedrichshain – als einen Übergangspunkt für das Kinder- und Jugendwerk „Die Arche e.V.“, der nur durch Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert wird. Im kalten Winter 2006 haben die Johanniter für Obdachlose ein Kältezelt vor der Gedächtniskirche aufgestellt und diese mit dem Nötigsten versorgt. Doch um ein Projekt wie dieses zu realisieren, muss man tatsächlich einige bürokratische Hürden überwinden. Denn selbst wenn man nur ehrenamtlich helfen möchte, darf man nicht einfach so in Berlin ein Zelt aufschlagen. Doch hauptsächlich sieht der Verband seinen Beitrag für die schlechter gestellten Menschen in Berlin sowieso eher in der Rettungshilfe. Marco Barz, seines Zeichens Leiter des Rettungsdienstes in Berlin, sagt dazu: „Bei praktisch jedem zweiten Einsatz fahren wir zu Obdachlosen und sozial Schwachen.“ Der Grund dafür liegt nahe: Die drei Rettungswachen, in denen die „Johanniter“ mit je einem Rettungswagen stationiert sind, liegen in Berliner Bezirken, die für ihre sozialen Brennpunkte bekannt sind: Kreuzberg, Friedrichshain und Charlottenburg.

Egal, ob die Berliner „Johanniter“ das 14. Weihnachtsessen im Estrel-Convention-Center 2008 – wie in jedem Jahr – sanitätsdienstlich absichern oder wie im vergangenen Jahr zum ersten Mal den Berlin-Marathon: Immer geht es darum, Menschen in Notsituationen schnell und kompetent zu helfen. In Prenzlau und Oranienburg unterhalten die Johanniter zudem Obdachlosenhäuser, in denen Menschen in akuten Notsituationen eine fachmännische und von Sozialarbeitern betreute Zuflucht bereitsteht.

Ordensfahne der JUH

Ordensfahne der JUH

Zusammen hilft sich’s besser
Für den sorgsamen Umgang mit Spendengeldern bürgt das DZI-Spendensiegel, das den Johannitern von Anfang an und ohne Unterbrechung zugesprochen wird. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen verleiht sozialen Organisationen dieses Siegel nur, wenn sie eine sparsame und seriöse Verwendung der Spendengelder nachweisen können.

Spendenkonto:
Kontonr.: 43 43 43 43
Bank für Sozialwirtschaft
BLZ 370 205 00
Bitte füllen Sie auch den Verwendungszweck mit einem Stichwort aus.
siehe: http://www.johanniter.de

Ausgabe 04, Februar 2009

Verfasst von: marcelnakoinz | 5. Dezember 2009

BIO macht süchtig!

Bio ist „In“, Bio ist schick, aber ist Bio immer Bio? Was gibt es zu beachten und was ist wirklich drin? Auf der Suche nach Antworten traf sich Marcel Nakoinz für den strassenfeger mit Werner Schauerte (50, Diplompolitologe) in der ehemaligen Garde-Dragoner-Kaserne am Berliner Mehringdamm. Herr Schauerte führt gemeinsam mit Ludwig Rieswick die Geschäfte der LPG-Biomarkt GmbH. Unter anderem betreibt die LPG in Berlin den größten Biomarkt Europas.

strassenfeger: Wie kamen Sie auf die Idee, eine Biomarktkette zu gründen?

Werner Schauerte: Bis zu meinem fünfunddreißigsten Lebensjahr hatte ich nie regelmäßige Arbeit. Ich habe für den Senat gearbeitet, war LKW-Fahrer und auch Journalist bei der „taz“. Über Freunde hörte ich dann im Februar 1994 von einem Bioladen in Kiel, den ich mir sogleich ansah. Das Konzept faszinierte mich und im April desselben Jahres eröffneten wir einen eigenen Markt in Berlin.

Werner Schauert

Werner Schauerte

sf: Bleibt die Nachfrage nach Bioprodukten stark oder geht sie zurück? Welche Gründe sehen Sie dafür?

W.S.: Allgemein wird in Deutschland die Nachfrage nach BIO noch weiter steigen. Das liegt nicht daran, dass die Deutschen gesundheitsbewusster wären als die anderen Europäer, sondern daran, dass wir in Deutschland von einem sehr geringen Biolebensmittel-Niveau ausgehen – im Vergleich zu konventionellen, industriell hergestellten Lebensmitteln. Da sind ordentliche Wachstumsraten kein Wunder. Als wir anfingen, betrug der Anteil von Biowaren auf dem Markt 1,5%. Dann hat es irgendwann diesem Bioboom gegeben und mittlerweile liegen wir bei circa 4,5%. Im europäischen Ausland liegt der Anteil bei bis zu 10% und in den USA sogar schon weit im zweistelligen Bereich.

sf: Warum werden dann die Märkte immer noch eher als Ergänzung, denn als Ersatz für die normalen Märkte genutzt?

W.S.: Laut Umfragen können sich 60 bis 70 Prozent der Menschen, die Lebensmittel einkaufen, vorstellen, regelmäßig Biolebensmittel einzukaufen. Dass sie es bisher nicht tun, liegt einfach am Bioangebot, das vielerorts, besonders auf dem Lande, wenig bis gar nicht vorhanden ist, und daran, dass der Großteil des Wachstums von den Discoun-tern abgeschöpft wird, die jetzt auch mit der Biowelle mitschwimmen. Diese können aber nicht die Qualitätswaren eines Fachhandels haben. Biowaren in diesen Mengen gibt es einfach nicht.

sf: Ist BIO immer gleich BIO oder gibt es da Unterschiede?

W.S.: Riesen-Unterschiede! Ein Beispiel: Bei „LIDL“ gab es neulich Bioapfelsaft für 0,99 Euro. Ebenso bei der LPG. Der Unterschied besteht darin, dass der LIDL-Saft aus China kommt (dem größten Apfelsaftproduzenten der Welt), während wir unseren Saft aus der Region beziehen. Wir legen sehr viel Wert darauf, die bäuerlichen Strukturen in der Region zu erhalten. Damit meine ich keine landwirtschaftlichen Großbetriebe – die beliefern die konventionellen Supermärkte -, sondern die mittelständischen Bauern. In den normalen Märkten bekomme ich Ware von riesigen Monokulturen, die auch die Siegel tragen können, aber nur das relativ niedrigschwellige EU-Siegel.

sf: Wie kommen Sie mit den einzelnen Bauern ins Geschäft?

W.S.: Das ist unterschiedlich. Einmal bekommen wir den Hauptanteil unserer Waren von Großhändlern. Diese sprechen die einzelnen Bauern an und sammeln die Waren. Wir könnten es alleine gar nicht mehr leisten, alle einzelnen Höfe abzufahren. Aber das machen wir im Kleinen auch.

sf: Können Sie die Differenzen zwischen den Gütesiegeln allgemeinverständlich erklären?

W.S.: Das EU-Siegel ist das Mindestmaß an Bioqualität, das man haben kann. Da sind sogar noch genmanipulierte Zusatzstoffe erlaubt. Daneben gibt es noch andere Biosiegel, die in den Fachmärkten verkauft werden. Die wichtigsten sind „Gäa“, „Bioland“ und „Demeter“. Die haben sehr, sehr hohe Anforderungen, ehe man ihr Siegel bekommt. Außerdem haben sämtliche Länder, die BIO anbauen, eigene Siegel. Wie verlässlich diese sind, überprüfen auch die Großhändler.

sf: Kann man sich da so sicher sein? Gentechnisch veränderte Sojabohnen kommen als Viehfutter in das Fleisch, das wir kaufen, in Schokolade und verschiedene andere Lebensmittel. Wie viel Bio steckt eigentlich in BIO?

W.S.: Die Messmethoden sind heutzutage so fein, dass man diese Dinge schon gut rausbekommt. Außerdem stehen wir unter ständiger Überwachung des Lebensmittelaufsichtsamtes, das Stichproben in unseren Läden macht, und wir haben bisher noch nicht eine einzige Beanstandung gehabt. Nebenbei bemerkt, gibt es auch noch sensorische Prüfungen, die jeder von uns machen kann. Lecken Sie mal an der Schale einer Zitrone im Biomarkt und an einer chemisch behandelten, industriell verfertigten Zitrone. Ich verspreche Ihnen, Sie werden den Unterschied merken!

sf: Der ehemalige CEO des weltgrößten Nahrungsmittelherstellers „Nestlé“, Peter Brabeck-Letmathe, sagte einmal in einem Interview, dass fünfzehn Jahre folgenloses Genfood in den USA der Beweis seien, dass diese ganze Biomanie völliger Quatsch wäre. Ist Genfood wirklich so schlimm?

W.S.: Das Schlimme ist, dass man es nicht sagen kann. Was man weiß, ist, dass die Bauern, die sich auf genmanipuliertes Saatgut einlassen, in den Ruin getrieben werden; beziehungsweise in eine totale ökonomische Abhängigkeit geraten, weil sich genmanipu-lierte Hybridsamen nicht reproduzieren.

sf: Kann man mit der Ernährungseinsicht der Menschen ein riesiges Geschäft machen?

W.S.: Das ist wie immer im Leben: Wenn man eine gute Idee hat und auf dem Teppich bleibt, kann man gut davon leben. Wir haben in Deutschland inzwischen auch die ersten Biomarktketten, die pleite sind. Das kommt daher, dass denen der reine Kapitalismus zu Kopf gestiegen ist. Sie dachten, sie könnten jetzt auf einen Boom aufspringen und in kürzester Zeit möglichst viele Läden aufmachen. Doch wo soll das Angebot herkommen, wenn wir nur eine begrenzte Anzahl von kleineren Bauern haben? So etwas braucht Zeit.

sf: Wie steht es um die Umsatzentwicklung von BIO insgesamt? Sind solche Märkte wie in Berlin auch in anderen Städten Deutschlands möglich?

W.S.: Eher kaum. In Berlin führe ich das ganz uneitel auf die LPG zurück. Wir haben schon 1995 gezeigt, dass man BIO in größeren Mengen auf größeren Flächen verkaufen kann. Schon damals waren es 360m² mit dem zweiten Laden. Wir waren die ersten, die gesagt haben, dass BIO kein Luxusprodukt sein darf, sondern für alle da sein soll.

sf: Woher beziehen Sie Ihre Produkte?

W.S.: In der besten Zeit, im Sommer, bekommen wir etwa 40 Prozent der Frischwaren aus Berlin und Brandenburg. Überhaupt: In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wachsen die tollsten Sachen und in überragender Qualität. Aber gerade dann sind alle im Urlaub. Außerdem haben wir immer noch viel zu wenige Leute, die bereit sind, diese teuren Obst- und Gemüsesorten weiterzuverarbeiten; das heißt: Wir haben die fantastischsten Kartoffeln der Welt, aber keine Biokar-toffelchips oder Biopommes, die aus Brandenburg kommen.

sf: Warum?

W.S.: Weil die Bereitschaft von jungen Leuten, etwas zu wagen, einfach zu gering ist. Keiner kommt auf die Idee, die fantastischen Möhren aus Brandenburg in Gläser einzupacken. Das Gleiche gilt für die ganzen Tomatenprodukte usw.

sf: Worin bestehen die Vorteile, Lebensmittel aus der Umgebung zu verwenden? Würde der Verzicht auf den Anspruch, alle möglichen Sorten Fleisch und Fisch an jedem Ort verfügbar zu machen, nicht viele Probleme wie Überfischung und Massentierhaltung lösen?

W.S.: Vollkommen richtig! Das bringt mich zu einem anderen riesigen Gebiet, auf dem man ohne Ende Geld verdienen kann: Es gibt bei uns schlicht keine Aquakulturen. Das heiß: Die Fische kommen aus Israel, obwohl wir in Mecklenburg-Vorpommern die tollste Wasserqualität haben. Man muss sich wirklich fragen, warum niemand darauf kommt, das zu tun? Von der Weiterverarbeitung ganz zu schweigen. Außerdem ist es oft nicht sinnvoll, Lebensmittel zu essen, die von weiter weg kommen. Wer Honig zu sich nimmt, macht das ja nicht nur, weil es schön süß ist, sondern er will sein Immunsystem stärken. Isst man aber Honig aus den chilenischen Anden, wo Pflanzen wachsen, die hier gar nicht existieren, ist der Effekt beim nächsten Pollenflug gleich Null.

LPG Biomarkt Berlin

LPG Biomarkt Berlin

sf: Welchen Biowein trinken Sie am liebsten?

W.S.: Da muss ich eine kleine Geschichte erzählen. Früher gab es nur wenige Bioweinsorten, die kaum schmeckten. Inzwischen gibt es aber hunderte Sorten fantastischer Qualität. Natürlich ist es so, dass, wenn man Biolebensmittel nicht von Kindheit auf gewohnt ist, man sich schon etwas an das Fehlen jeglicher Geschmacksverstärker gewöhnen muss. Das Schönste für mich ist aber immer, wenn ich von Eltern höre, wie die Kinder im Urlaub nach der LPG gejammert haben, weil ihnen das Essen, egal wo sie waren, einfach nicht geschmeckt hat. BIO macht süchtig, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Ich persönlich bevorzuge den italienischen Primitivo und die spanische Rebsorte Tempramillo. Aber da ich erst mit 35 anfing, BIO zu essen, esse ich auch schon noch gerne mal eine Currywurst oder Dürümkebab. Da kommen für mich keine Bioprodukte ran. Die prägenden Jahre bekommt man eben nicht mehr raus.

sf: Herr Schauerte – vielen Dank für das offene Gespräch!

Ausgabe 03, Februar 2009

Kinderzimmer im Plattenbau

Kinderzimmer im Plattenbau

Was sind Ihre guten Vorsätze für’s neue Jahr? Mit dem Rauchen aufhören? Endlich die Gehaltserhöhung einsacken? Viele Menschen haben viel bescheidenere Ziele. Eine Arbeit finden. Mit dem ewigen Streiten in der Familie aufhören. Mehrere Kinder, wenig Geld und beengte Wohnverhältnisse münden schnell in Konflikten. Nicht selten mit negativen Auswirkungen auf die Kinder. Doch es gibt Hilfsangebote. Aus diesem Anlass sprach der strassenfeger mit der Leiterin des nach dem Umzug noch im Aufbau befindlichen Familienhilfezentrums „Kinderzimmer“ in der Hanns-Eisler-Str. 2-4. Die Diplom-Sozialpädagogin und Familientherapeutin Christina Lauruschkus, selbst Mutter einer 6-jährigen Tochter, ist seit Juli 2008 Einrichtungsleiterin der Abteilung „Familienhilfe“ bei der Pfefferwerk gGmbH.

Christa Lauruschkus

Christa Lauruschkus

Der erziehungstechnische Hilfebedarf ist tatsächlich groß. Viele Kinder haben keinen Rechtsanspruch auf einen Hortplatz, weil die Eltern arbeitslos sind. Andere gelten als schwer vermittelbar aufgrund von Aufmerksamkeitsstörungen. Oder Familien fehlt schlichtweg das Geld für eine Tagesbetreuung. Familienarmut entsteht oft durch den Mangel an qualifizierter Ausbildung der Eltern für den hochschwelligen deutschen Arbeitsmarkt. In Deutschland alleinerziehend zu sein (davon noch immer 90 Prozent Frauen), ist oft gleichbedeutend damit, in Armut zu leben, weiß Frau Lauruschkus. Aber auch das Schulwesen weist dramatische Lücken auf. Nicht nur die Kinder sollten sich an der Schule orientieren müssen, sondern auch umgekehrt. Auf ein sozial benachteiligtes Kind sollte speziell eingegangen werden. In der Praxis fliegen jedoch viele raus, die nicht in das Schema passen. Sie kommen in Sonderschulen, was den Weg in viele Ausbildungen verbaut, und so rutschen viele durch die Maschen unseres sozialen Netzes. Der perfekte Lebenslauf, den man heutzutage braucht, sieht anders aus.

Es gibt Hoffnung

Bedürftige Familien haben jedoch Anspruch auf Unterstützung bei der Erziehung ihrer Kinder. Es gibt zwar viele, die mit Behörden generell schlechte Erfahrungen gemacht haben und deshalb Ämtergänge scheuen. Davon unabhängig ist aber das „Kinderzimmer“ ein niederschwelliger Anlaufpunkt für Kinder aus dem Sozialraum rund um das Mühlenbergcenter. Man muss also keinen speziellen Antrag stellen und kann einfach anrufen. Die Kapazitäten sind jedoch begrenzt; man musste bereits eine Warteliste einrichten. Zwei feste Mitarbeiter können nicht alle Probleme des Viertels lösen, aber für 20 bis 25 Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren sind sie da. Für alle anderen aus dem Sozialraum stehen die Türen natürlich genauso offen, wenn es darum geht, die richtigen Ansprechpartner zu finden.

Simon Mattheja

Simon Mattheja

1992 wurde das „Kinderzimmer“ am Teutoburger Platz als Freizeitangebot ins Leben gerufen und entwickelte sich nach und nach zu einem sozialräumlichen Modellprojekt, in dem sich Eltern untereinander kennen lernen und einander helfen können. Das ist auch nötig, denn der Anteil der Alleinerziehenden wächst stetig. Den Kindern wird des weiteren bei ihren Problemen geholfen und ein strukturierter Tagesablauf gegeben. Als sich die Bevölkerungsstruktur vor Ort aber aufgrund der Verteuerung des Wohnraums komplett veränderte, wurden die ärmeren Familien verdrängt. So entschied man sich, in das Neubauviertel rund um das Mühlenbergcenter umzusiedeln. Anfang 2008 fand der Umzug in diesen neuen Sozialraum statt (zunächst provisorisch in einem benachbarten Freizeitheim untergebracht), seit dem 01.09.2008 in eigenen Räumen (große, zentral gelegene Ladenwohnung).

Der Tagesablauf

Die jüngeren Kinder werden von einem Mitarbeiter/in von der Schule abgeholt. Auf dem Rückweg wird mit ihnen das Essen abgeholt, das sie von der Regenbogen-Kita des Pfefferwerks bekommen. Bis 14:30 Uhr werden Hausaufgaben gemacht – mit Unterstützung der Sozialpädagogen. Dann gibt es Mittagessen, das heißt hier „Päda-gogischer Mittagstisch“. Ab 15 Uhr darf draußen Fußball gespielt und Skateboard gefahren werden, wobei die Rampen mit den Kindern selbst gebastelt werden, unter Anleitung von Simon Mattheja, einem Sozialarbeiter und ausgebildeten Tischler. Da lernen die Kids auch gleich etwas für’s Leben: „Hey! Das mit Winkeln haben wir gerade in der Schule!“

Dienstags und donnerstags dürfen sie an die neuen gespendeten Computer (schon während unseres Gesprächs standen sie dafür draußen Schlange). Mittwoch ist Ruhetag mit guten alten Gesellschaftsspielen. Neben Räumen für Hausaufgaben und Spiele gibt es bald auch einen Psychomotorikraum zur Entspannung der kleinen Energiebündel – mit fachlicher Betreuung durch eine Bewegungspädagogin. Eltern der betreuten Kinder können auf Wunsch Beratung und Unterstützung in Erziehungsfragen erhalten.

Erfolgserlebnisse bleiben dabei nicht aus. Viele werden besser in der Schule. Es gibt Rückmeldungen, dass sie sich in der Hälfte der Fächer um zwei Noten verbessert haben oder sie nicht mehr ständig vorgehalten bekommen, keine Hausaufgaben zu machen, da sie nun ihre Freizeit sinnvoll nutzen und ihre Energien derart einsetzen, dass sie in der Schule nicht mehr negativ auffallen.

Kontakt:
„Kinderzimmer“ (für Kinder und Familien
rund um das Mühlenbergcenter!)
Hanns-Eisler-Straße 2, 10409 Berlin
Leitung: Christina Lauruschkus
Telefon: 030-41 72 62 90
Mail: kinderzimmer@pfefferwerk.de
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 13 bis 17:30 Uhr

Ausgabe 01, Januar 2009

Karsten Berning

Karsten Berning

Mittwoch um sieben Uhr morgens in Deutschland. Ich bin auf dem Weg zu einer Filiale der Berliner Bäckerei Johann Mayer, unweit des Innsbrucker Platzes. Die kalte Novemberluft klebt an jedem meiner Atemzüge. Doch die Mission ist klar: ein Gespräch mit dem letzten Bäcker Berlins, der sein Brot noch selber bäckt. Na gut, vielleicht nicht der Letzte, aber einer der Wenigen, die noch übrig geblieben sind. Selten genug, dass Fernsehteams ihre Nasen in die Räumlichkeiten stecken, in denen Naschkatzenträume wahr werden. Hier wird ein neun Kilogramm schwerer Pfannkuchen genauso Wirklichkeit, wie 35.000 Schrippen zur Verpflegung von Mario Barths Olympiastadion-Beschallung. Außerdem erfreuen sich Backevents, die hier öfter abgehalten werden, größter Beliebtheit. Vor allem bei den Kindern, die demnächst wieder Hexenhäuser aus Lebkuchen basteln werden. Wie mir Karsten Berning verrät, der zusammen mit seinem Vater die Bäckerei leitet.

Brote satt

Brote satt

Berning, der junge und energiegeladene Mann mit der obligatorischen weißen Schürze, führt das Familienunternehmen bereits in der vierten Generation fort. Die muntere Geschäftigkeit, welche die quirligen Mitarbeiter um mich herum verbreiten, lässt nichts von der Welt ahnen, die erst in ein paar Stunden verträumt an ihre Schreibtische schlurft. Während er, umringt von seinen Angestellten, das Brot des heutigen Tages bäckt, erzählt er mir, dass er als kleiner Junge zuerst wie alle anderen Astronaut, Lokführer und Arzt werden wollte, aber ihm bereits mit neun Jahren seine Bestimmung klar wurde. Schon damals hielt es ihn nicht lange im Bett. Dann ging er immer hinunter zu seinem Vater in die Backstube – denn die Familie wohnt direkt über dem Betrieb – und verfolgte das emsige Treiben. Am Beruf des Bäckers fasziniert ihn heute besonders die Fülle von Gestaltungsmöglichkeiten: Aus zwölf Rohstoffen kann er eine quasi unendliche Anzahl von Produkten herstellen. Außerdem sieht er jeden Tag, was er gemacht hat, und bekommt sofort das Feedback von seinen Kunden.

Handarbeit

Handarbeit

Wie es ist, so früh aufzustehen, während alle anderen sich noch zehn Mal herumdrehen dürfen, will ich wissen, dem es schon schwer fiel, hier im wachen Zustand um sieben Uhr morgens aufzukreuzen. Ich erfahre, dass, wenn ich als Durchschnittsstudent an einem Durchschnittstag um halb zwei Uhr nachts in die Federn falle, er gerade aus den selbigen springt. Nach einer Tasse Kaffee und dem morgendlichen E-Mail-Check beginnt sein Arbeitstag um 2:30 Uhr. Von den Brötchen wird sich dann zu den Broten vorgearbeitet, bis gegen zehn Uhr (in der Weihnachtszeit schon einmal erst um zwölf Uhr) für ihn als Geschäftsleiter die Büroarbeit anfängt. Gegen Nachmittag pflegt er, wie auch viele seiner Kollegen, ein Mittagsschläfchen zu halten. Andere hingegen machen durch und gehen dafür früher schlafen. Ob er aufgrund der Macht der Gewohnheit auch im Urlaub in der frühen Nacht aufsteht und in der Küche der Ferienwohnung anfängt, Brötchen zu backen? Soweit geht es zwar nicht, aber Berning gesteht ein, dass er in den ersten Tagen schon zur gewohnten Zeit aufsteht. Was er dann doch auch in Urlaub nicht lassen kann, ist, sich in anderen Bäckereien umzuschauen. Es überrascht mich, zu hören, wie kollegial der Umgang untereinander ist. Da werden Rezepte getauscht und über Marktrenner gefachsimpelt. Das liegt wohl daran, dass es allerorts nur noch sehr wenige selbst backende Familienbetriebe gibt.

Fleißige Hände

Fleißige Hände

StrassenSchub

StrassenSchub

Während wir reden, schweben die frisch gekneteten Brotlaibe auf langen Sänften an meiner Nase vorbei und mein Hunger wächst. Nun gehen wir in die Konditorei. Der Raum ist erfüllt von Düften unterschiedlichster Gewürze und von weiteren fleißigen Händen. Ich erfahre, dass wir nicht zu Unrecht in dem Ruf stehen, das Land zu sein, in dem die meisten Brotsorten gebacken werden. Über 600 verschiedene Sorten werden in Deutschland hergestellt – 45 davon auch in Bernings Bäckerei. Gebacken wird hier grundsätzlich ohne jegliche chemische Zusätze, dafür aber mit der nötigen Zeit, die der Teig braucht, um Geschmack zu entwickeln. Das und die Handarbeit sind mehr wert als jedes Geheimrezept, sagt Berning. Was ein gutes Brot ausmacht? Eine Menge Liebe!

Unser täglich Brot

Unser täglich Brot

Im Verkaufsbereich haben sich bereits die ersten Stammkunden versammelt und genießen den Duft der frischen Ware. Heißhungrig geworden, gönne ich mir zum Abschied noch ein Rosinenbrötchen. Hmmm! Ja, ich werde wiederkommen, aber dann nicht im Auftrag der Königin oder der Chefredaktion, sondern – in ganz eigener Sache.

Ausgabe 26, Dezember 2008

Warum träumen wir?

Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen

Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen

Eines gleich vorweg: Diese Frage, die seit Jahrhunderten viele kluge Köpfe beschäftigt, werden wir natürlich keinesfalls mit einem Beitrag beantworten können. Doch wir können uns auf die Spuren eines extravaganten Geistes begeben, der dazu seine ganz eigenen Auffassungen hatte und diese zelebrierte.

Traum oder Trauma?
Wer kennt ihn nicht: Salvador Felipe Jacinto Dalí i Domènech, Marqués de Púbol, den weltberühmten Maler, Bildhauer, Filmemacher und grandiosen Selbstinszenierer. Als einer der Hauptvertreter des Surrealismus entdeckt er sein Hauptsujet in der Welt des Unbewussten, die in den Träumen erscheint. Die Traumbilder Dalís sind derart pedantisch-realistisch dargestellt, dass sie schon wieder beunruhigend real auf uns wirken und nicht ohne Grund „Traumphotographien“ genannt werden. Seinem „System“ der gelenkten Träume folgend, erteilte er einmal den Rat: „Wenn Sie malen, denken Sie immer an etwas anderes.“ Woran aber denkt Dali beim Malen seiner Bilder, die Rückschlüsse auf entweder eine grenzenlose Phantasie, gespeist aus lebendigen Träumen, oder auf Kindheitstraumata nahelegt?

Von Dalís bewegter Kindheit wissen wir, dass zu seinen frühen Eigenheiten Wutausbrüche, Einnässen, Lügen und Tagträume gehören. Der kleine Salvador beschlagnahmt das „Waschzimmer“ des Elternhauses, den Dachboden, um darin seine Gedankenschlösser aufzubauen. In seiner Phantasie wird er zum „Weltenherrscher“ und malt Bilder auf die Deckel von Hutschachteln. In Dalís Selbstbiografie heißt es: „Im Alter von sechs Jahren wollte ich Koch werden. Mit sieben wollte ich Napoleon sein. Und mein Ehrgeiz ist seither stetig gewachsen.“ Die Schulzeit überbrückt er mit Zukunftsträumen, genau wie sein Lehrer Traite, der auch nur in die Schule kommt, um dort zu schlafen.

Als man Dalí – nach einer von ihm selbst überlieferten Anekdote – im Alter von fünf Jahren eine angeschossene Fledermaus mitbringt, beschäftigt er sich innig mit dem neuen Freund, umringt von Gläsern, in denen er sich Marienkäfer und Glühwürmchen hält. In der Waschküche, die er bereits zur Naturforschungsstation umfunktioniert hat, redet er mit der Fledermaus, küsst sie auf den behaarten Kopf und liebt sie mehr als alles andere auf der Welt. Aber schon am nächsten Morgen ist der Schrecken groß, als er die Waschküche betritt und die Fledermaus, noch halb am Leben, von „wahnsinnigen“ Ameisen übersät vorfindet: „In ihrem Gesichtchen standen winzige Zähne, gleich denen einer alten Frau.“ In einer Kaskade von unüberwindlichen Gefühlen wie Mitgefühl und Ekel führt er sie sodann zu seinem Mund und will sie küssen. Stattdessen beißt er ihr aber beinahe den Kopf ab und wirft sie, vor sich selbst schaudernd, in das mit schwarzen, überreifen Feigen getränkte Waschwasser. Seit damals hat er eine Abneigung gegen schwarze Flecken, die ihn an dieses Erlebnis erinnern. Und doch werden Ameisen zu einem immer wiederkehrenden Motiv in seinen Bildern. Das Trauma lässt ihn wohl nie los und kehrt stets in seinen Träumen zurück.

Das verlorene Paradies
Dalí behauptet zudem, sich an das Leben innerhalb der Gebärmutter zu erinnern. Ob dieses Vorbringen auch nur seiner überaus blühenden Phantasie zuzuschreiben ist (Picasso vergleicht sie nicht ohne Grund einmal mit einem ständig auf Hochtouren laufenden Außenbordmotor) oder doch ein seltener Fall von Traumbewusstsein vorliegt, wissen wir nicht. Jedenfalls unterstützt er dabei Dr. Otto Ranks These, die er in seinem Buch „Das Trauma der Geburt“ äußert, dass die Zeit im Mutterleib dem Paradies gleiche und die Geburt damit dem biblischen Mythos vom „Verlorenen Paradies“ entspreche. Dalí beschreibt dieses Paradies als warm, unbeweglich, weich, symmetrisch, doppelt und klebrig. Auch hier entsteht eines der für den Künstler charakteristischen Themen.

Spiegeleier auf dem Teller ohne den Teller

Spiegeleier auf dem Teller ohne den Teller

Die Spiegeleier, die er zum Beispiel in seinem Bild „Spiegeleier auf dem Teller ohne den Teller“ darstellt: Angeblich wurde seine Faszination für derlei unbestimmte Formen freischwebender Spiegeleier, die er sich sein Leben lang bewahrte, durch den Druck der Fäuste in der typischen fetalen Haltung vor seinen Augenhöhlen hervorgerufen. Diese Lichtwahrnehmungen kann man sich auch nach der Geburt vor Augen führen, wenn man bei geschlossenem Lid auf das Auge drückt. Versuchen Sie es einmal! Vielleicht schlummert ja auch in Ihnen ein Surrealist.

Quellen:
Wendy Beckett: Die Geschichte der Malerei
Salvador Dalí: Das geheime Leben des Salvador Dalí

Ausgabe 24, November 2008

Wahrheit vs. Fiktion

Wahrheit vs. Fiktion

„Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben, und nun als Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen.“

Das sagte einmal der, der gern mit dem Hammer philosophierte. Friedrich Nietzsche, dieser philosophische Krieger, sah bereits, dass die Welt, wie wir sie uns zurechtlegen, nicht unbedingt der objektiven Wirklichkeit entspricht, von der wir alle ausgehen. Lange bevor Einstein uns unserer gewissen, dreidimensionalen Welt beraubte und uns Freud die Macht über unser innerstes Selbst, den Urtrieb, absprach, erschütterte er die bornierten Einbahnstraßendenker seiner Zeit (und der heutigen). Die Einblicke und Erkenntnisse, die das Gefüge der Sprache und ihrer Metaphern der Wahrheit suchenden Menschen eröffnet, bilden nach Nietzsches skeptischer Einsicht eine Welt des Scheins, eine Sphäre der Illusion. Denn sowohl die Metaphorik der Sprache, als auch die Subjekt-Prädikat-Struktur der traditionellen Satzgrammatik, erzeugen schlechterdings die Vorstellung einer „Identität des Dings“, die nunmehr eine Fiktion, eine konventionell sanktionierte Form der Lüge bezeichnet.

Fiktive Wahrheiten

Nietzsche Tagtraum

Nietzsche Tagtraum

Für Nietzsche ist es „nicht mehr als ein moralisches Vorurteil, daß Wahrheit mehr wert ist als Schein; es ist sogar die schlechtest bewiesene Annahme, die es in der Welt gibt.“ Und weiter heißt es: „Bei allem Werte, der dem Wahren, dem Wahrhaftigen, dem Selbstlosen zukommen mag: es wäre möglich, daß ihm die Scheine, dem Willen zur Täuschung, dem Eigennutz und der Begierde ein für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Wert zugeschrieben werden müßte.“ Eine Philosophie, die es wagt, den gewohnten Wertgefühlen Widerstreit zu leisten und falsche Urteile als die unentbehrlichsten zu werten, ohne deren Messen der Wirklichkeit an der rein erfundenen Welt die Menschheit nicht leben könnte, stellt sich nach Nietzsche jenseits von Gut und Böse.

Damit nimmt er die heutigen Erkenntnisse der Fiktionsforschung, bezüglich der Wichtigkeit der Fiktion für uns, bereits vorweg. Man weiß inzwischen: Fiktionen kann man als Übungsraum ansehen, um sich mit anderen möglichen Wirklichkeitsmodellen auseinander zu setzen, die der Rezipient mit seinem eigenen Erfahrungshintergrund abgleicht. Durch Einfühlung lernen wir daraus und können uns besser an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Es geht hier nicht, wie Käte Hamburger bemerkte, darum, aus Wahrheit Fiktion zu machen, sondern aus Fiktion Wahrheit entstehen zu lassen.

Wahre Fiktionen
Nietzsche zufolge reden wir uns so lange ein, die Natur objektiv zu sehen, bis wir uns nichts anderes mehr vorstellig machen können. Gerade das geht aber seiner Einsicht nach nicht, weil der Mensch grundsätzlich nicht zu Objektivität fähig ist, da er ja selbst immer ein Teil der Natur ist. „Macht man jemandem klar, dass er, streng verstanden, nie von Wahrheit, sondern immer nur von Wahrscheinlichkeit und deren Graden reden könne, so entdeckt man gewöhnlich an der unverhohlenen Freude des also Belehrten, wie viel lieber den Menschen die Unsicherheit des geistigen Horizontes ist und wie sie die Wahrheit im Grunde ihrer Seele wegen ihrer Bestimmtheit hassen,“ sagt der Nihilist weiter. Allein aus einem Glauben heraus, der auf wiederkehrenden Beobachtungen basiert, bemühen sich die Menschen um ihr Wissen. Um etwas, das feierlich am Ende als die „Wahrheit“ gekauft wird. Schon der Empiriker David Hume meldete daran seine Bedenken an. In seiner Tradition entwickelte Nelson Goodman eine Theorie der Weltenerzeugung. Die Erde steht beispielsweise je nach Betrachtungsweise still oder bewegt sich. Für einen Schildkröterich, der gerade mit seiner Schildkrötin in einer blauen Lagune kopuliert, steht die Erde gewiss still. Für einen Astronomen, der gerade mit einer Assistentin… forscht, hingegen rast sie mit einer Geschwindigkeit von 29,8 Kilometer pro Sekunde durch das Weltall.

Quellen:
Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse
Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne
Nelson Goodman: Weisen der Welterzeugung

Ausgabe 23, November 2008

Der Newsstricker

Der Newsstricker

Wann wird zensiert? Ist Richtigkeit heute nicht mehr so entscheidend wie Plausibilität? Wer macht die Medien wirklich? Gehören Sie auch zu denen, die sich hin und wieder diese Art von Fragen stellen, wenn Sie die Nachrichten in der Mattscheibe oder Tageszeitung begutachten? Trotz immer mehr Möglichkeiten der Kommunikation leben wir im Großen und Ganzen noch immer in einer unbekannten Welt. Unbekannt in dem Sinne, dass wir viele komplexe Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Ökonomie und Ökologie, Militär und Handel usw. nicht überschauen können. Die Erzeugung einer solchen Weltweisheit, welche in einer globalisierten Welt für alle Menschen von Vorteil wäre, können die Tagesnachrichten der einzelnen Länder keineswegs leisten. Sie sind mehr oder weniger Manipulationen und Wirtschaftszwängen ausgesetzt.

Das Nachrichtenuniversum zerfällt in zwei Teile
In Deutschland sind die Medienangebote von Radio und TV in private und öffentlich-rechtliche zu unterscheiden. Nachrichten der Letzteren, allen voran die „Tagesschau“, sind von der Quotenjagd und den leicht verdaulichen Promi-Klatsch-Nachrichten der privaten Sender verschont geblieben. Doch die Quotensklaven sind auf spektakuläre Ereignisse angewiesen und blasen sie extrem auf. Das verdrängt unspektakulärere Themen, vor allem wenn es zu ihnen kein Bildmaterial gibt oder auch für das Massenpublikum langweilige politische und finanzielle Entscheidungen, weiß Stefan Bräutigam zu berichten, der eine Diplomarbeit zum Thema Nachrichten schrieb.1)

Schöne uninformierte Welt
Das Weiterreichen von Informationen diverser Nachrichtenagenturen ist mittlerweile aufgrund von Budget- und Personalkürzungen weiter verbreitet als die investigativen Reportagen vor Ort. Dabei vernachlässigt die „vierte Gewalt“ gerade die ihr inoffiziell zugewiesene Aufgabe, Politik und Wirtschaft zu überwachen. Entweder steht in allen Zeitungen das gleiche oder alle widersprechen sich. Wem soll man Glauben schenken?Die Authentizität der Nachrichten rührt von allem von ihren Quellen her, aber „die Verarbeitung, Aufbereitung und Lieferung von Nachrichten ist zum Geschäft geworden“, so Bräutigam.

Overnewsed but uninformed

Overnewsed but uninformed

Wenn die Presseagenturen durch ihre Monopolstellung entscheiden können, was von Interesse ist und was nicht, und die Redakteure dann nur diese Themen reproduzieren (oder sogar unredigiert übernehmen, erkenntlich z.B. an dem Quellenkürzel „dpa“ für die Deutsche Presse Agentur), bekommen wir den unreflektierten Einheitsbrei zu sehen und zu lesen, der uns oft genug ereilt. Kritische Stimmen sprechen, so Bräutigam, von einer Art „Medienimperialismus“, da die Weltnachrichtenagenturen vor allem über Industriestaaten berichten, auf welche die Themen wiederum zugeschnitten seien (Wohlstand, Marktwirtschaft etc.), und „Dritte-Welt“-Staaten nur klischeehaft dargestellt würden (Kriege, Katastrophen, Korruptionsskandale).

Über weiter von uns entfernte Menschenqualen (Somalia, Ruanda, Myanmar) wird in den westlichen Staaten eher wenig berichtet. Aber seien wir ehrlich: Selbst wenn uns einmal Bilder aus schwer zugänglichen Krisengebieten erreichen – wer möchte schon die unvorstellbaren Verstümmelungen sehen? Nacktes Elend ist kein Quotenrenner. Darfur ist weit weg und was ich nicht weiß, lässt mich nachts nicht unruhig schlafen.

Die zukünftigen Macher?

Lorenz Maroldt, seines Zeichens Chefredakteur beim „Tagesspiegel“ und damit einer der „Macher“, schätzt den Stellenwert der Nachrichten in der Gesellschaft dennoch weiterhin sehr hoch ein und blickt voraus: „Das Internet als schneller Konkurrent bringt die Abo-Zeitungen dazu, mehr auf Analysen und Hintergründe zu setzen.“ In Deutschland gibt es 353 Tageszeitungen, aber die 14- bis 29-Jährigen bevorzugen heute Online-Nachrichten. Doch im Internet sind Nachrichten nicht knapp genug, um wertvoll zu sein. Geld verdienen lässt sich nur mit Qualität, die der aufkommende Bürgerjournalismus in den Blogs nicht leisten kann, in welchen jeder Otto Normalverbraucher zum Nachrichtenreporter werden kann. Hier sind vielfach weder verifizierbare, noch neue Beiträge die Regel. Außerdem ist die Bloggerszene selbst manipulierbarer und von elitäreren Strukturen geprägt als die alten Medien, welche sie angeblich verdrängt.2) Maroldt bringt es auf den Punkt: „Richtig bleibt wichtig, weil die Glaubwürdigkeit unser Kapital ist.“

Quellen:
1) http://www.overnewsed-but-uninformed.de
2) Berliner Journalisten 3/2008

Ausgabe 22, Oktober 2008

Verfasst von: marcelnakoinz | 5. November 2009

Roman und die Liebe – Flirtfaktor S- und U-Bahn

Flirten statt Opel fahren

Flirten statt Opel fahren

„Ich begegne in meinem Leben Millionen von Leibern; von diesen Millionen kann ich nur einige Hundert begehren; von diesen Hunderten aber liebe ich nur einen“, sagte einmal Roland Barthes.* Und diese eine sitzt soeben vor mir. Wie jeden Morgen für sechs Stationen auf dem Weg zu meiner Arbeit. Es gibt nur ein winziges Problem. Sie weiß nicht, dass ich existiere. Sie anzusprechen, habe ich mich nie getraut. Dass ich damit nicht allein bin, beweisen die achtzigtausend Zugriffe monatlich auf die BVG-Website „Meine Augenblicke“. Auf diese Kontaktbörse war ich durch eine Werbung im U-Bahnfernsehen gekommen. Aber all die Singlebörsen-Treffs, Speeddatings und Treffen der anonymen Verklemmten haben nichts gebracht.

Der Rosenkavalier ...

Der Rosenkavalier ...

Meine beste Freundin meinte einmal zu mir, dass ich im Grunde ein temperamentvoller Mensch sei: „Du tanzt wie ein Spanier, klatschst aus Lust am Leben unvermittelt in die Hände wie ein Italiener und hast das Lächeln eines Griechen.“ Nur weiß meine Schüchternheit von all dem nichts. Leider flirte ich nicht wie ein Franzose.

Unbekannte Nr. 401
Aber ich darf es diesmal nicht in den Sand setzen. Denn sie ist die Frau! Das macht die Sache nicht leichter. Hatte ich schon wieder meinen Denkzettelkatalog zum erfolgreichen Flirten im ÖPNV vergessen? Sollten all die bunt gemischten Erfahrungen der Jugend (eine schöne Bezeichnung für die vielen Enttäuschungen der Vergangenheit) umsonst gewesen sein?

Nein! Ich erinnerte mich noch zu gut an Unbekannte Nr. 3: blond gelocktes langes Haar, das ihr ins gemalte Madonnengesicht fiel, enges schwarzes Top mit Dekolleté, welches durch ein weißes dreieckiges Halstuch mit Spitze unterstrichen wurde. Immer wenn sie mich anblickte, sah ich sofort von ihr ab, wie ein ängstliches Rehkitz, das einen Jäger erspäht. Das nervte sie dermaßen, dass sie sich auf und davon machte. Geistige Notiz 1: „Augenkontakt ist entscheidend! Nicht zu viel (= Voyeur) und nicht zu wenig (= Bruder).“ Oder Unbekannte Nr. 64: Ein Paradiesvögelchen, das seinen Rücken immer frei trug, damit die beiden sich bis über die Schulterblätter erstreckenden tätowierten Engelsflügel sichtbar waren. Ich war von ihrer Schönheit zu sehr eingeschüchtert und stolperte völlig peinlich an ihr vorüber. Geistige Notiz 45: „Sei überzeugend und cool, aber auch nicht unnahbar.“

... und die Liebe

... und die Liebe

Nr. 235 hatte lange schwarze Haare und einen ängstlich interessierten Blick durch eine schwarze, intellektuell wirkende rechteckige Brille auf mich gerichtet. Geistige Notiz 1.089: „Lies niemals in der Öffentlichkeit die Micky Maus, wenn du eine Frau von deinem Niveau überzeugen willst.“ – Aber sie, Nr. 401, mit ihrem Shirt, auf dem ein Pferd mit Rädern, statt Hufen, und der Schriftzug „Färt!“ abgebildet sind – sie ist es nun. Und es gibt so vieles, worauf zu achten ist. Aber heute ist alles anders. Sie steigt an derselben Station aus wie ich. Mein Glück kaum fassen könnend, stecke ich (als Mechaniker) mein Kunstmagazin weg und versuche so elegant wie möglich auszusteigen. Vor lauter Konzentration vergesse ich Lektion 1 und verliere sie aus den Augen. Aber in der Unterführung zur anderen Linie finde ich sie in der Menge wieder und sie sieht mich an. Ich halte dem Blick stand und schwebe galant die Treppe herunter. Zu schnell. Ich verliere sie erneut aus den Augen. „Geh’ nicht zur nächsten Linie. Geh mit mir zum Fahrrad, küss mich, heirate mich! Nur dieses eine Mal.“ Aber sie hört mich nicht.

Doch dann steht sie auf einmal vor mir. Ich sperre mein geistiges Notizbuch in die hinterste Ecke meines Gehirns und werfe den Schlüssel weg. Denn es gibt keine Anleitung zum Glücklichsein.

Der Anfang ohne Ende
Drei Wochen später bin ich wieder solo. Vielleicht liegt es ja auch an mir? Vielleicht liebe ich es ja, verliebt zu sein, und möchte nicht gefährden, dass die Erfüllung meiner Begierde dieses Gefühl abstumpfen lässt? Und so streune ich denn auch weiter durch die Züge nach nirgendwo. Ich vertue meine Zeit hier nicht wie andere mit Lesen, Essen oder illegalem Musizieren. Ich bin auf der Suche nach Anfängen. Die Züge sind vollgestopft mit Möglichkeiten. Immer der Süße des Anfangs, der eigentlichen Zeit der Idylle auf den Fersen, in der man liebestrunken die Vollkommenheit des begehrten Wesens erforscht und ihre Unvollkommenheit entdeckt, setze ich mich weiter dem dionysischen Würfelwurf aus.

* Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Frankfurt a. M. 1988, S.39.

Ausgabe 21, Oktober 2008

Verfasst von: marcelnakoinz | 21. Oktober 2009

368 Meter geballter Sex – 40 Jahre Berliner Fernsehturm

Le tour Spree

Le tour Spree

Er war schon Drehort, DDR-Prestigeobjekt, Ort von Trauungen und musste beweisen, dass ihm auch Pink steht. Kaum jemand kann an seinem vierzigsten Geburtstag von sich behaupten, ein derart bewegtes Leben gehabt zu haben, wie der Berliner Fernsehturm. Da ist es auch kein Wunder, dass das markanteste Gebäude Berlins schnell zur Stylikone, zum Pop-Phänomen und Markenzeichen der Hauptstadt avancierte. Die Presse aus aller Herren Länder rennt ihm darum ununterbrochen die Türe ein. Besonders in seinem Geburtstagsjahr war es deshalb selbst dem strassenfeger-Redakteur nicht möglich, fünfzehn Minuten seiner kostbaren Zeit zu ergattern. Macht nichts. Er spricht nämlich durchaus für sich selbst! Seine Geschichte ist untrennbar mit den Berlinern zu seinen Füßen verbunden und das muss, typisch für Berliner, natürlich gefeiert werden. Man widmete dem berühmten Berliner bereits einen gehäkelten Schlüsselanhänger; sein Konterfei zierte schon T-Shirts, Tassen und überhaupt alles, was sich irgendwie unter die Leute bringen lässt. Selbst Kräuterlikörflaschen, Duftflakons und Glas-Wasserpfeifen („Alex-Bong“ genannt), die seinem wohlgeformten Körper nachempfunden sind, kann man käuflich erwerben,.

Wir haben ihn zum Fressen gern
Ein Souvenir sticht aus der Masse der Vermarktungsartikel jedoch genauso hervor, wie der Turm selbst aus dem sonst eher niedrig bebauten Berlin. Die Rede ist von Philipp Beriefs (44) Ausstechformen in Gestalt des Fernsehturms. Denn

Philipp Berief

Philipp Berief

seine rote Kunststoffsilhouette ist nicht nur ein prima Hingucker für das heimische Regal, es ist zudem auch noch nützlich! Besonders um die Adventszeit herum.* Dabei ist die Tauglichkeit als Aufsteller ursprünglich gar nicht vom Erfinder angedacht worden, sondern war eher ein unerwarteter Nebeneffekt des Umstiegs von anfänglich Metall- auf Kunststoffmaterialien, wie uns der Erfinder verriet. So bekam die Form einen ebenen Boden und die Idee, die ihren Ursprung irgendwo zwischen Backpartys und den Einflüssen eines Architektenvaters hatte, einen unerwarteten Dreh. Das in einer Berliner Behindertenwerkstatt konfektionierte Produkt findet man in gut sortierten Geschenkläden und demnächst auch beim Buchhändler „Thalia“.

Dem Hype auf den Zahn gefühlt

Sein Schatten eilt ihm weit voraus

Sein Schatten eilt ihm weit voraus

Berlins ganzer Stolz mag zwar den ganzen Tag nur steif da stehen – wenn nicht gerade der Wind seine Zipfelmütze im Leuchtturmlook 60 Zentimeter an der Spitze hin und her wiegt – aber sein Inneres versteht es, die Leute zu bewegen. Im rotierenden „Telecafé“ kann man beim Essen einen 360°-Überblick über Berlins Baustellen (Stadtschloss) und Zwischennutzungswelten (Flughafen Tempelhof) genießen. Für die einen ist die tagsüber glitzernde Kugel auf dem 200 Meter hohen Schaft Ort eines außergewöhnlichen Abendessens, für das man schon Monate im Voraus reservieren muss. Für die anderen ist er die Diskokugel aller Diskokugeln, die Krönung der Partyhauptstadt Berlin, die paradoxer Weise immer verführerischer wird, je mehr sie in die Pleite schlittert. Für Ost-Berliner dagegen, ist das „Deutsche Washington Monument“ noch immer der Beweis, dass auch ein kleines von der Außenwelt abgetrenntes Völkchen zu baulichen Meisterleistungen im Stande war. Na ja – und auch viele West-Berliner würden nur ungern auf ihr störungsfreies Digitalfernsehen verzichten.

Wir sind die Größten! Der Fernsehturm im Wandel der Zeit

Alexanderplatz

Alexanderplatz

Das "X" markiert die Stelle

Das "X" markiert die Stelle

Um 1969
„Nu, Genossen, da sieht man‘s ganz genau: Da gehört er hin.“ Mit diesen Worten des SED-Parteichefs Walter Ulbrichts soll der Legende nach der Startschuss für den Turm gefallen sein. Die DDR brauchte nämlich ein Repräsentationsgebäude für die junge Republik, auf dass den „Wessis“ die Augen aus den Köpfen fallen würden. Außerdem sollten die DDR-Bürger nach 15 Jahren DDR endlich auch in den Genuss des DDR-Fernsehens kommen. Am 3. Oktober 1969 war es dann endlich so weit, „Ulbrichts Gedächtniskirche“ öffnete ihre Pforten.

Vor 1989
Von den vielen Legenden der Jugendjahre des „Telespargels“ hält sich besonders wacker die von der „Rache des Papstes“. Angespielt wird dabei auf die Blechprismen der Diskokugel, die wegen ihrer Wölbung die meiste Zeit des Tages ein „Kreuz“ reflektieren. Und das, wo doch die DDR den Einfluss der Kirchen zurückdrängen wollte. Einer ungesicherten Anekdote zufolge, soll der Architekt der Kuppel deshalb von der Stasi verhört worden sein, ob dieses Kreuz denn geplant gewesen war. Angeblich soll die Debatte durch ein milde gestimmtes Regierungsmitglied mit den Worten „Das ist kein Kreuz, sondern ein ‚Plus’ für den Sozialismus!“ beendet worden sein.

Nach 1999
Der Fernsehturm, mittlerweile zu einem Symbol für das wiedervereinte Berlin geworden, diente Eberhard Gienger, Reck-Weltmeister und Sportler des Jahres 1974 und 1978, vor genau zehn Jahren als Absprungpunkt in 210 Metern Höhe. Dieser Fallschirmsprung war jedoch vergleichsweise unspektakulär für jemand, der schon mal in 2000 Metern Höhe unter Hubschraubern turnt, bevor er den Schirm öffnet. 2007 dann, wir erinnern uns noch alle, kürte die Deutsche Telekom die Turmkugel zum Wahrzeichen der Fußball-WM und steckte sie in ein rosa… sorry …magentafarbenes Tütü. Das war dann auch das Jahr, als die beliebte Kuppel des Turms in Flammen stand. Zumindest wenn man dem TV-Sender „ProSieben“ traut, der uns das Tele-Märchen „Das Inferno – Flammen über Berlin“ erzählte.

Heute: 2009

NASA Steals Berlin TV Tower

NASA Steals Berlin TV Tower

Betrachtet man die Form des Fernsehturms, kann man unschwer die Begeisterung für Raumfahrtechnik der 60er Jahre erkennen. Da wundert es auch niemanden, dass auf YouTube ein Video kursiert, das die NASA beim Start des Fernsehturms in Richtung Stratosphäre zeigt. Doch in Wirklichkeit wird so etwas natürlich nie passieren, ist es doch im – auch nach 40 Jahren immer noch höchsten Gebäude Deutschlands – schon ein Staatsgeheimnis, welches Reinigungsunternehmen die große runde Knutschkugel auf Hochglanz poliert. Man hat eben sicherheitstechnisch aus dem „Desaster“ von vor zwei Jahren gelernt. Gut so, denn dann können auch noch in Zukunft „längste Liebesbotschaften der Welt“ an „Ulbrichts Protzstängel“ angebracht werden. Wir wünschen dem Herren mit dem langen Hut in Rot-Weiß alles Gute zum Geburtstag und auf das die nächsten 40 Jahre nicht minder spannend werden!

* Wer Lust auf die etwas anderen Plätzchen unterm Tannenbaum hat (von Big Ben bis Brandenburger Tor), bestellt hier: http://www.phil-goods.com

Ausgabe 21, Oktober 2009

Prüstels Satirepreis

Prüstels Satirepreis

In unserer neuen Serie „art strassenfeger“, wollen wir Künstler vorstellen, die in enger Verbindung mit dem Tun und Schaffen des strassenfeger stehen. Den Anfang macht Andreas Prüstel (51), der sich mit seinen Werken maßgeblich an der Entstehung des Gesichts der Zeitung verantwortlich zeichnet, das manchmal schräg, manchmal gewagt, aber immer irgendwie anders ist. Der bekennende Sachse ist geschieden, hat zwei Töchter und lebt im grünen Pankow-Niederschönhausen. Unser Autor Marcel Nakoinz hat den Künstler dort in dessen Atelier besucht.

Der Mensch Andreas Prüstel

Einige Titelentwürfe

Einige Titelentwürfe

Niemand hat die Absicht

Niemand hat die Absicht

„Eigentlich bin ich gelernter Betonbauer, habe aber nebenher schon mein Leben lang gezeichnet und Collagen produziert“, verrät mir Andreas Prüstel gleich zu Beginn unseres Gesprächs. „Schnell war für mich klar, dass ich einmal mit irgendetwas Künstlerischem mein Geld verdienen wollte.“ Doch ehe es soweit kam, sollte noch eine lange Zeit des sich Ausprobierens vor ihm stehen. So bewarb er sich zuerst in der Schauspielschule seiner Heimatstadt Leipzig und schaffte es auch prompt in die letzte Auswahlrunde. Aber nach einer durchzechten Nacht am Vortag der Prüfung endete dieses Kapitel seines Lebens, bevor es begann. Auch aus einem angestrebten Grafikstudium wurde nichts, weil den Professoren an der „Hochschule für Grafik und Buchkunst“ in Leipzig, Prüstels eingereichte Arbeiten zu „individuell“ waren. „Wir sind keine Surrealistenschule, frönen sie doch ihrer Leidenschaft bitte privat“, habe man ihm unmissverständlich gesagt. „Der Surrealismus“, so Prüstel, „hat mich schon immer fasziniert, weil er „zu dem Plumprealismus in der DDR so ein herrliches Gegenstück war.“ Doch genau diese plumpe Realität nahm ihn dann vorerst noch eine Weile gefangen, bis sie ihn unverhofft seinem Lebenstraum ein großes Stück näher bringen sollte.

Vom Gleisbauer zum Cartoonzeichner

Der Künstler bei der Arbeit

Der Künstler bei der Arbeit

Im Laufe der Jahre wechselte Prüstel von einem Beruf zum nächsten: „Ich habe als Gleisbauer, Heizer, Zeitungsbote und Vermessungsgehilfe gearbeitet. Als meine Exfreundin dann 1978 in Berlin schwanger wurde und eine Ausbauwohnung bekam, ich arbeitete gerade bei der „Energieversorgung Leipzig“, habe ich ihr bei der Renovierung der Wohnung geholfen. So kamen wir uns dann wieder näher.“ Während seine Freundin als Architektin schon zu Ostzeiten gut verdiente, gab der eingefleischte Beatles-Fan in dieser Zeit meist den Hausmann, der sich um die Kinder kümmerte.

Abends hat er dann weiter fleißig Collagen und Zeichnungen angefertigt. „Eines Tages schaute ein alter Freund aus der Heimat vorbei“, erzählt er mir. Der Kunstkenner habe ihm geraten, seine Collagen doch einmal auszustellen. Die erste Ausstellung in Halle habe dann auch gleich eingeschlagen wie eine Bombe. So konnte Prüstel schon bald dem „Verband der bildenden Künstler“ beitreten, denn nur als anerkanntes Mitglied konnte man in der DDR als freier Künstler arbeiten.

„Wegen meiner sehr individuellen Arbeiten riet man mir, zu den Karikaturisten zu gehen.“ Doch Prüstel ließ sich nicht in eine Schublade stecken. Statt nur noch Karikaturen zu veröffentlichen, folgte eine lange Zeit voller Ausstellungen. Er deckte praktisch jedes Ausstellhaus und jeden Studentenclub der DDR ab. 1987 bekam er dennoch völlig überraschend den Satirepreis der DDR, obwohl dieser nur für Pressezeichnungen vergeben wurde. „Doch der erhoffte Karriereschub blieb vorerst aus. Erst 1990 kippte dann die Sache. Hatten Zeitungen wie der Eulenspiegel bisher immer abgewinkt, wenn ich ihnen Arbeiten anbot, bekam ich nun prompt Doppelseiten“, erinnert sich Prüstel amüsiert. Eine ziemlich „verrückte, anarchische Zeit“ begann da für Prüstel, der nun regelmäßig in vielen Zeitungen veröffentlichte. Doch heute kämpfen die meisten Zeitungen um ihr Leben und sparen freie Zuarbeiten ein.

Wie ich zum strassenfeger kam

Des Cartoonisten Werkzeuge

Des Cartoonisten Werkzeuge

„Die Zusammenarbeit mit dem strassenfeger entstand durch eine Collage, die das Interesse des damaligen Chefs des strassenfeger, Karsten Krampitz, weckte“, berichtet Prüstel. „Krampitz wollte das Motiv damals unbedingt als Titelbild verwenden. Wir waren uns gleich sympathisch und verstanden uns gut.“ Nach einigen Treffen wurde Prüstel klar, dass die Visionen dieses Mannes, der dieses Projekt einer Straßenzeitung aus der Mitleidsecke hinaus bringen und zu einem qualitativ hochwertigen Produkt machen wollte, das sich von anderen Medien inhaltlich, aber eben auch vom äußeren Stil abheben sollte, durchaus unterstützenswert war. „Ich habe dann der Redaktion anegboten, zu jeder Zeitung ein Titelbild vorzuschlagen, egal ob es gedruckt wird oder nicht. Bis heute gab es in den vergangenen zwölf Jahren nicht eine Zeitung, zu der ich nicht einen Entwurf eingereicht habe.“ Bei der Umsetzung gibt es bei den Collagen grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Entweder er findet in seinem gewaltigen Archiv (bestehend aus tonnenweise sortierten Papierschnipseln aus allen möglichen Druckerzeugnissen der vergangenen Jahrzehnte) etwas Material, das ihn zu einer Idee inspiriert oder er hat eine Idee, zu der er dann nur noch die passenden Teile zusammensetzen muss. Das Suchen bei letzterer Variante kann mitunter sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Ob er in all den Jahren des Collagenmachens irgendwelche rechtlichen Probleme bekommen habe? Ja sicher, aber auf die zeitliche Länge betrachtet, seien die drei, vier Klagen verschwindend wenig, so der Künstler.

Prüstels Liebe zu Collagen

Das Archiv

Das Archiv

Prüstel arbeitet nebenbei seit Jahren an riesigen, meterlangen Collagen, bestehend aus tausenden von Teilen, wo er anfangs nicht weiß, wie sie am Ende aussehen werden. Aber die Zeit reicht oft nicht. Nebenbei gibt er noch Bücher heraus und hat selbst Ideen für eigene Bücher im Sinn. „An die Rente denke ich noch lange nicht. Ich würde nie einfach aufhören, nur weil ich 65 Jahre alt werde.“, so Prüstel. „Ich höre erst auf, wenn mir meine Hand abfault oder Demenz eintritt.“ Die Frage, ob er in der Rückschau auf sein Leben etwas anders machen würde, wenn er es könnte, verneint in einem fast feierlichen Ton: „Jedes Leben hat seine innere Logik. Man bekommt das Leben, das man verdient. Für mich war früh im Leben klar, dass ich etwas machen musste, bei dem mir keiner vorschreibt, was ich zu tun habe. Selbst wenn ich damit scheitern sollte, habe ich mir nichts vorzuwerfen, denn ich bin bis hier her gekommen und ich bin immer noch da.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Hoffen wir, dass Prüstel uns noch lange die Treue hält!

Ausgabe 21, Oktober 2009

Verfasst von: marcelnakoinz | 21. Oktober 2009

Macht Geld doch glücklich? – Reich ist, wer sich Zeit nimmt

Zwei Herzen schlagen in des Geldes Brust. Einerseits ist es Voraussetzung jeglicher Form moderner Arbeitsteilung und damit von Zivilisation, gleichzeitig aber ist es auch Quelle unsagbarer Barbareien. Wird man durch einen Haufen Kohle automatisch glücklich? Oder eher zu einem abscheulichen Ebenbild seiner selbst?
Postkarte: Gutsch Verlag

Verklebte Welt
Was ist die Aufgabe des Geldes? „Die Welt zu verkleben“, würde der Philosoph Frank Augustin sagen.1) Geld klebt unabwaschbar an allem, was uns umgibt. An jedem Badeurlaub, jeder Türklinke und jeder Münze. Es vermittelt uns den Eindruck von Stabilität und Zusammengehörigkeit in der Welt. Alles ist mit einem bestimmten Zahlenwert behaftet und vergleichbar. Die Dinge sind in eine einheitliche Beziehung gesetzt und werden „spielbar“. Hatte also Neil Postman recht, als er polemisierend fragte: „Wer mit dem meisten Spielzeug stirbt, hat gewonnen“? Wir verkaufen uns Tag für Tag, um mit all den schönen Dingen spielen zu können, die uns die Werbewelt verspricht. Wir tauschen Freizeit mit Überstunden. Warum? Weil Geld verspricht, nicht mehr vergleichen zu müssen und sich frei dem großen Spiel widmen zu können, das wir alle spielen müssen. Sind wir alle derart vom Kommerz durchdrungen, dass wir schon gar nicht mehr bemerken, wenn unsere Beziehungen mit Kosten-Nutzen-Kalkulationen stehen und fallen? Geht es uns allen nur ums Geld?

Foto: M. Nakoinz
Luxuriöse Einkaufswelten in Berlin

Es ist nicht das Geld, das glücklich macht, sondern das Glück!
Ich fragte einige Harz IV-Empfänger auf den Straßen Berlins nach ihrer Meinung. „Man kann schon mit dem Geld auskommen“, meint Alex*, ein hagerer Bursche mit Dreitagebart, gekleidet in eine Jeansjacke, „aber für die Allgemeinheit sind einfach zu wenig Anlaufstellen da (und besonders für die Leute, die Drogen nehmen).“ „Ob das Geld reicht, um glücklich zu sein?“, frage ich. Da müsste man „Glück“ definieren. „Zufriedenheit allgemein“, schlage ich vor. „Nein, es macht nicht glücklich. Geld kann auch nicht glücklich machen.“ „Was dann?“ „Glücklich macht einfach eine intakte Familie, die auch hinter einem steht. Nachdem meine Frau mit 31 Jahren an Brustkrebs gestorben ist, habe ich wieder angefangen, Drogen zu nehmen. Diese Entscheidung würde ich heute gerne wieder rückgängig machen. Aber ich war deprimiert und wollte die Welt vergessen. Aber der Schmerz ist immer noch da. Das prägt einen Menschen.“, meint Alex*. Rosa* setzt sich zu uns auf den Bordsteig, wirft ihr leuchtend rotes Haar in die Waagschale und tröstet: „Ich sag mal so: Wenn man nicht unbedingt auf Geld wert legt, dann kann Geld glücklich machen, weil dann kommt man auch mit den paar Kröten aus, die man zum Leben hat.“

PS: Ich mach dich glücklich
David Halpern2), politischer Berater des britischen Premierministers, würde dem sicher zustimmen. Um glücklich zu sein, wäre es für den Glücksforscher hilfreich, in Mexiko oder Puerto Rico zu leben. Denn dort leben die glücklichsten Menschen der Welt. Dabei geht es ihnen, wirtschaftlich gesehen, alles andere als gut. Wie das? Man fand, dass Zufriedenheit von einem bestimmten Lebensstandard an nicht mehr automatisch mit dem Einkommen ansteigt. Auch wenn sich in den letzten Jahrzehnten das Durchschnittsgehalt in den westlichen Industrienationen vervielfachte, blieb das allgemeine Wohlbefinden doch die ganze Zeit gleich.

Die Tretmühle dreht sich weiter und der Neid über das Glück anderer eint uns doch alle tief in unserem Herzen. Ein Teufelskreis. Jede Sekunde, die wir nicht schuften, vergeuden wir mit so sinnlosen Dingen wie Freunden, Familie und Schlafen. Will der Neider aber mithalten, will er einen noch größeren Fernseher oder ein noch größeres Auto als der Nachbar haben, dann muss er arbeiten. Allzu schnell geht unserer Freiheit dadurch das Geld aus. Welchen Preis sind Sie bereit zu zahlen, damit Sie die Zeit haben, um bei der Geburtstagsparty Ihres Kindes dabei zu sein? Zeit klebt nicht und wir können sie nicht kaufen. Deswegen ist die Zeit, die wir miteinander verbringen, das größte Geschenk, das wir einander bereiten können. Und wer in seiner Zeit das machen kann, was er gern möchte, ist sowieso glücklich und reich zugleich.

„Die meisten Menschen werden nur deswegen nicht reich, weil sie vor lauter Arbeit keine Zeit zum Geldverdienen haben.“ – Jimmy Durante

*) Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Quellen:
1) Frank Augustin: Geld verklebt die Welt. In: Der blaue Reiter 11/2007.
2) Was für ein Glück. In: Die Zeit 52/2003, S. 53.

Ausgabe 20, September 2008

Verfasst von: marcelnakoinz | 21. Oktober 2009

Kafka im Zirkus – Vorhang auf für den Zirkus in der Literatur!

Kafka im Zirkus

Kafka im Zirkus

Kaum hat sich der purpurne Samtvorhang gelüftet, ist man etwas desillusioniert. „So eine kleine Bühne!“ Aber es stimmt. Die Tradition der Zirkusnovelle ist, zumindest in Deutschland, nicht gerade umfangreich. Mit gutem Willen kann man dazu beispielsweise Goethes „Wilhelm Meister“, Wedekinds „Zirkusgedanken“, Hauptmanns „Wanda“ und Hofmannsthals „Schwierigen“ zählen. Ausgeprägter sieht das zwar schon in Frankreich aus, mit Vertretern wie Honoré de Balzac, Edmond de Goncourt, Charles Baudelaire, Degas und Picasso. Aber auch in Georg Büchners weltverstörtem Woyzeck und in Erich Kästners düster-melancholischem Erwachsenenroman „Fabian“ sind es Manegen aller Art, in denen das Zirkusthema in schillernder Vielfalt von der Literatur behandelt wird. Doch schon anhand der beiden letztgenannten Autoren fällt auf: Die Art und Weise, in welcher sich dem Thema meist genähert wird, hat nichts mit den farbenfrohen Heile-Welt-Bildern aus der Kindheit zu tun, die in unseren Köpfen herumgeistern. Paradigmatisch zeigt sich dies am Werk Franz Kafkas, das jedoch für sich steht und auf seine eigene Weise betrachtet werden muss. Lassen Sie uns an ihm aufzuzeigen, woher diese negative Betrachtungsweise des Zirkusmotivs in der Literatur rührt.

Nach allem, was wir wissen, liebte Kafka nicht nur das Kino, sondern auch den Zirkus und alles, was damit zusammenhängt: Varietés, Jahrmärkte, Monstrositätenschauen. Das Zirkussujet beschäftigte ihn zeitlebens und durchzieht sein gesamtes Werk. Als Beispiele seien hier nur sein Roman „Der Verschollene“, sein Sammelband „Ein Landarzt. Kleine Erzählungen“, sowie seine Erzählung „Josefine, die Sängerin“ genannt. Diese Geschichten sind anders als die sonst seltsam verfremdeten und codierten Traumwelten Kafkas, welche die Forschungswelt zu dem hübschen Ausdruck „kafkaesk“ (etwa: „unheimliche Ungewissheit“) inspirierten. Sie wurzeln in Kafkas Erfahrungen mit Zirkusbesuchen, die akribisch aus seinem Briefverkehr und seinen Tagebuchaufzeichnungen extrahiert wurden. Sie handeln, verschreckend eindeutig, von realen artistischen Einzelschicksalen, an deren Körpern ihr Scheitern und damit der Wandel der damaligen Zeit thematisiert werden. Das steigende Interesse an technischen Neuerungen wie Kino, Rundfunk und Fotografie zur Wende des 20. Jahrhunderts verdrängte die Akrobaten und trieb sie mitunter in die Arme der neuen Medien. Die ersten deutschen Filmschauspieler kamen aus dem Zirkus Renz.

Vorhang auf für's Fernvergnügen

Vorhang auf für's Fernvergnügen

Diese krisenhafte Entwicklung erkennt Kafka. Sie veranlasst ihn dazu, immer wenn er auf dieses Thema zu sprechen kommt, seinen Lesern einen Zerrspiegel der ungeschminkten Wahrheit vorzuhalten. So handeln Kafkas Geschichten vom Untergang der Hungerkünstler, die ohne Publikum umkommen müssen, von der Menschwerdung eines Affen, von der Tierwerdung eines in der Völkerschau ausgestellten Menschen oder auch von der unentdeckten Not einer Kunstreiterin. Dabei ist Kafkas Separation der Artisten vom Zirkus besonders auffällig. Der Eine ist selbstbezogenes, ästhetisches Subjekt und dem Anderen, dem ökonomischen Institut der Tauschsphäre entgegensetzt. Im Sinne Kafkas agieren seit jeher Spielleute und Akrobaten im Namen ökonomischer und ästhetischer Verschwendung. Auf sich selbst bezogen, berufen sich ihre Kunststücke immer auf die unmittelbare Wahrheit des Körpers. Ganz dem Akt ihrer schöpferischen oder selbstverzehrenden Produktion ergeben, stellen die Artisten sich dem Publikum, von keinerlei äußerer Zensur abhängig. Die Freiheit, die sie leben, ist imaginiert und zeigt das Gesicht disziplinierter Selbstzerstörung. Sie beruht auf dem Paradox einer Zeit. Einem Paradox zwischen Verzicht und Verschwendung. Zwischen ersetzbarer Unersetzbarkeit und unsichtbar-sichtbaren Gefühlen. Mit einem Auszug aus Kafkas Stück „Auf der Galerie“ möchte ich diese Vorstellung beenden und hoffe, meinem Publikum hat das Programm gefallen:

„Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde […], begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, riefe das Halt! durch die Fanfaren des sich immer anpassenden Orchesters. Da es aber nicht so ist […]; legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlussmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.“

Quelle:
Walter Bauer-Wabnegg: Zirkus und Artisten in Franz Kafkas Werk. Erlangen 1986.

Ausgabe 19, September 2008

Verfasst von: marcelnakoinz | 2. Oktober 2009

Ich kam, sah und musste kaufen – Der schöne Schein der Verpackungen

Schein oder Sein - ist hier die Frage

Schein oder Sein - ist hier die Frage

Appetitanregend sieht er ja aus, mein frisch gekaufter Eiersalat. Zumindest von außen. Das kleingedruckte Wörtchen „Serviervorschlag“ am unteren Rand des vielversprechenden Bildes ist so klein geschrieben, dass es die schöne Abbildung nicht auch nur ein bisschen verdeckt. Der schöne Schein der Verpackung schmilzt mit dem Öffnen der Schachtel dahin wie Sahneeis auf einem V8-Motor. Ich starre auf meine Mahlzeit, die aussieht wie zuvor von zwölf siamesischen Katzen verdaut und über die meine Freundin nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde – den Blumenkohl in der einen und das Schwarzbrot in der anderen Hand. Aber ich bin Student und habe keine Zeit zum Kochen! Für mich steht fest: Klarer Fall von Etikettenschwindel. Die Designer, die dieses Verpackungscover kreierten, mussten sich das Zeug sicher nicht hinterwürgen und schlemmen stattdessen wohl gerade im Ritz. Wirtschaftswissenschaftler Peter Debrunner, der über „Verpackungen als Marketinginstrument“ promovierte, schreibt in seiner Dissertation: „Durch die Vermittlung optischer Reize (Auffälligkeit) erleichtert man dem Verbraucher […] die Orientierung und Auswahl.“ So ein Bullshit!, denke ich, unzufrieden mit mir, der ich mich blenden ließ, während die Bilder langer, orientierungsloser Abende im neuen Supermarkt vor meinem inneren Auge aufsteigen. Wer ist nicht schon einmal auf eine Mogelpackung hereingefallen und saß vor seinem eigenen hanebüchenen Eiersalat?

Die Recherche beginnt

Verpackungskünstler

Verpackungskünstler

Ich frage meinen Bekannten Peter, der seit drei Jahren Verpackungstechnik studiert, ob er einen Rat weiß, wie man sich der hypnotischen Wirkung des sich in der Nase bohrenden Affen auf der Cornflakesverpackung erwehren kann. Es sieht düster aus. Auch Peter ist nur ein genervter Konsument, denn die Gestaltung der Verpackungsflächen fällt nicht in seinen Aufgabenbereich (zu dem ja immerhin Verpackungsprozesse, -prüfung, -technik, Qualitätsbewertung, Entwicklung und Optimierung von Verpackungen etc. gehören). Ich wittere zum ersten Mal eine breit angelegte Verschwörung der für den popelnden Affen Verantwortlichen. Peter versucht mich zu beruhigen: „Verpackungen sind für viele Warenarten ein Qualitätskriterium; sie ermöglichen erst die Vermarktung“, sprudelt es aus ihm heraus, „und etwa 95 Prozent aller Warenarten werden verpackt.“

Aber lässt sich dieser Umstand nicht von den Vermarktern missbrauchen? Ist nicht viel zu oft nur alles Schein statt Sein? In der guten Gesellschaft vierer Biere fangen wir an zu philosophieren. Es kommt nichts dabei heraus. Nach dem Kater am nächsten Morgen forsche ich weiter. Dabei stoße ich auf eine Studie, in der man herausfand, dass Männern wie Frauen, deren Gesichtszüge und Kleidungsstil maskulin wirkten, eher Führungskompetenzen zugesprochen wurden. Es kommt also weniger darauf an, ob der Inhalt weiblich oder männlich ist, die Verpackung macht die Leute! Können wir vielleicht nicht anders, als auf die fiesen Tricks der Werbung hereinzufallen?

Hauptsache gut verpackt

Nur das Beste für unsere Kinder!

Nur das Beste für unsere Kinder!

Ein Kaufhaus ist ein Schlachtfeld um Ihre Aufmerksamkeit. Jedes Produkt möchte gerne aus dem Regal direkt in Ihren Einkauf springen. Das beginnt schon beim Metzger, der seine Waren mit einem roten Licht bestrahlt, damit es saftig wirkt und bei der in ein künstliches Tageslicht getauchten Obsttheke, die die Früchte ins rechte Licht rückt. So verbreitet sich der schöne Schein. Kosmetika kommen in rosafarbenen Döschen daher, um die Vorstellung vom weiblichen Wunschbild makelloser Haut und von Rosenduft zu vermitteln; teure Fernseher dagegen im vornehmen Schwarz.

Außerdem zielen Verpackungen auf unsere natürlichen Triebe. Zum Beispiel unser Bedürfnis nach Prestige. Jeder erinnere sich an die letzte Enttäuschung, als sie eine andere Frau mit denselben Schuhen sah, oder als ihm neulich der Nachbar seinen zweiten Porsche vorführte. Ich gestehe, dass auch ich schon einmal ein Buch mit 1.000 (wie sich später herausstellt, langweiligen) Seiten kaufe, weil es alle kaufen, weil alle coolen Leute es kaufen oder einfach nur wegen des coolen Titelbilds. Werde ich daraus lernen, nur weil ich diesen Artikel schreibe? Nein. Hat Peter aus seinem Studium gelernt, sich nicht an der Nase herumführen zu lassen? Nein. Und Sie? Haben Sie daraus gelernt? …

Hackbraten wie bei Muttern!!!

Hackbraten wie bei Muttern!!!

Quellen:
Peter Debrunner: „Die Verpackung als Marketinginstrument: Kosten und Nutzen ihres Einsatzes.“ Zürich 1977.
Ulrich Kühnen und Sabine Sczesny: „Haben maskuline Frauen mehr Erfolg?“ In: Gehirn & Geist 2/2004.

Wollen wir die Wahrheit wirklich wissen?

Wollen wir die Wahrheit wirklich wissen?

Ausgabe 18, August 2008

Haben Sie schon einmal einen Frosch einen anderen interviewen sehen? Nein? Ein Interview ist im Grunde eine Befragung. Man muss nur fragen und zuhören können. Klingt einfach, kann aber ziemlich kompliziert werden und nicht nur, wenn der Befragte innere Mauern aufbaut oder dermaßen nuschelt, dass man nach dem zehnten Abhören des Tonbands noch immer nicht den ersten Satz zu Papier gebracht hat und gefrustet an die froschgrüne Decke starrt. Was, wenn einem keine schlauen Fragen einfallen? Oder wenn man es nicht schafft, seinen Gegenüber dahingehend zu beeinflussen, Einblicke in den Menschen und nicht nur die öffentliche Fassade zu bekommen?

Fragen über Fragen

Fragen will gelernt sein
Aber sind Fragen nur gut zur Beeinflussung und Informationsbeschaffung? Sicher, es gibt Angriffsfragen (Meinst du das ernst?), rhetorische Fragen (Meint nicht jeder einmal etwas ernst?), Suggestivfragen (Das meinen Sie jetzt nicht ernst, oder?), aber es gibt doch noch viele andere Formen mehr. Sie begegnen uns überall. Beim Einkauf, im Altenheim, im Kindergarten, bei Markforschungen und bei Meinungsbefragungen, bei „Vera am Mittag“ und beim Gespräch mit sich selbst.
Warum können wir uns fragen: Wie geht es dir? Wer ist schuld? Was ist ein Gewitterfurzer? Was hat das alles zu bedeuten? Sind Politiker die einzig wahren Schauspieler? Wie viele Minderheitenmitglieder braucht man, um eine Glühbirne einzuschrauben? (Fünf! Einer hält die Glühbirne und vier andere drehen den Tisch, auf dem der erste steht.) Kenne ich meinen Körper wirklich schlechter als Charlotte Roche? Fülle ich mein Leben mit Tagen oder meine Tage mit Leben (Precht)? Was wäre, wenn? Ist der Papst katholisch? Warum fragst du mich das? Wann? Wo gibt es dieses tolle Kleid? Zu mir oder zu dir? Was ist Wahrheit? Wo hört unsere Freiheit auf – im Gehirn oder im Schuldensumpf? Ist der Mensch eine Marionette, die ihre eigenen Strippen zieht? Vielleicht bleiben manche Fragen doch besser unbeantwortet?

Worin unterscheiden sich Wissenschaft und Kunst?
Die Antwort darauf, wozu diese anderen Frageformen gut sind, lässt sich vielleicht folgendermaßen angehen: Was verbindet Wissenschaftler, Detektive, Romanciers, Philosophen und Künstler gleichermaßen? Ihr Job ist es, die richtigen Fragen zu stellen. Bei ihnen kommt es gleichermaßen darauf an, sich – in der ihrer Zeit angemessenen Art und Weise – mit der Welt auseinanderzusetzen. Außerdem müssen sie unsere Weltwahrnehmung in Frage stellen, sicher Geglaubtes objektiv als eine Möglichkeit von vielen ausklammern und es zur Disposition stellen. Wirtschaftsmanager und Politiker müssen vielmehr Antworten auf die Welt parat haben, wobei sie gut beraten wären, sich etwas mehr Zeit zu nehmen und darüber nachzudenken, welche Fragen Antworten benötigen. Fragen lenken unser Denken. Sie strukturieren unsere Welt und wie wir auf sie Bezug nehmen.

Die Suche nach dem Stein der Weisen
Comic: Christoph WittWie müssen wir uns richtig auf uns und die Welt beziehen, damit das menschliche Leben gelingen kann? Die Frage nach dem „guten Leben“ ist der Horizont, an den jede philosophische Überlegung im Grunde gerichtet ist. Immanuel Kants drei Grundfragen der Philosophie lauten: „Bei welcher Station muss ich aussteigen?“, „Warum bekomme ich dieses Wurstglas nicht auf?“ und: „Wie lange brauchen die Froschschenkel noch, Herr Ober?“ Oh, ach nein. Das waren ja meine drei Grundfragen an das Leben. Nein. Kant fragte vielmehr: „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“ und: „Was darf ich hoffen?“ Eine Antwort blieb er uns schuldig. Oder, blieb er?

Haben auch Pflanzen eine Würde? Lässt sich Wissenschaft mit der Würde von Lebewesen verbinden? Gibt es dumme Fragen? Warum gibt es Böses auf der Welt? Warum glauben wir, dass es Böses gibt? Warum glauben wir? Warum haben wir eine Vorstellung von uns, als Individuum, das glauben, reden und Gartenarbeiten verrichten kann?

Nur wir Menschen können uns selbst in Frage stellen und aufgrund dieser Tatsache setzen wir uns anders in Beziehung zu anderen, als es Tiere tun würden. Auch wenn Tiere sich im Spiegel erkennen, so denken sie nicht an den dialektischen Materialismus oder ihre Zukunft. Sie wissen nicht, dass sie sterben werden. Wir können uns all das fragen, weil wir eine Vorstellung von uns selbst haben. Oder haben Sie schon mal einen Frosch einen anderen interviewen sehen?

„Vertrauen Sie denen, die nach der Wahrheit suchen, und misstrauen Sie denen, die sie gefunden haben.“ – André Gide

Ausgabe 16, August 2008

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Tafel mit Gilgamesch-Epos in Keilschrift

Das Gilgamesch-Epos ist fragmentarisch auf zwölf Keilschrifttafeln überliefert. Es gilt als Darstellung der Lebens- und Sterbekultur der Sumerer, die vor 6.000 Jahren das Zweistromland bewohnten. Gilgamesch, der Gottkönig dieses ersten großen Kulturvolkes Alt-Mesopotamiens, war der Sage nach zu zwei Dritteln ein Gott und zu einem Drittel Mensch. Er herrschte über Uruk, das biblische Erech (heute Warka). Die zehn Kilometer lange und neun Meter hohe Mauer, die er um Uruk errichten ließ, mussten die Untertanen unter großen Entbehrungen erbauen – Überreste der Anlage sind bis heute erhalten. Die Menschen beschwerten sich bei den Göttern. Die daraufhin Enkidu erschufen, einen wilden Steppenmenschen, der Gilgamesch an Stärke ebenbürtig war. Im Kampf gegeneinander wurde Enkidu zwar bezwungen, doch entstand zwischen beiden eine nahezu brüderliche Freundschaft (realpolitisch vermutet man hierin ein Zweckbündnis, das die Sumerer mit semitischen Nomaden eingingen).

Gemeinsam ziehen sie gegen Chumbaba, Wächterungeheuer eines heiligen Zedernwaldes, in den Krieg, besiegen es und raubroden die Wälder. Nach ihrer Heimkehr wirbt die Liebesgöttin Inanna um Gilgamesch, doch dieser wirft ihr vor, für die herrschenden Umweltkatastrophen verantwortlich zu sein. Die entrüstete Inanna entzweit die Götter untereinander, woraufhin Enkidu von ihnen mit einer tödlichen Krankheit belegt wird.

Umwelt und Dichtung
Das Epos konserviert in seiner eintausendjährigen Entstehungsgeschichte die Wandlungen des Lebensraums der damaligen Zeit. Vor allem die seit dem vierten Jahrtausend vor Christus immer rücksichtsloseren Brandrodungen führten letztlich zu Versteppung und Wasserknappheit. Es folgten Kriege um Wasser. Denn ohne Wälder erodierte das ungehemmte Regenwasser den Boden, traten Flüsse über die Ufer und sank der Grundwasserspiegel. Künstliche Bewässerungsanlagen und Kanäle wurden geschaffen, die aber vielerorts zu Brutstätten für Seuchenerreger wurden.

Die anfangs noch üppig vorhandenen natürlichen Ressourcen wurden ohne Maß verbraucht. Als die Umweltbedingungen sich verschlechterten, mussten andere Länder erobert werden, um den erlangten Standard, bei anhaltender Bevölkerungsexplosion, zu erhalten. Entsprechend trat an die Stelle einer Weltsicht, in der die Erde in Form der Fruchtbarkeitsgöttin Inanna (wir kennen sie als Aphrodite) als weiblich-mütterlich verehrt wurde, ein Himmelreich männlicher Gottheiten, die untereinander stritten.

Die Sumerer waren nicht die einzige große Menschheitskultur, die an ihren eigenen Umweltsünden zugrunde ging. Auch die Maya und die Bewohner der Osterinsel, so nimmt man an, ereilte ein ähnliches Schicksal. Doch auf der Asche der Sumerer erblühten die Kulturen der Hethiter, Babylonier, Assyrer, Perser, Griechen, Römer, Araber und Türken.

Assurbanipal (669-627 v.u.Z.) bei der Löwenjagd

Assurbanipal (669-627 v.u.Z.) bei der Löwenjagd

Wider die Natur
Weil er den Tod seines Freundes nicht verkraften kann, zieht Gilgamesch hinaus in die Wüste – auf der Suche nach einem Mittel, welches ihn und den Rest der Menschheit vor Enkidus Schicksal schützen sollte. Auf seinem Wege entkleidet er sich seiner kulturellen Haut und wird selbst zu einem ungepflegten Steppenmenschen.

Endlich trifft er auf den unsterblichen Utnapischtim (der später zur Vorlage für den biblischen Noah wird). Dieser erzählt dem Helden davon, wie er als einziger die große Sintflut überlebte, indem er die – hier noch würfelförmige – Arche baute. Mit seiner Hilfe findet Gilgamesch dann tatsächlich eine verjüngende Pflanze, die aber auf seinem Heimweg von einer Schlange gefressen wird. So kommen beide Männer mit leeren Händen wieder in Uruk an.

Die Grundfragen des Menschen scheinen sich seit damals nicht geändert zu haben. Dürrenmatt meinte sogar einmal: „Die erste wissenschaftliche Entdeckung des Menschen war jene, dass er sterblich ist.“

Die faustische Tragik Gilgameschs, die uns heute noch zu berühren vermag, liegt darin, dass das ewige, das göttliche Leben, das er sucht, nicht existiert. Denn der Preis des Lebens ist der Tod. Ein Preis, den er zu zahlen nicht bereit ist. Eine buddhistische Weisheit besagt dagegen: „Die Vergänglichkeit ist ein Prinzip der Harmonie. Wenn wir uns nicht gegen sie auflehnen, sind wir in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit.“ Vielleicht ist das allein der Grund, warum uns Geschichten schon immer so faszinierten: Weil nur in der Phantasie die Erlösung vom Leiden ruht.

(1) Rudolf Kreis: Dichtung und Umwelt. Frankfurt am Main 1989
(2) Georg Burckhardt: Gilgamesch. Leipzig 1951

Ausgabe 15, Juli 2008

„Was also ist Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich´s; will ich´s aber einem Fragenden erklären, weiß ich´s nicht.“ Aurelius Augustinus

Zeit

Zeit genommen

Zeit wird oft wie ein Geheimnis gehandelt, das sich – wie unter einem Schleier verborgen – unserer Erkenntnis entzieht. Scheinbar sind wir nicht fähig, Gewissheit über sie zu erlangen. Schon seit 2.500 Jahren denken Menschen intensiv über sie nach, ohne schlau aus ihr zu werden. So liefert Platon in seiner Ideenlehre die ersten uns bekannten systematischen Gedankengänge über die Zeit ab. Sein Schüler, Aristoteles, versucht in seiner Abhandlung über die Naturdinge das Wesen der Zeit im Zusammenhang mit der Bewegung zu erklären. Dass er nicht sonderlich zur allgemeinverständlichen Klärung des Problems beitrug, mag nicht nur dem Umstand geschuldet sein, dass er Philosoph war. Vielmehr orientierten sich die Menschen in der Antike an den immer wiederkehrenden Naturabläufen, vor allem aber am Lauf der Himmelskörper. Deren Bewegung nahm man fälschlicherweise als gleichförmig an. So entstand anhand einer halbverstandenen Astronomie ein zyklischer Begriff von Zeit.

Es wird Zeit

Es wird Zeit

Zeit umzudenken
Diese Konvention überlebte in dem, was wir heute als „subjektiv empfundene Zeit“ bezeichnen. Dadurch lässt sich die falsche Vorstellung vom Fließen der Zeit erklären, welche sogar Isaac Newton noch bekräftigte: „Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand.“ Newtons Sichtweise entspricht unserem Alltagsbegriff, den die meisten im Hinterkopf haben, wenn sie das Wort „Zeit“ hören. Auch in der Kunst spiegelt sich dieses Verständnis von Zeit oftmals wider. Für den Maler Salvatore Dali beispielsweise verfliesst die Zeit in seinen schmelzenden Uhren.

Doch im Jahre 1905 wird dieses Konzept durch die Spezielle Relativitätstheorie (kurz: SRT) aufgehoben. Die Zeit ist nun keine eigenständige Größe mehr, sondern wird als Teil der vierdimensionalen Raumzeit entlarvt. Die SRT Albert Einsteins beschreibt die Beziehung von Größen zwischen mindestens zwei Bezugssystemen, die sich mit konstanter Geschwindigkeit relativ zueinander bewegen. Jede Zeitmessung fordert die Angabe eines Bezugssystems und ist nur in diesem gültig. Messen wir Zeit von einem anderen System aus, das sich relativ zu uns bewegt, erhalten wir unterschiedliche Messergebnisse. Je schneller wir uns bewegen, desto langsamer vergeht für uns die Zeit – bezogen auf einen relativ zu uns ruhenden Betrachter.

Da kein Bezugssystem als objektiv ruhender Bezugspunkt gelten kann, muss die Vorstellung einer absoluten Zeit jedoch aufgegeben werden. Zeit ist also eine relative Größe. Jedes Individuum hat somit sein „persönliches Zeitmaß“. Streng genommen ist der Ablauf der Zeit also überall anders. Wir verdanken es nur der verhältnismäßig flachen Raumzeit auf der Erde und der Tatsache, dass wir uns mit Geschwindigkeiten weit unterhalb der Lichtgeschwindigkeit bewegen, dass wir weltweit einen ähnlichen Ablauf der Zeit wahrnehmen und der Begriff der „Gleichzeitigkeit“ Sinn ergibt. Denn die Relativität der Gleichzeitigkeit wird erst in kosmischen Entfernungen interessant.

Sein und Zeit

Sein und Zeit

Vierdimensionale Marsmenschen
Es fällt uns als dreidimensional ausgedehnten Wesen schwer, sich mehr als die drei Dimensionen des Raumes vorzustellen. Der Raum umgibt uns; Zeit dagegen erfahren wir abschnittsweise nacheinander, sie entzieht sich unseren Sinnen. Auch dürfte die voller unverstandener Zufälle steckende Quantenphysik ihr Übriges dazu beitragen, dass die Zeit auch heute noch als Rätsel gehandelt wird. Einstein lehnte die Quantentheorie mit dem Einwand ab: „Gott würfelt nicht.“ Heute gehen Physiker wie Stephen Hawking aber davon aus, dass Gott ein notorischer Spieler ist.

Gegenüber den klassischen Theorien der Physik haben die neuen Gebiete der Zeitforschung an Anschaulichkeit verloren. Wir können die im Mikrokosmos verborgenen Korrelationen von Ort und Geschwindigkeit zwischen Atomen nicht wahrnehmen und so vereinfachen wir unseren Zeitbegriff auf das, was wir wahrnehmen: das „Vergehen der Zeit“.

Entsprechend der Relativitätstheorie sind Raum und Zeit aber nichts weiter als Strukturmerkmale der Materie und der Energieverhältnisse. Hören wir also im Sinne von Ludwig Wittgenstein damit auf, die falschen Fragen zu stellen! Wie zum Beispiel: „Was ist Zeit?“ Denn die Zeit selbst ist nicht definierbar, da sie nur ein gedankliches Hilfsmittel, eine sprachliche Abkürzung für zeitliche Beziehungen zwischen Ereignissen darstellt.

Ausgabe 12, Juni 2008

Wolf Kahlen war einer der ersten Videokünstler weltweit und ist auf der permanenten Suche nach neuen Formen des künstlerischen Ausdrucks. Er studierte Kunst und lehrte viele Jahre an der TU Berlin. Für die Herstellung seiner Werke nutzt er verschiedene, auch ungebräuchliche Materialien wie gewölbte Leinwände, Staub, Zeit (!). In seinen Videos hat er hierzulande kaum gesehenen Gegenden unseres Planeten nachgespürt, so zum Beispiel Tibet und der Mongolei. Dieses Gespräch fand in seiner „Ruine der Künste“ in Dahlem statt – über das Erfinden, die Kunst und die Zeit.

Foto/Bearbeitung: M. Nakoinz

Die Erleuchtung

strassenfeger: Wie kamen Sie zum Erfinden?

Wolf Kahlen: Ich bin 1940 geboren, mitten im Krieg. Ich hatte das Glück, in dieser Zeit geboren zu werden. Ich bezeichne es so, denn als Kinder kamen wir aus den Trümmern, den Luftschutzbunkern und krochen aus den Kellern. Ich hatte dann das Glück, die Welt sehen zu können und zu staunen: „Was ist das für eine wunderbare Welt! Was gibt es hier alles zu sehen!“ Als Kind empfindet man es nicht als grauenhaft, wenn ein Haus zerstört ist. Dinge, die einfach nur so rumstehen, nimmt man sich mit nach Hause zum Spielen. Die Welt ist voller Wunder und Dinge, die man findet. Man er-findet etwas, d.h.: Es ist schon da. Erfinden heißt nicht, dass man etwas aus dem Nichts schöpft. Man findet die Dinge, weil man die Sinne offen hält. Weil man nicht gezwungen ist durch staatliche oder kirchliche Erziehung, nur das zu denken und zu sehen, was andere Leute auch tun. Ich hatte das Glück, diese Methode des Staunens praktisch erleben zu müssen.

sf: Wie würden Sie die Erfindung abgrenzen von der Entdeckung?

WK: Die Entdeckung ist der erste Moment der Erfindung. Man deckt etwas auf, d.h. man sieht es. Man ent-deckt es und daraus folgt dann die Er-findung. Im Grunde ist das normale Leben – wenn es das gibt – ein ständiges Entdecken und Erfinden. Man findet z.B., dass unter einem großen Blatt kein Regen ist. Dann ist der Schritt doch gar nicht so weit, zu erfinden, mit dem Blatt eine Hütte zu bauen. Wer macht denn die Erfindungen in dieser Welt? Jeder normale Mensch macht am laufenden Band Erfindungen oder hat zumindest das Potential dazu.

sf: Muss sich die Kunst immer wieder neu erfinden?

WK: Die Kunst muss sich nicht immer wieder neu erfinden, sie macht es einfach. Der Künstler ist, wie jeder andere Mensch, konditioniert durch die Umwelt, Erziehung, Bildung usw. In jeder Zeit sind die Menschen anders konditioniert und somit laufen immer andere Menschen mit anderen Augen herum.

sf: Können Künstler und Erfinder etwas voneinander lernen?

WK: Künstler und Erfinder sind und tun das Gleiche. Jeder normale Mensch ist auch potentiell beides. Bloß – er wird daran gehindert, durch Konditionierung und Erziehung.

sf: Auch ein verrückter Erfinder, der sich in seinem Keller einschließt, ist ein Künstler?

WK: Natürlich ist er ein Künstler, nur: Er kapriziert sich auf das Funktionale. Er erfindet etwas, um sich die Welt zu erklären. Ein Künstler tut nichts anderes. Doch für ihn muss es für alle funktionieren und nachvollziehbar sein. Der Künstler sagt, dass er etwas entdeckt hat, was die Leute berührt, sie anregt, über die Wirklichkeit oder die Vergänglichkeit oder Ähnliches nachzudenken. Im Grunde sind wir eben alle Künstler.

sf: Würden Sie mir eine Ihrer „Erfindungen“ näher erläutern? [Wir gehen zu einer Uhr, die von einem Spiegel geteilt wird und auf der sich die Zeiger je nach Blickwinkel vorwärts oder rückwärts bewegen.]

WK: Aus jedem Blickwinkel zeigt die Uhr eine andere Zeit. Je nachdem, geht die Uhr sogar vorwärts und rückwärts gleichzeitig. Ich glaube, sie ist die einzige Uhr ihrer Art; eine, an der die Relativität der Zeit sichtbar wird. Dass die Zeit nicht gradlinig verläuft, sagt ja die Physik seit Einstein. Alles ist gekrümmt, auch die Zeit. Und wenn die Zeit gekrümmt ist, dann krümmt sie sich wieder in sich selbst zurück und das ist genau das, was wir hier haben. Das wäre hier also der visuelle Beweis für Einsteins Theorie, dass die Zeit gekrümmt ist.

sf: Kann man von der Kunst bzw. vom Erfinden leben?

WK: Ich lebe doch! Natürlich ist es sehr schwer, wenn man ernsthaft Kunst macht. Es gibt auch viele, die nur das machen, was Erfolg verspricht. Wenn sie mit einer Sache Erfolg hatten, machen sie das immer wieder. Andere bewahren sich die wissenschaftliche Neugier, bleiben an den Dingen und beuten eine Idee nicht aus. Als man meine shaped canvases, [„geformte Leinwände“, Anm. d. Red.] als „schöne minimalistische Formen“ konsumierend missverstand, hörte ich über Nacht auf, sie zu verkaufen.

Ausgabe 11, Mai 2008

Verfasst von: marcelnakoinz | 2. September 2009

Freiheit ist Sklaverei

Arm dran

Besser Arm dran, als...

„Gewalt war der Geburtshelfer der kapitalistischen Gesellschaft.“

Dieses Zitat stammt von einem Mann mit Rauschebart. Einem Mann, der oft missverstanden wurde. Einem, der es sich zum Ziel setzte, die Grundstrukturen des Kapitalismus zu durchdringen, um ihn zu bekämpfen. Die Rede ist von Karl Marx. In seinem unvollendeten Werk „Das Kapital“, dessen erster Band 1867 erschien, führt er vor, was Ottonormalbürgern, Akademikern und den meisten Ökonomen (auch in heutiger Zeit) unklar ist: Die Freiheiten, derer sich die Menschen industrialisierter Länder erfreuen (Presse- und Redefreiheit, Minderheitenschutz usw.) sind hart erkämpft.

Die Geburtsstunde des Kapitalismus – ein Vaterschaftsstreit
Den Ursprung des Kapitalismus verortet Marx im England des 15. Jahrhunderts. Aus einer Gesellschaft, die Jahrhunderte lang kaum technischen Fortschritt, noch Wettbewerb kannte, entstand im Zuge eines sich ausbreitenden Fernhandels und durch Enteignung eine verschärfte Aufspaltung der Völker in besitzende und besitzlose Klassen. Diese Sichtweise ist innerhalb der Volkswirtschaft keineswegs akzeptiert. Heute genauso wenig wie damals. Die Nationalökonomie tendiert eher dazu, die Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise idyllisch und unproblematisch auf die außerordentlichen Anstrengungen einzelner Kapitalisten zurückzuführen, während andere Zeitgenossen nur faul auf der Haut lagen. Jeder bessere Historiker weiß jedoch um die tatsächlichen Zusammenhänge.

„In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle.“ (Marx, S.742) Auf eine Reihe von Faktoren wie die Entstehung von Börsen- und Bankensystemen und die Ausbeutung der amerikanischen Kolonien folgte die Privatisierung öffentlichen, kollektiv genutzten Bauernlandes (Ackerland, Gemeindewälder usw.). Mit diesem Besitz verwandelte sich eine neue Klasse von Pächtern in Grundeigentümer. Die alten Kirchengüter wurden zudem geraubt und Ackerland in Schafweide verwandelt (Wollproduktion und Textilverarbeitung waren damals florierende Wirtschaftszweige). Folge: Die Landbevölkerung wurde in großen Massen von ihrem Land vertrieben und ihrer Produktionsmittel beraubt. Die enteigneten Menschen zog es nun zumeist in die Städte, wo sie das einzige, was sie noch besaßen, ihre Arbeitskraft, feilbieten mussten. Der bislang relativ verlässliche Lebenszyklus wich zunehmend dem Kampf um die nackte Existenz.

Auf der einen Seite schienen die Menschen aus ihren Abhängigkeitsverhältnissen befreit, tatsächlich aber wurden sie nun noch unfreier: „So wurde das von Grund und Boden gewaltsam […] verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert. […] Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt.“ (Marx, S.765) Nach dem Agrarkapitalisten wurde der Industriekapitalist geboren. Und zu welch prächtigem Wonneproppen ist er heute überall in der Welt herangewachsen? Auch der chinesische Kapitalist mit seinem pseudosozialistischen Deckmäntelchen ist ein strammer Bursche.

Wir prägen nicht das Geld – das Geld prägt uns
In der Wirtschaft geht es um Optimierungsprozesse – unabhängig von den Interessen der Mehrheit der Individuen. Diese Kaltherzigkeit ist abstoßend, aber notwendige Folge des Kapitalismus als solchem; weswegen sich Marx auch mit keinem Wort gegen die „bösen Kapitalisten“ wendet. Denn diese sind aufgrund der Konkurrenz gezwungen, ständig ihre Produktionsapparaturen zu modernisieren, um nicht von billiger oder besser produzierenden Konkurrenten in den Bankrott getrieben zu werden. Geld wird nur dann zu Kapital, wenn Geld investiert wird, um daraus Gewinn zu schlagen. Sobald ein Kapitalist aufhört, Profit zu machen, hört er auf, Kapitalist zu sein. Seine Profitgier ist also notwendiger Bestandteil des kapitalistischen Systems.

Warum sich trotz des allerorts aufflammenden Bewusstseins um die Ausbeutungsverhältnisse des modernen Superkapitalismus und dem Unmut über die immer größeren Armutsverhältnisse wir Proletarier aller Länder noch immer nicht vereinigt haben? Weil es einfach zu spannend ist, wer Deutschlands nächster Superstar wird!

Weiterführende Lektüre:
Buch: Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Bd.23. 38. Aufl. Berlin 2007
Film: „Der große Ausverkauf“ von Florian Opitz
Internet: http://www.storyofstuff.com

Ausgabe 10, April 2008

Die "unschuldige" Mörderin

Die "unschuldige" Mörderin

Anfang des 13. Jahrhunderts, gut 300 Jahre bevor die ersten Volksmärchen in Europa aufkamen, bildete sich eine Gattung heraus, die man „Märe“ oder „mittelalterliche Kurzerzählung“ nennt. Sie werden wie Fabeln meistens von einer „Moral von der Geschicht“ (Epimythion) begleitet, sind gereimt und haben fiktive, weltliche Geschehen, mit (vorwiegend) menschlichem Personal zum Gegenstand. Einige der für diese Zeit erstaunlich modern klingenden und kurzweiligen Geschichten (erotische Abenteuer mit Pastoren parodieren den sakrosankten Klerus, Geschlechterrollen werden hinterfragt etc.) seien im Rahmen dieser Ausgabe vorgestellt:

Die unschuldige Mörderin
Eine schöne und tugendhafte Gräfin begeht in diesem Märe drei Morde an Menschen, die sie betrogen haben. In der Nacht vor ihrer Vermählung mit einem reichen König gibt sich einer seiner Ritter für selbigen aus. Das wird jedoch von ihr durchschaut und der Ritter daraufhin von ihr mit einem Messer enthauptet. Seine Beseitigung übersteigt ihre Kräfte und somit ist sie auf den Pförtner angewiesen, welcher ihre Not ausnutzt und sich ebenfalls an ihr vergeht. Daraufhin stößt sie ihn nach getaner Arbeit mit in einen Brunnen, als er den Ritter darin versenkt. Damit der König ihre Defloration nicht bemerkt, schiebt sie ihm in der Hochzeitsnacht eine ihrer Jungfrauen unter. Als sich diese später weigert zu gehen, brennt sie die Kammer kurzerhand an und überlässt sie dem Feuertod. Nach 32 Jahren glücklichen Ehelebens gesteht sie ihrem Mann die Taten und erntet von diesem, wie auch vom Erzähler im anschließenden Epimythion, wohlwollende Zustimmung. Zwar kann ein Mörder nicht unschuldig sein, aber gerade dieses moralische Problem wird von der Geschichte keineswegs problematisiert. Das Spannungsverhältnis zwischen gängigen moralischen Maximen und erzähltem Fall ist geradezu konstitutiv für die Erzeugung von Komik in dieser Zeit. Das Heraufbeschwören von Groteskem und „unerhörten Begebenheiten“ ist auch noch in der heutigen Novelle beliebt, die gewissermaßen mit den Mären verwand ist.

Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar
In diesem Märe geht es um einen reichen und rundum glücklichen Mann, der unter dem einzigen Fehler seiner Frau leidet: ihrer Geizigkeit. Daraufhin zieht er aus, um ein Ehepaar zu finden, das vollkommen zufrieden ist. Immer wieder wähnt er sich im Laufe der Geschichte fündig geworden und wird im letzten Moment dann doch vom jeweiligen Ehegatten eines Besseren belehrt. Hinter den Fassaden von Festmählern sind diese Männer nämlich alle zutiefst unzufrieden innerhalb ihrer Beziehungen. Ihre Frauen gingen ihnen fremd und müssen nun entweder jeden Abend Wein aus der Hirnschale des ehebrecherischen Pfaffen trinken oder bekommen einen großen angeketteten Bauern als Sexsklaven, um nicht wegen der Nymphomanie der Frau zum Gespött der Öffentlichkeit zu werden. Nach sechs Jahren der vergeblichen Suche muss er schließlich erkennen, dass es in seiner eigenen Beziehung noch am Besten bestellt ist und so versöhnt er sich mit seiner Frau und sieht ihr den Makel nach.

Der begrabene Ehemann
Ein Mann schwört seiner Frau aus Liebe, ihr jedes Wort bedingungslos zu glauben. Die Frau testet ihn und so gibt er seinen Wahrnehmungen zum Trotz an, dass es am Tage Nacht, ein kaltes Bad warm und schließlich, dass er totenblass sei. Zu spät beginnt der Mann zu protestieren und wird lebendig begraben. Denn sein Geschrei wird vom Dorfprediger, in den sich seine Frau verliebt hatte, als Teufelswerk gewertet. Auch dies scheint moralisch nicht allzu bedenklich. Dadurch, dass der Mann seiner Rolle in der Ehe nicht nachgekommen ist, kann man ihn bereits als für „gesellschaftlich tot“ erklärt sehen und seine leibhaftige Beerdigung wäre in dieser mittelalterlichen Logik eine konsequente Folge.

Die zwei Beichten
Hier nehmen sich zwei Eheleute gegenseitig die Laienbeichte ab und nachdem die Frau dem Mann gesteht, sich hinter seinem Rücken mit (je nach Überlieferung) mal zwölf, mal 26 Männern (Koch, Kellner, Priester, drei Fischergesellen …) eingelassen zu haben, gesteht ihr Gatte darauf ganz unverblümt einmal die Hand der Magd berührt zuhaben. Wutentbrannt prügelt ihn darauf seine Frau mit dem Besen aus dem Haus. Einem Utensil, das die Germanisten gern als „Phallussymbol“ deuten. Damit wäre der Beweis erbracht: „Stand-up Comedy“ gab es auch schon im Mittelalter!

Ausgabe 09, April 2008

Du bist, wie du es sagst

Du bist, wie du es sagst

Ohne Kultur gibt es keine Sprache. Um sich davon zu überzeugen, brauchen Sie sich nicht in ukrainischen Höhlensystemen auf die umständliche Suche nach Wolfskindern zu machen. Buchen Sie einfach Ihren geplanten Mallorca-Urlaub auf einen Trip in das Herz Brasiliens um. Auch wenn es teurer wird, ein Hinflugticket reicht ja meistens. Zurück will man sowieso nicht mehr, hat man erst einmal die Pirahã kennen gelernt. Das gilt zumindest für Sprachforscher, die sich, von diesem kleinen Amazonas-Völkchen fasziniert, dort mittlerweile gegenseitig auf die Füße treten. Denn im Dickicht des Regenwaldes erwartet diese neben Pumas, Tapiren und Spinnenaffen auch eine folgenschwere Erkenntnis. Das Volk der Pirahã kennt nämlich weder Nebensätze, noch Vergangenheitsformen, Zahl- oder Farbwörter. Das liegt laut Psycholinguist Daniel Everett nicht an ihrer geringeren Intelligenz, sondern vielmehr an ihrer Kultur. Sie leben im Hier und Jetzt. Alle Ereignisse sind verankert im Moment des Sprechens. Es sind also nicht allen Menschen die gleichen grammatischen Prinzipien angeboren, die wir dann nur noch automatisch anwenden lernen, wie man bisher annahm. Sprache kommt vielmehr durch die Kultur in die Welt.

wikipedia.de

Reden ist Silber...

Warum in die Ferne schweifen…?
Sie können aber auch das Moskitonetz im Spind lassen und einfach Ihre eigenen Kinder neu entdecken. Der Psychologe Lew S. Wygotski untersuchte bereits Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Entstehung der ‚inneren Sprache’ in der kindlichen Entwicklung. Sie äußert sich in einer sehr ‚ich-bezogenen’ Kommunikation, wie etwa im Rollenspiel, in dem das Kind sich selbst und anderen verschiedene Rollen zuweist (z.B. „Kaufmannsladen“). Erst später sprechen Kinder zu sich selbst, um Probleme zu lösen, oder benutzen die Finger zum Zählen.

Für Forscher ist die Sprachentwicklung bei Kindern heute so interessant, weil bei jedem von ihnen die Evolution gewissermaßen noch einmal im Zeitraffer abläuft. Als Beweis dafür könnte die Erkenntnis dienen, dass die menschliche Kindheit erst nach dem Homo erectus entstanden ist. Nach dem Linguisten Derek Bickerton wurde die längere Kindheit erst mit einem zunehmenden Gehirnwachstum nötig. Die damit einhergehende größere Anzahl verfügbarer Neuronen war notwendig, um innere Zeichen bilden zu können. Darum vergrößerte sich das Hirnvolumen auf das Dreifache der übrigen Primaten, bevor der Mensch den ersten Satz formulieren konnte.

Der aufrechte Gang, welcher durch die veränderte Anatomie der Wirbelsäule das Gehirn entlastete und so eine Vergrößerung desselben gewährleistete, bewirkte noch ein weiteres Schlüsselereignis für die Entwicklung der Sprache: die veränderte Atmung. Der Kehlkopf liegt bei uns nämlich deutlich tiefer als beim Affen. Damit wurde um den Preis, nun leichter ersticken zu können, ein großer Rachenraum für einen Sprache ermöglichenden Resonanzkörper geschaffen.

Der entscheidende Schritt vom Grunzen zur Poesie
Die Motivation zu alledem ist vermutlich in schnell veränderten Umweltbedingungen zu suchen, welche unsere Vorfahren von den Bäumen in die Steppen zogen, während die Vorfahren der heutigen Affen zurückblieben. Eine symbolische Kommunikation in Form von Sprache war in der Savanne ein entscheidender Vorteil im Überlebenskampf. Denn die Nahrung war nun auf einer weiten Fläche verstreut und von vielen, heute ausgestorbenen Fressfeinden drohte Gefahr. Wie genau man sich die Anfänge der Sprachentwicklung vorzustellen hat, ist ohne fossile Tonbandaufzeichnungen natürlich immer reine Spekulation.

Sicher aber ist: Vor rund 100.000 Jahren vollzog sich ein abrupter Wandel. Rasch begann der Mensch raffinierte Werkzeuge zu bauen, Schmuck herzustellen, Handel zu treiben – kurz: Kultur zu entwickeln. Der Auslöser dafür ist für Bickerton die Syntax. Denn wenn wir etwas planen, irgendetwas auch nur halbwegs Kompliziertes, dann brauchen wir ihm zufolge ‚Wenns’ und ‚Weils’, das heißt, wir brauchen verschachtelte Sätze. Ohne diese verharren wir im Hier und Jetzt. Ganz so wie die Pirahã, die unsere kulturelle Evolution kalt ließ. Aber der allseits aufkommende Wunsch nach Ruhe, die ‚Back-to-basic’-Campingplätze und die kicksuchenden Extremurlauber sind ein mehr als genügender Beweis dafür, dass wir auch einen Ausgleich zu unserer überkultivierten Welt brauchen. Nicht umsonst heißt es doch, ist Reden nur Silber, Schweigen jedoch… irgendwie auch nicht schlecht.

Quellen:
Rafaela von Bredow: Leben ohne Zahl und Zeit. In: Der Spiegel 17 (2006)
Lew S. Wygotski: Denken und Sprechen. Frankfurt am Main 1969
Daniel L. Everett: „Wer Salat isst, spricht nicht Pirahã“. In: Gehirn&Geist Dossier 3 (2006)

Ausgabe 07, März 2008

Verfasst von: marcelnakoinz | 25. August 2009

Protest ist meine Waffe

Marcel Mitu

Marcel Mitu

Marcel Mitu (43) kommt aus Rumänien. Seine abgetragene rehbraune Hose und sein schlichtes marineblaues T-Shirt wirken ordentlich und machen einen gepflegten Eindruck. Seine Worte sind klar und konzentriert. Nichts an seiner Erscheinung, die ihn kaum von den herumwirbelnden Fußgängern auf den Straßen Berlins abhebt, lässt darauf schließen, was er durchgemacht hat. Nur der lebenserfahrene Blick lässt mehr vermuten. Der Rumäne flüchtete einst vor einer totalitären Regierung. An der Grenze wurde auf ihn geschossen. In Deutschland angekommen, sperrt man ihn 15 Monate hinter Gitter, um ihn dann schließlich abzuschieben. Doch Marcel Mitu gibt nicht auf und kommt wieder. Diesmal nach Berlin.

Die Akte Marcel Mitu
Alles fing damit an, dass Marcel es nicht mehr in seiner pseudosozialistischen Heimat aushielt und er Zuflucht in einem westeuropäischen Staat suchte. Sein Weg führte ihn 1988, ohne Hab und Gut oder Visum, nach Stuttgart. Kaum angekommen, geriet er aufgrund einer Verleumdungsklage, für Taten die er – wie er bekräftigt – nie beging, über ein Jahr ins Gefängnis. Dahinter steckten, wie er meint, rumänische Spitzel, die im Ausland nach Flüchtlingen Ausschau hielten. Mitu möchte auch heute nicht zurück in sein Land, weil seiner Meinung nach dieselben Leute noch immer an der Macht sind – nur in anderen Positionen oder unter anderen Namen.

Skandalös: In Stuttgart machte man ihm – nach seinen Angaben – nicht einmal den Prozess. Man sperrte ihn einfach weg. So lange, bis man ihn aus Deutschland ausweisen konnte. Dafür hat er allerlei Beweise dabei. In seinem Rucksack befinden sich mehr Aktenordner mit Papieren über seine Behördengänge als Ersatzkleider. Darunter ist auch ein psychiatrisches Gutachten, welches er anfertigen lassen musste, als er 2006 nach Deutschland zurückkehrte und in Berlin vor dem Reichstag protestierte. Nachdem er offiziell bescheinigt bekam, dass er nicht geisteskrank ist, durfte er weiter protestieren, aber nicht vor dem Reichstag – da wollte man ihn nicht mehr sehen. Doch auch seinen Hungerstreik am Brandenburger Tor musste er abbrechen, nachdem ihn eines Nachts Unbekannte zusammentraten. Eine Zeitlang verkaufte er zwar auch den strassenfeger, aber da kaufte ihm niemand mehr seinen Protest ab. Er hatte sich zu entscheiden.

Der einsame Protest

Mitu's Lager unter dem S-Bahnhof Friedrichstraße

Mitu's Lager unter dem S-Bahnhof Friedrichstraße

Er weilt mitten unter uns mehr oder weniger verwöhnten Partyberlinern. Unweit von Unterhaltungsfabriken wie dem Admiralspalast und dem Friedrichstadtpalast hat Marcel Mitu unter der S-Bahnbrücke auf der Berliner Friedrichstraße sein Lager aufgeschlagen. Er schläft auch hier. An einem Pfosten am Straßenrand hisst er derzeit die rumänische Fahne und lehnt zwei Türen aneinander, auf denen er die Artikel des Grundgesetzes auflistet, die er in seinem Fall verletzt sieht. „Die Demokratie in Deutschland funktioniert auf dem Papier wunderbar. Praktisch jedoch ist sie eine Katastrophe. Meine Rechte werden auch jetzt, da ich ein EU-Bürger bin, weiterhin mit Füßen getreten“, so Mitu. Im vergangenen Winter schlief er hier bei minus 15 Grad Celsius. Jede Nacht. Aus Protest. Dieser geht an den Menschen, die tagtäglich an ihm vorbeischlendern, nicht spurlos vorbei. Jedoch glauben viele nicht, dass er freiwillig unter der Brücke schläft.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“
Dieses geflügelte Wort hat Marcel Mitu bei uns in all seinen Dimensionen kennen lernen dürfen. Es sieht so aus, als wäre kein Platz für jemanden wie ihn in der Spaßgesellschaft Deutschland. „Warum war dein Fall nie in den Medien“, wird er oft ungläubig gefragt. Das liege daran, dass Mitarbeiter von Zeitungen und Medien oft großes Interesse bekunden würden, letztendlich jedoch die Chefetagen sich gegen die Publizierung dieses unschönen Kapitels der Ignoranz deutscher Politik entscheiden müßten. Es sei ihnen zu „heikel“. Uns nicht. Wir geben Menschen wie Marcel Mitu Gehör. Seit Jahren hat er seine Familie nicht mehr gesehen. So auch seine Frau und die beiden Kinder. Ich frage ihn, ob es das wert ist und wie lange er noch protestieren wird? Er sieht mir in die Augen und lächelt. Er wird niemals müde, gegen die Missstände anzukämpfen, die ihm widerfahren sind. Aber er kämpft dabei nie mit unlauteren Mitteln. Er würde nie betteln oder stehlen: „Meine Waffe ist der Protest“ – bis dass die Regierung seinen Status als Opfer politischer Verfolgung anerkennt. Darauf besteht er.

Weiterhin will er seine Existenz damit bestreiten, dass er die verschiedenen Angebote wahrnimt, die sich ihm in der Grausphäre der deutschen Metropole bieten. Sein Beharrungsvermögen sollte zu denken geben! Denn nicht allein der Protest, sondern die über lange Zeit für diesen Widerstand durchgestandene jämmerliche Lage ist ein Anzeichen dafür, dass Marcel Mitu kein Spinner ist, sondern seine Angelegenheit endlich einmal untersucht werden sollte. Vielleicht kann diesem Mann und seiner Familie geholfen werden? Wir bleiben auf jeden Fall dran.

Ausgabe 16, August 2009

Verfasst von: marcelnakoinz | 9. August 2009

Mit der Lizenz zum Musizieren

Jeden Mittwoch stehen um sechs Uhr morgens einige Gestalten im, ansonsten noch recht unbelebten, Tunneldurchgang des U-Bahnhofs Rathaus Steglitz Schlange. Ihre schläfrigen Gesichter schauen voller Erwartung in Richtung eines frühstückseigelben Leuchtschildes mit der Aufschrift: „Genehmigung zum Musizieren auf den U-Bahnhöfen“. Es gehört zu einer in Deutschland einzigartigen Vergabestelle. Wer zuerst kommt und sich in die Warteliste einträgt, darf, wenn sich der Schalter um sieben Uhr öffnet, als Erster einen Wunschbahnhof für die Folgewoche aussuchen. Bald trifft ein Dutzend weiterer Straßenmusiker ein; die meisten von ihnen kommen aus Russland.

Peter

Peter

Peter mit Hund
Peter Z. ist heute der erste auf der Liste. Der 59-jährige kommt aus Charlottenburg und spielt die Bluesharp. Peters ergraute, schulterlange Haare werden zur Hälfte von einer grauen Wollmütze verdeckt. Dazu trägt er eine schwarze Winterjacke und eine ebenso schwarze Lederhose, die an der Seite geschnürt ist. Peter ist beinahe taub. Fünf Prozent seines Gehörs auf dem rechten Ohr eröffnen ihm noch eine letzte Verbindung zur Außenwelt, können aber nicht das Lippenlesen ersetzen: „Das reicht doch! Ich sage immer, entweder bist du ein guter oder ein schlechter Musiker.“ Peter hat seine Musik noch nie gehört: „Sie soll aber fantastisch sein. Ich habe schon Konzerte vor 200 Leuten gegeben und die waren begeistert.“

Wenn er seine Notenhefte herausholt, schöpft er mittlerweile aus einem Repertoire von über 3000 Liedern: Klassik, Country Musik, deutsche und irische Folklore. Als wahres Urgestein bespielt Peter die Berliner U-Bahnhöfe schon, seitdem sie vor 20 Jahren von den Berliner Verkehrsbetrieben freigegeben wurden. „Wir haben damit etwas legalisiert, das es auch schon vorher gab“, erklärt BVG-Pressesprecher Klaus Wazlak. Der kleine, untersetzte Mittfünfziger mit filigraner Brille, akkurat gestutztem Vollbart und blauschwarzem Anzug sitzt in der BVG-Leitstelle. „Bis vor einigen Jahren verteilte man die Bahnhöfe noch via Losverfahren. Doch es stellte sich heraus, dass jene, die sich zuerst anstellten, die Lose teuer weiterverkauften.“

„Mafiöse Strukturen hat das verursacht“, sagt Peter, der mithalf, sie zu zerschlagen: „Vor ungefähr sechs Jahren habe ich der BVG mit Anzeige beim Zoll gedroht, weil bis zu 90 Leute hierher gekommen sind und alle Genehmigungen aufgekauft haben.“ Auf Peters Vorschlag hin erhält jetzt jeder Musiker nur noch einen Topbahnhof. Letztere sind Verkehrs- und Touristenknotenpunkte in der Stadt, also Alexanderplatz, Potsdamer Platz etc. Sie sind heiß begehrt, da hier auch für jene etwas abfällt, die eigentlich gar nicht spielen können.


„Es ist ein Kampf“
Donnerstag, 17 Uhr, U-Bahnhof Stadtmitte. Die Fahrgäste drängen sich in Wogen die 26 Treppenstufen auf und ab, von deren Zwischenebene heute irische Musik ertönt. „Die Leute werfen immer öfter nur im Vorbeigehen einen Cent rein. Sie behandeln einen wie einen Penner. Das tut weh. Das sind dieselben, die ihre Kinder wegzerren, wenn sie mal zuhören wollen. Aus denen werden doch auch nur wieder Ignoranten, Menschen mit schlechten Schwingungen“, stellt Peter verbittert fest. Und für Schwingungen ist er nun mal empfänglich. „Wir haben es nicht leicht. Wir kriegen den ganzen Ärger ab, der sich wegen der Bettler in den U-Bahnen angesammelt hat. Manche kommen mit Nazisprüchen: ‚Du Penner, geh arbeiten, so was müsste ins Lager rein.‘ Dabei habe ich eine Arbeit, ich bin Hausmeister!“ Er lacht bitter.

Ein Kampf um Kleinigkeiten
In Wazlaks Büro ist es angenehm warm und im Eingangsbereich steht ein lebensgroßes, knallbuntes BVG-Playmobilmännchen. Der Pressesprecher der BVG gesteht ein: „Wir haben natürlich jede Menge illegaler Musiker in der U-Bahn. Das ist eine Folge der Maueröffnung.“ Aber: „Das müssen die unter sich ausmachen. Wir haben natürlich noch etwas anderes zu tun, als von 40 oder 50 U-Bahnhöfen detailliert die Musikgenehmigungen zu kontrollieren.“ Dabei ist Berlin die einzige Stadt in Deutschland, in der U-Bahnmusik überhaupt erlaubt ist. „Wir können das nur so lange anbieten, wie sich die Kosten in Grenzen halten“, so Wazlak weiter.  In München ist sie generell verboten. In Hamburg sogar ein zu lauter Walkman. Wazlak konstatiert: „Das ist wirklich ein Mehrwert, den wir für Berlin leisten. Weil wir wissen, dass die Attraktivität von Berlin gerade bei Touristen von solchen Kleinigkeiten abhängt.“

Ausgabe 04, Februar 2008

Foto/Bearbeitung: M. Nakoinz

Eine Welt ohne Frauen

Es geht auch ohne“, dachte ich mir an jenem Abend, als ich mich von meiner Freundin trennte und mir schwor: „Nie wieder Weiber!“ Doch in der nächsten Nacht hatte ich einen seltsamen Traum. An mir zog die ganze Menschheitsgeschichte vorbei. Oder vielmehr – die halbe.

Neben mir stehen drei seltsame Figuren, die orientierungslos in einer Scheune versammelt sind. Sie umspielt ein kleines Irrlicht. Sein Glanz taucht die Umgebung in ein mattes Froschgrün. Es sieht aus, als suche es etwas; nennt sich selbst „Heiliger Geist“ und zieht bald unverrichteter Dinge von dannen. Dabei murmelt es noch so etwas wie: „Kein dämlicher Gehörgang…“, vor sich her. Als Josef gerade etwas sagen will, blinzle ich kurz und finde meinen Blick schlagartig auf die inneren Stadtmauern Trojas gerichtet. Als ich mich umblicke, sehe ich nur einige Männer teilnahmslos durch die sandigen Straßen schlendern. Überall trinken Griechen und Trojaner Kaffee miteinander – natürlich mit Bodensatz, denn den Kaffeefilter erfand eine gewisse Melitta Bentz. Kurz bevor man aus einer Laune heraus die Stadt anzündete, schloss ich meine Augen. Hätte ich gewusst, was ich sehen würde, nachdem ich sie wieder öffnete…

Als ich es tat, fand ich mich in einem von Engländern unterworfenen Frankreich des 14. Jahrhunderts wieder. Ohne Jeanne d’Arc war Orléans und nach ihm das demotivierte Frankreich gefallen. So kam es nie zu einer Wende im 100-jährigen Krieg und um mich herum sitzen nun lediglich eine Handvoll gelangweilter Engländer an der Loire und genießen ihren Earl Grey. Die Ritter des Mittelalters haben weder um die Minne der Frauen, noch um den Gral zu kämpfen (denn es kam ja nie zur Geburt Jesu). Keine Kreuzzüge bedeutet: keine Ausweitung des Fernhandels auf kapitalistischer Basis. So entwickelte sich bis in die Neuzeit die Monarchie als weltweit vorherrschende Regierungsform. – Auf meiner weiteren Reise begegneten mir mehr und mehr Leid und Trostlosigkeit. Ein unbekannter Renaissance-Künstler meinte zu mir: „Ich habe mal eine Skulptur ohne Tunika gefertigt und sie ‚David‘ genannt. Sie war aber kein großer Erfolg.“ Und wurde es nie – in einer Welt ohne Eros, Lust und ohne Liebe. In einer solchen Welt musste ich mit ansehen, wie Goethe, von der Muse ungeküsst, zu einem mittelmäßigen Rechtsanwalt verkümmerte.

Im 20. Jahrhundert
haben wir Männer Grillwürste, Mundgeruch und weder Selbstwertmangel noch Beziehungsprobleme. Aber ohne Widerstand, Sex und emotionale Erfahrung umgreift etwas Zerstörerisches die Welt, mit spinnenbeindünnen Fingern, eiskalt wie Marmor: die Langeweile. Wir haben zwar keine durchlöcherten Herzen und fühlen keine Schmerzen. Doch wissen wir auch nichts mit unseren Herzen anzufangen. Ebenso ist uns unser Aussehen egal und wir fahren keine protzigen Autos. Wem sollen wir auch imponieren? Wozu sportlicher Wettkampf? Gebrechlich wie wir sind, sitzen alle in Stadien, um Vorträge über nicht-euklidische Geometrie zu hören. Diskos sind wie ausgestorben. Nur vereinzelt stehen einige Gestalten herum und trinken ungefilterten Kaffee. Und wieder Langeweile.

Weil wir es nicht besser wissen, leben wir ungesund und kurz. In dieses kurze Leben gelangen wir ebenfalls unspektakulär. Im geschlechtsfähigen Alter zieht der „Vater“ dem Sprössling am Finger, woraufhin Hans-Peter ein Ei legt. Dies fällt auf den Boden und heraus kommt „Hans-Peter jun.“. Ohne Frauen beeindrucken zu müssen, sind wir schrecklich unkreativ. So gibt es auch keine Liebesfilme oder Harry-Potter-Romane und überhaupt wandern wir Männer nur ziellos umher, riechen widerlich nach Whisky und Narbensalben, bis wir schließlich von der Klobrille rutschen und sterben.

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Fundstücke

Mit jedem neuen Augenaufschlag musste ich eine weitere Episode ertragen. Ich sah, wie König Clinton, ohne seine Königin im Rücken, nach nur einem Jahr abtreten musste und so schon 1994 die Bushdynastie fortgesetzt wurde. Ein Jahr darauf verschwanden dann bereits die Twin Towers. Die Reaktion darauf war ein übereilter Krieg gegen die ganze Welt. Und auch wenn 1995 die Welt nur drei Milliarden Menschen bevölkerten, war sie nicht minder gewalttätig. Ganz im Gegenteil. Auf die Atombombe kamen wir auch ohne die Hilfe von Frauen. Nun besiegelten wir das Ende unseres Planeten. Gerade als die Welt aus ihren Fugen zu geraten begann, wachte ich schweißgebadet auf. Gleich am nächsten Tag rief ich meine Freundin an. Es geht auch ohne Frauen? Mag sein. Aber ohne mich!

Ausgabe 04, Februar 2008

Fragt man im Ausland nach dem bedeutendsten Deutschen, den man so kennt, bekommt man weder Goethe noch Kant oder Schuhmacher zu hören, sondern Humboldt. Dabei ist meist Alexander von Humboldt gemeint, da er mit seinen Weltreisen sehr viel greifbarere Abenteuer durchlief, als sein Bruder Wilhelm. Obwohl dieser als Theoretiker nicht minder vorkämpferisch gewesen war. Kein anderes Geschwisterpaar der Geschichte bereicherte die Menschheit mit einem ähnlich produktiven Forscherdrang wie diese beiden. Mit ihrem Namen schmücken sich Bibliotheken, Kliniken und Straßen überall auf der Welt.

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Wilhelm von Humboldt

Der Bildungsreformer
Wilhelm von Humboldt beschäftigte sich vor allem mit Staatstheorien und der humanistischen Reformierung des Schul- und Hochschulwesens; aber auch mit vergleichenden Betrachtungen von Sprachen. Als Philosoph und Staatsmann gründete er 1809 die später nach ihm benannte Universität in Berlin. Der Diplomat Humboldt vertrat 1814/15 die Interessen Preußens auf dem Wiener Kongress. Aber mit seinen modernen Ansätzen rieb er sich an den konservativen Kräften in Preußen. Der Sprachforscher verfasste einflussreiche Schriften zum Bau natürlicher Sprachen.

Man sieht in ihm den Vorgänger der kognitiven Sprachauffassung, welche später Ethnolinguisten wie Benjamin Lee Whorf zum „Linguistischen Relativitätsprinzip“ ausbauen sollten. Dieses geht davon aus, dass die Sprache unser Denken fundamental beeinflusst. Schon Humboldt erkannte: „Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache; um aber Sprache zu erfinden, müsste er schon Mensch seyn.“

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Alexander von Humboldt

Der exaltierte Paradiesvogel
Schon vor 200 Jahren war Alexander von Humboldt ein bekennender Weltbürger. Als größter Naturforscher der Goethe-Zeit und der letzte Universalgelehrte seiner Zunft, begründete er durch seine Arbeit die Geophysik. Goethe sagte über ihn: „Was für ein Mann! Er hat an Kenntnissen und lebendigem Wissen nicht seinesgleichen!“

Seine Erkundung Lateinamerikas machte ihn berühmt: 1799 brach er in die Neue Welt auf. Mit ihm an Bord sein Gefährte, der Botaniker Aimé Bonpland. Sie bereisten das Gebiet der heutigen Staaten Ecuador, Kolumbien, Venezuela, Peru, Kuba und Mexiko. Überall waren sie die ersten Europäer, die nicht plündern, sondern forschen wollten. Für die Menschen dort ist er noch heute ein Held, da er ihnen die Augen für ihre eigene kulturelle Vergangenheit öffnete.

„Ich habe ihn immer bewundert; jetzt bete ich ihn an. Denn er allein gibt einen Begriff von den Empfindungen, die das erste Betreten der Tropen in der Seele erregt.“, konstatierte einmal Charles Darwin. Die Tropen waren für Humboldt ein Sinnesrausch. In den Kordilleren Ecuadors bestieg er, in Halbschuhen und Gehrock, den Vulkan „Chimborazo“ – der mit 6310 Metern damals als der höchste Berg der Welt galt. Außerdem maß Alexander die Temperaturen des später nach ihm benannten Humboldtstroms. Nach fünf Jahren führte ihn seine Reise schließlich, über Cuba, in die USA nach Philadelphia. Als überzeugter Demokrat, der sich gegen jeglichen Rassismus aussprach, traf er dort Thomas Jefferson und war mit ihm in der Verachtung des Sklavenhandels einer Meinung. Später sagte Jefferson: „Ich sehe in ihm den bedeutendsten Wissenschaftler, den ich je getroffen habe.“

Mit sechzig Jahren nahm er sich vor, die ganze Welt zu beschreiben. Im Winter 1827 hielt er öffentliche Vorlesungen, aus denen dann sein Fundamentalwerk „Kosmos.“ hervorging. Als die ersten Bände des Buches erschienen, schlug man sich förmlich darum, wie heute um die Bücher von Harry Potter. Humboldt war der Erste, der aus Wissenschaft ein hinreißendes Ereignis machte. Während die Bibel heutzutage im Supermarkt verramscht wird, ist Humboldts Gegenentwurf kaum bekannt. Soviel zur deutschen Wissensgesellschaft. Ganz Berlin kam damals und hörte ihm zu – vom Kutscher bis zum preußischen König. Als Alexander nach seinen Expeditionen das Geld ausging, musste er am Hofe des Königs regelmäßig gastieren und wie ein Vogel im goldenen Käfig von seinen Abenteuern erzählen. In dieser geistigen Verödung dachte er oft an die Tropen zurück.

Foto: M. Nakoinz

Eingang Humboldt-Universität Berlin

In seinem Buch forderte er die Gleichheit von Natur und Geist, erkannte jedoch auch, dass dieses Ziel nie vollkommen erreicht werden kann. Denn es gibt immer noch etwas zu erforschen. Hier treffen sich die kosmopolitischen Ansätze der Brüder, mit Wilhelms Idee von Wissenschaft als etwas „noch nicht Gefundenes und nie ganz zu Findendes“.
Marcel Nakoinz

Quelle: Alexander von Humboldt: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Eichborn Frankfurt/Main, 2006.

Ausgabe 02, Januar 2008

wikipedia.de

Wir können mit ihr tratschen, plappern, skandieren, rezitieren, schwadronieren, Emotionen wecken, warnen, befehlen, suggerieren und unsterblich werden. Sie ist das wunderbarste Werkzeug, das wir Menschen erschaffen haben: die Sprache. Wen wundert es da also, dass wir, seit es uns gibt, über diese in der Natur einzigartige Kreation nachdenken? Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Sprache jedoch, hat sich im Abendland erst im 19. Jahrhundert entwickelt. Das erklärte Ziel dieses „Linguistik“ getauften Wissenschaftszweiges ist es, eine umfassende Theorie der Struktur der menschlichen Sprache zu erstellen. Einige der erstaunlich lebensnahen Theorien möchte ich in diesem Artikel kurz vorstellen.

Im Zeichen der Sprache
Im Mittelpunkt aller Theorie steht das Zeichen. Also die Botschaft, die von einem Sender, auf irgendeine Art vermittelt, einen Empfänger erreichen soll. Angesichts der Unermesslichkeit der erzählerischen Vielfalt und der Standpunkte ihrer Analyse befindet man sich vor einem scheinbaren Sprachchaos stehend. Ganz so wie seinerzeit Ferdinand de Saussure, der als Begründer der modernen Linguistik der „Anarchie der Mitteilungen“ eine Beschreibungsgrundlage abgewinnen wollte. Derenthalben analysierte er den Begriff des Zeichens und definierte ihn als untrennbare Verbindung einer Vorstellung von einem Ding und der begrifflichen Bezeichnung davon. Ein Zeichen erlangt dabei nur im Bezug auf andere Zeichen an Bedeutung.

In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts explodierte das Interesse an Kommunikationsmodellen förmlich (Stichwort: Konfliktmanagement). Man hatte erkannt, dass die Botschaften der Menschen verstehen, auch heißt, die Menschen selbst zu verstehen. Dass dies nicht immer einfach ist, zeigt die Mehrdeutigkeit der Aussage. Hier kommt das „Vier-Seiten-Modell“ ins Spiel. Nach dem deutschen Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun hat jede Botschaft vier Ebenen: „Sach-„, „Selbstkundgabe-„, „Beziehungs-“ und „Appellebene“. Dementsprechend kann die Aussage: „Ich bin total erschöpft.“ bedeuten: „Ich habe viel gearbeitet.“, „Ich gestehe meine Schwäche ein.“, „Ich vertraue dir.“, „Versorge mich!“ oder auch: „Lass mich in Ruhe!“. Folglich können wir also mit vier verschiedenen „Zungen“ reden und mit vier verschiedenen „Ohren“ hören. Interessant ist hierbei die Frage, ob es stimmt, dass Frauen eher mit dem „Beziehungsohr“ hören und gleichzeitig Männer eher der sachlichen Ebene verhaftet sind.

Die Macht der Worte
Aus diesen strukturalistischen Betrachtungen entwickelte sich im 20. Jahrhundert die noch junge linguistische Disziplin der Pragmatik. Hier steht nun die bis dahin als trivial geltende Verwendung der Sprache im Mittelpunkt des Interesses. Einer ihrer Gründer, der Sprachpsychologe Karl Bühler, hält ein besonders gutes Erklärungskonzept für unseren Kommunikationsprozess bereit: das „Organon-Modell“. Nach diesem hat jedes sprachliche Zeichen drei Funktionen: Als „Symbol“ steht es für einen Gegenstand in der Welt (Darstellung), als „Symptom“ impliziert es die Intention des Senders (Ausdruck) und als „Signal“, soll es den Empfänger beeinflussen (zielorientierter Appell).

Einen völlig anderen, aber nicht minder interessanten Aspekt beleuchtet die Sprechakttheorie von den beiden

Organon-Modell der Sprache

Organon-Modell der Sprache

Amerikanern Austin und Searle. Ihr Grundsatz lautet, dass sprachliche Äußerungen nicht nur zur Beschreibung von Sachverhalten dienen, sondern auch zum Vollzug kommunikativer Handlungen, mit denen sich die Umwelt manipulieren lässt. So zum Beispiel die Taufe, bei der nach dem Vollzug des Sprechaktes: „Ich taufe dich hiermit auf den Namen Torben.“, der oder die Betreffende anders heißt als zuvor – die Umwelt also mit der Macht der Worte verändert wurde.

Warum aber gleicht unsere Kommunikation trotz all dieser Erkenntnisse zunehmend einer Einbahnstraße? Fernsehen, Aneinandervorbeireden und „sich nichts mehr zu sagen haben“ markieren solche Sackgassen der Kommunikation, die nicht selten in Abstumpfung enden. Tucholsky bemerkte zur Alltagssprache: „Ein Dialog des Alltags kennt nur Sprechende – keine Zuhörenden.“ Vielleicht sollten wir öfter unsere Sprachgabe als mehr begreifen, denn als bloßes Medium zum Austausch von Informationen. Sie ist eher ein Werkzeug zur Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen. Zwar sind wir mediale Menschen geworden, doch noch lange keine Hölderlinturmbewohner. Also worauf warten Sie noch? Gehen Sie raus und teilen den Leuten mit, was Sie zu sagen haben!

Ausgabe 25, Dezember 2007

Verfasst von: marcelnakoinz | 6. August 2009

Betterplace – Eine Herzensangelegenheit

betterplace.org: Die transparente Spendenplattform im Internet.

Seltsame Dinge geschehen zuweilen in den Straßen rund um den Mexikoplatz in Zehlendorf. Es ist noch nicht allzu lange her, da spazierte ein Mann mit schwarzer Hose, grauer Flanellweste und großem, hellen Strohhut durch die Einkaufsmärkte ohne zu bezahlen, stieg in wildfremde, an der Ampel stehende Autos ein, als seien es Taxis, und regelte schon mal wagemutig den Straßenverkehr auf vielbefahrenen Kreuzungen. Doch dieser Mann war ganz sicher nicht verrückt, zurückgeblieben oder gar betrunken. Nein, die Ärzte stellten bei ihm vor sechs Jahren eine folgenschwere Diagnose: “Frontotemporale Demenz“.

 

Ein seltenes Krankheitsbild

Frontotemporale Demenz ist eine Sonderform der Alzheimerkrankheit, in der es vor allem zu Veränderungen der Persönlichkeit und der sozialen Verhaltensweisen kommt und nicht beim üblichen Verlust des Denkvermögens und der Sprache bleibt. Im Endstadium sind die Auswirkungen zwar dieselben, aber am Anfang ist es noch sehr viel schlimmer, weswegen die Betroffenen auch schnell mit Suchtkranken verwechselt werden können. Denn es gibt bei ihnen nur Extreme. Entweder waschen sie sich gar nicht mehr oder andauernd. Entweder sie essen relativ wenig oder ständig. Von letzterem, der so genannten “oralen Enthemmung“ ist auch Frau Libets* (63) Mann mit dem Strohhut betroffen. Zudem baut jedoch auch das Kurzzeitgedächtnis ab und so kann es vorkommen, dass Herr Libet* (62) nachdem er gerade sein Lieblingseis gegessen hat, sogar das Sättigungsgefühl vergisst.

Besonders tragisch: Diese Krankheit befällt zunehmend jüngere Menschen, die noch mitten im Berufsleben stehen. Es sind Fälle bekannt, in denen die Diagnose schon bei 39-jährigen gestellt wurde. Bei Herrn Libet geschah dies mit 56. Die Folge: Er musste umgehend seine Arbeit niederlegen und durfte nicht mehr selbst Autofahren. Mit ersterem hatte er keine weiteren Probleme und meinte lax, die Auftragslage sei sowieso gerade mau. Wo das Geld her kommen sollte – dieser Gedanke kam ihm bereits nicht mehr. Aber ein Autofahrverbot? Seine Familie musste ihn förmlich vom Steuer reißen und lies sich Geschichten einfallen wie zum Beispiel, dass das Auto gerade benötigt würde. Jetzt musste er sich von seiner Frau fahren lassen, was natürlich mit einem ständigen Fluss von Kritik an ihrer Fahrweise honoriert wurde.

 

Eine harte Probe

Eigentlich ist Herr Libet Brückenbauer. Der Diplom-Bauingenieur hatte ein Architekturbüro mit mehreren Angestellten, das er zusammen mit seiner Frau betrieb. Doch nun musste Frau Libet nicht nur den ganzen Haushalt allein bewältigen, sondern auch noch ihren Mann pflegen, waschen und ihm das Essen zubereiten. Plötzlich war er nicht mehr der Chef des Büros, sondern seine Frau musste von nun an das Ruder in die Hand nehmen, was er offenkundig nicht nachvollziehen konnte. „Es war furchtbar“, stellt sie mit versteinerter Mine fest. Ohne die Selbsthilfegruppe der Alzheimergesellschaft hätte sie es nie geschafft. Sie gab ihr den Halt, den sie brauchte und das Gefühl, mit ihrem Schicksal nicht allein zu sein.

Die jüngste Tochter der Familie (damals noch 18) lebte zu der Zeit noch daheim und machte ihr Abitur. Sie hatte schwer darunter zu leiden, dass ihr Vater, der ja eigentlich eine Autoritätsperson sein sollte (und das weiter von sich selbst behauptete), zum Beispiel plötzlich in Unterwäsche im Zimmer stand und sie mit ihren Freundinnen fotografieren wollte. Frau Libet hält kurz inne und holt tief Luft: „Als es anfing, wurde er für uns alle zunehmend sonderbarer. Er brachte Termine durcheinander, fragte ständig nach oder vergaß als passionierter Golfturnierspieler seine Golfschuhe. Das ständige Suchen in seinen Aktenordnern schoben wir zuerst noch seiner Unordentlichkeit zu. Man denkt ja in dem Alter nicht an Alzheimer!“

 

Seine Freiheit ist nur eine Illusion

Doch die Verwunderungen häuften sich. Ein Arztbesuch und die Diagnose folgten. Nachdem Herr Libet nicht mehr arbeiten durfte, hielt er es nicht lange zu Hause aus und fuhr tagsüber gern mit der S-Bahn ziellos umher. Bald vergaß er dann die Tickets zu zahlen und in den Supermärkten marschierte er einfach mit seinen Lieblingsjogurt- und Eissorten im Arm an den staunenden Kassiererinnen vorbei. So musste Frau Libet ihn des Öfteren von der Polizei abholen.

Da er jedoch immer in dieselben Läden ging, handelte sie für ihren Mann besondere Konditionen aus und bezahlte fortan seine Rechnungen im Nachhinein. Als er wegen eines Pieptons im Ohr reihenweise Apotheken stürmte, musste Frau Libet auch diese einweihen: „Wir bauten ein regelrechtes Netzwerk um ihn herum auf, das bis zu Apotheken in Potsdam reichte. Wir wiesen die Verkäuferinnen an, ihm nur eine eigens für ihn angefertigte Medikamentenfälschung, die Traubenzuckerpillen enthielt, zu verkaufen.“ Denn er hatte die Angewohnheit, alle Pillen, die ihm ausgehändigt wurden, auf einmal einzunehmen. „Damit gaben wir ihm das Gefühl, dass alles noch funktioniere und er frei entscheiden konnte, was er machte. Außerdem kleideten wir ihn auffällig mit diesem großen Strohhut, so dass wir ihn immer schnell wieder finden konnten. Es war wichtig, dass alle wussten, dass er krank ist und nicht ’ne Macke hat“, so Frau Libet. Auch ein Betreuer half nicht wirklich, da ihr Mann gleich wieder auf seine Ausflüge ging, sobald dieser fort war. Als die Polizei ihn dann wiederholt wegen des Besteigens fremder Autos festsetzte, kam er wegen einer “Eigen- und Fremdgefährdung“ vermittels einer richterlichen Anordnung in ein Heim.

 

Aus dem Alltag gefallen

Seit 2006 ist Herr Libet nun in einem Pflegeheim. Das er dort bleibt, war nicht von Anfang an selbstverständlich. „Der erste Tag, an dem wir ihn in ein Heim brachten, war der schlimmste Tag in meinem Leben. Er hat es überhaupt nicht einsehen wollen, warum er da hin muss. Er ist nicht krank, hat er immer wieder gesagt. Wir haben dann eine Pflegestufe beantragt und er hat auf Anhieb Pflegestufe II bekommen. Das muss man sich mal vorstellen. Wir haben ihn dann in das Heim gebracht und mussten uns verstecken, damit er uns nicht gleich wieder hinterher kam. Ich habe ihn beim Rausgehen noch schreien hören, dass er nicht dableiben wolle. Es war ganz grauenvoll. Er hatte bei den ersten beiden Heimen immer ganz starke Weglauftendenzen“, erinnert sich Frau Libet. „Kaum war ich in meinem Laden, bekam ich den Anruf, dass er über den Zaun geklettert sei.“

Frau Libet in ihrem Krämerladen

 

Fragmente einer Liebe

Frau Libet spricht von ihrem Mann öfter im Präteritum als im Präsens und das, obwohl sie ihn noch heute zweimal in der Woche besucht. Ob sich ihre Gefühle zu ihm geändert haben? „Ja total, denn er ist ja plötzlich nicht mehr der Partner, den man lieben gelernt hatte. Er ist da, aber er hat mit dem was er einmal war, ein hochintelligenter Mensch mit einem kolossalen Allgemeinwissen, nichts mehr zu tun.“ Sie vermisst die Gespräche mit ihm und dass er sie auch einmal in den Arm nimmt oder dass man sich an ihm anlehnen kann, wie früher. „Aber man kann gar nichts mehr mit ihm teilen!“, sagt sie fast wütend. Sie verbindet einzig die Liebe von vergangen Tagen. Aber es ist keine gemeinsame Zukunft mehr da und auch keine gemeinsam teilbare Vergangenheit. Herr Libet erinnert sich an so gut wie nichts mehr. Auch seine Frau ist sich in letzter Zeit nicht mehr so sicher, ob er sie wirklich noch erkennt, wenn sie ihn besuchen kommt, oder ob er nur so tut als ob.

„Man kann mit ihm reden, aber sich nicht mehr mit ihm unterhalten“, sagt Frau Libet und schaut dabei durch das Fenster ihres Krämerladens, als suche sie etwas lang Verlorenes. Sie steht hinter ihrem Ausstellungstisch und nestelt an einigen kleinen Teelichtern, die von jeweils drei kleinen Engeln verziert sind. Sie sind schneeweiß, genauso wie der Kronleuchter mit den Perlenketten aus Glas, der neben ihr hängt und fast untergeht in dem eng zugestellten Fundus. „Wir sind im nächsten Jahr 40 Jahre verheiratet. Vor einiger Zeit habe ich Fotos von unserer Hochzeit mitgebracht. ‚Da haben wir uns sehr schick gemacht’, sagte er da. Ich fragte: ‚Und warum sehen wir so schick aus?’ ‚Wir sehen halt gut aus.’ Als ich darauf sagte: ‚Da heiraten wir!’, meinte er nur: ‚Ach so, naja. Das ist schon lange her.’“

Mit 16 hatten sie sich kennen gelernt, er hatte sie nach ihrem Namen gefragt und sie ein „Engelchen“ genannt, erinnert sich Frau Libet und lächelt wie ein Teenager. Wird es eine Feier an ihrem Hochzeitstag geben? „Nein. Er erinnert sich ja nicht einmal mehr an die Bedeutung von Weihnachten.“ Sie ist den Tränen nah. „Wenn ich den Namen unserer Kinder nenne und ihn frage wer das sei, dann sagt er ‚das sind deine Kinder’. Ich muss ihn dann verbessern: ‚Aber das sind unsere Kinder.’“

 

Die Liebe baut Brücken, auch wenn das andere Ufer immer ferner rückt

Manchmal hat Herr Libet auch einen hellen Moment. Einmal sitzt seine Frau neben ihm im neuen Pflegeheim. Hier, im siebten Stock, haben sie einen wunderschönen Blick über Berlin. Sie können den Fernsehturm sehen und sogar das Rote Rathaus. So beschauen sie die erblühende Natur zwischen den Laubenkolonien weiter unten im Hof. Es ist Osterzeit. Frau Libet bemerkt: „Hach guck mal, da unten blühen die Obstbäume so schön. Das sieht doch toll aus, alles wird wieder grün.“ „Jaja“, sagt er. Sie seufzt und murmelt vor sich hin: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…“ Er guckt sie an und sagt: „…durch des Frühlings holden belebenden Blick.“ Sie erwidert erstaunt: „Im Tale grünet Hoffnungsglück.“ Und er: „Der alte Winter, in seiner Schwäche, zog sich in rauhe Berge zurück.“ In Momenten wie diesen ist Frau Libet, wie selbst sagt, wie vom Donner gerührt.

– Marcel Nakoinz

*Name wurde von der Redaktion geändert

Herr Libet ist einer von 700000 Alzheimer-Patienten in Deutschland und von 24 Millionen auf der Welt.

 

Ausgabe 17, August 2008

Juans starker Abgang von den Frauen gedeckt In: Jürgen Wertheimer: Don Juan und Blaubart. Erotische Serientäter in der Literatur. München 1999, S. 72.

„Nur vier Fragen lohnen es, sie sich im Leben zu stellen: Was ist heilig? Was macht den Glauben aus? Wofür lohnt es sich, zu leben? Und: Wofür lohnt es sich, zu sterben? Die Antwort ist immer dieselbe. Es ist die Liebe.“

(Aus dem US-Kinofilm von 1995: „Don Juan De Marco“)

Man mag es nicht für möglich halten, dass diese poetischen Worte einem notorischen Fremdgänger in den Mund gelegt wurden. Einem narzisstischen Eroberer und Macho, einem Frauen fressenden Unhold mit Namen Don Juan. Sein Mythos beschäftigt unsere literarische Welt seit fast vier Jahrhunderten, wie kaum ein anderer. Über dreitausend Versionen zählt mittlerweile die umfassende Don-Juan-Bibliografie. Woher kommt dieses ungebrochene Interesse? Zunächst wäre zu klären, was einen Don Juan überhaupt ausmacht. In Anbetracht der Vielfältigkeit des Stoffes lassen sich für jeden Versuch einer Definition stets eine Vielzahl von Bearbeitungen finden, die von derselbigen abweichen. Zu beachten ist hier jedoch, dass Don Juan nur eine erdachte Figur ohne Gefühle ist. Selbst Casanova, der für seine Vielweiberei weltbekannt war, liebte Frauen und kannte Herzschmerzen, wenn es ihn zur nächsten Auserwählten trieb. Don Juan dagegen kann nicht lieben; er zieht rastlos zur nächsten Eroberung.

Ein Mythos …
Die erste literarische Prägung des Don-Juan-Themas findet sich in Tirso de Molinas Drama: „Der Spötter von Sevilla und der steinerne Gast“ (Uraufführung 1613 in Madrid). Wurde der junge Draufgänger hier noch am Ende für seine Frevel mit dem Tode bestraft, rückte dieses Element in späteren Adaptionen mehr und mehr in den Hintergrund. Zunächst überwogen klar die burlesken Züge der Figur. Erst in Molières Version wurde diese zum skrupellosen Herzensbrecher. Intelligenter, weniger leidenschaftlich, aber auch böser – weil Reue vortäuschend, um in die Betten der Frauen zu gelangen -, war dieser Don Juan. Leicht abgewandelt wurde er so von Mozart und da Ponte aufgegriffen. Ein Gros der späteren Bearbeitungen orientierte sich an diesen drei großen, klassischen Fassungen.

… wird neu aufgelegt
2004 erschien Peter Handkes Buch „Don Juan (erzählt von ihm selbst)“, in dem er einen traditionell rastlosen, promisken Lebenskünstler beschreibt. Doch im Gegensatz zum Ur-Don Juan, welcher sich immer nur der Körperlichkeit hingibt, treibt Handkes Figur eine innere Trauer voran, aus der seine Anziehungskraft erwächst. Er jagt keine Trophäen mehr, sondern sucht erfolglos nach DEM erfüllten Augenblick mit einer Frau. Warum nun plötzlich diese Veränderungen? Der Don-Juan-Stoff lebt davon, dass er eine gesellschaftliche Reflexion ist. Als solche muss er immer neu erfunden werden. Bis in die 60er Jahre hinein war die Rolle des Mannes klar definiert: Er war Versorger, Familienoberhaupt, Schöpfer von Kultur. Spätestens Ende der 60er Jahre begann sich dieses Männlichkeitskonzept zu zersetzen. Mit der Erosion der männlichen Stellung wurde das Interesse am anderen Geschlecht neu entfacht. Musik und Literatur kennen heute kaum ein spannenderes Thema als das der Liebe. Hier setzt Handke an und verfremdet den Mythos um zu provozieren.

wikipedia.deMännerträume
Während Jungen mit der Idee aufgezogen wurden, in einer reinen Männerwelt ihren Mann stehen zu müssen und dafür zu Hause umsorgt zu werden, müssen sie sich nun in Frage stellen, ihre Macht an die Frauen abgeben und mitunter deren Fähigkeiten erlernen. Frauen erwarten von Männern sensibel und partnerschaftlich zu sein, jedoch ohne dabei die begehrenswerte Note des rauen, feurigen Liebhabers einzubüßen. Handkes Don Juan gelingt dieser Spagat. Anstatt sich zu verbiegen und es allen Recht machen zu wollen, geht er seinen eigenen Weg. Das ist heute für viele Frauen verführerisch. Triebgesteuerte Lebemänner hingegen werden bestenfalls belächelt. Dieser neue Don Juan schafft das Kunststück, dem heutigen Bild des „Mannes in der Krise“ zu entkommen, indem er sowohl zärtlich, als auch männlich ist. Ein Verführer der nächsthöheren Evolutionsstufe sozusagen. Sein Name stand schon immer für eine Abstrahierung, eine kollektive, sich ständig verändernde, sexuelle Fantasie. Zu ihr passt dieser Don Juan heute viel besser als seine Vorgänger. Handke zieht also die Uhr dieses Stoffes auf, welche in unserer modernen soziokulturellen Umgebung begann nachzugehen. Eintausend Frauen verführen kann ja jeder. Meiner Meinung nach besteht die wahre Kunst der Verführung darin, ein und dieselbe Frau eintausendmal zu verführen.

Ausgabe 23, November 2007

Sie kämpft gegen die Abhängigkeit von Männern, trägt energisch einen Wettkampf nach dem anderen mit ihnen aus und handelt selbstbestimmt in einer von Männern dominierten Welt. Die Rede ist weder von Kanzlerin Merkel, noch von Frau Schwarzer oder Jeanne d’Arc. Vielmehr geht es um das Konzept einer Frau, die die Anfänge der Emanzipationsidee schon 800 Jahre vor der 68er-Bewegung ansetzt. Ihr Name ist Brünhild. Nicht gemeint sei jene Walküre, die seit Richard Wagner die Theaterbühnen dieser Welt bevölkert. Bei ihm vermischen sich viele antike Mythen mit der eigentlichen Sage: Dem Nibelungenlied.

wikipedia.deBrünhild ist nach jener Überlieferung die alleinige Herrscherin über ein gewaltiges Territorium: Sie erscheint als die mächtige Königin von Island, und immer wieder wird neben ihrer Schönheit, ihre physische Stärke hervorgehoben. Emanzipiert bestimmt sie selbst über ihr Leben und ihren Körper. Wer um sie freien möchte, muss sich zuerst mit ihr im Weitsprung, Speer- und Steinwurf messen. Jeder, der sie nicht besiegt, wird getötet. Sie bleibt ungeschlagen. Bis ein in sie vernarrter König namens Gunther sie herausfordert. Nur mit Hilfe des unter einer Tarnkappe verborgenen Helden Siegfrieds gelingt es ihm, mit der Frau mitzuhalten, die einen Stein schleudert, für dessen Herbeischaffung ein ganzes Dutzend Männer nötig waren. Selbst der Drachentöter Siegfried zollt dieser außergewöhnlichen Frau Respekt. Ihre Stärke wird unter den Männern als Bedrohung empfunden, denn der Gebrauch von Waffen kennzeichnet die dem Mann sozial zugewiesene Rolle. Eine bewaffnete Frau gilt im Mittelalter als mystisches Element. Wen verwundert es da, dass Brünhild eine Verbindung mit dem Teufel nachgesagt wird? Dies veranschaulicht die damalige, tief verwurzelte Angst vor der Wandlung der weiblichen Rolle in der Gesellschaft, die noch über Jahrhunderte hinweg vorherrschen sollte.

Das Böse im Weibe
Die besiegte Brünhild begleitet Gunther widerwillig in sein Königreich. Dort möchte er ihr in der Hochzeitsnacht näher kommen. Doch sie ist ihm gegenüber misstrauisch, und so ist es für sie ein Leichtes, Gunther mit ihrem Gürtel an einem Nagel aufzuknüpfen. Der Präzedenzfall für den Geschlechterkampf bricht aus. Gunther will sein Gesicht nicht verlieren und bittet abermals Siegfried um Hilfe. Grotesk: Siegfried darf sie zwar umbringen, jedoch nicht vergewaltigen. Dieser Aufgabe widmet sich Gunther in der darauf folgenden Nacht höchstpersönlich, derweil der getarnte Siegfried mit Brünhild ringt, bis er ihr die Knochen bricht: „Verdammt“, dachte der Krieger bei sich, „wenn ich jetzt mein Leben durch die Hand eines Mädchens verliere, dann können künftig alle Frauen ihren Männern gegenüber auftrumpfen, die vorher nie an so etwas gedacht haben.“

Die sonst im Mittelalter verurteilte Vergewaltigung wird in dieser misogynen Zeit dadurch gerechtfertigt, dass die Männer hier eine Gefahr bannen. Durch die Deflorierung verliert die Kriegerin ihre übermenschlichen Kräfte und wird Schritt für Schritt in die höfische Gesellschaft eingegliedert. Brünhilds ursprüngliches Wesen wird destruiert. Ihre aktive Rolle übernimmt nach der heimtückischen Ermordung Siegfrieds die trauernde Kriemhild (sie war der Grund, warum er Gunther half), die sich von der Hofgesellschaft ausgrenzt und sie nach den 2.379 Strophen des Nibelungenliedes fast vollständig vernichtet. Treibender Motor der Handlung ist nicht etwa, die Heroisierung eines männlichen Helden (Erec, Parzival, Lanzelot), sondern die Rache einer Frau an einem Mord, der nur geschah, weil Männer Frauen Lügen auftischten. Brünhild und Kriemhild haben eine herausragende Bedeutung für die Motivation und Struktur der Handlung. Untypisch in einer Zeit, in der Frauen hauptsächlich für den Nachwuchs zuständig waren, vor Gericht nicht als Klägerinnen oder Zeuginnen auftreten durften und unverheiratete Frauen unter der Vormundschaft von Vätern, Brüdern oder Gatten standen.

Die Geburt einer Idee
Letztlich wird Brünhild gebändigt und Kriemhild aufgrund der Abweichungen von ihrer sozialen Rolle in Stücke zerhauen. Aber wie die Geschichte zeigt, war das nicht die letzte Schlacht der Frauen im Kampf um Gleichberechtigung und Unabhängigkeit. Die Idee war geboren, und das war das eigentlich Entscheidende. Eine Idee, die auch heute noch „en vogue“ ist. Denn egal ob in Filmen wie „Kill Bill“ oder in der Politik, es gilt selbstbestimmte Amazone zu sein, ist in.

Ausgabe 22, Oktober 2007

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